Tasmanische_Mimose

Wossi, Humanist, kleiner alter weißer Mann, Feminist, Alice-Schwarzer-Verächter
Tasmanische_Mimose
RE: Critical Westness | 05.04.2019 | 12:44

Als ich die "Zusammenfassung" der Studie auf dem Titelblatt eines Berliner-Billig-Print-Produktes sah, war mein Gedanke: "Nicht schon wieder". Zwar ist der direkte Vergleich von Ossis mit Migranten wohl in der Art noch nicht systematisch untersucht worden aber ich glaube nicht, dass das Verhältnis von Ost-West bzw. migrantisch dadurch nur einen Deut besser wird - eher im Gegenteil. Die sog. "Diskriminierung" Ostdeutscher musste schon häufig für den virulenten Fremdenhass im Osten herhalten. Also wieder ein frei Haus gelieferter Grund Migranten - besser gesagt Migrantinnen - zu klatschen. Wann wird endlich den Ossis die verdiente Aufmerksamkeit zuteil, die offen, solidarisch und empathisch sind - obwohl sie auch gebrochene Biographien und kleine Renten haben. Über eine starke, tapfere Linken-Abgeordnete, die sich in Freital trotz Angriffen und Bedrohungen gegen den rechten Mainstream stellt, habe ich noch keine Würdigung in irgendeinem Medium gelesen oder über die Omas gegen Rechts in Cottbus - die bestimmt nicht alle eine auskömmliche Rente haben. Wo werden diese Ossis mal systematisch nach ihren Erfahrungen gefragt? Pegida-Anhänger, AfD-Wähler und Chemnitzer (sog. Normalbürger), die sich den pogromartigen Krawallen anschlossen, wurden systematisch befragt und bekamen mit den Ergebnissen frei Haus Argumente für die nächsten Krawalle geliefert.

Die physische und psychische Gewalt gegen Asylsuchende und Migranten (meist Muslime) ist in 2o18 wieder deutlich gestiegen - Berlin ist übrigens der Spitzenreiter noch vor Sachsen. Ist das in der Ost-Vergleichskohorte auch so, dass sie z.B. beim Einkaufen, auf Volksfesten und in ihren Unterkünften um ihre körperliche und seelische Unversehrtheit bangen müssen?

Vor Monaten hat eine Journalistin in einer Online-Ausgabe der Berliner Zeitung, die Verhaltensmerkmale von Ossis und türkischen Migranten verglichen und als ähnlich beschrieben. Was folgte war ein Scheiße-Sturm, wie man Deutsche mit Türken vergleichen könne - eine Unverschämtheit sei das usw.

Es gibt zuhauf Zustandsbeschreibungen wieso der Osten, der Westen und die Migranten so reagieren wie sie eben reagieren. Der Ist-Zustand ist zum Erbrechen ausgeleuchtet. Ich warte sehnlichst auf Ideen, die dieses, sich in der Vergangenheit suhlende Land, voranbringt und eint. Das die älteren Ossis anders geprägt sind als Wessis oder Migranten ist seit 30 Jahren bekannt. Es fehlt an Mut fast aller Medien, neue Wege zu gehen - wahrscheinlich aus Existenzangst. Aber Angst ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber. Statt eines selbstbewussten liberalen und fortschrittlichen Deutschlands gibt es eben noch weitere Jahre egoistischen, klebrigen Einheitsbrei.

RE: Anerkennung und Sicherheit | 25.03.2019 | 18:00

...sorry wegen des verschwurbelten Satzes; mich hat eine Erkältung erwischt und bin dementsprechend desolat. Grüße...

RE: Anerkennung und Sicherheit | 25.03.2019 | 17:58

...vielen Dank, dass Sie sich die Mühe gemacht haben die Informationen so übersichtlich zusammengefasst haben. Sie scheinen Ihren Idealismus noch nicht verloren zu haben. Viele Grüße, A.S.

RE: Anerkennung und Sicherheit | 25.03.2019 | 15:35

Zitatausschnitt: " Wo waren die westdeutschen BürgerInnen als Samuel Kofi Yeboah 1991 in Saarlouis bei einem Brandanschlag zum Opfer fiel? Wo waren sie als Bahide Arslan, Yeliz Arslan und Ayse Yilmaz 1992 in Mölln ermordet wurden? Ich könnte noch mehr Bsp. aufzählen..."

Das ist keine Frage, Nazis und der Mitläufer gibt es überall und die Menschen unterscheiden sich viel weniger als manche es uns glauben machen möchten. Allerdings sehe ich einen Unterschied zwischen Mölln und Rostock-Lichtenhagen. In Mölln wurde die Tat im Dunkel der Nacht hinterhältig durchgeführt wogegen es in Rostock eine Pogromstimmung gab und viele "normale" Bürger Beifall klatschten.

Aber für mich ist eine der wichtigsten Sätze der gesamten Diskussion folgender: " ...Niemand ist besser als der andere...Hören wir auf uns gegenseitig dafür verantwortlich zu machen und fangen wir an, zusammen zu arbeiten."

Ansonsten fliegt und der Laden demnächst um die Ohren und wir haben eine Verantwortung für die kommenden Generationen.

RE: Anerkennung und Sicherheit | 25.03.2019 | 15:23

Vielleicht hätte ich eifrige Sozialisten in Anführungszeichen setzen sollen. Es kommt wirklich so rüber als würde ich Sozialisten generell in diese Ecke stellen - aber das ist keinesfalls so. Ich wollte lediglich darauf anspielen, dass viele in autoritären Systemen ihr Fähnchen in den Wind hängen und sich politisch so positionieren wie es ihnen opportun erscheint. Ihren Ausführungen über die Abeiterklasse 1945 kann ich nicht folgen. Viele aus der Arbeiterklasse waren ebenfalls Anhänger des NS-Regimes, wie natürlich auch die Bourgeoisie mit dem Unterschied, dass die Arbeiter keinen materiellen Nutzen daraus ziehen konnten. Aber letztendlich fehlt mir da das Wissen um fundiert zu argumentieren. Meine Sozialisation hat mich gegenüber politischen Dogmen sehr mißtrauisch gemacht und ich halte sie auch für überholt. Mir ist es wichtig, dass die künftigen Generationen die Chance haben sich zu selbstbewussten und eigenständigen Menschen entwickeln können um so weniger in Gefahr laufen, politischen Rattenfängern in die Falle gehen.

RE: Anerkennung und Sicherheit | 25.03.2019 | 14:35

Zitat: "Die Mehrzahl der Erwachsenen hat sich 1990 freiwillig unterworfen. Obwohl sie über Jahrzehnte eine Aufklärung über den Kapitalismus/Imperialismus hatten. Häufig auch eine betriebliche (und bezahlte) Freistellung für ihre gesellschaftspolitische Weiterbildung. Der rechte Opportunismus der Mehrheit sollte nicht zu einer Freisprechung von jeder persönlichen Verantwortung führen."

Mit der persönlichen Verantwortung bin ich völlig bei Ihnen. Allerdings hatte ich im Suhler Umland nicht das Glück eine informative und sachliche Aufklärung über den Kapitalismus / Imperialismus zu erfahren. Ich erlebte dort antiwestliche Propaganda und Indoktrination. Der "Erfolg dieser Aufklärung" war nach der Wende deutlich zu beobachten: der verhasste Klassenfeind wurde innerhalb von Wochen zum geliebten einig Vaterland. Gerade besonders eifrige Sozialisten haben sich doch recht schnell im rechten Lager wohlgefühlt und die DDR verdammt, die sie jetzt aufgrund ihrer autoritären Struktur wieder verehren - also 360 Grad Wendehälse. Natürlich nicht alle - wie ich in anderen Posts schon erwähnt habe; aber würde ich alle Details und Aspekte meiner DDR-Erfahrung kommentieren, dann wäre das aufgrund der Länge nicht mehr lesbar.

RE: Anerkennung und Sicherheit | 25.03.2019 | 12:13

Zitat:... In den Jahren nach dem Anschluss wurden sie arbeitslos und landeten im Hartz-IV-Vollzug. Ihre persönlichen Erwartungen an die erweiterte BRD und damit an ihre sozial vom Staat auskömmlich abgesicherte Aufnahme wurde bitter enttäuscht.

In einem vorangegangenen Kommentar haben Sie auf die Eigenverantwortung derer, die dazu intellektuell in der Lage sind, hingewiesen. Das finde ich vollkommen richtig. Denn diese Mär von der Enttäuschung, die die Ossis in die Hände der AfD treibt, ist nur bedingt nachvollziehbar und bringt die Diskussion um die Ost-West-Ungleichheit keinen Zoll weiter. Im Gegenteil, es zementiert die Situation. Auch die Berechnungen, wie viel ein Ostdeutscher bei gleicher Arbeit weniger verdient ist nur ein Teil der Wahrheit. Ein Blich in eines der Immo-Miet-Portale reicht, um z.B. die eklatanten Mietpreisunterschiede zwischen Ost und West zu zeigen. Diese Faktoren sollten in die Unterschiedberechnungen einbezogen werden. Was nützt es mir, wenn ich in Frankfurt/Main 30% mehr verdiene als in Frankfurt/Oder aber für eine kleine Wohnung das Doppelte bis Dreifache hinblättern muss - das frisst den 30%-igen Lohnvorsprung locker wieder auf - abgesehen von den sonstigen höheren Lebenshaltungskosten.

Sicher gibt es auch in Herne/Wf. z.B. allein Erziehende, Harzer, Rentnerinnen, die gerade so über die Runden kommen - über die hört und sieht man vergleichsweise wenig. Auch ich finde meine kleine Rente aufgrund der sich wiederholenden Arbeitslosikeit nach der Wende und den darauf folgenden (oft sinnfreien) "Fortbildungsmaßnahmen" und ABM's nicht angenehm. Ich würde mir gerne eine größere Wohnung anstatt einer Einzimmer-Butze am Stadtrand leisten können aber daran ist weder der Wessi an sich noch die syrische Familie von der Flüchtlingsunterkunft nebenan Schuld. Diejenigen, die wirklich den Staat aussaugen, sind sehr öffentlichkeitsscheu und den meisten völlig unbekannt - und die leben wahrscheinlich in gated communities oder auf Steuerparadies-Inseln mit angenehmen Klima. Aber so oder so, die meisten treten eh lieber nach unten. Der Untertanengeist ist vital wie schon lange nicht mehr.

RE: Anerkennung und Sicherheit | 25.03.2019 | 11:41

Zunächst muss ich erwähnen, dass ich zwar in Süd-West-Thürginen sozialisiert wurde aber nachdem ich einige Jahre nach der Wende dort für mich keine Zukunft sah - nicht nur aus beruflichen sondern auch aus persönlichen Gründen - emigrierte ich nach (West-) Berlin. Ich bin zwar ostdeutsch sozialisiert, habe aber mittlerweile mehr Kontakt zu Menschen, die sich weder als Ostler noch als Westler fühlen - ich habe etwas den Kontakt zur ostdeutschen "Seele" verloren.

Sorry, bin etwas vom Thema abgekommen. Sie schreiben sinngemäß (leider funktioniert meine Kopierfunktion bei den Kommnetartexten nicht), dass sich in den ostdeutschen Kommunen zwar Widerstand gegen rechte Aufmärsche uä. formiert aber dass die politische Agenda durch die Rechten diktiert wird. Ich bin froh und glücklich über jeden Mutigen (es braucht dafür Mut in den Ost-Gemeinden) der/die sich für eine Sache engagiert. Es gibt auch durchaus Gemeinden, die sich für Solidarität z.B. mit Geflüchteten und/oder eine ökologische Ausrichtung in ihren Gemeinden stark machen. Das ist allerdings die Minderheit - aber ist das in West-Deutschland anders? Wünschen und Tun ist bei den meisten Menschen nicht deckungsgleich - da schließe ich mich mit ein, ich wünschte es wäre anders aber.... Zu hohe Erwartungen führen oft zu Enttäuschung und Desinteresse an der Gemeinschaft; lieber kleine konsequente Schritte, die nicht überfordern. Meine große Hoffnung liegt auf der Generation, die jetzt heranwächst - sozusagen meine Enkelgeneration. Denen ist die DDR und das völkische Denken fremd und meistens auch schnuppe. Ich hoffe, sie werden nicht von uns nicht allzu sehr enttäuscht und behalten ihren wachen Geist - z.B. Fridays for Future - da treffen sich auch viele "Ost"-Kinder und Jugendliche um sich Mut zu machen.

Welche Gefahr von der AfD ausgeht, machen sich viele nicht klar, wollen es auch nicht. Durch meine Erfahrungen, nicht nur mit Ossis, bin ich etwas zynisch geworden, denn ich denke, dass sich die meisten überhaupt keine Gedanken machen, was das Erstarken der AfD für Folgen hat; fragen Sie mal Anhänger dieser kruden Truppe, ob sie deren Wahlprogramm zumindest in der Kurzform gelesen haben; viele springen lediglich aus das "Ausländer raus"- Gequatsche der AfD an - egal ob sie in prekären oder gesicherten Verhältnissen leben, Hauptsache es wird eine Gruppe angeboten, auf die sie herabsehen können und ihren Frust ablassen können. Die Mär, dass nur die Abgehängten AfD wählen ist leider hartnäckig. Aber ich kenne auch Beamten, rel. gut verdienende Angestellte oder Handwerker, die fanatische AfD Anhänger sind. Und von den weniger extemen AfD Anhängern - wie Sie schon erwähnten - kommen die Argumente, den "Etablierten" mal zu zeigen, wo der Hammer hängt und dass die AfD danach in der Versenkung verschwindet. Das hatten wir schon mal, als sogar politische Gegner der Nazis sich in Sicherheit wähnten, da sie glaubten, der Spuk hat schnell ein Ende, wenn die Bevölkerung erkennt was für ein Windei Hitler ist. Was danach kam wissen wir.

Ich sehe die Rolle der PDL in Ostdeutschland sehr kritisch. Die Idee von einer linkspopulistischen Bewegung habe ich zu Beginn als Hoffnungsschimmer gesehen. Aber nachdem - aus meiner Sicht - eine deutlich xenophobe Komponente zu erkennen war, habe ich mich von #aufstehen abgewandt. Ich will eine echte linke Alternative, nicht eine Mischung aus zwei Teilen linken und einem Teil maskierten rechten Ideen. Aber das hat sich ja auch gerächt, die Bewegung hat bis jetzt nicht gezündet. Vielleicht klappt es ohne Machtinteressen von Wagenknecht und Co.

RE: Anerkennung und Sicherheit | 23.03.2019 | 14:32

Vielen Dank für Ihre Reaktion auf meine Zeilen. Sicher sind diejenigen, die nicht AfD wählen, keine homogene Gruppe und sind mitnichten alle demokratisch, antimilitaristisch und human. Ich halte aber die AfD aktuell für die größte Gefahr für eine solidarische, menschliche und faire Gesellschaft. Gerade der Teil dieser rechten Strömung, der harmlos bürgerlich daherkommt, ist extrem destruktiv und gefährlich. Platt gesagt: bei einem Höcke weiß man wenigstens, mit wem man es zu tun hat. Die AfD gibt - besonders im Osten - den Anwalt für die Abgehängten und Benachteiligten. Dabei tummeln sich in dieser Partei revanchistische Aristokraten, abgehalfterte Pseudo-Intellektuelle, religiöse Fanatiker und CDU-Zombies, die eine neoliberale Marktwirtschaft und das Recht des Stärkern auch mit Gewalt durchsetzen wollen.

Lange Rede, kurzer Sinn: obwohl ich mit vielen, die nicht die AfD wählen, auf keinen gemeinsamen politischen Nenner komme, halte ich es doch für wichtig die rechte Gefahr in einem breiten Bündnis zu bannen um sich dann für eine solidarische und humane Gesellschaft einzusetzen. Das ist schwierig, denn es müssten sich alle Wähler und Protagonisten zunächst zurücknehmen und Kompromisse eingehen um den rechten Mob in die Schranken zu weisen, bevor sich die politischen Meinung wieder ausdifferenzieren kann. Ist das Kind erst mal in den Brunnen gefallen und eine faschistoide Regierung übernimmt die Macht, braucht man sich auf nicht absehbare Zeit keine Gedanken über Gleichberechtigung, Antimilitarismus, faire Verteilung der Resourcen oder Ökologie zu machen. Faschismus bedeutet Gewalt, Unterdrückung und Gleichschaltung.

RE: Anerkennung und Sicherheit | 23.03.2019 | 11:50

Zitat: "PS: Warum wurden sie nicht in den antifaschistischen und antirassistischen Klassenkampf nach der ostdeutschen Wende geführt? -- So auch gegen den rassistischen und kapitalfaschistischen ostdeutschen Mob von Rostock-Lichtenhagen! (?)"

Diese Frage kann ich nicht oder nur sehr bedingt beantworten. Ich bin davon überzeugt, dass sich viele in / mit der DDR arrangiert hatten - was blieb ihnen auch anderes übrig - und nach außen die Systemtreuen gemimt haben und die von dem autoritären System vorgegebenen Floskeln nachplapperten ohne den Sinn von Antifaschismus und Antirassismus zu erfassen; nicht aus fehlendem Intellekt sondern aus dem Druck der Anpassung heraus. Was aktuell die gesellschaftliche Mitte genannt wird, besteht aus großen Teilen aus Opportunisten und Mitläufern - nicht anders war es in der DDR. Der Zwang zur "Normalität" war so stark, das wirkt bis heute weiter. Es gibt leider nur wenige - und das ist wohl fast überall in menschlichen Gesellschaften so - die ihrem Gewissen folgen und gegen Strom schwimmen mit all den dazugehörigen sozialen Konsequenzen wie z.B. verbale oder physischen Aggressionen, Ausschluss aus der Gemeinschaft bis hin zur Existenzgefährdung. Aber es gibt sie, die Unangepassten, die Menschlichen; diese Menschen sollten gestärkt werden - überall, nicht nur in Ostdeutschland. Auch wenn das etwas Mantra-artig rüberkommt: bitte seien sie solidarisch mit den "Ossis", die den Mut und die Kraft aufbringen, sich gegen die "Mitte" stellen und ihre Überzeugungen und Menschlichkei trotz Sanktionen und Angriffen leben - wie z.B. eine Linke-Abgeordnete in Freital, die sich als eine der wenigen gegen den faschistischen Mainstream stellt und auch aus ihrer eigenen Partei heraus wenig Unterstützung erfahren hat - leider habe ich ihren Namen vergessen. Manchmal reicht schon eine ermutigende Email um Kraft zu geben.