„Mein Hundefutter, mein Pass, mein Laptop“

Occupy London Mitten in der Nacht räumte die Polizei das Camp vor der Londoner St. Paul's Cathedral. Beide Seiten nahmen es sportlich - die Occupyer planen schon den nächsten Schritt

Als die Glocken der St Paul's Cathedral an einem milden Februarmorgen ein Uhr schlugen, kam der ehemalige Domherr der Kathedrale, Giles Fraser, nicht umhin, die Umstehenden an eine Warnung zu erinnern, die John Donne, ein früherer Dekan der Kathedrale, einst ausgesprochen hatte: „Verlange nie zu wissen, wem die Stunde schlägt; sie schlägt dir selbst.“

An diesem Morgen schlug sie den verbliebenen Demonstranten der Londoner Occupy-Bewegung, deren Zeltstangen, Planen und Abfälle von Reinigungskräften der City of London in bereitstehende Müllfahrzeuge entsorgt wurden. Diesen Augenblick hatten die Occupier seit fünf Tagen erwartet, als der letzte Einspruch gegen den Räumungsbeschluss vom Berufungsgericht abgewiesen worden war. Kurz vor Mitternacht gab es die ersten Anzeichen, dass das am 15. Oktober errichtete Camp nun geräumt werden würde: In den umliegenden Straßen waren ungewöhnlich viele Polizisten unterwegs. Innerhalb von Minuten wurden die Straßen für Verkehr und Demonstranten gesperrt, die benachrichtigt worden waren und nun kamen, um gegen die Räumung zu protestieren oder um als Zeugen anwesend zu sein, während Polizisten in blauen Overalls mit Schutzhelmen begannen, den Platz in einem Gürtel zu umstellen.

Hinter ihnen standen Dutzende von Justizbeamte in orangenen Westen, aus deren Reihen kurz vor Mitternacht einige höheren Rangs hervortraten, um den Demonstranten mitzuteilen, dass das Camp nun geräumt werden würde. Nachdem eine halbe Stunde lang nichts passiert war, forderte die Polizei diejenigen im Kessel auf, sich zu entfernen oder eine Verhaftung zu riskieren.

Gebetskreis oder Barrikade?

Einige begannen, systematisch zu packen: Sie ließen die Luft aus ihren Luftmatratzen und räumten die Zelte aus, in denen einige von ihnen bis zu vier Monate lang am Stück gelebt hatten. Andere schleiften alles einfach zu den Stufen der Kathedrale, wo sie sich vor der vonstatten gehenden Räumung sicher wähnten. Andere fingen hingegen damit an, aus Holzpaletten und anderen Dingen eine Barrikade zu errichten, wo sich früher die „Zelt-Universität“ befunden hatte, in der täglich diskutiert worden war und wo eine Atmosphäre entstanden war, in der Probleme gelöst, Netzwerke geknüpft und Ideen erarbeitet wurden.

Nebenan überlegte eine Gruppe christlicher Aktivisten, was sie machen sollten. Der Plan, einen Gebetskreis um das Lager herum zu bilden, wurde dadurch vereitelt, dass die Polizei so spät und so plötzlich aufgetauvht war. Diejenigen, die bei Ankunft der Polizei nicht auf dem Platz gewesen waren, versuchten die Beamten mit allen Mitteln dazu zu bewegen, sie durch zu lassen, damit sie ihre Sachen holen könnten. „Es hatte zuvor einige Verhaftungen gegeben, also ging ich zur Polizeistation, um zu sehen, ob mein Freund unter den Verhafteten war“, erzählte eine Frau, die nicht namentlich genannt werden möchte. „Jetzt bin ich hierher zurückgekommen. Mein Hundefutter ist hier, mein Pass, mein Laptop. Ich muss bald zur Arbeit! Ich bin jetzt seit zweieinhalb Monaten hier, ich wohne hier.“

Die ganze Zeit über war die Atmosphäre auf beiden Seiten weitgehend entspannt, selbst als die Occupier mit den Polizisten diskutierten, um wieder auf das Camp gelassen zu werden. Die Beamten standen in losen Reihen da und wiesen die Demonstranten höflich mit den flapsigen Worten ab: „Es tut mir leid, Sie müssen sich ein andermal an die Corporation of London wenden. Vielleicht morgen.“ Die Demonstranten witzelten zurück. „Hey, ich hab jetzt eine protesting loyalty card, hab ich damit denn keine Sonderzugangsrechte?“

Eisentonnen, Paletten und ein schwer verstimmtes Klavier

Einige scherzten, sie müssten sowieso gleich los und hätten nur die Räumung nicht versäumen wollen. Bei anderen war die Wut größer. Als sich an den Absperrrungen immer mehr Unterstützer einfanden, dünnte die Zahl der auf dem Platz Anwesenden immer weiter aus, bis irgendwann noch ein paar mehr als ein Dutzend in der „Palettenburg“ aushielten. Ein paar Dutzend anderer saßen auf den Stufen der Kathedrale.

Unter ihnen befand sich auch Ed Greens, der sich um das Sound System der Demonstranten kümmerte. „Ich wollte zu ihnen“, sagte er und zeigte mit dem Ipod in der Hand auf die jungen Männer, die sich hinter den Paletten verbarrikadierten. „Aber man hat mir gesagt, ich sei der einzige, der Musik am Start hat. Es sieht so aus, als sei ich heute Abend der DJ.“

Eine große Zahl schwer ausgerüsteter Polizisten, mit Helmen und Schutzschilden, strömte sodann auf den Platz, um sich um die zu kümmern, die nicht freiwillig gehen wollten – neben denen in der Palettenburg hingen auch noch einige in den Bäumen. Schließlich wurde die Festung Stück für Stück abgetragen: Zuerst die schweren Eisentonnen, dann die Paletten, schließlich ein schwer verstimmtes Klavier, über dessen Abtransport einige der Zaungäste zweifellos sehr erfreut waren, da sie die auf ihm dargebotene Musik um drei Uhr in der Frühe nicht besonders genossen hatten. Dann wurde eine kleine Leiter auf das verbliebene Gerüst gestellt. Ein einziger orange gekleideter Justizbeamter kletterte hinauf und begann einen Occupier nach dem anderen von der Plattform zu ziehen, was in grotesker Weise an die Fernseh-Gameshow Gladiators erinnerte. Nachdem er drei heruntergezogen hatten, wurde er selbst von der Leiter gezogen.

Wusste die Verwaltung von St. Paul's Bescheid?

Von den Demonstranten unbemerkt war eine kleine Gruppe von Polizisten in Kampfmontur auf der einen Seite die Stufen zur St. Paul's Cathedral hinaufgegangen.
Sobald neue Beamte wieder damit anfingen, die Demonstranten von den Barrikade herunterzuziehen, setzte sich auch die Polizeikette in Bewegung und ging langsam auf die Demonstranten zu und drängte sie von den Stufen der Kirche, die sie bis dahin als sicher angesehen hatten. Die wenigen, die sich zu widersetzen versuchten, wurden nicht etwa verhaftet, sondern einfach von bis zu vier Beamten gepackt und auf der anderen Seite der das Lager umgebenden Kette wieder abgesetzt. Ein besonders aufgebrachter Demonstrant gleich dreimal.

Die Räumung der Treppe führte unter einigen der Demonstranten zu heftigen Diskussionen. Schnell wurde der Schluss gezogen, dass die Verwaltung von St. Paul's der Polizei hierfür die Erlaubnis erteilt haben musste. Andere glaubten, den Pressechef der Kathedrale zu Beginn der Räumung gesehen zu haben, was zu Behauptungen führte, die Kirche sei über die nächtliche Aktion vorzeitig in Kenntnis gesetzt worden.

In den Stunden, die unmittelbar auf die Räumung des Platzes folgten, waren die Polizeibeamte der City of London nicht in der Lage zu sagen, wie viele Demonstranten, wenn überhaupt, sie verhaftet hatten. Occupy-Leute schätzten, es seien im Laufe der Nacht so an die 20 gewesen. Einige hätten leichte Verletzungen erlitten, als sie von den aufgetürmten Paletten fielen. Bei Tagesanbruch fuhren die Reinigungskräfte hinter der Polizeikette damit fort, den nun nahezu leeren Platz zu kehren und abzuspritzen. Die letzten verbleibenden Occupy-Leute wurden von der Polizei vertrieben, um den Platz für den Morgenverkehr frei zu machen.

Die versprengten Occupier waren da längst wieder dabei, online und auf der Straße zu diskutieren, wo und wann sie sich treffen wollten, um ihren nächsten Schritt zu besprechen.

Übersetzung: Holger Hutt

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17:38 28.02.2012
Geschrieben von

James Ball und Ben Quinn | The Guardian

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