Teresias

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RE: Hier riecht’s nach Gauck | 17.02.2012 | 19:21

Ich teile Jacob Jungs Befürchtungen in Bezug auf einen Bundespräsidenten Gauck und sähe in einer gemeinsamen Nominierung den Verzicht der SPD und der Grünen auf eine Erneuerung des Landes im Sinne einer gerechteren, menschlicheren und freiheitlicheren Politik. Gauck ist der ideale Vertreter einer bourgoisen Gesinnung, des Kalten Krieges und des Systems der hemmungslosen Vorteilsnahme.
Was ist an diesen Positionen grün oder sozialdemokratisch?
Durch ihre taktische Nominierung Gaucks vor zwei Jahren sind die Grünen und die SPD in einem Dilemma. Sie sind zu Gefangenen ihrer eigenen politischen Tricks geworden. Nun müssen sie eventuell einen Bundespräsidenten küren, der sie als Mitläufer einer bourgoisen Gesellschaft ausweist. Das wird den Seeheimer Kreis und die Realos bei den Grünen nicht stören, doch langfristig ihre Glaubwürdigkeit als Parteien des sozialen Fortschritts zerstören.
Ich glaube jedoch, dass die CDU sich gegen eine Wahl Gaucks ausspricht, weil diese nachträglich als Niederlage der CDU und der Kanzlerin wahrgenommen werden könnte.

RE: Der Christian aus Osnabrück | 17.02.2012 | 18:22

Dass Wulff kein depperter Provinzpolitiker sondern ein ausgebuffter Machtpolitiker war und ist, lässt sich an seiner politischen Karriere ablesen: Mit 16 Jahren ging er in die Schüler Union und war drei Jahre später Vorsitzender der Schüler Union in Niedersachsen und im Bund. Von 1979 an war er im Bundesvorstand der Jungen Union und von 1983 an ihr Landesvorsitzender in Niedersachsen und ein Jahr später dort bereits im Landesvorstand der CDU. Über den Landesvorsitz der CDU in Niedersachsen (1994) gelangte er zum Amt des stellvertetenden Bundesvorsitzenden der CDU. Dass er von 1986 bis 2001 Ratsherr in Osnabrück und ab 2003 im Vorstand der Konrad-Ädenauer-Stiftung war, zeigt wie weit gefächert er seinen Einflussbereich gestaltete.
Seine Wahl zum Ministerpräsidenten 2003 verdankte er auch der Sponseringaffäre "Glogowski" im Jahre 1999. (Als Glogowski stürzte verlangte Wulff, dass man ihm die Pension kürze - oder wenigstens das Übergangsgeld.)
Wulff kann als Inkarnation der von der CDU propagierten Idee eines Politikers angesehen werden. Zur Politik gehörte in den Augen der CDU (abgesehen vom Ahlener Programm) schon immer folgendes Konzept: 1. Blende das einfache Volk und mache dich durch volkstümliches Auftreten beliebt. 2. Nutze diese Beliebtheit und verschaffe dir soviel persönliche Vorteile, wie du nur kannst. 3. Sorge dafür, dass das Volk dieses doppelte Spiel nicht durchschaut.
Nun ist Wulff an Punkt 3 gescheitert. Die CDU wird aber alles dafür tun, dass ihr Protagonist Wulff von allen Vorwürfen freigesprochen wird. Sollten die Gerichte nicht mitspielen, wird man alles den persönlichen Fehlern Wulffs zurechnen. Das Konzept der CDU muss ihrer Meinung nach unbedingt erhalten bleiben. Dafür wird man letztlich auch den Machtpolitiker Wulff opfern.
Und was die "Ossitante" betrifft: Auch sie ist nur eine Inkarnation des Willens der CDU und der Verblendung des Volkes.

RE: Der Christian aus Osnabrück | 17.02.2012 | 16:57

Odysseus nannte sich "Niemand" und entkam dem Ungeheuer Polyphem. Hier nennt sich einer "keiner" und will auch ungeschoren davonkommen.
Warum eigentlich nicht?
Für mich war der Einspruch von "keiner" eine paradoxe Intervention, die die Wahrheit noch deutlicher hervortreten lässt.

RE: Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus | 14.02.2012 | 13:46

Vor zweieinhalb Tausend Jahren schrieb ein griechischer Sklave die Fabel von der gemeinsamen Jagd eines Löwen, eines Fuchses und eines Esels. Die "Teilung der Beute" - es war ein Hirsch - verlief nach dem Schema, das heute noch üblich ist:
Dem Esel wurde das Fell über die Ohren gezogen, weil er seinen gerechten Anteil an der Beute verlangte - da war der schlaue Fuchs, der mit dem Löwen kooperierte und ihm die ganze Beute zuschob und dann der gönnerhafte Löwe, der die Klugheit des Fuchses lobte und ihn dafür am Leben ließ.
Heute sollten alle, die die Botschaft diesere Fabel verstanden haben, darüber nachdenken, woran es liegt, dass sich auch 2500 Jahre später nichts an diesem Verfahren geändert hat.
Aesop hielt seinen Zeitgenossen einen Spiegel vor. In diesem Spiegel erkennen wir auch die gegenwärtigen Verhältnisse.
Sind die Löwen wirklich unbezwingbar?
Lässt sich eine Solidarität erreichen, die den Löwen in seine Schranken weist?
Leider sehe ich in den Kommentaren zum Ausgangsartikel viel Rechthaberei und keine Bemühungen um eine gemeinsame Strategie gegen die Löwen.
Vielleicht gibt es die auch gar nicht, wie die Geschichte der letzten Jahrtausende zeigt.
Dennoch bleibe ich Optimist: Das von Äsop gespiegelte Verfahren der Teilung der Beute ist so idiotisch, dass irgendwann ein gemeinsamer Prozess der Gegenwehr einsetzen wird.

RE: Krieg, Lügen und Presse: Henryk M. Broder zündet die WELT an | 14.05.2011 | 21:28

Beiträge, die Broders Verhalten zu erklären versuchen, die literarische und politische Zusammenhänge enthalten, sind also für Sie keine Argumente, die Beachtung verdienen?

Wenn das so ist, lohnt es sich nicht mit Ihnen zu diskutieren.

Aber vielleicht können Sie ja mal Ihre Reaktionen auf andere Stellungnahmen mit Informationen statt mit persönlichen Angriffen versehen. Inhaltlicher Widerspruch ist förderlich, Pöbeleien sind öde.

RE: Krieg, Lügen und Presse: Henryk M. Broder zündet die WELT an | 13.05.2011 | 20:27

@j-ap

Wer keine Argumente hat, sollte wirklich die Tür lieber zumachen.

RE: Krieg, Lügen und Presse: Henryk M. Broder zündet die WELT an | 13.05.2011 | 16:31

@ Amanda Donata

Mit Ihrem Kommentar, beweisen Sie, dass alles stimmt, was ich weiter oben zur Diskussion gestellt haben: Die medialen Unterstützer Broders suchen den Kampf mit allen Mitteln. Nicht das Argument, sondern die Beleidigung ist ihre einzige Waffe.

RE: Krieg, Lügen und Presse: Henryk M. Broder zündet die WELT an | 13.05.2011 | 16:19

@ Gerd Wegmann,

vielen Dank für Ihre hilfreichen Argumente und erhellenden links. Ihre Theorie vom Opfermentalitäter und der Liebe zum Widerspruch hat mich überzeugt. Besonders die Anekdote vom pöbelnden Gast im guten Lokal wird mir in Erinnerung bleiben. Er beschwert sich in beleidigender Absicht über den "Saufraß" , den man ihm vorgesetzt habe. Der Wirt findet die passende Entgegnung. An seiner Reaktion werde ich mich in Zukunft orientieren.

Ansonsten zeigen mir ihre links, wie wenig ich auf diesen Sumpf der bösen Absichten vorbereitet war. Jacob Jungs Analyse des Broderschen Welt-Kommentars hat mich mehr zufällig angezogen.

Eigentlich ( Ist dieses Wort bereits der Beginn eines süßlichen Jargons der Eigentlichkeit? Ich glaube, Adorno hat das in Bezug auf Heidegger anders gemeint.) beschäftige ich mich zur Zeit mit Philip Roth' frühen Erzählungen unter dem Titel "Goodbye, Columbus". Schon als Roth 1959 seine Geschichten veröffentlichte, wurde er von interessierter Seite als Judenhasser angegriffen.

Da muss man schon tief in die Trickkiste greifen, um den richtigen Dreh (Neudeutsch "spin") zu finden, denn Philip Roth ist selbst Jude. Seine Geschichte muss man lesen, um sich von Broders Manien befreien zu können.

Hilfreich war auch die am vorigen Freitag auf "arte" ausgestrahlte Sendung "Defamation" des israelischen Filmemachers Yoav Shamir. Dort wurde gezeigt, wie die ADL (Amerikanische Defamations-Liga) weltweit agiert und versucht, die israelische Machtpolitik mit allen Mitteln der psychologischen Kriegsführung durchzusetzen.

Nun muss man nicht gleich wie der Jude Finkelstein von einer "Holocaust-Industrie" reden, wenn man solche Verfahrensweisen anprangert. Doch gilt es, auf alles gefasst zu sein.

Shamirs Film zeigt z.B., wie jugendliche Israelis (30000 jedes Jahr) in Ausschwitz und Umgebung solange mit den entsetzlichen Ereignissen des Holocaust konfrontiert werden, bis sie psychisch zusammenbrechen und einen undifferenzierten Hass auf alles Nicht-Jüdische entwickeln.

Wer das gesehen hat, muss Broders Angriffe auf die Nachdenklichkeit in Teilen der deutschen Öffentlichkeit zum Thema "Völkerrecht" und "Artikel 26 GG" neu bewerten.

Ich hoffe, dass Autoren wie Sie, Herr Wegmann und Jacob Jung den coolen Agitator Broder weiterhin im Auge behalten und durch ihre Analysen verhindern, dass bellizistische Ideen Überhand nehmen.

Ohne "Führungs-, Kampf- und Beziehungskompetenz" wird das nicht gelingen. Das Reich der Versöhnung und der Freiheit liegt in weiter Ferne. Dass das so bleibt, dafür werden Broder und seine medialen Unterstützer immer wieder sorgen. Ein "letztes Gefecht" wird es nicht geben

RE: Krieg, Lügen und Presse: Henryk M. Broder zündet die WELT an | 11.05.2011 | 23:02

Jakob Jung stellt in einer Replik zwei Fragen, die ich mir bei jeder medialen Begegnung mit Henryk M. Broder auch stelle: "Welchem inneren Antrieb folgt ein Broder?" oder fast bedeutungsgleich : "Was sind seine tatsächlichen Motive?"

Immer komme ich zu dem Ergebnis: Eigentlich sind die seelischen Vorgänge anderer Menschen für mich unergründlich.

Dennoch zwingt mich jede Begegnung wieder zu den o. g. Fragen. Erklärungen wie "Charakterarsch" oder "Stinkstiefel" entlasten zwar die eigene Psyche, helfen aber nicht seine Auftritte und Absichten zu verstehen. Auch Begriffe wie "Bellizist" oder "Provokateur" bleiben an der Oberfläche.

Deshalb stelle ich nun einmal einen Erklärungsversuch zur Diskussion, der vielleicht auch den unterschwellig von "j-ap" und "magda" erhobenen Vorwurf des Antisemitismus klären hilft:

Zunächst muss ich gestehen, dass die Andeutungen von "J-ap" und "magda" mich sehr nachdenklich gemacht haben. Wie leicht kann man heute Argumente aushebeln, indem man jemandem Antisemitismus unterstellt? Dabei ist es doch eine geradezu triviale Einsicht, dass die Herkunft eines Menschen sein Fühlen, sein Denken und seinen Lebensweg mitbestimmt .

Broders Herkunft aus einer Familie, die unter dem von Nazideutschland verschuldeten Holocaust gelitten hat, ist allen bekannt. Überlebende des Holocaust genießen in unserer Gesellschaft zu Recht einen besonderen Schutz. Zu diesem Schutz kann aber nicht gehören, dass über die Herkunft der Nachkommen nicht mehr gesprochen werden darf, vor allen Dingen dann nicht, wenn die Aktivitäten dieser Nachkommen in der medialen Öffentlichkeit eine unheilsame Wirkung haben.

Nun zu meinem Erklärungsversuch, den ich ohne Sartres Abhandlung "Betrachtungen zur Judenfrage" (Ulstein Buch 304,Zürich,Berlin, 1963) so nicht hätte schreiben können:

Am liebsten würde ich in meiner Erklärung das Wort "Jude" gar nicht verwenden,aber das geht nicht, wenn ich zu einem Resultat kommen möchte. Dieser Vorbehalt ist bereits ein Problem, in dem unsere ganze Gesellschaft steckt. Wir möchten dieses Wort, das uns an eine schlimme Vergangenheit erinnert, gerne vergessen.

Ich glaube jedoch, dass sich Henry M Broder seiner jüdischen Herkunft sehr bewusst ist. "Judesein" ist keine genetische und keine rassische, keine politische und keine religiöse Bestimmung. Es ist eine geschichtlich und gesellschaftlich entstandene Festschreibung, der scheinbar niemand, weder "Jude" noch "Nicht-Jude", ausweichen kann. Wer es verdrängen will, weicht den Realitäten dieser Welt aus.

Henryk M. Broders Blick auf die Geschichte der Juden in Europa lässt ihm nach Sartre die Wahl ein "verschämter oder aufrechter Jude zu sein." Der "verschämte Jude" passt sich an und will sein "Jüdischsein" vergessen machen, der "aufrechte Jude" bekennt sich zu seiner Herkunft und verteidigt sie mit aller Macht, die ihm zur Verfügung steht.

Sartre schreibt: "Aufrechter Jude sein, bedeutet, sich als Jude bekennen und das jüdische Los auf sich nehmen. Der aufrechte Jude entsagt dem Traum des Weltbürgers, er kennt sich und will in der Geschichte freiwillig die Rolle des Verdammten übernehmen, er flieht nicht mehr vor sich selbst und schämt sich nicht mehr der Seinen. Er hat begriffen, dass die Welt schlecht ist, er glaubt nicht, wie der verschämte Jude, kindlich an den Monismus, sondern an die Mächte der Gesellschaft. Er weiß, dass er abseits steht, unberührbar, geächtet, und dazu bekennt er sich." (S.181)

Dieses Portrait des "aufrechten Juden" lässt sich auf Broders Erscheinung in der Öffentlichkeit übertragen. Broder spielt die Rolle des "aufrechten Juden", der sich der bösen Welt mit Entschlossenheit entgegensetzt, mit Bravour. Ihm ist es egal, was die anderen über ihn sagen und schreiben. Er hat seine Identität gefunden. Mit ihr kann er all die Ängste und Bedrohungen dieser Welt verbal in Schach halten.

Man kann diese Einstellung auch pathologisch nennen. Ich dagegen halte es für sinnvoller, es als einen misslungenen Selbstheilungsversuch zu betrachten. Dabei muss man immer wieder bedenken, dass die Krankheitsursache nicht in ihm liegt. Es ist der jahrhundertealte Antisemitismus, der das Existenzrecht der Juden bestritt. Dazu Sartre: Der Antisemit ist der Hassende. Er "will eine Welt verwirklichen, in der es den Anderen nicht gibt." (S.199) Dieser Bedrohung will der "aufrechte Jude" unter allen Umständen entgehen. So wird er zum "Bellizisten", zum "Demagogen", zum Anbeter der Gewalt.

Wo aber liegt unser Problem? Broders Selbstheilungsversuche kann ich verstehen. Warum aber nutzen unsere Medien diese Therapieform im politischen Diskurs? Broder ist ein individuelles Problem. Ich wünschte ihm, er hätte Freunde, die ihm die Angst vor der bösen Welt nehmen.
Aber warum machen Medien mit diesen Ängsten Politik? Broders Demagogie, seine Vermischung von Rationalem und Emotionalen werden gezielt eingesetzt, um in unserer Gesellschaft eine Stimmung zu erzeugen, die die Kriegsentscheidungen der Nato, die den Nahen Osten betreffen, erleichtern soll.

So, das war's.

RE: Krieg, Lügen und Presse: Henryk M. Broder zündet die WELT an | 10.05.2011 | 19:49

Stünde Henryk M. Broder durch seine Herkunft nicht in einem geschützten Raum, er wäre längst als aktiv-aggressiver, fanatischer und besessener Anbeter der amoralischen Machtpolitik den Rechtsradikalen gleichgestellt und aus der ernsthaften Diskussion abwägender Menschen ausgeschlossen worden.

Dass die Springer-Presse und andere Medien ihm ein Podium bereitstellen, zeigt, dass der Schoß deutscher Medien noch fruchtbar ist für die Geburt gewalttätiger Gedankenströme.