„Nun sind wir Revolutionäre“

Libyen Benghazi soll völlig dem Einfluss des Gaddafi-Clans entzogen sein. Verlässliche Informationen sind zwar rar, Momentaufnahmen dieses Aufstandes aber sehr wohl möglich

Im Nervenzentrum der Revolution herrscht Anspannung, auch im Gericht von Benghazi, wo sich Anwälte, Ärzte, Chirurgen und Ingenieure aufhalten, um ein despotisches Joch von sich zu werfen. „Vor einer Woche haben wir uns entschlossen, für unsere Rechte zu demonstrieren. Aus dem Protest wurde eine Revolution. Damit haben wir keine Erfahrung“, sagt eine Anwältin.

Um sie herum schwirren Menschen mit Mobiltelefonen und wichtigen Neuigkeiten aus anderen Landesteilen. Die Stadt Zawya sei gerade gefallen, ruft ein herbeigeeilter Bote. Wenig später heißt es, die auf der Hälfte der Strecke nach Tripolis gelegene Stadt Masrat befinde sich ebenfalls in der Hand der Rebellen, schließlich auch die drei größten Ölfelder im Benghazi – die Ereignisse überstürzten sich.

Eine Art Barbarei

„Wir stehen unter einem enormen Druck“, berichtet die Anwältin weiter. „Wir machen uns Sorgen um Tripolis, um die Versorgung mit Nahrung und anderen Dingen. Alles muss koordiniert werden.“ Ihr Kollege Amal Bagaigis stimmt ihr zu. „Anfangs waren wir nur Anwälte, die ihre Rechte einfordern wollten. Nun sind wir Revolutionäre. Wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen. 42 Jahre herrschte hier eine Art Barbarei. Jetzt wollen wir leben.“

Beinahe eine Woche nachdem aus mehreren Wellen von Demonstrationen eine ausgewachsene Revolution geworden ist, scheint die verhasste alte Garde Libyens in einem stetig schrumpfenden Gebiet um die Hauptstadt festzusitzen. Die zerfallende Herrschaft Gaddafis wird offen verspottet – der heruntergekommene Teil des Landes im Osten, der sich nun selbst befreit hat, will einen Neuanfang. „Wir könnten jetzt alles sein“, meint ein Mann draußen vor dem Gericht, in dem die überlasteten Aktivisten versuchen, die Revolution westwärts zu tragen. „Er hat uns unterdrückt, weil er Angst um seine Macht hatte. So haben es die Despoten seit jeher gehalten.“ Hier zwischen dem stürmischen Mittelmeer und einem Gebäude, das einst eine Bastion des Regimes war, singen sie Slogans gegen die Regierung, feuern mit Gewehren in die Luft und halten zwei Finger zum Victory-Zeichen gen Himmel.

„In der Stadt herrscht ein guter Geist“, erzählt Ahmed Al-Sereti draußen auf der vom Regen überfluteten Straße. „Jeder tut, was er kann, um eine Rückkehr des Alten zu verhindern. Die Menschen wissen, dass sich alles geändert hat. Und doch gibt es weder Diebstähle noch Plünderungen noch Anarchie.“ Letzteres gilt freilich nicht für die Büros der Regierungsangestellten, die allesamt ausgeräumt wurden.

Arrest für Söldner

Die Hauptsorge in Benghazi gilt der Sicherheit. Eifrige Jugendliche regeln den Verkehr und die Bürger stehen geduldig und in der vergeblichen Hoffnung vor den Banken Schlange, die Institute könnten bald wieder öffnen. Anzeichen von Enttäuschung oder Angst sind nicht zu spüren – stattdessen Erleichterung und Euphorie. Die Einwohner Benghazis sind beflügelt von dem Wissen, dass ihre Stadt erstmals seit vier Jahrzehnten nur noch ihnen gehört.

„Ich bin vor drei Monaten zurückgekehrt“, erzählt der Chirurg Haithem Gheriani, der in Irland studiert hat. „In meinem Heimatland ein so bedeutendes, so befreiendes Ereignis direkt mitzuerleben, das ist wunderbar!“ Gheriani hat im Gerichtsgebäude Stellung bezogen, gemeinsam mit Ingenieuren aus der Ölbranche und Geschäftsleuten, von denen viele ebenfalls aus dem Ausland heimgekehrt sind. Einige Stockwerke weiter oben sind drei von Gaddafis unseligen Söldnern in eine ehemalige Arrestzelle gesperrt. „Sie sind zu ihrer eigenen Sicherheit dort“, so Gheriani „Würden wir sie gehen lassen, wären sie ihres Lebens nicht sicher“, meint er und deutet auf die versammelte Menge unten.

Der berühmte Tropfen

In seiner dritten Fernsehansprache seit Ausbruch der Kämpfe, hat Mummar al-Gaddafi das Netzwerk al-Qaida beschuldigt, die Revolte angezettelt zu haben. Er rief die Libyer dazu auf, ihre auf Abwege geratenen Kinder, die sich der Revolte angeschlossen haben, zurückzurufen. Gaddafi wörtlich: „Die Macht ist in euren Händen. Dieses System ist anders als in Tunesien oder Ägypten. Wenn ihr einen Wandel wollt, seid ihr im Vorteil. Ihr könnt Leute vor Gericht stellen, ihr könnt einen anderen Beruf annehmen. Das hier ist unakzeptabel, unglaublich. Die Leute behaupten, sie seien intelligent – sie seien Lehrer und Ingenieure. Wenn es vernünftige Leute mit vernünftigen Forderungen sind, fragt sie doch einfach, was sie wollen. Sie sind aber nicht vernünftig. Sie führen die Befehle Osama bin Ladens aus.“

Gaddafi erschien diesmal nicht auf Video. Dies wirft die Frage auf, wo er sich aufhält, da immer mehr Städte rund um die Hauptstadt in die Hände der Rebellen fallen. Inzwischen haben sich auch führende Mitglieder seines eigenen Stammes von ihm losgesagt und verurteilen besonders die brutale Niederschlagung seiner Gegner im Osten, die dazu führte, dass er Benghazi verlor. „Diese Proteste haben friedlich begonnen“, meint der Chirurg Haithem Gheriani in Benghazi. „Dann kamen die jungen Leute hinzu, und als Gaddafis Leute mit dem Töten begannen, haben die Menschen sich erhoben.“

So schildern es die meisten derer, mit denen der Guardian in den zurückliegenden zwei Tagen gesprochen hat. Es gab Proteste, auf die mit angeordneter Grausamkeit reagiert wurde. Die dann folgende Phase war im Konzept allerdings nicht vorgesehen. „Wir haben einfach gemeinsam beschlossen, dass wir genug haben“, erzählt Qais al-Ibrahim. „Es war einfach zu viel – die Leute fingen an, Militärstützpunkte und Regierungsgebäude anzugreifen. Dass dann aber alles so schnell zusammenstürzte wie ein Kartenhaus, war erstaunlich.“

Auch der Anwalt Abdul Salam al-Masmari hält die unbarmherzigen Übergriffe der Gaddafi-Truppen für den berühmten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. „Wir hörten von dem Morden und wollten nicht länger nur vor dem Gerichtsgebäude demonstrieren. In diesem Moment wussten wir, dass wir für unsere Freiheit kämpfen mussten.“
Während er spricht, verhaften Sicherheitskräfte im Inneren des Gerichtes einen angeblichen Reporter, den sie im Verdacht haben, er spioniere für die in Benghazi verbliebenden regierungstreuen Elemente. Er wird die Zelle gebracht, in der schon die mutmaßlichen Söldner sitzen.

„Die Revolution ist jetzt vier Tage alt“, sagt eine weitere Anwältin. „Der Zaun der Angst wurde niedergerissen. Aber wir müssen uns immer noch schützen. Das Regime wird jede Möglichkeit nutzen, die sich ihm bietet, an uns heranzukommen. Dieser angebliche Reporter hat alle unsere Namen und Gedanken in einem Notebook und hat meine Stimme auf Band aufgezeichnet. Er ist kein echter Journalist. Da draußen gibt es immer noch Kollaborateure. Deshalb möchte ich Ihnen meinen Namen nicht nennen.“

Übersetzung: Zilla Hofman / Holger Hutt

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17:00 25.02.2011
Geschrieben von

Martin Chulov | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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