„Unbequeme Lektüre“

Blair Peach Jahrzehntelang haben die Londoner Behörden gemauert - nun kommt die Wahrheit ans Licht: Der Antifaschist Blair Peach starb 1979 durch Polizeigewalt

Es hat über 30 Jahr gedauert, nun endlich kommt Licht in den Fall Blair Peach. Die Londoner Polizei hat einen Report veröffentlicht, der Aufschluss über den Tod des jungen Lehrers bei einer anti-rassistischen Demonstration im Jahr 1979 gibt. Dieser legt nahe, dass der ehemalige Polizeikommissar Alan Murray für den „tödlichen Schlag“ verantwortlich ist, durch den der neuseeländische Lehrer ums Leben kam. Murray leugnet seine Beteiligung an der Ermordung des antifaschistischen Demonstranten – er arbeitet heute als Universitätsdozent und sieht sich als Opfer einer verpfuschten Untersuchung. „Ich habe Blair Peach nicht getötet. Dessen bin ich mir gewiss.“

Murray äußerte sich im Zuge der Veröffentlichung von 3.000 Dokumenten, die bislang geheim gehalten worden waren. Sie werfen ein neues Lich auf den Tod des 33-jährigen Lehrers, dessen Schädel am Abend des 23. April 1979 bei einer Demonstration gegen die rechtsextreme National Front in Southall im Londoner Westen durch einen einzigen Schlag auf den Kopf zerschmettert wurde. Die Dokumente bestätigen den seit langem gehegten Verdacht, dass Peach wahrscheinlich von einem Beamten aus dem Greiftrupp Special Patrol Group (SPG) der Londoner Polizei getötet wurde.

Das wichtigste Dokument stammt von Commander John Cass, dem ehemaligen Chef der internen Beschwerdebehörde der Londoner Polizei, der die Untersuchungen zu Peachs Tod leitete. Er kam zu dem Schluss, dass Peach mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von einem der sechs SPG-Beamten getötet wurde, von denen einige falsche Aussagen machten, um ihren Kollegen zu decken.

Fürchterliche Umstände

Kein Polizist wurde für Peachs Tod jemals zur Verantwortung gezogen, obwohl das Ereignis einer der schwärzesten Momente der Geschichte Scottland Yards ist. Polizeipräsident Sir Paul Stephenson bezeichnete den Bericht als „unbequeme Lektüre“. Er erkannte den Befund, dass vermutlich ein Beamter der Londoner Polizei für den Tod verantwortlich war, unmissverständlich an und äußerte sein Bedauern. „Ich muss sagen, es tut mir leid, dass wir in den 31 Jahren, die seit Blair Peachs Tod vergangen sind, nicht in der Lage dazu waren, seiner Familie und seinen Freunden eine eindeutige Antwort auf die Frage nach den fürchterlichen Umständen zu geben, unter denen er gestorben ist“, erklärte er. Als er gefragt wurde, ob er sich für Peachs Tod entschuldige, erwiderte er: „Es tut mir leid, dass Polizisten, gemäß Mr. Cass, so gehandelt haben.“

Murray, der kurz nach Peachs Tod die Londoner Polizei verließ und heute an der Universität Sheffield soziale Unternehmensverantwortung lehrt, wurde in den veröffentlichten Dokumenten, nicht namentlich genannt. Doch er erklärte, dass er anhand der Zeugenaussagen im Rahmen der gerichtlichen Untersuchung des Falls und anderen Materials leicht zu identifizieren sei. Der ehemalige Polizeikommissar ist einer von Dutzenden von Polizeibeamten, die vor über 30 Jahren zu dem Todesfall befragt wurden und jetzt identifiziert werden können.

Unter ihnen ist auch Tony Lake, der an den Demonstrationen als SPG-Beamter beteiligt war und später zum Polizeipräsident von Lincolnshire aufstieg. Lake, der für die nationale DNA-Datenbank verantwortlich war und den Verdienstorden des British Empire verliehen bekam, als er vor zwei Jahren in den Ruhestand ging, lehnte es gestern ab sich zu Peachs Tod zu äußern. Er sagte lediglich, ein Zeitungsbericht aus dem Jahr 1987, der ihn mit den Polizisten, die in Cass’ Bericht identifiziert werden, in Verbindung brachte, sei „von Grund auf falsch“.

Ian Tomlinsons Fall

Die Londoner Polizei hatte die Dokumente im vergangenen Jahr im Zuge von Ian Tomlinsons Tod freigegeben. Der 47-jährige Zeitungsverkäufer war gestorben, nachdem er im Rahmen der G20-Proteste in London von der Polizei angegriffen worden war. Der Polizist, der dabei gefilmt worden war, wie er Tomlinson schlug, gehörte der Territorial Support Group an, die an die Stelle der SPG trat, als diese 1987 aufgelöst wurde. Die Staatsanwaltschaft überdenkt noch immer, ob sie den Polizisten wegen Totschlags anklagen soll.

Peachs Freunde und Angehörige haben 31 Jahren lang dafür gekämpft, dass die Untersuchungsergebnisse der Londoner Polizei in Gänze offen gelegt werden. Cass’ Bericht war 1980 von dem inzwischen verstorbenen Coroner Dr. John Burton zurückgehalten worden, der die gerichtliche Untersuchung der Todesursache beaufsichtigt hatte.

Die Untersuchung gelangte zu dem kontroversen Urteil, dass es sich um einen „Tod durch Unfall“ handelte, doch unlängst wurden Dokumente enthüllt, die nahe legen, dass Burton befangen war und auf der Seite der Polizei stand. Er schrieb an mehrere Minister noch bevor die Untersuchung beendet war, die Annahme, dass Peach von einem Polizisten ermordet wurde, sei ein politisches „Lügenmärchen“.

Vermeintliche Kampagne von links

Nach der gerichtlichen Untersuchung schrieb Burton einen „unveröffentlichten Artikel“ über Peachs Tod. Darin wetterte er gegen eine vermeintliche linke Kampagne, die darauf abziele, das Rechtssystem zu destabilisieren. Einigen Regierungsräten gelang es, ihn davon zu überzeugen, den Bericht nicht zu veröffentlichen. Ein Beamter schrieb: „Ein solcher Artikel käme denen, die möglichst große Aufmerksamkeit auf den Vorfall lenken wollen, um zu behaupten, dass der Coroner befangen war und dass die gerichtliche Untersuchung deshalb anfechtbar ist, wie gerufen.“

Peachs langjährige Partnerin Celia Stubbs erklärte gestern, sie sehe sich durch den Cass-Bericht vollkommen bestätigt. Sie bezeichnete die Veröffentlichung „als Anfang vom Ende“ ihres Kampfes um Antworten.

Als Peachs Leiche 51 Tage nach seinem Tod schließlich beerdigt wurde, marschierten tausende von politischen Aktivisten durch London. Bereits am Vorabend hatten rund 8.000 Menschen, die meisten von ihnen Sikhs aus Southall, ihm am offenen Sarg die letzte Ehre erwiesen, der in einem nahegelegenen Theater aufgestellt war. Der Verdacht, den die meisten Trauernden hegten – dass Peach von einem Polizisten getötet worden war – bestätigte sich gestern durch Cass’ Bericht.

Rehabilitiert und "einfach nur froh"

Celia Stubbs erklärte: „Nach 31 Jahren ist das fantastisch. Ich habe nur 200 Seiten des Berichts gelesen, aber sich habe das Gefühl, dass er uns rehabilitiert, denn wir haben immer gesagt, dass Blair von einem Polizisten getötet wurde. In dem Bericht steht, dass der, der Blair geschlagen hat, ein Polizist war. Ich habe nie erwartet, dass es eine strafrechtliche Verfolgung geben wird. Ich bereue das nicht, ich bin einfach nur froh, dass wir jetzt diesen Bericht haben, damit wir erfahren, was an jenem Tag geschah.“ Cass hatte seinen Bericht 1979 gegen Ende des Sommers nach monatelangen Untersuchungen geschrieben.

Als Cass damals die Grundlagen seines Berichts darlegte, sagte er: „Meine Aufgabe ist es, die Umstände rund um den Tod zu untersuchen. Ich schlage deshalb vor, die Ereignisse dieses Tages nicht weiter breitzutreten, außer um zu betonen, dass eine außerordentlich gewaltätige, explosive und häßliche Situation vorherrschte, und dass es ernsthafte Störungen der Ordnung durch Personen gab, die als „aufrührerische Menge“ eingestuft werden können. Die rechtliche Definition einer „Zusammenrottung“ ist gerechtfertigt und das Ereigniss sollte vor diesem Hintergrund betrachtet werden. Ohne dass ich damit den Tod stillschweigend dulden will, verweise ich auf Absatz 2528 in der 38. Auflage des Archbold [Criminal Pleading, Evidence and Practice]: „Im Fall von Unruhen oder aufständischen Zusammenrottungen sind die Polizisten, die darum bemüht sind diese aufzulösen, gemäß dem Common Law berechtigt zu töten, sofern sich der Aufstand nicht anders unterbinden lässt.“

Doch sollte es Cass Absicht gewesen sein, seine Männer zu entlasten, so musste er angesichts der über 3.000 Seiten an Zeugenaussagen, forensischen Beweisen und angespannten Verhören von Polizisten, die ihm vorlagen, feststellen, dass das ein schwieriges Unterfangen war. Bereits nachdem er hundert Seiten geprüft hatte, kam er zu dem Schluss, dass „es vernünftig sei, daraus zu schließen, dass ein Polizeibeamter [Peach] den tödlichen Schlag versetzt hat“. Dennoch sagte er, es gebe nicht genügend Beweise um jemanden wegen unrechtmäßiger Tötung anzuklagen.

Die Sechs der Special Patrol Group

Cass schränkte seine Untersuchung auf sechs Polizisten der Special Patrol Group ein, die mit dem Wagen U11, der als erster die Beachcroft Avenue erreichte, gekommen waren. In dieser Straße wurde Peach später aufgefunden, wie er herumstolperte und kaum noch sprechen konnte. Nur wenige Augenblicke zuvor hatten 14 Augenzeugen beobachtet, wie ein „Polizeibeamter den später Verstorbenen auf den Kopf schlug“. Doch Cass zufolge gab es Ungereimtheiten bezüglich ihrer Aussagen und die meisten konnten den Polizisten bei mehreren Gegenüberstellungen nicht identifizieren.

Obwohl Cass keine Anklage empfahl, nannte er drei Polizisten, in deren Fall er nahelegte, sie wegen Rechtsbeugung strafrechtlich zu verfolgen, da er glaubte, dass sie gegenüber seinen Ermittlern gelogen hätten, um die Tat ihres Kollegen zu decken. Als er ihre Aussagen prüfte, fand er heraus, dass sie „vorsätzlich versucht hatten, die Anwesenheit des Wagens am Schauplatz zu dieser Zeit zu vertuschen.“ In einer der Schlüsselpassagen notierte er: „Es ist nun eindeutig, dass U11 am Ort des Geschehens war und es ist so gut wie sicher, dass der Polizist, der den Schlag ausführte, in diesem Fahrzeug gekommen war. Die Aussagen der Besatzung sind von größter Wichtigkeit für die Untersuchung.“ Er äußerte dann seine Besorgnis über die „Haltung und Unaufrichtigkeit“ einiger der Polizisten in dem Van und erklärte, ihrer Aussagen wiesen ernsthafte Mängel auf.

Seine Empfehlung, drei der Polizisten strafrechtlich dafür zu belangen, dass sie gegenüber ihren Vorgesetzten gelogen hatten, wurde offensichtlich von Sir Thomas Hetherington, dem Vorsitzenden der Staatsanwaltschaft, abgelehnt. Hetherington erklärte nur wenige Wochen nachdem er Cass’ Bericht erhalten hatte, es geben nicht genügend Beweise um gegen einen der Polizisten Anklage zu erheben. Die Londoner Polizei überprüfte das Verhalten der Beamten und kam zu dem Schluss, dass Disziplinarmaßnahme nicht nötig seien.

"Geisel des Schicksals"

Über die sechs SPG-Beamten schrieb Cass, es gebe „Hinweise“ darauf, dass vermutlich der, der den Wagen als erster verließ, Peach den tödlichen Schlag versetzte. Der Name des Polizisten war in der Version des Berichts die gestern veröffentlicht wurde, entfernt worden, doch Murray bekannte am Abend, dass Cass sich damit auf ihn bezog. Er sei der erste gewesen, der den Wagen verließ und es sei ihm damals bewusst gewesen, dass Cass ihn in seiner Untersuchung als „Hauptverdächtigen“ ausmachte. Er kritisierte jedoch die Untersuchung und warf Cass vor, er habe sich auf ihn versteift, weil ihm weitere konkrete Beweise fehlten.

„In einem Bericht wie diesem, kann dieser Mann schreiben, was er will“, erklärte er. „Also verfolgt er micht und versucht mir einen Mord anzuhängen, den ich nicht begangen habe.“ Er bezeichnete sich selbst als „Geisel des Schicksals“ und warf Cass Pfusch vor.

Der 85-jährige Cass, der vor 20 Jahren in Rente ging, erklärte am Montag, er sei nicht bereit Murrays Vorwürfe zu kommentieren. Die Londoner Polizei steht hinter Cass. Sie erklärte, seine Ergebnisse seien das Resultat einer ausführlichen und stichhaltigen Ermittlung. Commander Mark Simmons, der heute die Beschwerdeabteilung leitet und die Veröffentlichung des Berichts beaufsichtigte, erklärte: „Ich habe keinen Grund, mit Commander Cass Schlussfolgerungen nicht übereinzustimmen.“

Auch Deborah Cole, Vizedirektorin der Organisation Inquest, die 1981 als Reaktion auf Peachs Tod ins Leben gerufen wurde und Rat bei umstrittenen Todesfällen gibt, begrüßte Cass’ Befunde. Sie würfen jedoch weitere Fragen bezüglich der Institutionen, gegenüber denen sich Polizisten verantworten müssen, auf. „Die gesamte polizeiliche Untersuchung der Ereignisse vom 23. April 1979 war eindeutig so gestaltet, dass sie als Exempel für den Umgang mit den Konsequenzen solcher Ereignissen dienen konnte, im Hinblick darauf, wie Beamte für Polizeigewalt angesichts legitimer öffentlicher Proteste entlastet werden können“, erklärte sie. „Das Echo auf diese Übung war in den vergangenen Jahrzehnte immer wieder zu hören, bis hin zu den Ereignissen im Rahmen der G20 Proteste und dem Tode Ian Tomlinsons 2009.“


Übersetzung: Christine Käppeler

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11:00 29.04.2010
Geschrieben von

Paul Lewis | The Guardian

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The Guardian

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