„Kleines Mädchen“ mit großem Talent

Nachwuchsmusikerin

./resolveuid/a21fe5261b0db211b96d6e6fc5241150Es ist nicht ganz einfach, der Singer/Songwriterin Laura Marling zu folgen, wenn sie versucht, ihr zweites Album zu beschreiben. Das hat sie fast fertig geschrieben, aber noch nicht aufgenommen. Ein präzises und doch komplexes Werk soll es sein und ganz anders als ihr Erstling, der wegen MySpace eigentlich sowieso nicht ihre erste Veröffentlichung gewesen sei. Während der Journalist noch hofft, irgendwann im Laufe des Gesprächs verstehen zu können, was sie meint, ist die junge Frau ihm schon zuvor gekommen. „Was für eine fürchterliche Erklärung“, lacht sie, sammelt sich und beginnt noch einmal von vorn.

Marlings Erläuterungen sind vielleicht nicht gradlinig, aber allemal unterhaltsam. Ihr erstes Album mit dem Titel „Alas, I cannot swim“ brachte sie im Februar heraus wurde dafür als eine der jüngsten Künstlerinnen überhaupt für den Mercury Music Prize nominiert. Die Kritiker loben einhellig das große Talent der 18jährigen, deren gitarrenlastige Lieder den Zuhörer in schaurige Phantasiewelten entführen, voll Gefühl und gleichzeitig sophisticated sind, und streiten nur noch darüber, ob sie nun die neue Kate Bush oder die neue Joni Mitchel sei.

Zu Unrecht hat Marling, die zwar aussieht wie ein vernichtender Cherubim, in Wirklichkeit aber ein freundliches Wesen ist, sich irgendwie den Ruf eingefangen, unnahbar zu sein.
In dem Haus in Shepherd's Bush, das sie „mit meiner besten Freundin Phoebe und einem Typen namens Patrick, und ein paar anderen, die da irgendwie rumhängen“ bewohnt, verdrückt sie erste einmal einen Teller gekochte Eier und Brot mit „Marmite“, einem Brotaufstrich aus würzigem Hefeextrakt, bevor sie mit leiser Stimme zu reden beginnt.

Obwohl sie die Dinge eher andeutet, als sie zu erklären, ist es ein Vergnügen ihr zuzuhören. Sie spielt mit Worten, lässt dann und wann einen nordenglischen Akzent aufblitzen oder nimmt den Tonfall besorgter Eltern an. Manchmal wird ihre Stimme so leise, als ob jemand einfach ihren Lautstärkeregler herunter drehen würde.
Laura ist gerade von einer Tour in Amerika mit den befreundeten britischen Acts „Mumford and Sons“ und Johnny Flynn zurück gekehrt. In ein paar Tagen schon geht es durch das Vereinigte Königreich weiter, um die Veröffentlichung von „Night Terror“, der dritten und letzten Single ihres ersten Albums zu feiern.
„Ich liebe es aufzutreten“, erzählt sie „gleichzeitig macht es mir Angst. Das hat aber auch Vorteile, denn so werde ich nicht selbstgefällig. Selbstgefälligkeit macht alles Gute kaputt.“

Und außerdem mache das Touren mit ihren Freunden immer Spaß. Marling ist ein nicht unbedeutender Teil einer Künstlerszene, deren Musik sich durch ihre emotionale Ausdruckskraft und die Vermengung literarischer, künstlerischer und cineastischer Referenzen auffällt und gerne als Nu-, Rock- oder Pop-Folk bezeichnet wird. Zu den Schlüsselfiguren dieser Szene gehören „Mumford and Sons“, deren Mitglieder Marcus Johnstone und Ted Dwane auch schon als Drummer und Bassist in Marlings Band in Erscheinung getreten sind, „Flynn“, mit dem Marling von Zeit zu Zeit zusammen arbeitet und die Band „Noah and the Whale“, bei der Marling selbst einmal Mitglied war und die im dieses Jahr mit „Five Years Time“ ein Lied in den britischen Top Ten unterbringen konnten.

Der Name „Noah and the Whale“ ist eine Referenz an den Autor und Regisseur Noah Baumbach und seinen Film „Der Tintenfisch und der Wal“. Marlings Song „Tap at my Window“ wurde von Gedicht „This be the Verse“ des britischen Dichters Philip Larkin inspiriert, „Flynn“ zählen W.B. Yeats zu ihren Einflüssen. Den Regisseur Wes Anderson lieben sie alle.

Die weißblonde Musikerin, die auf Vinyl produziert und sogar eine Special Edition ihres Albums mit beigefügten Gimmicks und einem Brettspiel entworfen hat, interessiert sich auch für die ästhetischen Seiten des Musikmachens.

Das Gefühl in einer befreundeten Szene aufgehoben zu sein, hat Marling die Sicherheit gegeben, sich schon in ihrem jungen Alter in die Musikindustrie zu wagen. Schon mit sechzehn Jahren stand sie, die in dem Dörfchen Eversley in Hampshire aufwuchs, in London auf der Bühne. Schulfreunde machten sie damals mit Johnston und Dwane bekannt. Wenig später dann traf sie bei einer Countrynacht in der „Push“-Bar in Soho deren Bandkollegen Country Wilson und Charlie Fink von „Noah and the Whale“ („die zu der Zeit noch unter dem Namen „Charlie Hatracket“ unterwegs waren“). „Mit denen und einem Typen namens King Charles bin ich dann auf Tour gegangen. Nur wir vier in einem Ford Fiesta.“
„Wie wollten nie eine Szene sein“, erinnert sich Marling. „Wir sind alle so verschieden und wollen unsere Individualität einbringen. Trotzdem bin ich immer wieder verblüfft, wenn ich mir das alles anschaue. Wir haben verdammtes Glück – und ich kleines Mädchen hätte es viel schwerer ohne die anderen.“


Mit drei Freunden, darunter auch Fink, schnappte sie sich dann „eine ziemlich schäbbige Wohnung in Kew“. So jung nach London zu ziehen, sagt sie, war kein Problem für sie. „Ich war total naiv, als ich ankam, unglaublich guter Dinge und bereit jede Hürde zu nehmen. Ich wohnte für ein Jahr dort, wollte dann aber plötzlich mehr. An dem Punkt kam dann die Nervosität. Ich dachte: 'Oh Gott, hier bin ich nun, in dieser großen Stadt und weiß nichts mit mir anzufangen.` Ich habe mein Album geschrieben um diese Phase durchzustehen. Es war also eine Selbsttherapie. Es war unglaublich aufregend mit „Noah and the Whale“ zu touren, aber irgendwann sagte mir mein Gefühl, dass mein Herz ein bisschen zu schnell schlug.“

Außerdem hat Marling in den drei Monaten bevor sie ihr Album machte, drei Mal „Jane Eyre“ gelesen. „Ich liebe die Brontë-Zeit und ihre gruselige, düstere Romantik. Es ist schon komisch, wie sehr deine Gedanken von dem was du liest beeinflusst werden.“

In den Texten von „Alas,...“ ist immer wieder mehr oder weniger konkret von Gott die Rede. Kein Wunder, sagt Marling, sei sie doch schon immer an spirituellen Themen interessiert gewesen. „Heute bin ich Agnostikerin, aber bis zum Alter von zwölf Jahren habe ich die Kirche besucht. Danach war der Buddhismus mein Ding. Es macht mir Freude zu versuchen, der Religion auf die Spur zu kommen. Ein paar der Leute, mit denen ich auf Tour gehe – nun ja, die haben eher einen Glauben als eine Religion, aber auf jeden Fall ist ihre Art das Leben zu leben unglaublich. Sie tun alles mit sehr viel Liebe, das ist umwerfend. In der Gemeinschaft mit den Musikern, mit denen ich jetzt arbeite, ist es ähnlich. Das ist wirklich ein schönes Gefühl.“

Ihre neue Single „Night Terror“, die von Traumbildern und einem im Schlaf schreienden Liebhaber, erzählt, scheint allerdings weniger von Gott als von Goth beeinflusst worden zu sein. Tatsächlich, verrät Marling, war ihre Inspiration für den Song noch viel weltlicherer Natur. „Ich bin mal mit einem Typen ausgegangen, der schlimme Albträume hatte. Faszinierend.“ Sie ist sich wohl bewusst, dass dieses, ein schleichendes Grauen vermittelnde Lied eine eher ungewöhnliche Wahl für eine Singleauskopplung ist. „Ich hatte erwartet, dass es alle verrückt machen würde. Aber es macht Spaß dieses Lied zu spielen. Das ist doch ein sehr guter Grund. “My Manic and I“ [ein geträllerter Walzer, in dem es um einen besonders nervigen und doch irgendwie fesselnden Liebhaber zu gehen scheint] macht auch viel Spaß. Den kann ich aber nicht herausbringen. Dafür mag ich ihn einfach zu gerne.“

Die Nominierung für den Mercury Prize hat sie sehr gefreut. „Ich hatte eigentlich gedacht, dass ich mir aus Preisen und so nicht viel machen würde. Aber dann war ich hin und weg. Der Abend war echt toll. Die Stimmung war sehr schön, als „Elbow“ dann gewannen. Diese zehn Sekunden zwischen der Bekanntgabe und ihrem Erscheinen auf der Bühne waren wie ein kitschiger, aber schöner Film. Alle freuten sich für sie. Sie hatten es aber auch echt verdient.“

Nach ihrer Tour – aus der sie an einigen Abenden als Support für „Elbow“ spielen wird – ist das schwierige zweite Album dran. Das, mit dessen Beschreibung sie sich zu Beginn des Gesprächs so schwer getan hatte. Sie freut sich aber auf die Aufnahmearbeiten und weiß schon genau, wo es hingehen soll. Ein in sich abgeschlossenes Album soll es werden. „Wie „Court and Spark“ von Joni Mitchell - man weiß, was ihr bei diesem Album im Kopf herum ging. Oder wie „I see a Darkness“ von Bonnie Prince Billy, bei dem es nicht nur um die Texte, sondern auch die Art der Aufnahme ausmachen.“

Gibt es sonst noch etwas, auf das sie sich freut? Sie überlegt ein bisschen, dann fällt ihr doch noch etwas ein: „Weihnachten. Das liebe ich einfach total und bin schon Monate vorher aufgeregt.“


Laura Marling

wurde 1990 als Laura Beatrice Marling in Eversley, in der Nähe von Reading geboren und ist die Jüngste von drei Schwestern. Ihre Mutter ist Gärtnerin. Ihr Vater, der ein ein Tonstudio betrieb, machte sie schon im Alter von drei Jahren mit Folkmusik und der Gitarre vertraut. Mit fünfzehn Jahren fing Laura an aufzutreten und hat schon mit Rufus Wainwright und Adele gespielt.

2008 veröffentlichte sie ihr Debütalbum „Alas, I cannot swim“, welches für den Mercury Music Prize nominiert wird.

Andere sagen:
„Marleys Folkwerke sind so direkt wie die einer Joan Baez oder der frühen Joni Mitchell und ihr Gesang ist ereignisreich und drängend – farbenfroh, zuversichtlich und unverwahrlost.“
Word Magazin

Sie sagt:
„Machmal weiß ich nicht, wo meine Songs herkommen. Es ist fast wie eine religiöse Erfahrung, von der man vollkommen überwältigt wird.“

Übersetzung: Zilla Hofman

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Geschrieben von

Alice Fisher | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 5753
The Guardian

Kommentare