6 zu 5 für die Eiserne Lady

Frühstart Die britischen Buchmacher geben erste Quoten für die Oscars bekannt. Die werden im Februar verliehen und die meisten Filme haben selbst Journalisten noch nicht gesehen

Während der Sommer langsam zur Erinnerung verblasst und die Kinder wieder die Schulbank drücken, graut einem langsam vor den ersten Schokonikoläusen, die bald in den Schaufenstern auftauchen werden. Filmkritiker graut allerdings vor etwas ganz anderem: Die Leute fangen bereits jetzt damit an, über die nächsten Oscar-Gewinner zu spekulieren. Ja, die Oscars, die Ende Februar vergeben werden.

Nun, ich liebe dieses Academy-Gedöns so sehr wie alle anderen auch, insbesondere das ausgeklügelte Geplänkel um die Nominierungen. Wenn ich nur diese Listen mit den Filmtiteln sehe, die in wichtig klingende Kategorien eingeteilt sind, läuft mir schon das Wasser im Munde zusammen. Wie irrational es auch immer sein mag: So eine Liste macht doch immer etwas her, sieht offiziös und kanonisch aus – ganz egal, wer sie erstellt hat. Doch bis vor kurzem dachte ich, dass unsere Sucht um diese Jahreszeit noch nicht befeuert werden würde, da jetzt noch keine Liste, wie spekulativ auch immer, aufgestellt werden könnte. Wie naiv von mir! Die Buchmacher Paddy Power und Victor Chandler haben bereits umfassende „Nominierungswettlisten“ für die Oscars 2012 im Angebot.

Da sind sie also, die Vollblüter, über deren Nominierung die Film-Afficionados jetzt schon brüten und auf die sie in der Tat bereits wetten können: Steven Spielbergs War Horse, Clint Eastwoods J Edgar, Phyllida Lloyds The Iron Lady und viele mehr. Was diese Liste noch verblüffender und ärgerlicher macht, ist die Tatsache, dass die meisten dieser Filme, und zwar fast alle, die bei den Buchmachern ganz oben stehen, noch niemand gesehen hat – noch nicht einmal die Journalisten.

Sind die Oscars nicht per se eine Lotterie?

Anders als all die im Showbiz tätigen Journalisten, die, wie ich selbst, irgendwann mit einer eigenen Liste aufwarten werden, erheben Paddy Power und seine Kompagnons nicht den geringsten Anspruch, ihre Auswahl basiere auf irgendeiner cineastischen Expertise. Dennoch erscheinen sie auf merkwürdige und fesselnde Art und Weise plausibel. Beim Lesen überkam mich ein Gefühl der Beklommenheit, wenn nicht sogar von Panik. Was? Ist alles schon entschieden? Die Debatte schon gelaufen? Habe ich da irgendeine E-Mail verpasst? Sind die bei Paddy Power mit dem Teufel aka irgendwelchen Insidern in LA im ? Aber natürlich haben Paddy und seine Leute das Recht, ihre Meinung kundzutun wie jeder andere, und anders als die Filmexperten, besteht ihr Geschäft nun mal darin Wettquoten auszugeben. Das Ganze hat etwas Surreales, das jedoch nicht ganz ohne eigenen Reiz ist.

In Großbritannien sorgt die Ernsthaftigkeit, mit der die Oscars vergeben werden, häufig für eine gewisse Belustigung, wie in vielen Blogs nachgelesen werden kann. Im Grunde sei die ganze Veranstaltung nichts als eine kulturalistisch überhöhte Form von Lotterie, die von konkurrierenden PR-Kampagnen gestaltet und gemanagt werde, heißt es auf diesen Foren. Und vielleicht stimmt das auch. Im Laufe der Jahre habe ich immer wieder Leute darüber spekulieren hören, wie „die Academy“ denn entscheiden werde, als handele es sich um eine gemeinschaftlich entscheidende Institution wie die Académie Française. Das ein oder andere Mal ist mir schon der Verdacht gekommen, dass die Leute, die sich im Rundfunk zu der Verleihung äußern, nicht wirklich verstanden haben, dass die Oscar-Gewinner nicht gemeinschaftlich von einer Jury ausgewählt werden wie der Booker-Preis oder die Goldene Palme von Cannes, sondern dass einfach abgestimmt wird.

Peter Bradshaws Blind-Liste

Also habe ich ganz im Geiste dieser zur Unzeit stattfindenden Oscar-Spekulationen beschlossen, selbst eine Reihe dadaistisch anmutender Wetten in den verschiedenen Kategorien abzugeben. Ich habe mich dabei streng auf Filme beschränkt, die ich noch nicht gesehen habe und über die ich daher nichts weiß. Meinen Geschenk-Wettschein über 10 Pfund Sterling, den ich zum Start meiner Karriere als Online-Wettexperte erhalten habe, habe ich auf Spielbergs War Horse (5/2) für den besten Film gesetzt. Des Weiteren setzte ich noch ein Pfund meines eigenen Geldes auf jeden der folgenden Streifen:

5/1 für Stephen Daldry als bester Regisseur für Extremely Loud and Incredibly Close, nach dem Roman von Jonathan Safran Foer.

2/1 für Leonardo DiCaprio, als bester Schauspieler in J. Edgar, dem Biopic über FBI-Chef Hoover.

6/5 für Meryl Streep als beste Schauspielerin in dem Maggie Thatcher-Biopic The Iron Lady.

3/1 auf Kenneth Branagh für die beste männliche Nebenrolle als Laurence Olivier in My Week With Marilyn, dem Film über die intensive Beziehung Oliviers zur Monroe während der Dreharbeiten zu The Prince and the Showgirl.

6/1 auf Sandra Bullock für die beste weibliche Nebenrolle in Extremely Loud and Incredibly Close.

6/1 Diablo Cody, bestes Drehbuch für Young Adult, einen Film über einen liebeskranken Schriftsteller.

Diese Tipps sind vollkommen willkürlich. Sollte ich in allen Kategorien gewinnen, bin ich 47, 83 Pfund reicher. Sämtliche Erlöse werden wohltätigen Zwecken zugute kommen. Und wenn die offiziellen Nominierungen bekanntgegeben werden, werde ich erneut wetten, dieses Mal dann auf Grundlage meiner Urteilskraft als Filmkritiker. Diese rationalen, sachkundig fundierten Wetten werden – so hoffe ich – mehr Geld einspielen als meine aufs Geratewohl gemachten – schließlich würde dies beweisen, dass die Preisverleihungen, in die Journalisten und Filmkritiker so viel investieren, auch wirklich eine tiefere Bedeutung haben. Aber ich werde das schreckliche Gefühl nicht los, dass dem nicht so ist.

Übersetzung: Holger Hutt

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Ihre Freitag-Redaktion

18:35 19.09.2011
Geschrieben von

Peter Bradshaw | The Guardian

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