1925: Der erste Pelé

Zeitgeschichte Vor 90 Jahren ist Uruguays Fußballteam das Maß aller Dinge. Für sie spielt ein Mann, dessen Charme auch Stars wie Josephine Baker erliegen. Doch damit ist es bald vorbei
Brian Oliver | Ausgabe 09/2015 1
1925: Der erste Pelé
Andrade nach dem Gewinn der Olympischen Goldmedaille in Paris 1924

Foto: AFP/Getty Images

Als die uruguayische Equipe bei den Olympischen Sommerspielen 1924 – die im Kern eine WM war – ihr erstes Spiel austrug, nahm davon am Austragungsort Paris kaum jemand Notiz. Während zum Match zwischen Italien und Spanien 20.000 Zuschauer kamen, wollten tags darauf nur einige hundert sehen, wie sich die Südamerikaner gegen Jugoslawien schlugen. Dessen Trainer hatten Spione zu einem Training der Uruguayer geschickt und sagten einen leichten Sieg voraus. Doch die Uruguayer gewannen 7:0. Sie hatten von den Spähern Wind bekommen und schossen im Training absichtlich daneben. Drei Tage später schlug Uruguay die USA mit 3:0. Der spanische Korrespondent Enrique Carcellach schrieb dazu: „Ich sehe mir jetzt seit 20 Jahren Spiele an, aber ich habe noch nie eine Mannschaft von solcher Klasse gesehen. Ich hätte nicht gedacht, dass Fußball derart virtuos sein kann.“ Italiens Gazzetta dello Sport schrieb ähnlich euphorisch von „musikalischer Phrasierung“ und „stilistischer Perfektion“. Gabriel Hanot, Herausgeber von L’Equipe, der selbst international gespielt hatte, animierte der Unterschied gegenüber europäischen Fußballern zum Vergleich „Vollblüter und Ackergäule“. Die Nachricht von der neuen Traummannschaft verbreitete sich schnell – und den 5:1-Sieg Uruguays über Frankreich sahen bereits 45.000 Menschen, das Halbfinale noch einmal so viel.

Unangefochtener Star der Mannschaft war José Leandro Andrade, der zumeist im Mittelfeld spielte. „Alle, die ihn sahen, waren von der Eleganz verzaubert, mit der er sich bewegte“, schrieb der renommierte Sportjournalist Hans Ulrich Gumbrecht, der zugleich „eine sensationelle athletische Energie“ rühmte, die „ein starkes, fast schon erotisches Verlangen auslöste“. Andrade nahm das Publikum derart für sich ein, dass Hunderttausende kamen, um ihn zu sehen. Er war nicht nur der herausragende Spieler seiner Zeit, sondern sorgte mehr als irgendwer sonst im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts dafür, dass der Fußball auf die Agenda des Weltsports gehoben wurde. Er war das frühe Beispiel eines Sportlers, der zum Sexsymbol und wegen seines Fußballs als „der erste Pelé“ bejubelt wurde. Andrade war berühmt dafür, seine Tore nie groß zu feiern und oft das Training zu schwänzen. Und er war eine imposante Erscheinung, groß und athletisch, dazu ein versierter Tänzer, der in seiner Jugend angeblich als Gigolo gearbeitet hatte.

Als Andrade 1925 mit seinem Heimatverein Nacional durch Europa tourt, wird er zum Liebling von Frauen aus den höchsten Kreisen der Pariser Gesellschaft. Wie andere Künstler ist auch die Grande Dame der französischen Literatur, Sidonie-Gabrielle Claudine Colette, im Vorort Argenteuil zu einer Party in jener Villa geladen, die der Mannschaft als Domizil dient. Die Zeit ihres Lebens von Skandalen umgebene Autorin soll im Auftrag von Le Matin einen Artikel schreiben. „Sie war aus beruflichen Gründen da und verhielt sich gleichgültig“, hieß es in einem Augenzeugenbericht, der 1953 in Uruguay veröffentlicht wurde. „Ein argentinisches Orchester, das gerade in Paris gastiert, spielt auf, und Andrade erhebte sich. Madame Colette öffnet ihre Augen. Ihr Interesse verwandelt sich in Begeisterung, als Andrade und sein Teamkollege Alfredo Zibechi in Kostüme gekleidet zum Klang der Trommeln anfangen, Tänze vorzuführen. Am Ende der Party isst sie Asado-Grillfleisch nach uruguayischer Art, indem sie es mit der Spitze ihres Messers aufspießt.“ In Colettes eigenem Bericht für Le Matin ist zu lesen: „Uruguayer stellen eine seltsame Mischung aus Zivilisation und Barbarei dar. Sie sind grandiose Tangotänzer. Aber sie beherrschen auch afrikanische Stammestänze, die einen erschaudern lassen.“

Tango tanzen mit Josephine Baker

Einmal, als Andrade allein die Villa in Argenteuil verlässt, fürchten die Trainer, er werde sich verlaufen, schicken seinen Zimmergenossen Ángel Romano hinterher, um ihn aufzuspüren. Der findet Andrade in einem Luxusapartment in einer der exklusivsten Gegenden der Stadt, umgeben von wunderschönen Frauen wie in einem Harem. Auf einer solchen Exkursion trifft Andrade auch jene Person, über die Ernest Hemingway einmal sagt, sie sei „die sensationellste Frau, die man jemals zu Gesicht bekommen hat“. Tatsächlich ist sie die Attraktion im Paris der 20er Jahre: Josephine Baker. Der erste schwarze Filmstar und die erste schwarze Fußballikone tanzen zusammen Tango. Es wird natürlich viel spekuliert, ob die Begegnung zu einer Affäre führt. Wie bei so vielen Geschichten in Andrades Leben sind auch hier die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion fließend. War Andrades Vater bei dessen Geburt wirklich 98 Jahre alt?, wird bis heute gefragt. Hat der Sohn zeitweise als Gigolo gearbeitet? War die Kollision mit einem Torpfosten oder die Syphilis Grund für seine halbseitige Erblindung?

Als Andrade im Herbst 1925 nach Uruguay zurückkehrte, war er ein anderer Mensch. Er wurde zum Dandy und trug gelbe Handschuhe, einen teuren Mantel, Lederstiefel, eine Krawatte aus Seide und einen Zylinder. Die schwarze Community von Montevideo arrangierte eine Feier zu seinen Ehren, doch der Champion erschien nicht, womit er viele gegen sich aufbrachte. Seine Mannschaftskollegen fanden, Andrade sei schwer zu durchschauen. Sicher ist, dass er nie versucht hat, die Öffentlichkeit für sich zu gewinnen, was ihm später möglicherweise zum Nachteil gereichte.

Auf jener Europatournee mit Nacional kamen 800.000 Zuschauer, um den berühmten Uruguayer zaubern zu sehen. Bei diesen Spielen jedoch konnte Andrade nur noch in Maßen auflaufen. Als er in Brüssel zum Arzt ging, stellte der die Diagnose: Syphilis. Danach soll Andrade verschwunden sein. Erst zwei Monate später tauchte er wieder in Montevideo auf. Wer ihn sah, hatte den Eindruck, er verliere an Gewicht und wirke niedergeschlagen. Andrade erklärte, er fühle sich „irgendwie krank“ und werde eine Kur brauchen.

Bemerkenswerterweise spielte er weiter, hatte zwar etwas von seiner Geschwindigkeit verloren, aber nichts von seinen Fähigkeiten. Als Uruguay 1928 das olympische Finale in Amsterdam erreichte, bewarben sich über 250.000 Menschen um ein Ticket – das Zehnfache dessen, was das Stadion fassen konnte. Uruguay schlug Argentinien 2:1, doch war Andrade beim Halbfinale gegen Italien mit einem Torpfosten kollidiert und so schwer verletzt worden, dass er später auf einem Auge erblindete. Andere führten dies allerdings auf die Syphilis zurück.

Als Uruguay 1930 die erste Fußball-WM ausrichtete, war Andrade noch langsamer geworden, kam trotzdem in jedem Spiel zum Einsatz und war noch so gut, dass er es in die von der FIFA gewählte „Mannschaft des Turniers“ zu schaffte. Nachdem Uruguay im Finale erneut gegen Argentinien gewinnen konnte, wurde er einmal mehr als Nationalheld gefeiert – zum letzten Mal. Er spielte noch ein paar Jahre für verschiedene Clubmannschaften in Montevideo und Buenos Aires, bis er sich etwas anderes suchen musste. Während seine einstigen Mitspieler erfolgreiche Trainer und Geschäftsleute wurden oder zum Film gingen, trank Andrade zu viel und konnte keiner geregelten Arbeit mehr nachgehen. Er litt unter einer unglücklichen Ehe und an Depressionen.

1950 lud man ihn als Ehrengast zur WM nach Brasilien ein. Sein Neffe, VÍctor RodrÍguez Andrade, der den zweiten Familiennamen zu Ehren des illustren Onkels angenommen hatte, spielte in der erneut siegreichen uruguayischen Mannschaft. Als der deutsche Journalist Fritz Hack 1956 nach Montevideo flog, um Andrade zu interviewen, fand er ihn nach sechs Tagen in einer Kellerwohnung, wo er unter „furchtbaren Bedingungen“ hauste. Andrade war viel zu betrunken, um Hacks Fragen zu verstehen. Innerhalb eines Jahres starb der erste Superstar des uruguayischen Fußballs in einem Nachtasyl der Stadt Montevideo, abgebrannt, alkoholabhängig und erst 56.

Brian Oliver ist Sportautor beim Observer und schreibt vor allem über Fußball

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 04.03.2015
Geschrieben von

Brian Oliver | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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