Meister des Mittwochskinos

Fernsehen "Meister des Todes" ist erstaunlich gut recherchiert, doch als Spielfilm funktioniert er nicht

Illegale Waffenexporte deutscher Rüstungsfirmen empören die Öffentlichkeit. Besonders wenn sie, wie in der Vergangenheit geschehen, von Regierungsbeamten mitgetragen werden. Dass Waffenexporte in Krisengebiete, wie etwa einige Bundestaaten von Mexiko, illegal sind, hat einen bestimmten Grund: Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Waffen hier gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt werden. Da Waffenhändler und Beamte dies billigend in Kauf genommen haben, und zwar mit dem einzigen Ziel, daraus Profit zu schlagen, sind sie Krimminelle.

Über diese Krimminellen wird die ARD am morgigen Abend einen Film ausstrahlen. Er trägt den Titel "Meister des Todes" und ist erstaunlich gut recherchiert. Die Inszenierung als Polit-Thriller bleibt aber hinter ihren Möglichkeiten zurück. Die Figuren bleiben zu platt, um Spannung zu erzeugen.

Die Story des Films ist schnell erzählt: Der Waffenexperte Peter Zierler wechselt in die Vertriebsabteilung der fiktiven Waffenschmiede HSW, lokalisiert in der schwäbischen Provinz. Sein Vorgesetzter Alex Stengele nimmt ihn mit auf eine Dienstreise nach Mexiko, wo sie dem korrupten Verteidigungsministerium ihr neues Sturmgewehr verkaufen. Zurück in der Provinz bekommt Peter mit, dass der Deal nicht ganz sauber ist, denkt sich aber weiter nichts dabei. Auf einer zweiten Reise gerät er dann aber in eine Demonstration, bei der mexikanische Polizisten mit dem eben verkauften Gewehr eine Studentin niederschießen. Diese stirbt dann auch in seinen Armen. Da erst stellt er fest, wozu die Dinger eigentlich gut sind, die er da baut. Er kündigt seinen Job, geht an die Öffentlichkeit und wird zur Persona non Grata im Provinznest, in der praktisch alle vom Geschäft mit dem Töten leben.

Soweit könnte das ein spannender Film sein, um sich den Mittwochabend um die Ohren zu schlagen. Ein Highlight des Polit-Thrillers wird der Film jedoch nicht. Das ist schade, denn das Thema hätte das Zeug dazu. Die Schauplätze wirken zu konstruiert und die Figuren sind zu eindimensional daraufhin ausgelegt, dass der moralische Standpunkt, den sie jeweils vertreten, deutlich wird. Und zwar so übertrieben, dass es auch der letzte Zuschauer versteht.

Zu zynisch wirkt der Waffenhändler Alex, wenn er seinem Freund Peter sagt, er solle "an sein Haus denken", anstatt an die ermordete Studentin. Dass er in der selben Szene seine Frau schlägt, zeigt: Dies ist keine Identifikationsfigur. Auch seine Frau hat es nicht leicht: Als friedensbewegte Gattin eines Waffenhändlers ist sie alkoholabhängig, und dann wird sie auch noch von Veronica Ferres gespielt. Aber die Plattitüden sind noch nicht erschöpft: Es gibt da noch den pragmatisch profitorientierten Mittelsmann in Mexiko, den geldgeilen Firmenboss, der auch gerne mal über Leichen geht, die naive und weltabgewandte Frau Peters, die dann wirklich ans Haus denkt und eine kritische mexikanische Lehrerin, die von Anfang an behauptet, dass deutsche Waffen in Mexiko zum Morden benutzt werden.

Entsprechend eindimensional sind die Schauplätze: In Mexiko versinkt alles im Chaos, alles ist ein bisschn ramponiert, die Leute sind fröhlich, chaotisch, korrupt und mordlustig. Dem gegenüber steht die schwäbische Provinz, durch Vollbild-Einstellungen auf ein abgeerntetes Getreidefeld schon etwas zu bedrückend angekündigt. Das kleinbürgerliche Milieu, dass dargestellt werden soll, bleibt zu klischeehaft. Besonders wenn Peter dann ein Ausgestoßener ist: ein Gast des örtlichen Italieners uriniert auf Peters Pizza, die Polizei weigert sich, Peters Familie zu schützen, nachdem auf sein Haus geschossen wurde. Das alles ist zu hölzern auf die Mitteilung getrimmt: Aha, hier handelt es sich um einen Ausgestoßenen. Die ARD bleibt damit ihrer Vorstellung des Fernsehfilms treu: keine Überraschungen.

Trotz dieser Mängel strotzt der Film aber von detailliertem Wissen um die kriminelle Vergangenheit und Gegenwart der deutschen Waffenschmieden. Obwohl es sich ausdrücklich um eine fiktive Geschichte handelt, sind die Figuren dem echten Leben abgelauscht. Die Autoren haben über ein Jahr intensiv recherchiert und mehrere tausend Seiten Material zusammengetragen. Interessanter als der Spielfilm dürfte daher die Dokumentation im Anschluss werden: "Wie das G36 nach Mexiko kam". Wer nicht auf Fernsehfilme steht, kann die anderthalb Stunden nutzen, um nochmal eben schnell eine Flasche Tequila zu besorgen. Bei dem, was die Reporter da zu Tage gefördert haben, kann man eine brauchen.

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Ihre Freitag-Redaktion

09:18 22.09.2015
Geschrieben von

Till Hahn

Journalist und Schriftsteller. Betreibt den Blog 'die Wunde' über Kultur & Barbarei
Till Hahn

Ausgabe 27/2020

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