Tanja Haller

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RE: Abgeschaltete Gefühle | 02.06.2011 | 17:35

Sehr geehrter Herr Krippendorff, wie Sie selbst schreiben, machen Sie es sich meiner Meinung nach tatsächlich "zu einfach"; mit dem "tendenziellen Befund", der "Beobachtung eines langfristigen Trends aus historischer Perspektive auf die gegenwärtige Theaterlandschaft" machen Sie die Institution Theater völlig zu Unrecht verantwortlich für einen schleichenden Prozess, der gesamtgesellschaftlich existent ist und ein Phänomen im Zuge des modernen Spätkapitalismus darstellt. Das Theater ist höchstens ein mehr oder weniger ohnmächtiger Zeuge dieser Entwicklung und kann, was auch seine Aufgabe ist, versuchen, diese fatalistische Tendenz bewusst zu machen und ihr dadurch Einhalt zu gebieten bzw. die Gemüter wieder wach machen. Meiner Beobachtung nach brauchen Sie bloß auf die Straße gehen und sich umsehen; immer mehr Menschen verkriechen sich tendenziell mehr und mehr in "sich selbst" oder was sie dafür halten, immer weniger wagen mehr, spontan zu reagieren geschweige denn Zivilcourage an den Tag zu legen, wenn es not tut. "Jeder denkt an sich nur ich denk' an mich", scheint das Credo zu sein. Grund hierfür scheint mir u.a. die bewusste Verblödung vor allem der privaten, aber auch schon der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. Dieses Anprangern ist so alt wie das Medium selbst, mögen Sie sagen, jedoch nicht minder präsent und vielleicht sogar unerschätzt? Die "RTLisierung" der Zuschauer bedeutet, wenn Sie es nicht schon ahnen, die Verflachung bzw Verdummung der Seh - und Hörgewohnheiten der Rezipienten, und zwar mit voller Absicht. Wache, sensible Geister sind unbequem, störend und können sogar gefährlich werden für die Pläne der stetig wachsenden Unterhaltungsindustrie, die Individuen heranzüchten will, die das fressen und konsumieren, was eben diese Industrie ihnen anbietet bzw vorschreibt. Die Strategie ist konsequent und, wie man durch Ihre Beobachtung bestätigt sieht, erfolgreich. Keine Sequenz im TV dauert länger als 4 bis 5 Serkunden, dann Schnitt, dann alle 15 bis 20 Minuten Werbung, und zwar extrem laut, schrill, schnell und bunt, also äußerst penetrant und meist dann, wenn es (für Rtl - Niveau) spannend oder interessant oder intim wird und man sich (ein bischen) hingezogen fühlt zum Gesehenen.. Dadurch entsteht unterbewusst beim Betrachter die Haltung "Wenn ich mich öffne, werd ich verarscht." (auf deutsch gesagt). Außerdem verliert der menschliche Geist die -als Homo Sapiens im 21.Jhd. eigentlich unerlässliche- Fähigkeit zur Konzentration. Also Komprimierung der Energien auf einen ( in Worten: einen !) Sachverhalt. Im Theater findet eine negative Irritation des Gemüts statt, das -im Grunde endlich einmal- NICHT multitasking zu sein braucht. Sondern hier gilt: hinsetzen, wahrnehmen, aufnehmen. Die scheinbare (!) Unterforderung wird häufig als Überforderung wahrgenommen: keinen Anruf erwarten, keine Sms schreiben, Laptop ausmachen, zurücklehnen, aufmachen, loslassen, ehrlich sein. Kriegt fast keiner mehr hin. Die immer schneller eintretende Müdigkeit oder das häufige Abschweifen der Theaterzuschauer ist, und da gebe ich Ihnen Recht, mitunter nachvollziehbar. Auch ich saß schon verärgert da und habe gedacht 'dafür muss man nun wirklich keine Steuergelder ausgeben'. Beim Fernsehen ist dieser Gedanke allerdings viel häufiger begründet, um nicht zu sagen fast immer. Die erschreckend niedrige Qualität der Soaps und Serien bewirkt, das man kein Bewusssein von, kein Verhältnis zu Qualität hat. Natürlich nicht nur das Fernsehen, auch die Printwerbung trägt dazu bei, das die Leute nicht mehr hinsehen, weil sie an jeder Bushaltestelle von irgendeinem magersüchtigen H - Girlie angegrinst werden, dem jegliche Menschlichkeit von Gesicht und Körper wegretouchiert worden ist. Und Hinhören wird auch schwieriger gemacht, weil jeder "Song" in den "Charts" dermaßen gleichgemacht, hochgesampelt und technisch aufgemotzt ist, bis auch der letzte Feinsinn totgegagat ist. Immer mehr Schein, immer weniger Sein heißt der Zeitgeist, und der verwechselt immer häufiger cool mit blöd und merkt es leider immer seltener. Ich gehe sogar noch weiter; auch das Fast Food - Essen stellt die Konsumenten ruhig und schmälert ihre Aufmerksamkeit. Gleichzeitig wird die arbeitende Bevölkerung allerdings gnadenlos angetrieben; höher/schneller/weiter/Amerika heisst die Devise, worauf mit immer häufigeren Burnouts reagiert wird. Und dann sitzt man im Theater und kann gar nicht mehr. Und hier ist einer der wenigen Orte, wo man das noch merkt. Weil da sind ja auch noch andere. ich beobachte generell einen schleichenden Argwohn, eine Vorsicht, die sich im Verhalten verankert. Wer aufmacht und spontan reagiert, macht sich verletzbar, bietet Angriffsfläche. und wirkt vielleicht -Gott bewahre- uncool. Gefühle machen unsouverän. Der smarte erfolgreiche Geschäfsmann auf der Titelseite der 'Herald Tribune' guckt anders aus der Wäsche. Wissend und irgendwie gerissen. Und so sollen wir alle doch bitte sein. Oder besser, einige. Die, die es verdient haben. Und die flott gestylte Businessfrau auf der 'Cosmopolitan' lächelt souverän und zart, weil sonst gibt es ja Falten. Die abgeschalteten Gefühle entstehen nicht im Theater, sie sind dort zu beobachten als eine Entwicklung, die draußen, in der Gesellschaft unserer Zeit passiert. "du sollst nicht merken" heisst das Prinzip. In der Kategorie "bald sagen sie piep". Bitte fallen Sie dem Theater nicht in den Rücken, es ist (neben einigen Schriftstellern) die letzte Instanz, die noch versucht, sich zu konfrontieren mit der tendenziellen Erstarrung der "Lebewesen" und sich den Kopf zerbricht darüber, wie man den drei Affen die Hände vom Kopf nehmen kann.