„Die Freak-Show hat nie aufgehört“

Funk-Legende Bootsy Collins hat eine neue Platte, und sie ist richtig gut. Als Botschafter des Funk will er heute vor allem eines: Dass Jimi Hendrix stolz auf ihn sein könnte

Wer schon mal den Eindruck hatte, dass die moderne Popmusik früher irgendwie unbekümmerter und durchgeknallter war, der dürfte sich bestätigt fühlen, wenn er liest, wie der legendäre Funkadelic-Bassist William „Bootsy“ Collins einen typischen Tag als Mitglied in der Combo mit den sternförmigen Gitarren und Sonnenbrillen im Jahr 1972 beschreibt.

„Nun, Sie müssen sich eine Art Orgie vorstellen“, sagt Bootsy im weichen Tonfall des mittleren Westens, der nichts von seiner Bühnenpersönlichkeit preisgibt. „Stellen Sie sich eine Menge Mädels vor. Alle laufen nackt herum – und überall machen sie wilde Sachen. Alle nehmen LSD und rauchen Gras, keiner hat vor irgendetwas Angst. Was immer du dir vorstellen kannst – mach es! Diese Stimmung herrschte vor dem Auftritt, während des Auftritts und nach dem Auftritt. Echt wahr, die Freakshow hörte nie auf. Ich habe zwei Jahre lang jeden Tag LSD geschluckt, bis hin zu dem Punkt, an dem ich das Gefühl hatte, in einer anderen Welt zu leben.“

Er lacht, und hat auch allen Grund dazu. Viele seiner Zeitgenossen sind inzwischen tot, verrückt geworden oder völlig fertig. Bootsy aber ist immer noch da. Er hat weder graue Haare in seinem Oberlippenbart noch Falten in seinem Gesicht. Er trägt die Farben seines Lieblings-Football-Teams – der Cincinnati Reds – und könnte glatt für 25 durchgehen. In Wahrheit ist er 59. Und nun hat er mit Tha Funk Capital of the World nicht einfach nur ein neues Album mit Gastbeiträgen herausgebracht, die emotional das Spektrum von Snoop Dog bis Rev Al Sharpton abdecken - es ist auch ziemlich gut.

Zu Besuch auf der Bootzilla Ranch

Collins' Ranch Bootzilla ist mit 90.000 Quadratmetern Wald (eine Stunde von Cincinatti entfernt) groß genug für ein eigenes Tag auf Google Maps. Auf dem Grundstück steht noch ein anderes Haus, in dem seine Mutter lebte. Ein wunderbar ruhiger Ort, nicht weit vom Fuße der Appalachen. In den holzvertäfelten, mit Leopardenfellen ausgelegten Inneren seines Hauses ist es dunkel wie in einem Nachtclub. Die Beleuchtung ist gedämpft. Die Wände sind bis auf den letzten Quadratzentimeter mit Gold- und Platinplatten, gerahmten Fotos (von den Beatles, James Brown, Malcolm X) und anderen Dingen behängt. Im Keller befindet sich ein Studio mit Gesangskabinen und einer Schlagzeug-Ecke. Alles was man so braucht eben und noch tonnenweise anderes Zeug: alte Bühnenkostüme, vorsintflutliche Synthesizer, uralte Drum-Computer, ein neonfarbenener „Bates Motel“-Schriftzug, eine eingerahmte Funkadelic-Fahne, eine Ray Charles-Figur, ein Black History Month-Brettspiel, gefakte Straßenschilder („Achtung! Parkplatz nur für Mutterschiffe ) und eine lilafarbene Samttasche mit der Aufschrift „I Believe“. Man hat keine Vorstellung von den möglichen Bedeutungen des Wortes „Zeug“ , solange man Bootsys Sammlung nicht gesehen hat. Am auffälligsten ist die Allgegenwart von Jimi-Hendrix-Memorabilia – Läufer, Poster, Fotos und eine Picture-Disc, auf der Jimi mit zwei barbusigen jungen Frauen posiert.

„Hendrix war Gott“, sagt Collins, den Hendrix’ Familie gebeten hatte, für die Aufnahme der im vergangenen Jahr herausgekommenen DVD-Box West Coast Seatte Boy Jimi seine Stimme zu leihen.

"Vergesst den Sänger!"

Collins kam 1951 in Cincinnati zur Welt und wuchs ohne Vater auf. Seine Mutter arbeitete in mehreren Jobs, um ihm und seinem älteren Bruder Phlebs jeden ihrer Wünsche erfüllen zu können. Was beide wollten, als sie ins Teenager-Alter kamen, waren Gitarren. Bevor er Hendrix entdeckte, war Collins’ Idol der in Indiana geborene Gitarrist Lonnie Mack, dessen Aufnahmen weitgehend ohne Gesang auskamen. „Von ihm haben wir die Vorstellung übernommen, dass die Band im Vordergrund stehen sollte. Vergesst den Sänger! Wir wollten die Stars sein – und wir wollten all die Mädels“, sagt Collins.

Er war gerade mal ein Teenager, als er bei der Band seines Bruders – den Pacemakers–einstieg. Sie hingen zusammen ab und waren bei King Records unter Vertrag – einem Label, das sich in den frühen Vierzigern zunächst auf Country spezialisiert hatte, dann aber durch James Brown Mitte der Sechziger zum sechstgrößten Label der USA aufstieg. Als James eines Abends von einigen Musikern seiner Band The Famous Flames – mit denen er ständig Streit hatte - sitzen gelassen wurde, setzte man die Pacemakers tags darauf in ein Privatflugzeug nach Columbus, Georgia und sagte ihnen, sie seinen die neue Band von James Brown . Collins war gerade einmal 17 und sollte den Großteil des darauf folgenden Jahres mit der damals fraglos größten Band der Welt auf Tour verbringen und Platten wie Get Up (I Feel Like Being a) Sex Machine und Soul Power aufnehmen, die auch vierzig Jahre später noch keinen Funken ihrer Energie verloren haben.

„Ich war bloß ein frecher Rotzbengel, der seine Zeit im Tourbus damit zubrachte, LSD zu nehmen, Gras zu rauchen und Jimi zu lauschen – in James Browns Bus gab es keine andere Musik. Egal, was ich auch anstellte – ich kam damit durch, weil ich mich auf meinem Bass behaupten konnte.“

Halluzinogenes Ende

Es war Brown, der Bootsy das Konzept von „der Eins“ beibrachte: Einer Technik, bei der der Rhythmus eines Songs um den entscheidenden ersten Schlag des Taktes herum verankert ist. Die Eins ist das, worauf der Funk – und dadurch natürlich auch der Hiphop – aufbaute . „Wenn man es richtig hinbekam, war es ein derart starkes Fundament, dass man ansonsten machen konnte, was man wollte. Also gab ich James die Eins und spielte dann, wozu ich Lust hatte. Er hatte alles im Griff und wusste, dass es sich gut anfühlte.“

Collins spielte nur elf Monate in Browns Band. Er schied aus, nachdem er bei einem Auftritt, wild halluzinierend von der Bühne gerannt war . Als er dann nach einer kurzen Zeit mit der von Brit-Rock und Sun Ra beeinflussten Band House Guests bei George Clintons Funkadelic einstieg, um deren viertes Album America Eats Its Young einzuspielen, hatte er sich an diesen Zustand gewöhnt. Der von, der Theatralik Alice Coopers, der Energie von MC5 und dem apokalyptisch-religiösen Kult der Process Church of the Final Judgement beeinflusste Clinton, war die Kehrseite von James Brown: Er wollte herausfinden , ob große Kunst aus dem Chaos entstehen kann, ungeachtet der psychischen Kosten. Bei Funkadelic gab es keine Regeln, nur den Drang, immer noch mehr zu experimentieren, aufzuregen und in Schrecken zu versetzen. Collins Gesicht hellt sich auf, wenn er von der Band spricht.

„George hat nie gelächelt“, erzählt er. „Das war zunächst eine Masche. Er hatte sich Mond und Sterne auf den Kopf rasiert. Er sah verrückt aus, rannte durch die Menge, kroch den Mädels unter die Röcke und machte den Leuten Angst. Ich habe ihm gesagt: „Verlier diese Kraft nie.“ Eines Abends gab uns eines der Mädels allen Purple Haze Acid, und wir verwandelten uns in gigantische Schmetterlinge – es war so schön! Wir haben so gut gespielt, dass wir gar nicht bemerkten, dass die Lichter bereits wieder an waren und alle nach Hause gegangen waren. Wir hatten vor einem leeren Saal gespielt.“

Dann fing Clinton an zu lächeln ...

Gegen Ende der Siebziger war Collins ein Riesenstar und hatte inzwischen auch ein ein eigenes Nebenprojekt - die Bootsy's Rubber Band - am Laufen. Funkadelic produzierte Hits, alle Beteiligten machten richtig Geld und Clinton fing an zu lächeln. „Es lief falsch“, meint Collins heute. „Er fing an, Mädels flachzulegen und sich eine schöne Zeit zu machen. Das hat den ganzen Zauber zerstört. Er war der Böse und ich der Gute – darin bestand unsere Stärke, aber irgendwann war es nur noch Showbiz. Dann kam der Schnee ins Spiel. Wenn das LSD uns zusammengebracht hat, dann hat das Kokain uns entzweit.“

Gegenüber von Bootsys Haus steht eine umgebaute Scheune, in der eine Bühne mit allem Drum und Dran (unter anderem mit Leopardenfell bezogenen Kongas) aufgebaut ist. Ein Paar oberschenkelhohe Plateaustiefel aus goldenem Leder, deren Rückseite mit Flammen verziert ist, nehmen einen Ehrenplatz auf einem Turm aus Verstärkern ein. An den Wänden hängen extravagante Gitarren, zwischen großen Gemälden von Miles Davis, John Lennon, James Brown, Tina Turner und sogar Metallica stehen lebensgroße Puppen von Bootsy selbst und dem Rapper Snoop Dogg.

„Diese Leute sind etwas Besonderes“, sagt Bootsy mit einem Nicken in ihre Richtung. „Was sie gemacht haben, kann nicht jeder.“

Botschafter des Funk

Dieser Tage hat Bootsy etwas von einem Botschafter. Er spielt mit den Größen der Branche – jüngst mit Snoop Dogg und dessen Liveband. Sie haben es auf einen Funken seines unauslöschlichen Retro-Glanzes abgesehen. Er hat im Internet eine Funk-Universität gegründet und setzt sich dafür ein, dass unterprivilegierte Kinder Musikinstrumente in die Hände kriegen. Er will sehen, dass das junge schwarze Amerika Musiker und Bands hervorbringt, das merkt man ihm an. „Ich bin damit aufgewachsen, mit Leuten zusammen zu spielen“, erzählt er. „Wir waren aufeinander angewiesen und daraus entstand ein Gefühl der Einheit, der Zusammengehörigkeit. Wir haben gelernt, damit zu spielen, was da war – das ist Funk.“

Das Leben in der Topriege des Musikgeschäftes scheint Bootsy nicht verdorben zu haben. Wenn er bedächtig und leise sagt, dass „jeder auf der Welt jemanden braucht, der sich um ihn kümmert“, muss man einfach finden, dass jeder ein bisschen sein sollte wie er.

„Ich glaube, es ist für mich die Zeit gekommen, Gutes zu tun“, sagt er und sein schwerer Schmuck klirrt auf den Tisch. „Catfish wurde letztes Jahr von uns genommen, Garry [Shider, der Gitarrist der Funkadelics] auch. Bevor noch einer von uns geht, möchte ich ein Beispiel setzen, denjenigen Tribut zollen, die vor uns waren. Man soll weitergeben, hat Jimi immer gesagt. Jimi konnte es nicht ertragen, dass er immer und immer wieder dasselbe Zeug spielen sollte. Er musste uns verlassen. Das Fleisch [er zieht die Haut auf seinem Handrücken hoch] hat ihn aufgehalten. Er war so weit voraus, dass die Welt nicht mit ihm mithalten konnte. Aber er hat mich zurückgelassen, um seine Arbeit weiterzuführen und das werde ich auch tun. Ich hoffe bloß, dass ich ihn stolz mache.“

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14:25 29.04.2011
Geschrieben von

Rob Fitzpatrick | The Guardian

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