Wer hat Ahnung vom schwarzen Mann?

Rassismus in Medien Für deutsche Medienmacher scheinen schwarze Menschen alle gleich auszusehen: ein Long Read über einen Rassismus jenseits von Chemnitz und Köthen
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Dieser Beitrag ist auch auf MiGAZIN.de veröffentlicht http://www.migazin.de/2018/09/26/rassismus-medien-wer-angst-vom-schwarzen-mann/

Dass dieser Witz nach hinten los gegangen ist, hat wohl niemand bemerkt, am wenigstens Claus von Wagner und Oliver Welke selbst: In der jüngsten Folge der aus der Sommerpause zurückgekehrten politischen Satiresendung heute-Show sagt der neben Welke stehende Kabarettist von Wagner im Segment „AluhutTV“, welches den zu dem Zeitpunkt Noch-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen zur Zielscheibe hatte: „In seinem Safe liegt eine Geburtsurkunde, die beweist, dass Angela Merkel eigentlich aus Kenia kommt.“ Hinter beiden ein Bild von Merkels jüngster Afrikareise, auf dem sie einem großgewachsenen nach Würdenträger aussehenden schwarzen Mann in traditioneller Kluft die Hand schüttelt.

Zu dumm nur, dass es sich bei diesem Herren eben nicht um einen Kenianer (Ostafrika) handelt, wie von Wagner suggeriert, sondern um einen Nigerianer (Westafrika; für alle, die ihre Himmelsrichtungen durcheinanderbringen, bitte jetzt einmal im Uhrzeigersinn Nie Ohne Seife Waschen sagen). Und nicht nur um irgendeinen Nigerianer, sondern um Muhammadu Buhari, den Präsidenten des Landes. Noch fataler für ein Format, dessen Mandat es ist, das politische Tagesgeschäft zu kommentieren, ist die Tatsache, dass Merkels dreitägige Afrikareise sie nicht einmal nach Kenia geführt hat, sondern ausschließlich in die westafrikanischen Staaten Senegal, Ghana, und eben Nigeria. Wie zum Geier kommt von Wagner also auf Kenia?

Grüßt da etwa der Geist von Andi Möller: Kenia oder Nigeria, Hauptsache Afrika? Dass man in einem angeblich so entwickelten Land wie Deutschland, wo es an Bildungsmöglichkeiten nicht mangelt, den Präsidenten eines der wirtschaftlich und kulturell wichtigsten Staaten Afrikas - vielleicht sogar des wichtigsten Staates Afrikas - nicht kennt (der darüber hinaus auch noch ein Staat ist, aus dem Deutschland einen beträchtlichen Teil seines Erdöls und Erdgases bezieht, 2017 im Wert von 1.341.713.000 €! Quelle: Außenwirtschaftsportal Bayern), finde ich persönlich schon traurig genug. Noch mehr, wenn die Bevölkerung des achtgrößten Rohölexporteurs der Welt und OPEC-Staats perverserweise immer wieder an Kraftstoffknappheit leidet und Nigerianer selbst oft stundenlang an Zapfsäulen ausharren müssen für einen Kanister ihres eigenen! schwarzen Goldes: oh du koloniale Kontinuität der Einbahnstraße Globalisierung!

Aber dass man als Journalist - und auch die heute Show-Macher sind Journalisten, meist auch gar keine schlechten - ein Foto einer prominenten Person des öffentlichen Lebens veröffentlicht und sich nicht einmal die Mühe macht, herauszufinden, wer das eigentlich ist, das ist arbeitsethisch unterirdisch und spricht Bände über das Verhältnis der Deutschen zu anderen Kulturen und Staaten im Allgemeinen und dem afrikanischen Kontinenten im Besonderen.

Oops, we did it again

Ein harmloser Fauxpas? Möchte man meinen, wenn solche vermeintlichen Fehltritte deutscher Medienmacher, ob von Printjournalisten, Fußball-Kommentatoren (Mr Fettnäpfchen Steffen Simon von der ARD verwechselt mit geradezu verdächtiger Konstanz schwarze Spieler auf dem Feld) oder eben Satiriker wie dem ollen Olli sein Kampfgefährte begangen, nicht auffallend häufig vorkommen würden, und irgendwie immer nur dann, wenn es sich um Schwarze handelt.

Nur zwei Stunden vor der heute-Show-Folge, als ich auf dem „Netflix des Sports“ DAZN das französische Erstligaspiel Paris Saint Germain gegen St. Etienne verfolgte und dazu kicker-Onlines Mannschaftsaufstellungen auf dem Macbookbildschirm referenzbereit hatte, entdeckte ich zufällig, dass bei dem Steckbrief von PSG-Spieler Moussa Diaby ein völlig anderes Profilfoto veröffentlicht war, und zwar von dessen Teamkollegen Colin Dagba. Beide sehen sich so zum Verwechseln UNähnlich aus (Diaby von unverkennbar dunklerer Hautfarbe und anderer Gesichtsform als der hellhäutigere und profilschlankere Dagba), dass man sich kopfschüttelnd fragt, was das denn soll.

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Sehen auch für den kicker etwa alle Schwarzen gleich aus? Nach dem Motto Diaby oder Dagba: Hauptsache Frankreich? Würde bei weißen Spielern dem größten deutschen Fußballblatt auch solch ein „Fehler“ unterlaufen? Bei Julian Draxlers Steckbrief findet sich auf jeden Fall kein Foto von Landsmann Kevin Trapp wieder, sondern - wen wunderts - von Julian Draxler.

Jetzt könnte man zur Verteidigung des kicker anführen, die französischen Spieler seien in Deutschland nun mal nicht so bekannt wie die Draxlers und Trapps, die ja der heimischen Bundesliga entstammen. Doch auch beim weißen Franzosen Rabiot ist kein Foto von Alec Georgen, einem anderen weißen französischen Spieler bei PSG, abgebildet, sondern - quelle surprise! - von Adrien Rabiot. Da wird seltsamerweise nicht nach der Adrien-oder-Alec-Hauptsache-Frankreich-„Logik“ verfahren, Fehler macht der kicker also scheinbar nur bei Schwarzen.

Und ist es nicht Aufgabe eines Fußballpublikation - und jetzt wage ich mal eine revolutionäre Überlegung - sich mit Fußball auszukennen, insbesondere wenn es sich um einen Verein handelt, der regelmäßig die Sport-und Wirtschaftsschlagzeilen dominiert (erst kürzlich wegen des paradigmenverschiebenden Ausrüster-Deals mit Nikes Basketballmarke Jordan), jedes Jahr an vorderster Front im internationalen Fußballgeschäft mitmischt?

Black Power oder Black Panther? Egal, Hauptsache schwarz

Diese vermeintlichen Fehler machen auch vor seriöseren journalistischen Outlets nicht halt, auch nicht vor dieser Zeitung, auf dessen Blogspace ich mich gerade ausechauffieren darf: Vor zwei Jahren las ich eine Rezension von Beyoncés zu dem Zeitpunkt frischgepresstem Album Lemonade („Mittelfinger hoch!“, Ausgabe 18/2016 https://www.freitag.de/autoren/juloeffl/mittelfinger-hoch), in der die ehemalige Freitag-Redakteurin Juliane Löffler Malcolm X tatsächlich als Führer der Black Panther („die Black-Panther-Bewegung von Malcolm X“ heißt es da im Wortlaut) darstellt.

Wie Frau Löffler zu dieser Annahme kommt ist mir schleierhaft, schließlich starb Malcolm X, jahrelanges führendes Mitglied der radikalen Nation of Islam und nach seiner „läuternden“ Pilgerreise nach Mekka und Afrikareise sowie dem anschließenden Zerwürfnis mit NOI-Führer Elijah Muhammad Gründer seiner eigenen Organisation, der Organization of Afro-American Unity, am 21. Februar 1965 in New York, wohingegen die Black Panther Party (Partei Frau Löffler, nicht Bewegung) erst im Oktober 1966 in Oakland, Kalifornien gegründet wurde: also über anderthalb Jahre später und am anderen Ende des Landes. Ein krasser Schnitzer oder bloß eine intellektuellere Version des Sind-doch-eh-alle-schwarz wie vorher bei der heute-Show und beim kicker?

Geht man von der Unschuldsvermutung aus und gesteht Frau Löffler den Fehler ein, Black Panther mit Black Power verwechselt zu haben (im Gegensatz zur stramm organisierten Black Panther Party war Black Power tatsächliche eine lose Massenbewegung), dann ist auch dieses Szenario ahistorisch und damit falsch: denn auch die Black-Power-Bewegung entstand nach Malcolm X. Und auch wenn Erstere ideologisch teilweise an Letzteren anknüpfte, waren es primär die Ideologien der Black Panther (Panafrikanismus, schwarzer Nationalismus, Sozialismus), welche Vorbild für die Black-Power-Bewegung wurden.

Darüber hinaus entstand die Black-Power-Bewegung aus Abtrünnigen der Bürgerrechtsbewegung, denen der inhärente Pazifismus von Martin Luther King und Co. nicht weit genug ging, und der auch Malcom X bekanntlich zeit seines aktivistischen Lebens kritisch gegenüber stand (hierzu empfehle ich - auch Frau Löffler - ein großartiges Buch über das einzige Treffen zwischen MLK und Malcom X, das ich vor über 20 Jahren zufällig in einer kleinen afroamerikanischen Antiquariat in Chicago entdeckt hatte, Martin & Malcolm & America - A Dream or a Nightmare von James H. Cone ). Wie kann also „die Black Panther Bewegung von Malcolm X“ sein?

Auch hier ist es meines Erachtens kein Zufall, dass ein inadäquat recherchierter Beitrag beziehungsweise nicht überprüfte Fakten bezüglich eines Beitrags zu schwarzer Kultur ausgerechnet aus der Feder einer weißen Person aus Deutschland kommt, die in ihrer Rezension eines Musikalbums einer schwarzen amerikanischen Frau (Frausein mag die deutsche Frau Löffler vielleicht nachvollziehen können, aber nicht die Intersektionalität dessen was es bedeutet, Frau und Schwarze in den historisch strukturell rassistischen USA zu sein mit ihrer kontinuierlich gewalttätigen Geschichte gegenüber Schwarzen: von Sklaverei über Lynchmordjustiz in den Südstaaten bis zur Polizei-und Justizgewalt von heute) sich auf ein thematisches Terrain wagt (schwarze Geschichte in den USA), das ihr als weiße Deutsche (oder Österreicherin oder Schweizerin, ich kenne die Frau nicht und kann daher nur verifizieren, dass sie definitiv keine Afroamerikanerin ist) eindeutig fremd und - viel fataler - nicht vertraut ist.

Wer hat also Angst..äh..ich meine Ahnung vom schwarzen Mann? Zumindest nicht weiße deutsche Medienmacher. Und darf das Medienestablishment hierzulande sich wundern, wenn es von den Rechten - wenn auch aus völlig anderen und abstrusen Gründen - als Lügenpresse diffamiert wird, wenn es eben genau das macht: lügen? Den nigerianischen Präsidenten als Kenianer zu bezeichnen ist eben eine unambivalente Unwahrheit=Lüge, genauso wie es eine ist, Malcolm X, der mit den Black Panthern nüscht zu tun hatte, als deren Führer darzustellen. Das kann man auch nicht einfach durch ein „Oops, my bad“ relativieren. Wie heißt es so schön, Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Don't do the crime if you can't do the time.

Schneeweiße Meinungsmacher

Das Hauptproblem, weshalb solche Schlampereien überhaupt möglich sind: ein struktureller Rassismus in Deutschland, der die eklatante Unterrepräsentation von nichtweißen Deutschen/Deutschen mit Migrationshintergrund in Medien ermöglicht und perpetuiert (erst kürzlich hat das Statistische Bundesamt Zahlen zur Repräsentation und Teilhabe von migrantischen Deutschen in den verschiedensten Berufsgruppen veröffentlicht, die Andrea Dernbach vom Tagesspiegel in einem Artikel mit dem sehr treffenden Titel „Wo Deutschland noch zu weiß ist“ sehr anschaulich zusammengefasst hat https://m.tagesspiegel.de/politik/vielfalt-und-teilhabe-wo-deutschland-noch-zu-weiss-ist/22903914.html). Das hat für den Journalismus zur Folge, dass Themen, die Migranten betreffen, ausschließlich und by default von Nichtmigranten behandelt, bearbeitet und kommentiert werden, auch wenn sie zum einen nicht dazu befähigt sind, weil ihre Lebensrealität und Erfahrungshorizonte gänzlich andere sind als jene von Menschen mit Migrationshintergrund (siehe #metwo); und weil zum anderen ihre eigenen weißen, eurozentrischen Vorurteile - ob offenkundig oder unterbewusst - einer fairen, vorurteilsfreien und damit professionellen journalistischen Verarbeitung im Weg stehen.

Die „Özil“-Debatte war das beste Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit für die Einseitigkeit eines hegemonialen Diskurses, in dem die, um die es eigentlich ging, kaum bis gar nicht gehört wurden; und als sie es doch schafften, sich Gehör zu verschaffen, mit einer Vehemenz runter- und lächerlich gemacht wurden („Vom rollenden Ball zum grollenden Özil“ lautete tatsächlich eine Überleitung des ZDF Sportheinis Norbert Irgendwas in der 19.00 heute-Nachrichtensendung zu Mesut Özils langerwarteter Stellungnahme, und übermittelte mit dieser lustig gemeinten aber tieftraurigen Wortakrobatik in aller Unmissverständlichkeit ALLEN Menschen mit Migrationshintergrund in diesem Land, was die weiße deutsche Mehrheitsgesellschaft von Leuten hält, die aufmucken: ganz besonders von denen, die kulturell ausländische beziehungsweise türkische beziehungsweise muslimische Wurzeln haben).

Wenn in den Zeitungsredaktionen und Fernsehstudios dieser Republik mehr türkischstämmige oder überhaupt mehr nichtweiße Deutsche sitzen würden, wäre die Causa „Özil“ (die eigentlich eine Causa Weiße Deutsche war, und immer noch ist!) gar nicht erst in dieser medialen Hetze mit sehr kräftigen rassistischen Untertönen ausgeartet. Aber weil Weiße in den Schaltzentralen der Macht die Vorherrschaft inne haben, können sie ihre weiße Meinung auch erfolgreich als die einzig wahre verkaufen: so funktionieren hegemoniale Diskurse, wie sie Gramsci und Foucault virtuos dekonstruiert haben.

Leider ist diese weiße Meinung auch bei denen, die sich als liberal einordnen, oftmals eine rassistische. Insbesondere im Journalismus, der sich als zentraler Macher der öffentlichen Meinung und ernstzunehmender Player in Sachen Wissensproduktion sieht (der Freitag: das Meinungsmedium; BILD dir eine Meinung; Der Tagesspiegel: das Leitmedium der Hauptstadt; Spiegel-Leser wissen mehr; und so weiter und so fort), ist es eine eklatante Ungerechtigkeit, dass die Redaktionsräume und TV-Studios, in denen mit absolutistischem Eifer Meinung gemacht und Wissen produziert/fabriziert wird, schneeweiße, hermetische abgeriegelte Landschaften sind, zu denen migrantische Deutsche, obwohl ihr Anteil in der Gesellschaft mittlerweile 25% beträgt, Tendenz steigend, kaum Zutritt haben.

Die Elfenbeintürme akademischer Wissensproduktion sind neben dem Journalismus eine weitere solche Sphäre, in der das inhärent antimeritokratische White Privilege grassiert. Wie ist es möglich, dass am Berliner Institut für Asien- und Afrikawissenschaften (IAAW) der Humboldt-Uni, meiner Alma Mater, dessen wissenschaftlicher Fokus schon dem Namen nach ausschließlich nichtweiße Kulturen und Regionen sind und wo tagein tagaus in Vorlesungen und Seminaren und in den Gebäudefluren auf dem Weg zum Klo oder zur Kippenpause über Gendergleichheit, Inklusion und Rassismus gequatscht wird, die überwältigende Mehrheit der Mitarbeiter von der studentischen Hilfskraft bis zum unkündbaren Professor Weiße sind, also die, die noch nie Rassismus erlebt haben? Wie kann es sein (und das Folgende weiß ich aus guter Quelle, nämlich meine eigenen Ohren), dass die weiße Hiwi eines Professors für Südostasienstudien (das die Philippinen inkludiert) nicht weiß, wo oder was Mindanao ist, obwohl die Region wegen der Autonomiebestrebungen muslimischer Rebellen seit Jahrzehnten in den Nachrichten ist und seit der Wahl Dutertes zum Präsidenten, der aus Mindanao stammt, noch mehr? Die Antwort ist klar: White Privilege.

Die Afrika-ist-ein-Land-Mentalität

Niemand würde Olli Welke und sein Team, das es Woche für Woche auf sich nimmt, in die immer ungemütlicher vor sich hin köchelnde braune deutsche Suppe zu spucken, als Rassisten bezeichnen. Doch als weiße Deutsche (letzten Freitag zum Glück ohne den Onkel-Tom-Türken und Guten Ausländer Serdar Somuncu im Aufgebot) sind auch sie nicht frei von Vorurteilen und Stereotypisierungen gegenüber „fremden“ Kulturen (wie kann im Informationszeitalter der Globalisierung überhaupt etwas fremd sein?). Besonders gegenüber Afrika, dem Ursprungsort des Menschen, dem rohstoffreichsten Kontinenten der Erde, der seit Kolonialzeiten widerwillig Hauptgarant europäischen Wohlstandes ist, zeigen sich diese Klischees in ihrer schamlosesten Form, auch bei den politisch liberalsten Menschen. Und vorsätzliches Desinteresse an einer so wichtigen Region führt halt zwangsläufig zu eklatanten Wissensdefiziten.

Mein Kumpel und Ex-Kommilitone Stefan etwa (Name geändert), der mit mir am IAAW studiert hat und heute seinen Doktor macht, verwechselt nicht nur gerne das westafrikanische Gambia mit dem südlichen Sambia (der Klassiker überhaupt), sondern geht auch automatisch davon aus, dass beide Staaten - wenn er sie nicht gerade am verwechseln ist - auch geographisch aneinander grenzen (die Logik dahinter ist klar: wenn die Namen zweier Staaten sich nur durch einen einzigen Buchstaben unterscheiden, müssen sie sich ja auch gegenseitig begrenzen, das haben wir alle so im Erdkundeunterricht gelernt). Dabei liegen zwischen Banjul und Lusaka (kennt jemand hierzulande diese Hauptstädte überhaupt?) ca. 5900 km, das sind 800 km mehr als zwischen Berlin, wo 1884/85 habgierige Weiße einen Kontinenten, von dem sie nichts wussten und auf dem sie noch weniger verloren hatten, unter sich aufgeteilt haben wie eine Schwarzwälderkirschtorte, und Banjul.

Aber für Weiße ist das postkoloniale Afrika nach wie vor ein homogenes Land und kein riesiger heterogener Kontinent aus 54 Nationalstaaten, 3000 unterschiedlichen ethnischen Gruppen und intrakontinentalen Entfernungen, die die myopische Vorstellungskraft von uns klaustrophobischen Europäern, die es gewohnt sind, alles eng beieinander zu haben und mit dem Auto oder easyJet erreichen zu können, sprengt wie ein mit Asbest verseuchtes Hochhaus. Und dass die genetischen Unterschiede zwischen zwei random Afrikaner größer sind als die zwischen einem Chinesen und einem Europäer interessiert auch niemanden.

Nicht nur, dass das vorherrschende Afrikabild der Deutschen zutiefst binär ist, es zeichnet sich auch noch dadurch aus, dass beide Seiten unschmeichelhafte sind: entweder romantisierte Landschaften, die ausschließlich von wilden Tieren bewohnt sind oder Bürgerkriege, Kindersoldaten, Hunger und Flüchtlinge. Beides ist so zum Sich-die-Haare-Raufen unzutreffend wie nur geht. Und wenn es dann doch ein vermeintliches Dazwischen gibt, dann dank irgendwelcher privilegierter Weltwärtstussis und westlicher NGOs (das, was der nigerianisch-amerikanische Schriftsteller und bekennende Berlin-Liebhaber Teju Cole den „White Savior Industrial Complex“ genannt hat), die kraft ihres White Privilege auf Staatskosten oder mittels Spendengeldern Abenteuerurlaube machen, um auf dem „Dunklen Kontinenten“ ihr White Guilt loszuwerden und das ständig sich im moralischen Dispo befindende Karmakonto etwas aufzufüllen.

Dabei werden die Anjas und Ann-Kathrins gleichzeitig in ihren kolonialen Klischees bezüglich Schwarzen als „White Man's Burden“ bestärkt, sobald der unterpriviligierte, undankbare ghanaische Baumschüler erstaunlicherweise keinen Bock hat, von daherjeloofenen deutschen Abiturienten ausgerechnet im Englischen! („Senk ju vor träwelling wis Deutsche Bahn“) unterrichtet zu werden und diese weißen Wohlstandsbratzen dann nach einem Jahr in ihre schwäbische oder sächsische Provinz zurückkehren, wo sie von Familie und Freunden für ihren Mut gefeiert werden, Afrika überlebt zu haben, und sie nun unterschwellig noch überzeugter sind als vor ihrer Reise, dass Weiße Übermenschen sind, ohne deren zutiefst humanistische Hilfe die faulen, nicht edlen Wilden Afrikas nicht klar kommen können. Obwohl es gerade die habgierigen Weißen waren mit ihrer Großmannssucht nach Wertstoffen und Wissen, die Afrika politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich durch das Langzeitverbrechen Kolonialismus nachhaltig gefickt haben.

Die Ausgangspunkt von Rassismus ist Respektlosigkeit

Als 2012 zur Europameisterschaft in Polen und der Ukraine die UEFA die Antirassismuskampagne „Respect“ ins Leben rief, dachte ich damals: blanke Augenwischerei, ein einziges halbherziges Wort, das nicht mal annährend die Dringlichkeit des Problems und die Menschenverachtung von Rassismus einfängt. So wie der Slogan Black Lives Matter ein Jahr später : zu flehentlich und pussyhaft, zu wenig radikal und selbstbewusst. Doch im Kern hat „Respect“ recht, denn die Basis von Rassismus, auf dem sich der Überbau rassifizierter Menschenverachtung erhebt, ist zuallererst eine fulminante Respektlosigkeit gegenüber dem als anders wahrgenommenen Menschen, den man schon im Kopf als minderwertig klassifiziert hat, ohne auch nur ein rassistisches Wort zu sagen oder eine rassistische Handlung zu vollziehen.

Wenn die heute-Show also einen Nigerianer für einen Kenianer hält, der kicker beim Foto eines schwarzen Spielers einfach das Foto eines anderen Schwarzen publiziert und Juliane Löffler vom Freitag Malcolm X fälschlicherweise den Black Panthern zuordnet, dann sind das nicht nur harmlose Fehler, sondern das fatale Ergebnis einer schon im Unterbewusstsein vollzogenen systematischen Abwertung schwarzer Menschen, weil sie es nicht für würdig befunden werden, auf ernsthafte und pflichtbewusste Weise und in Erfüllung jener journalistischen Standards, die bei allen anderen Menschen angelegt werden, behandelt zu werden. Sind ja eh nur Afrikaner, Schwarze, interessiert eh keinen, merkt eh keiner. Nachts sind alle Katzen grau. Andi-Möller-Attitüde eben. Und diese Art von Rassismus ist weit gefährlicher weil gesellschaftsfähiger als die Chaoten von Chemnitz und Köthen und alle anderen abgehängten Affen im Osten mit ihrer epidemischen Tollwut, denn er verbreitet sich beiläufig, im Falle der heute-Show sogar mit einem verharmlosenden und absegnenden Lachen, und infiziert ein potentielles Millionenpublikum, das diesen unauffälligen Rassismus dann fleißig reproduziert, ohne dass sich jemand bewusst ist, von diesem schleichenden Gift befallen zu sein.

Saidsche Medienkritik

Der große amerikanische Literaturkritiker und Aktivist Edward Said (1935 - 2003) hatte diese Respektlosigkeit weißer Wissensproduzenten - ob Journalisten oder Akademiker - gegenüber nichtweißen Menschen und Themen bereits 1981 bezüglich der medialen Behandlung des Islams in den USA kritisiert, als er schrieb: „Inaccuracy is bad enough, but reporting that is based on assumptions about the status quo is worse in my opinion.“ (Covering Islam: How the Media and the Experts Determine How We See the Rest of the World). Genau das tun weiße Medienmacher hierzulande: sie nehmen an, ein Nigerianer sei ein Kenianer, ein schwarzer Fußballspieler sei ein anderer und Malcolm X sei der Führer der „Black-Panther-Bewegung“, weil ihre Annahmen auf dem imaginierten Status quo basieren, Afrika und Schwarze und schwarze Kultur seien weniger wert. Das geht weit über grobe Fahrlässigkeit und bloße Ungenauigkeit hinaus, weil es eine Ungenauigkeit ist, die aus abwertenden Vorurteilen gegenüber einer Gruppe entsteht.

Man muss nicht wie ich (der neben Deutschland auch in den USA aufgewachsen ist und Malcolm X Autobiographie sowie die Geschichte der Black Panther schon als Jugendlicher verinnerlicht und zu seiner schusssicheren Weste gegen das zutiefst rassistische Nachwendedeutschland gemacht hatte) oder andere, die sich für den afrikanischen Kontinenten interessieren, alle Hauptstädte Afrikas und alle 36 Bundesstaaten Nigerias kennen, Chimamanda-Romane verschlingen, in der Uni Referate über den Biafra-Krieg und den Völkermord in Ruanda halten, die Lyrics swahilischer Popmusikohrwürmer auswendig lernen und mitplärren, nach Südafrika reisen nicht wegen der Big Five, sondern wegen der Apartheidgeschichte, mit kenianischen Gastarbeitern im katarischen Doha über die dynastische politische Kultur der Kenyatta- und Odinga-Familien philosophieren, den nächsten Urlaub nach Somaliland planen statt nach Sri Lanka, oder voller Vorfreude die neuste Monatsausgabe des New African in der Internationalen Presse am Berliner Ostbahnhof oder Hauptbahnof koofen gehen. Aber wenn weiße Journalisten meinen, sie fühlten sich berufen, sich mit nichtweißen Themen und Akteuren zu befassen, dann sollten sie gottverdammtnochmal ihre Hausaufgaben machen, oder ihre Everything-they-touch-turns-to-shit-Finger davon lassen. Das gilt sowohl für den kicker als auch für die es gut meinenden heute-Show-Leute und Juliane Löffler.

Um aber in Zukunft solche Fauxpas, die keine sind, zu vermeiden, sollten weiße Medienmacher, die sich mit anderen Kulturen beschäftigen wollen, dringlichst einen Rat Saids beherzigen, damit sie sich nicht irgendwann - womöglich zurecht - in der Rassistenecke zum Schämen mit dem Rücken zum Klassenzimmer wiederfinden: Basierend auf Hans-Georg Gadamers Hermeneutikdefinition fordert Said, dass jedwede Beschäftigung mit einer anderen Kultur als der eigenen zuallererst mit dem Sich-Bewusstmachen der eigenen Vorurteile beginnt: erst dann könne das „interpretative Projekt“ der Behandlung kultureller Andersartigkeit überhaupt gelingen. Es gäbe „two necessary conditions for knowing another culture - uncoercive contact with an alien culture through real exchange, and self-consciousness about the interpretative project istself.“

Ob deutsche Medienmacher es schaffen werden, so weit in sich zu gehen?

17:45 19.09.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Timo Al-Farooq

Freier Journalist aus Berlin in London・IG: @talrooq
Timo Al-Farooq

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