„Männer sind wie große Babys“

Interview Julia Kugel ist Sängerin der Punkband The Coathangers. Und kämpft in der Alternativ-Musikszene gegen Geschlechterklischees
Till Hahn | Ausgabe 16/2016 3

Seit nun zehn Jahren spielen die vier Frauen aus Atlanta zusammen als The Coathangers. Der Name ist ein Verweis auf Abtreibung per Kleiderbügel. Die Punkband, die in einer Garage begann, ist mittlerweile bei dem renommierten Indie-Label Suicide Squeeze unter Vertrag. In den USA sind sie mehr als nur ein Geheimtipp und spielen bei großen Festivals. Mit Nosebleed Weekend liegt nun ihr fünftes Studioalbum vor, ab dem 9. Mai kommen die Coathangers auf Deutschlandtour. In Kalifornien haben sie gerade ihr Album-Relase gefeiert. Trotz Zeitverschiebung und Tour-Vorbereitung wirkt Sängerin Julia Kugel im Telefon-Interview aber recht entspannt.

Der Freitag: Ihre Band kommt ursprünglich aus Atlanta, der Hauptstadt des Bundesstaates Georgia, also aus dem tiefsten Süden der USA. Was bedeutet diese Herkunft für Sie?

Julia Kugel: Das hat uns sicher geprägt. Als wir 2006 angefangen haben, waren wir alle Anfang 20 – und Atlanta war damals kein guter Ort für junge Frauen. Es waren die Jahre der Bush-Regierung. Man hatte ständig das Gefühl, dass man darum kämpfen musste, irgendwo sein zu dürfen, irgendwo hingehen zu können. Es gab immer viel Widerstand gegen die Szene, also waren die Leute düsterer, aggressiver als heute. Die Shows damals waren ziemlich rau. Aber für uns war es auch die richtige Zeit am richtigen Ort.

Atlanta gilt als die „Hauptstadt des Striptease“ in den USA und lockt ein dementsprechendes Publikum an. Bands aus Atlanta wie etwa die Metalgruppe Mastodon beziehen sich darauf in ihren Musikvideos. Wirkt sich das auch auf das vorherrschende Frauenbild dort aus?

Ich glaube, Portland an der US-Westküste hat die meisten Stripclubs pro Einwohner, aber Atlanta hat da schon auch einen Ruf. Ich halte es aber für einen Fehler, den Frauen eine Opferrolle zuzuschieben. Im Gegenteil, Frauen sollten das Recht haben, über ihren Körper zu verfügen. Das bedeutet auch, dass sie damit Geld verdienen können, wenn sie das wollen. Ich sehe das als nicht so problematisch an.

Zur Person

Julia Kugel, geboren 1983, ist Sängerin und Gitarristin der Coathangers. Bis sie sieben Jahre alt war, wuchs sie in Weißrussland auf, dann zogen ihre Eltern mit ihr in einen Vorort von Atlanta. Ihr Künstlername ist Crook Kid Coathanger

Auf Youtube finden sich immer wieder sehr sexistische Kommentare unter euren Videos. Von denen ist „Diese Mädchen sollten aufhören, Musik zu machen und anfangen, Kinder zu kriegen“ noch der netteste. Solche Kommentare werden da aber auch regelmäßig gelöscht. Also ärgern sie Sie?

Den Kommentar mit dem Kinderkriegen kenne ich nicht, aber ich lese grundsätzlich keine Kommentare. Im Internet kann ja jeder schreiben, was er will. Das finde ich eigentlich gut, weil es den Menschen eine Stimme gibt, aber wenn sie die nutzen, um so einen Blödsinn zu schreiben, dann interessiert es mich nicht. Ärgern tun mich nur Kommentare von persönlichen Bekannten, aber von denen stehen zum Glück die meisten hinter dem, was wir machen.

Eines der zentralen Themen Ihrer Songs ist – eigentlich ganz klassisch – gescheiterte Liebe oder die Unfähigkeit, eine Beziehung zu führen. Verarbeiten die Coathangers da eher persönliche Erfahrungen oder ist es mehr eine generelle Absage an die Hollywood-Ideologie von ewiger Liebe?

Die meisten unserer Songs basieren auf Erfahrungen, die wir selbst gemacht haben. Aber was auch immer uns persönlich passiert, bekommt natürlich eine politische Dimension, sobald wir darüber singen und uns entscheiden, es an die Öffentlichkeit zu tragen. Ich würde im-mer sagen, dass das Persönliche auch politisch ist. Es ist persönlich in unserer Erfahrung, aber politisch in dem, wie wir es ausdrücken wollen.

Mit ‚Nosebleed Weekend‘ liegt nun das fünfte Studioalbum vor. Im Vergleich zum Vorgänger ist es melodischer und vielschichtiger. Woher kommt diese Entwicklung?

Wir haben uns diesmal mehr Zeit gelassen. Außerdem haben wir es nicht mehr in Atlanta, sondern in Kalifornien aufgenommen. Dort im Studio haben wir uns intensiver um die einzelnen Stücke gekümmert, sie länger ausgefeilt. Aber ich denke, wir haben als Band auch eine generelle Entwicklung durchgemacht, sind auch älter geworden. So sind unsere Texte im Vergleich zum letzten Album weniger direkt, eher poetisch. Obwohl natürlich auch Stücke auf dem Album sind, die immer noch richtig ge-radeheraus losgehen.

Beim Singen wechseln Sie sich mit der Schlagzeugerin Stephanie Luke ab. Oft unterscheiden sich die Songs dann auch musikalisch deutlich. Liegt das am Prozess des Songwritings?

Generell ist es bei uns so, dass diejenige, die den Song geschrieben hat, ihn auch singt. Aber meistens schreiben wir die Songs zusammen. Das sieht dann so aus, dass eine mit einer guten Idee kommt und wir die dann zusammen weiterentwickeln. Manchmal kommt dabei am Ende ein ganz neuer Song raus.

In den Texten tauchen oft Bilder auf, die mit körperlicher Gewalt spielen. Woher kommt das?

Ich würde das nicht Gewalt nennen, eher Aggression und Frustration. Wir sind ja keine gewalttätigen Menschen, die sich jedes Wochenende prügeln. Aber woher das kommt? Manchmal sind es ganz konkrete Sachen: Zum Beispiel Springfield Cannonball basiert auf einem persönlichen Erlebnis, über das ich aber hier lieber nicht sprechen will. Da bietet die Form des Songtextes dann doch einen gewissen Schutz vor dem Eins-zu-eins-Abgleich. Aber diese Aggression ist vor allem auch ein Ausdruck des Gefühls der Frustration, das wir noch mehr hatten, als wir angefangen haben. Mittlerweile ist das wohl schon etwas anders geworden.

Der Bandname – The Coathangers – verweist auf den Kleiderbügel als Werkzeug für illegale Abtreibungen. Gerade in den religiösen US-Südstaaten ist Ab-treibung auch heute noch ein sehr umstrittenes Thema. Hat die Band deshalb schon einmal Probleme bekommen?

Wir machen ja keine Werbung für die Abtreibung per Kleiderbügel. Wir sehen es als etwas, von dem wir hoffen, dass es uns und auch niemandem sonst irgendwann einmal passiert. Insofern ist es als ein Verweis auf die Freiheit gedacht, mit dem eigenen Körper tun zu können, was man damit tun will. Dass einem also niemand vorschreibt, was man machen darf und was nicht. Gerade weil das für Frauen immer noch nicht selbstverständlich ist, müssen wir immer wieder darauf hinweisen. Es ist traurig, dass das immer noch so ein um-strittenes Thema ist, aber die fanatischen Abtreibungsgegner waren zum Glück bisher zu dumm, um die Referenz unseres Namens zu verstehen.

Würden Sie die Coathangers also als feministische Band beschreiben?

Wir sind definitiv Feministinnen, und ich hoffe, Sie sind auch ein Feminist. Dabei geht es ja darum, das Recht zu haben, zu tun was man tun will, zu sagen, was man sagen will. Aber wir sind eigentlich auch nur eine Punk- oder Post-Punk-Band. Es nervt etwas, wenn man uns immer als „Mädchen-Band“ betitelt, als ob das so etwas wahnsinnig Besonderes sei. Man würde ja auch umgekehrt nie von Jungs-Bands reden. Die sind dann eben einfach nur Bands.

Hat sich da in den vergangenen zehn Jahren etwas verändert?

Frauen fordern diese Stereotype ja schon seit langer Zeit heraus. Und ich denke, mittlerweile sind sie öfter bereit, auch rauer und selbstbewusster aufzutreten. Deshalb gibt es jetzt mehr Frauen-Bands, die jenseits des Cheerleader-Nette-Mädchen-Klischees agieren.

Denken Sie dabei an die Riot-Grrl-Bewegung? Von der kann man einige Einflüsse in der Musik der Coathanger hören ...

Ist das so? Ich denke, diese Überschneidung liegt dann daran, dass Frauen doch andere Musik machen als Männer, dass sie anders mit ihrer Stimme arbeiten – und vielleicht auch andere Themen ansprechen. Die Ähnlichkeit ist jedenfalls nicht beabsichtigt, aber ich nehme das trotzdem als Kompliment.

Dabei fällt einem vor allem das Video zu dem Song ‚Follow Me‘ ein, in dem die Metalgruppe Mastodon, die ansonsten recht machohaft-breitbeinig auftritt, die Rollen in Ihrer Band spielt. War das auch als eine Herausforderung und ein Hinterfragen der Gender-Normen im Musikgeschäft gedacht?

So habe ich noch nie über dieses Video nachgedacht. Eigentlich wollten wir nur vermeiden, selber darin aufzutreten, und so haben wir die Jungs eher als Sündenböcke missbraucht. Aber sie hatten auf jeden Fall Spaß, uns zu spielen und haben sich auch ihre Kleider dafür selbst ausgesucht. Insofern ja, das war auch auf ganz konkreter Ebene ein Spiel mit den Gender-Normen.

Seit zehn Jahren sind Sie in der Alternative-Szene unterwegs. Obwohl sich diese Szene gern in Abgrenzung zum heteronormativen Mainstream inszeniert und ihr Anderssein betont, ist sie doch immer noch von heterosexuellen weißen Männern dominiert. Zeichnet sich da eine Veränderung ab?

Das ist schwer zu sagen. Es kommen ja immer wieder auch gute Bands hoch, die nicht nur aus Männern bestehen. Und viele Frauen werden mittlerweile auch Musik-Managerinnen und Ähnliches. Aber die Männer benehmen sich immer noch genau wie vor zehn Jahren.

Und zwar?

Na, wie große Babys. Auf der Bühne sind sie hart, aber dann weinen sie in der Garderobe. Gleichzeitig müssen wir als „Frauen-Band“ immer noch den gleichen Mist ertragen wie vor zehn Jahren. Wir werden oft für weniger professionell gehalten als unsere männlichen Kollegen, für emotionaler und so weiter. Ich denke, da unterscheidet sich das Musikgeschäft nicht von einem normalen Bürojob. Da sind die Verhältnisse oft ja auch nicht weiter. Das wird sich eines Tages ändern müssen.

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06:00 27.04.2016
Geschrieben von

Till Hahn

Journalist und Schriftsteller. Betreibt den Blog 'die Wunde' über Kultur & Barbarei
Till Hahn

Ausgabe 33/2020

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