„Ich will nicht Picasso werden“

Porträt Kieron Williamson ist sieben Jahre alt. Er lebt im ­englischen Norfolk, spielt Fußball und malt gerne ­Landschaften. Und die Leute stehen Schlange für ein Bild von ihm

Kieron Williamson kniet auf einer Holzbank in der kleinen Küche. Er nimmt einen Pastellstift aus der Schachtel, die neben ihm liegt, und fährt damit über ein Blatt Papier.

„Hast du schon eine Idee im Kopf, was du malen möchtest?“

„Mhm“, Kieron nickt. „Eine Schneelandschaft.“

Weil es im Moment Winter ist, frage ich.

„Mhm.“

Und weißt du schon, wie sie aussehen soll?

„Mhm.“

Und werden die Bilder immer so, wie du sie dir vorstellst?

„Manchmal ja.“

Wie viele großen Künstler sind auch kleine Jungs in der Regel nicht für ihre Geschwätzigkeit bekannt. Doch auch wenn Kieron Williamson ein ganz normaler Siebenjähriger ist, der keine großen Worte macht, ist das, was da langsam auf dem kleinen, rechteckigen Stück Papier in der Küche entsteht, außergewöhnlich beredt.

Im Dezember hatte Kieron seine zweite Ausstellung in einer Galerie in seiner Heimatstadt Holt in Norfolk. Innerhalb von 14 Minuten waren alle Bilder verkauft. Der Verkauf von 16 neuen Gemälden ließ sein Bankkonto unlängst um 18.200 Pfund anschwellen. 680 Leute, die einen Original Kieron erwerben wollen, stehen auf der Warteliste. Kunstliebhaber kommen aus London, um seine Bilder zu kaufen. Kunstagenten schwirren in der Stadt herum. Es gibt Leute, die möchten ihm seine Schulbücher abkaufen. Das Anfangsgebot für eine einfache Pastellzeichnung, wie Kieron sie gerade malt, liegt bei 900 Pfund.

Kieron lebt mit seinem Vater Keith, einem ehemaligen Elektriker, seiner Mutter Michelle, einer angehenden Ernährungswissenschaftlerin und seiner kleinen Schwester Billie-Jo in einer kleinen Wohnung mit Ausblick auf eine Tankstelle. Als ich an einem Samstagnachmittag dort ankomme, sind Kieron und Keith unterwegs. Als Kieron in Stutzen zur Tür hereinkommt, nehme ich an, dass er Fußball spielen war. Aber nein, er hat nur in Holt seinen Vorrat an Pastellstiften aufgestockt. Holt ist ein ziemlich prätentiöser kleiner Ort, selbst in der Pommesbude hängen verpixelte Porträts an den Wänden, die zum Verkauf angeboten werden.

„Wir haben eigentlich keine Ahnung von Picasso“, sagt Keith. „Ich kenne Picasso“, unterbricht ihn Kieron. „Ich will nicht Picasso werden.“ Wer wäre er denn gerne? „Monet oder Edward Seago.“

Kein Druck der Eltern

Wir sind heutzutage erst einmal misstrauisch, wenn wir von einem Wunderkind hören. Wir fragen uns, ob das Interesse auf dessen eigenen Mist gewachsen ist, oder ob die Eltern mit Druck nachgeholfen haben. Wer die Williamsons nicht kennt, wird vielleicht denken, dass Kieron schlau vermarktet wird, vor allem wenn er hört, dass Keith inzwischen als Kunsthändler arbeitet.

Die Wahrheit ist weit harmloser. Keith hatte vor zwei Jahren einen schweren Unfall, der ihn dazu zwang, seine Beschäftigung aufzugeben und sein Hobby – das Sammeln von Kunst – zum Beruf zu machen. Durch den Unfall konnte er nicht mehr mit seinem Sohn im Freien herumtoben. So kam es, dass Kieron, der nun in einem Haus ohne Garten festsaß und von Bildern umgeben war, sich entschied, selber zu malen. Vermutlich auch, weil er, wie alle kleinen Jungen, seinem Vater gefallen wollte. Nun erweitern Vater und Sohn gemeinsam ihre Kunstkenntnisse.

Kieron zeichnet mit Gelb- und Grautönen den Himmel. „Ein paar Bäume werden in den Himmel ragen und in die Mitte kommt ein See“, erklärt er.

Ich frage ihn, ob er die Landschaft selbst gesehen, oder ob er sie sich ausgedacht hat.

„Ich habe sie auf dem Computer gesehen. Aber wenn ich ein Bild male, sieht die Landschaft dann immer anders aus“, erzählt er, während er sehr professionell mit seinen Pastellstiften hantiert.

Keith schlüpft in die Küche und erklärt, dass Kieron die Motive, die ihm gefielen, im Internet finde. Aber er kopiere sie nicht, sondern zeichne seine eigene Version. Das Motiv für die Winterszene, die er gerade malt, war ein Bild, auf dem die Norfolk Broads im Sommer zu sehen waren.

Visueller Lerntyp

Zuerst sahen Kierons Bilder wie die eines ganz gewöhnlichen Fünfjährigen aus. Aber er machte schnell Fortschritte und stellte schon bald Fragen, die ihm seine Eltern nicht beantworten konnten. „Kieron wollte alles über die unterschiedlichen Techniken eines Künstlers wissen und wie man ein Gemälde aufbaut“, erzählt Michelle. Als die lokale Künstlerin Carol Ann Pennington von seinem Talent erfuhr, gab sie ihm einige Tipps. Seither wurde er auch von anderen Künstlern aus Norfolk unterrichtet, darunter Brian Ryder und sein Lieblingslehrer Tony Garner.

Garner, ein professioneller Künstler, hat in den vergangenen Jahrzehnten über tausend Erwachsene unterrichtet. Kieron, so sagt er, sei ihnen allen haushoch überlegen. „Er sagt nicht viel, er fragt nicht viel, er schaut einfach hin. Er ist ein visueller Lerntyp. Meine anderen Schüler malen die Bilder, die ich ihnen hinlege, einfach ab. Er hingegen malt sie ab und dann kieronisiert er sie“, meint Garner. „Im Moment sind seine Bilder vielleicht noch ein wenig naiv, aber sie strahlen eine herrliche Frische aus. Der kleine Kerl hat so viel Selbstvertrauen, er kennt keine Gefahr.“

Garner meint, dass Kierons Eltern ihn sehr gut vom geschäftlichen Aspekt und dem Druck, den dieser automatisch erzeugt, abschirmen. Keith und Michelle sind ausgesprochen stolz und fürsorglich und vielleicht bewundern sie ihren Sohn sogar ein wenig. Sie betonen, dass Kieron nur dann malt, wenn er will.

„Wir stellen uns täglich die Frage, ob wir das Richtige tun“, sagt Michelle. „Kieron hat einen sehr starken Willen, man könnte ihn nicht zwingen, etwas zu tun, das er nicht möchte. Das Malen ist sein Hobby. Manche denken vielleicht, dass wir sein Talent nicht ausreichend fördern, dass wir mit ihm jedes Wochenende durch die Galerien ziehen sollten. Aber wir sind eine Familie und wir müssen auch an Billie-Jo denken. Wir müssen das Gleichgewicht wahren.“

Du malst also nur, wenn du willst?

„Mhm.“

Gibt es Tage, an denen du keine Lust hast zu malen?

„Klar.“

Du malst also nur, wenn du Lust hast?

„Mhm.“

Wie viele Bilder malst du so pro Woche? Eines, zwei? „Etwa sechs.“

Auch in Mathe der Beste

Ist Kieron ein Perfektionist? „Du hast ein bisschen das Temperament eines Künstlers, nicht wahr?“ sagt Michelle sanft, während Kieron weiter mit seinen Stiften werkelt. „Du wirst ganz schön frustriert, wenn es nicht so läuft, wie du willst. Letztens hast du ein Loch in die Leinwand geschlagen, erinnerst du dich?“

Allerdings war das eine Ausnahme. Manchmal jedoch produziere Kieron etwas, „das wir als Sack voll Mist bezeichnen“, wie Michelle erzählt. „Er muss seine Gefühle einfach rauslassen. Das scheint ihn zu befreien. Ich kann es nur schwer erklären. Er hat dann nur Spaß am Malen, an solchen Tagen geht es ihm nicht um das fertige Bild.“

Manchmal, wenn sie mit Kieron rausgefahren sind, damit er in der freien Natur malen konnte, entschied er sich spontan um. Er sonderte sich ab und spielte im Matsch oder an einem Fluss. Er darf immer noch ein Siebenjähriger sein, wenn er will.

Was denken seine Schulfreunde über die ganze Sache? Sind sie beeindruckt? „Klar.“ Kieron sagt einen Moment nichts. „Ich bin auch der Beste in Mathe, in Englisch, in Erdkunde und im Technikunterricht“, sagt er vorsichtig, während er weiter an seinem Himmel malt.

Kieron erklärt, dass er sich erst mal auf Landschaften beschränken werde, aber dass er seine 98-jährige Oma malen wolle, wenn sie 100 wird. Wie findet er es, dass die Leute so viel Geld für seine Bilder ausgeben? „Sehr gut.“ Wäre er gerne Maler von Beruf? „Klar.“ Das heißt, er träumt nicht davon, Fußballer zu werden? „Ich möchte Fußballer und Maler werden.“

Kieron spielt gerne Fußball und er ist wie sein Vater Leeds-United-Fan („Ich habe ihn nicht dazu gedrängt“, sagt Keith schnell). Was mag er sonst noch gerne? „Du hast Computerspiele auf der Xbox gespielt, aber dann hat dich das gelangweilt, nicht wahr?“, sagt Keith.

„Du hast gesagt, ich könne sie an Weihnachten wiederhaben“, entgegnet Kieron.

„Du kannst sie in den Ferien haben“, verspricht Michelle. „Bei ihm heißt es bei allem ganz oder gar nicht, wie eben auch beim Malen. Wir müssen die Zügel ein wenig anziehen, sonst würde er die ganze Nacht wach bleiben.“

Seine Entscheidung

Was würden seine Eltern sagen, wenn Kieron sich anders entscheiden würde und keine Lust mehr hätte, Bilder zu malen? „Wir würden das ihm überlassen. Solange er glücklich ist. Aber am Ende macht ihm das Malen doch am meisten Spaß“, meint Keith. „Das ist ganz allein seine Entscheidung“, ergänzt Michelle. „Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Vielleicht legt Kieron seine Schachtel mit den Stiften irgendwann beiseite und konzentriert sich auf den Fußball. Das wäre allein seine Entscheidung. Wir fühlen uns im Moment etwas unter Druck, weil so viele Leute darauf warten, dass sie ein Werk von Kieron bekommen, aber ich bin bereit ihnen zu sagen, dass sie eben warten müssen.“

Ich glaube, die wenigsten Künstler könnten in Ruhe zeichnen oder malen, während sie Fragen beantworten und fotografiert werden, aber Kieron macht einfach weiter. Als er fertig ist, beugen wir uns zu ihm hinüber, um das Bild anzuschauen. „Nicht schlecht. Das ist hübsch“, sagt Keith, der Kieron bei der Arbeit nicht zusehen kann. Ich frage mich, ob es daran liegt, dass er Angst hat, dass sein Sohn einen Fehler machen könnte, aber er sagt, er würde einfach gern erst das fertige Werk sehen.

„Ist es genauso gut wie das, das ich heute Morgen gemalt habe, oder besser?“, fragt Kieron. „Was meinst du selbst?“, fragt Keith zurück. „Es hat ein schönes Leuchten, findest du nicht?“ Kieron nickt.

Ich würde sehr gern eines seiner Bilder haben, aber ich sage Kieron, dass er für mich bereits zu teuer ist. „Ich kann dir einen Sonderpreis machen“, sagt er blitzschnell. Nein, nein, das kann ich nicht annehmen, sage ich, denn ich fürchte, dass ich einen kleinen Jungen übers Ohr hauen würde, der unbedingt gefallen will. Ich bedanke mich dafür, dass er sich Zeit für mich genommen hat und überreiche ihm meine Visitenkarte. Und Kieron stapft in sein Kinderzimmer, kommt mit seiner Visitenkarte zurück und dankt mir ebenfalls.

Kieron Williamsons Tipps für Landschaftsmaler:

1. „Fahre irgendwohin in den Urlaub, wo es dir gefällt und lass dich inspirieren.“

2. „Fang mit Acrylfarben an, dann arbeite mit Wasserfarben, dann mit Pastellstiften und dann mit Ölfarben.“

3. Wenn du mit deinem Landschaftsgemälde beginnst, dann „male zuerst den Himmel, arbeite dich von oben nach unten vor.“

4. „Wenn du etwas malst, das im Hintergrund ist, dann musst du es heller malen. Das, was im Vordergrund ist, musst du dunkler malen.“

5. „Wenn du eine Figur im Winter malen willst, dann male einen braunen Kopf, lass eine kleine Lücke und male eine blaue Jacke und braune Beine. Dann nimm einen roten Pastellstift und male einen kurzen roten Strich, das sieht dann wie ein Schal aus.“

6. „Male immer weiter.“


Wunderkinder der Weltgeschichte

Früh übt sich, wer ein Meister werden will eine Feststellung, die auf einige Kunst- und Geistesgrößen zutrifft. So soll der Mathematiker Carl Friedrich Gauß schon mit drei Jahren die Lohnabrechnungen seines Vaters korrigiert haben. Als berühmtestes Wunderkind gilt Wolfgang Amadeus Mozart. Bereits mit vier Jahren erhielt er Musikunterricht, kombinierte mit fünf seine ersten Stücke und ging mit sechs auf Tournee.
Wie regelrechte Spätstarter wirken da Felix Mendelssohn Bartholdy, der mit neun seine ersten Auftritte hatte, und Ludwig van Beethoven, der mit zwölf Jahren seine ersten Stücke veröffentlichte und mit 14 Hoforganist war.

Autodidakt war der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz: Er brachte sich mit acht Jahren selbst Latein bei. Pablo Picasso malte im gleichen Alter bereits Ölgemälde, sagte aber später: Anders als in der Musik, gibt es keine Wunderkinder in der Malerei. Was die Leute als vorzeitiges Genie betrachten, ist das Genie der Kindheit. DB

Übersetzung: Christine Käppeler

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15:00 13.01.2010
Geschrieben von

Patrick Barkham, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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