Wo bleibt das Fair Play für Katar?

Katar/WM 2022 Trotz Reformen des Arbeitsrechts und anderer positiver Entwicklungen ist die Repräsentation Katars in deutschen Medien immer noch überwiegend negativ. Warum eigentlich?
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Eingebetteter Medieninhalt

Seit das Golfemirat Katar den Zuschlag bekam, die FIFA-Fußballweltmeisterschaft 2022 auszurichten, steht das Land unter intensiver Beobachtung durch die „internationale Staatengemeinschaft“ („international“ ist dabei nichts anderes als eurozentrischer Codesprech für „westlich“). Das grelle Scheinwerferlicht beleuchtet seither ausschließlich einen undurchsichtigen Vergabeprozess (als sei die FIFA je an Transparenz interessiert gewesen) und die prekäre Arbeitsrechtssituation in dem Land, dem nach Prokopfeinkommen reichsten Staat der Welt.

Leider ist diese Fremdeinwirkung punktuellen Rampenlichts alles andere als ehrlich, fair und unvoreingenommen, und wirkt eher wie eine koloniale Kontinuität essentialisierender, eurozentrischer Narrativkreation als eine authentische Sorge um universale Menschenrechte oder sportliche Integrität.

Darüber hinaus legt der schiere Overkill an negativer Berichterstattung hinsichtlich Katar und der ersten Fußballweltmeisterschaft in der muslimischen Welt (die tendenziöse Nebeneinanderstellung dieser beiden Aussagen ist beabsichtigt) - insbesondere in Deutschland - den Verdacht nahe, dass aus vorgeschobenen Gründen wichtige Themenkomplexe instrumentalisiert werden, um den Frust über den eigenen weißen Machtverlust hintenherum herauszulassen zu können: ein passiv-aggressives Verhalten, das dem Anti-Obama-Whitelash in den USA nicht unähnlich ist, der schließlich zur Wahl des Racist-in-Chief Donald Trump führen sollte.

Der Westen ist ein schlechter Verlierer

Vor vier Jahren kritisierte ich in einem meiner ersten Blogbeiträge hier auf freitag.de die - bis auf wenige Ausnahmen - geradezu feindselige Reaktion deutscher Medien auf die Vergabe der WM 2022 an Katar, die erste an die muslimische Welt („Deutschland ist Weltmeister: der Doppelmoral“, https://www.freitag.de/autoren/talrooq/weltmeister-der-doppelmoral). Ich argumentierte, dass die Art, in der deutsche Kommentatoren sich auf diese historische Zäsur stürzten, nichts anderes war als klassisches Mobbing mit stark eurozentrischen und islamophoben Untertönen, und dass dieses destruktive Verhalten lediglich die Unfähigkeit weißer Vorherrschaft offen legte, sich an neue globale Machtverhältnisse anzupassen: diesmal in der Arena des Weltsports.

Nachdem mit Katar 2022 eine weitere Sphäre kulturellen und ökonomischen Konkurrenzkampfes (der Weltfußball) nach Südafrika 2010 und Russland 2018 wieder an aufstrebende Märkte verloren gegangen ist (Eurozentrismus bedeutet ja auch stets, die Welt als Nullsummenspiel zu sehen: des Globalen Südens Gewinn ist des Nordens Verlust), schrieb ich, dass dieses deutsche Anti-Katar-Bashing in Bezug auf Korruption beim Vergabeprozess und die Arbeits- und Lebensbedingungen der ausländischen Arbeiter einseitig und heuchlerisch sei, da Deutschland eine Moralkeule schwang, das es unter anderem aufgrund der eigenen „Unregelmäßigkeiten“ bei der Vergabe der Heim-WM und einer einwanderungsfeindlichen Einwanderungspolitik eigentlich nicht schwingen durfte (zur Erinnerung; 90% der Bevölkerung Katars sind Ausländer: man möge sich vorstellen, was hierzulande unter weißen Deutschen los wäre, wenn sie sich in einer solchen numerischen Unterzahl befinden würden).

Man vergegenwärtige sich nur den O-Ton des damaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, der Katar im Juni 2015 - noch weit vor der verbalen Verrohung politischer Debatten durch die Wahl Trumps - tatsächlich als „Krebsgeschwür des Weltfußballs“ bezeichnete (redet man so unter befreundeten Staaten?), nur fünf Monate bevor Staatsanwaltschaft und Steuerfahndung gegen den ach-so-aufrichtigen Sportfunktionär Zwanziger wegen Steuerhinterziehung zu ermitteln begannen. Der damalige katarische Außenminister Khaled bin Mohammed Al Attiyah konterte wie folgt:

„Es ist sehr schwer für einige zu verdauen, dass ein arabisches, islamisches Land das Turnier bekommen hat, als hätte ein arabischer Staat kein Recht darauf. Ich glaube, Vorurteile und Rassismus sind der Grund dafür, warum wir diese Bashing-Kampagne gegen Katar haben.“

Leider hat sich seither an der Legitimität dieser Vermutung nichts geändert, wenn man sich heute die Repräsentation Katars in deutschen Medien und in der öffentlichen Wahrnehmung anschaut: Trotz der neuen Rahmendynamiken exzellenter bilateraler Beziehungen zwischen Deutschland und Katar und eines radikal verbesserten Arbeitsrechts, sowie der Tatsachen, dass Katar seit fast zwei Jahren Opfer einer aggressiven saudisch-emiratisch-geführten Blockade-und Hetzkampagne ist und Katar kürzlich zum ersten Mal die AFC-Asienmeisterschaft gewonnen hat (was das westliche Narrativ fehlender katarischer Fußballkultur für null- und nichtig erklärt hat), ist das deutsche Katar-Bild immer noch überwiegend negativ.

11 Freunde, doch keiner davon ein Freund Katars

Ein Beispiel: im Zuge des jüngsten Asienmeisterschaftssieges Katars habe ich zwei Beiträge geschrieben, in denen ich zum einen das deutsche Narrativ, Katar habe keine Fußballkultur, als ein klassisches Beispiel germanozentrischer Hybris und puren Neides widerlegt habe, und zum anderen die Auswirkungen dieses souveränen Sieges (der in deutschen Leitmedien als sportgeschichtlicher Betriebsunfall gefakenewst wurde statt ihn als das Ergebnis jahrelanger Planung und Arbeit sowie als die souveräne Machtdemonstration zu würdigen, die er eigentlich war) auf die nationale Sportentwicklung und auf die Geopolitik am Golf im Kontext der saudisch-emiratisch geführten Blockade und der WM 2022 analysiert habe („Das Wunder vom Golf“, https://www.freitag.de/autoren/talrooq/das-wunder-vom-golf und „Quo Vadis, Qatar?“, https://www.freitag.de/autoren/talrooq/quo-vadis-qatar ).

Beide Artikel habe ich an das Fußballmagazin 11 Freunde geschickt, in der Hoffnung, durch eine Veröffentlichung einen narrativen Ausgleich in einer sehr einseitig (weil eurozentrisch) geführten Debatte herzustellen. Beide Artikel wurden abgelehnt, und zwar mit folgender Begründung, die einer der Redakteure, ein gewisser Ilja Behnisch, mir in e-Mail-Form zukommen ließ:

„Eine Veröffentlichung auf 11freunde.de kommt allerdings nicht in Frage, weil wir in Sachen Katar einfach grundsätzlich anderer Meinung sind als Du.“

Daraufhin schrieb ich zurück: „Dass ich Euch Beiträge zu Katar schicke ist wohl mein Fehler: Ich stand unter dem Eindruck, Journalismus sei an Meinungspluralismus und Multiperspektivität interessiert, und somit an der vollumfänglichen Behandlung eines Themas.“

Worauf Herr Behnisch konterte:

„Solltest Du deren Tenor [den der Artikel von 11 Freunde] nicht [t]eilen und dagegen argumentieren können und wollen, dann ist das (journalistischer) Pluralismus, den ich sehr begrüße. Dass das zwangsläufig bedeutet, Deiner Sicht der Dinge Platz einzuräumen, entspricht allerdings nicht meiner Vorstellung von Publizismus.“

Dass meine Sicht nicht nur meine Sicht ist, sondern die der überwältigenden Mehrheit der Fußballfans WELTWEIT, die so etwas von NICHTS dagegen haben, dass die nächste WM in Katar stattfindet, das scheint Herrn Behnisch nicht zu interessieren: Hauptsache er - wie alle anderen Medien in Deutschland - können eine westliche/europäische/deutsche Minderheitenposition als einzige Wahrheit verkaufen. Und was für ein Journalismus ist das eigentlich, bei dem man nur das veröffentlicht, was einem gefällt? Darf man sich dann noch wundern, wenn in eine sträflich einseitige Medienlandschaft (leider nur) von Rechtsaußen ständig der Vorwurf der „Lügenpresse“ hereingeflankt wird?

Wer sich die Beiträge auf 11 Freunde bezüglich Katar einmal anschaut wird schnell feststellen, dass sie sich fast alle mühelos in den Refrain generischer anti-Katar-Hetze einreihen lassen: schlecht informiert, suggestiv argumentiert, voreingenommen, selektiv in ihrer Kritik, und wenn einem die Scheinargumente ausgehen, einfach nur beleidigend („Krake aus Katar“ ist der Titel eines der fast schon DIN-genormten anti-Katar-Artikel über Nasser Al-Khelaifi, Präsident des französischen Erstligisten Paris Saint Germain und frisch gewähltes Mitglied ins UEFA-Exekutivkomitee).

Somit folgt auch 11 Freunde der historisch bewährten Tradition orientalistischer und eurozentrischer Repräsentationen, wie sie seit den christlichen Kreuzzügen das westliche Bild der islamischen/arabischen Welt prägen. (Mit dem Unterschied, dass es heute eher Agnostiker und evangelikale Atheisten sind, die diesen unnötigen Kulturkampf führen, statt das organisierte Christentum, das für den islamisch geprägten Orient immer öfter in die Bresche springt).

Verwunderlich ist diese Voreingenommenheit nicht: Wer sich das Impressum von 11freunde.de mal anschaut, der wird schnell feststellen, dass von den 30+ Namen, die dort auftauchen, alle ausschließlich „biodeutsch“ sind. Alle Mitarbeiter - vom Herausgeber bis zur Anzeigenleitung - scheinen also weiße Deutsche ohne Migrationshintergrund zu sein.

Schaut man sich dann noch die Liste der Artikel an, die unter dem Stichwort „Katar“ erscheint, geht die schneeweiße Meinungsmache weiter: Keiner der Artikel, die sich mit Katar befassen, wurden - soweit ich erkennen konnte - von einem Deutschen bzw. Deutschsprachigen mit Migrationshintergrund geschrieben. Und von einem mit arabischem/muslimischem Hintergrund sowieso nicht. Wieso denn auch? Einen Araber oder einen Muslim über die arabische/muslimische Welt schreiben zu lassen wäre ja unerhört. Diskurshoheit über nichtweiße, nichtwestliche Regionen ist ja schließlich ein weißes, westliches Privileg: das hat koloniale Tradition, an der man nicht rütteln sollte.

Insbesondere die weißgetünchten, diversitätsfeindlichen Zeitungsredaktionen im angeblich so bunten, multikulturellen Deutschland sind da unangefochtener Weltmeister drin, sich anzumaßen, über andere Kulturen schlussendlich urteilen zu dürfen, ohne diese selbst je zu Wort kommen zu lassen. Und das selbsternannte „Magazin für Fußballkultur“ ist da keine Ausnahme.

Doha ist nicht Dubai: zum Glück

Doch das dominante, westliche Narrativ bezüglich Katar ändert sich langsam: Der barbarische Auftragsmord am saudischen Dissidenten und Washington Post-Journalisten Jamal Kashoggi - vermutlich auf Geheiß des saudischen Kronprinzen Mohammad bin Salman - und die aggressive Blockadepolitik gegen Katar durch die Golfdiktaturen Saudi Arabien, Vereinigte Arabische Emirate und Bahrain sowie durch die Militärdiktatur Ägypten zwingen den Westen - und somit auch Deutschland - seine anachronistische und kurzsichtige Haltung gegenüber Katar, dem progressivsten Mitglied aller GCC-Staaten, neu zu überdenken.

Langsam geht auch ihnen ein Licht auf, dass sie die Rolle des Bösewichtes neu vergeben müssen, wenn etwa die Menschenrechts- und Meinungsfreiheitssituation in den VAE, die in der westlichen Wahrnehmung stets als Hort der Toleranz gesehen und so auch von den Herrscherhäusern Abu Dhabis und Dubais propagiert werden, weitaus schlimmer ist als in Katar: Die Kriminalisierung pro-katarischer Meinungsbekundungen, die mit bis zu 15 Jahren Haft bestraft werden, die Verhaftung des britischen Akademikers Matthew Hedges wegen angeblicher Spionage und die jüngste Festnahme der Britin Laleh Sharavesh bei ihrer Einreise nach Dubai, weil sie in einem Facebook-Post die neue Frau ihres Ex-Ehemannes als „Pferd“ bezeichnet hat, sind besorgniserregende Beispiele für die unterberichterstattete repressive Natur des emiratischen Rechtssystems.

Dass es überhaupt eine Organisation wie „Detained in Dubai“ (Verhaftet in Dubai) gibt, die in solchen Fällen den Betroffenen Rechtsbeistand gibt, ist symbolkräftig genug. Eine Organisation namens „Detained in Doha“ gibt es andererseits nicht. Auch lässt die katarische Herrscherfamilie Dissidenten nicht mafiastyle in Drittstaaten umbringen oder religiöse Minderheiten massenexekutieren, wie vor einigen Tagen wieder in Saudi Arabien, wo 37 Menschen - die meisten Shia-Muslime, an einem einzigen Tag hingerichtet wurden.

Der kopflose Körper eines Getöteten wurde sogar als Warnung öffentlich an einen Pfahl befestigt (mexikanische Drogenkartelle wären stolz auf die Saudis). Zur Erinnerung: Saudi Arabien ist nach den VAE Deutschlands „zweitwichtigster arabischer Handelspartner“ (Quelle: Auswärtiges Amt). Und soviel zur westlichen Unsitte des Über-einen-Kamm-Scherens arabischer Golfstaaten.

Es gilt die Unschuldsvermutung: auch für Katar

Es bleibt offen, ob Katar die sozialen Reformen, die es zur Zeit sukzessive umsetzt, auch nach der WM 2022 weiterführen wird, wenn das internationale (also westliche) Rampenlicht ausgeknipst werden wird. Katar hat die historische Chance, auf lange Sicht die progressivste und offenste Gesellschaft des GCC-Staatenverbundes zu werden, und zwar ohne dabei sein Staatsystem der royalen Autokratie aufgeben zu müssen zu (Un?)gunsten einer westlichen Demokratie: einer, die sich derzeit in einer tiefen strukturellen Krise befindet (rechtspopulistische oder gar kryptofaschistische Regierungen von Ungarn bis in die USA, Polen bis zu den Philippinen, Italien bis Indien) und allein schon daher nicht übereifrig als Allheilmittel für die gesellschaftlichen Probleme anderer verschrieben werden sollte.

Westliche Gesellschaften - insbesondere Europas (beängstigende) Hegemonialmacht Deutschland - sollten diesen autonomen Modernisierungsprozess Katars begünstigen helfen statt ihn mit dezidierter Negativberichterstattung zu behindern. Katar ist nicht perfekt, aber es verdient viel mehr Fair Play als es derzeit bekommt. Ausgewogenere und einfach fairere Repräsentationen im deutschen medialen und öffentlichen Diskurs wären ein willkommener erster Schritt, um das einseitige westliche Narrativ bezüglich eines Tiny Giant mit großem Soft Power zu ändern, das auf dem besten Weg ist, ein Musterbeispiel für sozialen Wandel am Persischen Golf zu werden.

Katar sollte seine historische Chance nutzen und ein für alle Mal seine Kritiker Lügen strafen.

13:08 29.04.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Timo Al-Farooq

Freier Journalist・Regionalexperte für MENA, SOA und Ostafrika・Saul Goodman in spe・Ehrenamt als Guardiola-Double・Instagram: @talrooq
Timo Al-Farooq

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