Sky fall in Siegen ... Telefon kaputt

Netz aus Fall Protokoll eines Zusammenbruchs der zivilisatorischen Ordnung
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Montag: 21.01.2013, 6:15°° kurz nach Schichtbeginn

Wachmann Kabulsky zog seine Magnetkarte durch den Schlitz des Zugangskontrollsystems, worauf ein Mechanismus die Türschlossarretierung mit einem vernehmlichen Klick entriegelte. Kabulsky drückte die Tür auf und blickte in den Raum. Er genoss immer wieder das Orchester der säuselnden Lüfter und den schwachen Geruch der elektronischen Bauteile, die die gut 12 Dutzend Computerschränke temperierten, in denen mehr als 100.000 Telefon- und Internetverbindungen die Menschen in der nähren und weiteren Umgebung mit dem Rest des Weltlichen verbanden.

Es schien Kowalsky, wie er so durch die Schrankreihen schritt, dass er eine wichtige Aufgabe erfüllte, schließlich wollten all die Menschen, von denen er dem einen oder anderen vielleicht schon im Internet begegnet war, connected sein, wie er es nannte.

Durch die dicken Panzerscheiben floss das Licht der Laternen auf der frühmorgentlichen Koblenzerstraße in den Rechnersaal und kämpfte mit der gedämpften Notbeleuchtung um die Vorherrschaft. Kabulsky kannte seinen Weg, er konnte mit geschlossenen Augen durch die Reihen gehen und würde doch nirgendwo anstoßen; das hatte er schon ausprobiert. Er hätte auch an der Tür stehen bleiben können und nach 4 Minuten und 43 Sekunden den Serverraum wieder verlassen können. Aber Kabulsky kannte seine Verantwortung und schritt die Galerien der Schränke ab, wie es seiner Pflicht oblag.

Dann stutzte er. Was war das? Unter das Lüftergeräusch von Schrank 9/11, also dem 9. Schrank der 11. Reihe hatte sich ein anderes Geräusch gemischt. Ein scharfes Knistern, irgendwie ein zischendes Knistern. Kowalsky hielt inne, wandte sich 9/11 zu. Da war es wieder. Zwischen den Platinenreihen zuckten bläuliche Blitze, dann hing unvermittelt auch der Geruch schmorender Elektronik in der Luft und durch die transparente Servertür sah er, wie eine Platine explodierte … mit einem vernehmlichen Knall. Kabulsky drückte auf den Alarmknopf an seinem Funkgerät und schrie regelrecht in das Mikrophon: „Feuer in Saal 1, 9/11 steht in Flammen!“, während die Flammen den Schrank ausfüllten und die Tür sich seltsam zu verformen begann. Er flüchtete aus dem Saal um nicht nass zu werden, wenn die Sprinklernanlage einsetzte. Aber sie setzte nicht ein.

21.01.2013, 6:24°°, Oelkinghausen

Rashid Busfia blickte auf seine Armbanduhr. Es wurde Zeit, er musste los, der Bus würde in 5 Minuten vor der Tür halten. Den Koffer hatte er schon am Abend gepackt und alles, was auf seine Identität schließen konnte, entweder vernichtet oder verstaut. Er hatte vor 3 Wochen die kleine möblierte Wohnung in Oelkinghausen gemietet und eine Kaution hinterlegt, aber das war egal, diente nur der Tarnung. Denn in Wirklichkeit hieß er Hassan al Bannah, wie sein Urgroßvater, der Gründer der Muslimbrüderschaft. Seine Gruppe hatte es geschafft, in der Telefonzentral der Telekom eine Bombe zu installieren, die er heute um 7°° ferngezündet hochgehen lassen wollte und zwar wenn er schon im ICE nach Frankfurt saß, von wo aus er nach Hause fliegen wollte. Alles war abgesprochen und organisiert. Es war kälter draußen als er dachte und so knöpfte er den dünnen Mantel zu, als er auch schon den Bus kommen sah. ‚Ich werde Mohammed jetzt anrufen.’ Dachte bei sich, klappte das Handy auf und suchte tippte die Nummer seines Freundes ein. Aber es kam kein Freizeichen, gar nichts geschah. Verunsichert blickte er auf das Handy, dann auf die sich öffnende Bustür, stieg zögernd ein. Was war los? Kein Netz, hatte man sein Handy abgeschaltet? War alles aufgedeckt worden? Vielleicht nur eine kurzfristige Störung. Der Bus fuhr ohne Rucken an. 20 Minuten später passierte er die Koblenzerstraße Schon von weiten zuckten die Blaulichter der Feuerwehrlöschzüge und Polizeiwagen. Er rutschte tiefer in den Sitz, sodass er gerade noch sehen konnte, was auf der Straße los war. Aus dem Fenstern des Telekomgebäudes drang schwarzer Rauch. Hassan überkam Panik. Man hatte alles entdeckt.

21.01.2013, 7:15°°, Oelkinghausen

Werner Keilhau zog die Tür seines AUDI 6 Coupe zu und drückte auf den Knopf. Die Garagentür öffnete sich. Er wollte, bevor er in der Bank seinen Dienst antrat noch in der Bäckerei Stötzel Kaffee trinken und zwei Schinken Croissants zu sich nehmen, wie jeden Morgen. Als er nach Siegen herein fuhr, sah er zwar die Blaulichter von fern, musste jedoch ohnehin vorher abbiegen. Frau Schwarzenback, die Frau des Bäckers, schimpfte laut in der Backstube und trat dann in den Laden. „Guten Morgen Herr Keilhau. Nichts als Ärger, nichts als Ärger. Ausgerechnet heute Morgen muss das Telefon ausfallen.“ „Na, Frau Schwarzenback, haben Sie etwa die Telefonrechnung nicht gezahlt?“ erwiderte er scherzhaft und drohte mit dem Zeigefinger.“ „Mir ist nicht zum scherzen, Herr Keilhau, ich kann die Kunden nicht erreichen, die erst am Morgen ihre Bestellungen durchgeben. Das ist ärgerlich und es ruft auch niemand an.“ Sie schaltete das Radio ein, das auf einem kleinen Regal stand. „… sind in Siegen und Umgebung durch einen Brand die Telefonleitungen ausgefallen. Näheres ist noch nicht bekannt. Wir werden Sie informieren, sobald wir mehr wissen.“ Musik, Adele, Sky fall. „Wie immer, Herr Keilhau?“ Keilhau nickte und dachte nach. Als er die Bank betrat, standen etliche Menschen aufgeregt in der Halle, einige hatten ihre Karten in der Hand und wechselten den Blick zwischen Geldautomaten und dieser. Andere unterhielten sich. „Netzausfall, Telefone Handynetz“ hörte Keilhau als Gesprächsfetzen heraus. Der Bildschirm auf seinem Schreibtisch zeigte nur die WINDOWS Oberfläche als seine Sekretärin durch den Türspalt schaute. „Das Netz ist ausgefallen. Keiner hat eine Verbindung zur Zentrale.“ Sagte sie nur und schloss die Tür. Sorgenfalten zeichneten unvermittelt Keilhaus Gesicht. Er hatte vor einigen Tagen eine riskante aber lukrative Wette platziert. Eigentlich war das nicht erlaubt, aber wenn er einige hunderttausend Profit machte, hatte auch niemand etwas dagegen. Aber 50 Mio. verlieren? Das ging gar nicht. In der Schublade, die er aufschloss, war der Griff einer Pistole zu erkennen.

22.01.2013, 10:00°, Büttenberg

Durch den Forst drangen dumpfe Töne, dem Kundigen bekannte Rhythmen. Die Kühe im Stall waren anfangs etwas unruhig geworden ob des unbekannten Lärms, hatten sich inzwischen jedoch daran gewöhnt. Gesine, Opa Pasulkes Frau, stand auf dem Hof, der nach hinten, zu den Feldern hin zwar offen war, aber zur Dorfstraße immer noch mit der uralten Mauer abschloss, die in alten Zeiten das Anwesen wehrhaft schützte. „Was macht ihr denn den ganzen Morgen?“ fragte Gesine. „Wir reden mit einander, Telfon gibt’s ja nicht mehr.“ „Und wie macht ihr das?“ „Wie damals beim Bund, mit Morse.“ „Nä kenn ich nicht. Verstehst Du das denn?“ „Ja klar.“ „Und mit wem morst du da?“ „Mit Nachbar Hermann.“ „Und was morst er?“ „Der Bus nach Linderhausen kommt gleich.“ „Ach nä. Ja dann geh ich mal. Bis nachher.“ „Jo, is gut, bis nachher.“ ‚Verrückten Kerl’ sinnierte Gesine Kopf schüttelnd und schritt durch das Tor auf die Straße. Die Enkelin kam mit verzweifeltem Gesichtsausdruck aus dem Haus. Sie schwänzte heute die Schule. „Was soll der Lärm Opa? Was macht ihr da?“ Seit dem Vortag funktionierte das Internet nicht mehr und ihre Freunde bei Facebook waren alle still, alles war eigentlich still, nichts ging mehr. „Ich mache Internet Laura, Internet wie früher.“ „Internet wie früher, du spinnst doch Opa, du spinnst echt.“ Opa hörte auf eine andere Trommel. „Hanna kommt gleich, mit dem Fahrrad.“ „Ach Hanna, woher willst Du das wissen?“ „Willi hat’s mir gerade getrommelt.“ Laura wollte etwas erwidern, aber Opa Pasulke trommelte schon wieder, horchte, trommelte, horchte, trommelte. Irgendwie war Laura fasziniert, anscheinend hatte das doch etwas zu bedeuten. Sie wollte schon fragen, als Hanna mit dem Fahrrad durch die Hoftür fuhr. „Opa macht Internet mit der Trommel.“ Doch Hanna schien gar nicht überrascht. „Ich weiß, Papa auch. Aber verstehen kann ich nichts.“ Die Mädchen gingen ins Haus.

23.01.2013, 17:30°°, Niederfischbach

Auf dem Dorfplatz standen lange Tischreihen, wie im Schützenzelt, im Frühling. Ringsherum brannten größere Lagerfeuer und wärmten den Platz, auf dem etliche Leute geschäftig hin und her liefen. Über zwei großen glühenden Kohlebecken brutzelten seit dem Mittag schon zwei Spanferkel und auf dem Thekentisch stand ein 50 Literfass Erzquell Pils. Einige ältere Bauern standen davor und prosteten sich zu. „Ja, so kommt man doch mal wieder zusammen, kein Telefon, kein Internet, kein Handy. Was für ein Segen. Nur die Blagen sind etwas dusselig im Kopf. Hoffentlich hält das noch etwas an. Geht auch ohne.“ „Ja, Klar, Natürlich“ wurde allseits bestätigt. Die Kühe waren gemolken, die Schweine gefüttert, die Frauen hatten Kartoffelsalat bereitet, der Korn stand kühl. Langsam füllten sich Platz und Tische. Eine Combo machte ihren Soundcheck. Selbst Ali und Memet hatten Frauen und Kindern mitgebracht, obwohl sie sonst sehr zurückhaltend waren, was Dorffeste anging. Wegen des Schweinefleisches und des Alkohols, wie man wusste oder vermutete. Aber heute war irgendwie alles anders. Franz Pasulke hatte seinen Bruder aus Büttenberg eingeladen. Sie hatten schon am Morgen die alte Dampfwalze aus der Nachkriegszeit, die Franz – er war früher Straßenbauingenieur – in seinem großen Schuppen noch stehen hatte, geölt und angeheizt, dann kurz ausprobiert. Sie rollte noch, das gute Ding. Jetzt standen beide am Thekentisch und tuschelten mit einigen anderen Männern. Man lachte. Später beim Essen saßen Ali und Memet neben dem Pastor. Der hatte ihnen von der Macht des Wortes und der Taufe berichtet und dass die Mönche früher Kraft der Worte des Herrn einen Hasen zu einem Fisch hatten umtaufen können. Und so aßen alle an diesem Abend Lamm und tranken Bier, denn es war dunkel und Allah sah auch nichts mehr. Außerhalb des Feuerkreises lag im Dunkeln ein Haufen, der dort eigentlich nicht hingehörte. Doch wenn man genau hinschaute konnte man Kabel erkennen. Fast alle Leute hatten sich darum versammelt und manch betrübter Blick, gerade der jungen Leute und Kinder, lag auf diesem Haufen. Dann rollte aus Franz Schuppen dampfend und zischend die alte Straßenwalze heran. Sie rollte mal vorwärts, mal rückwärts über den Haufen, bis dieser zwischen den Spalten des Kopfsteinpflasters fast verschwunden war. Danach setzte man sich unter Gejohle wieder an die Tische und feierte. Kein Handy störte in dieser denkwürdigen Nacht den Frieden im Dorf.

Unbemerkt von alledem und unbemerkt von den Leuten, die das Telekomgebäude von den Brandresten säuberten piepte das einsame Handy im Keller ein letztes Mal. Dann erlosch der kleine Bildschirm, denn der Akku war leer.

Terry Rich

20:52 24.01.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 3