Aalglattes Gesicht

Porträt Thierry Baudet inszeniert sich für den niederländischen Rechtspopulismus als Gegenentwurf zu Geert Wilders
Aalglattes Gesicht
Viele Wähler glauben, für Baudet können wir stimmen, ohne uns selbst ungehobelt vorzukommen

Foto: Niels Wenstedt/Picture Alliance/ANP

Wenn es im vergangenen Jahrzehnt gegen Muslime und Migranten, das Establishment oder Intellektuelle ging, verband sich das mit Aufritten von Geert Wilders. Er war berüchtigt dafür, so ziemlich gegen alles zu sein, was aus mehr als drei Silben bestand. Am 20. März jedoch, als die Provinzparlamente gewählt wurden, ging seiner Partij voor de Vrijheid jeder zweite Wähler von der Fahne. Die PVV verlor die Hälfte ihrer Sitze an das Forum voor Democratie (FvD) und damit an die Partei, die 2016 der Newcomer Thierry Baudet gegründet hatte. Diese FvD ist nun gar um einen Sitz stärker als die regierende konservativ-liberale VVD.

Baudets mitternächtliche Siegesrede war eine der großen „Was-für-ein-Moment-Tiraden“ in der jüngeren Geschichte der Niederlande. Sie begann mit dem berühmten Hegel-Zitat, wonach die Eule der Minerva erst mit der einbrechenden Dämmerung zum Flug ansetzt, bevor vom Selbsthass der herrschenden Klasse die Rede war, der nach Ansicht Baudets alle anderen Kulturen lieber seien als die eigene. Europa lebe in einem „kulturellen und geistigen Vakuum“ und habe vergessen, dass die westliche Zivilisation sich einst „selbstbewusst bis in den letzten Winkel der Welt ausgebreitet“ habe, so der 1983 in Heemstede geborene Historiker und Jurist. Es seien Journalisten und Künstler, die „unsere boreale Welt“ bedrohten. „Boreal“ bedeutet „nordisch“ und ist ein Euphemismus für „weiß“. Das heißt, Baudet präsentiert die nationalistisch-populistischen Klassiker, mit denen auch Wilders hausieren ging – allerdings in einer wesentlich verquasteren Sprache.

Dass niederländische Wähler Wilders’ nun offenbar überdrüssig geworden sind, erscheint nachvollziehbar. Sie empfanden ihn zunehmend als Establishment der Anti-Establishment-Parteien. Baudet dagegen ist ein frisches Gesicht, zeigt stets glänzendes Haar, wirkt in seinen engen Anzügen propper und erweckt für gewöhnlich den Eindruck, als würde er gleich für die Rolle des Patrick Bateman vorsprechen, jenes Investmentbankers, der in Bret Easton Ellis’ Roman American Psycho die dunkle Seite seiner Persönlichkeit vor den Kollegen verbirgt. Verglichen mit Wilders ist Baudet überraschend elitär. Seine Jungfernrede im Parlament begann er auf Latein, was die Altphilologin Mary Beard dazu veranlasste, seine vielen Fehler zu korrigieren. Er hat in seinen Büroräumen einen Flügel stehen und bereits zwei Romane veröffentlicht. Einer davon trägt den Titel Bedingte Liebe und wartet mit einem Erzähler auf, der sich als Teilzeitintellektueller und Teilzeitstricher verdingt. Diese Figur doziert den ganzen Roman hindurch darüber, wie sehr Frauen unterworfen werden wollten, überhaupt und im Schlafzimmer besonders.

Baudet befürwortet die Anti-Migrationspolitik von Trump und Orbán, er ist mit Marine Le Pen befreundet und hat lange mit dem „Nexit“ geliebäugelt, indem er die EU-Zentrale in Brüssel immer wieder als Wurzel allen Übels bezeichnet hat. Sein Weltbild könnte als Kombination der Ansichten des deutschen Historikers Oswald Spengler und des kanadischen Wissenschaftlers Jordan Peterson beschrieben werden. Auf der einen Seite sieht er den Westen im Niedergang begriffen – siehe Spenglers Der Untergang des Abendlandes von 1918 – und halluziniert, die politisch-kulturellen Eliten würden die „alten Werte“ absichtlich gegen einen atheistischen, linken Kosmopolitismus eintauschen. Auf der anderen Seite spricht er von der Restauration einer nationalistischen, männlichen Gesellschaft und der Notwendigkeit, sich nicht für Kolonialismus, Rassismus oder sexistische Strukturen in der Gesellschaft zu entschuldigen. Vielmehr gelte es, den Rücken durchzudrücken und eine aufrechte Haltung einzunehmen. Wer konservativ, wohlhabend, gebildet, weiß und cis-männlich daherkommt, ist in Ordnung. Frauen oder Minderheiten dagegen sind schlecht.

Die Medien haben sich mit Eifer darauf gestürzt, Baudet zu entlarven, und dies so gründlich getan, dass er – seit seine Partei 2017 mit gerade einmal zwei von 150 Sitzen in das Repräsentantenhaus gewählt wurde – die Berichterstattung dominiert. Als das wöchentlich erscheinende Magazin De Groene Amsterdammer einen Artikel veröffentlichte, der unterstellte, Baudet habe Adorno nie wirklich verstanden, dauerte es keine halbe Stunde, bis Baudet persönlich in der Redaktion anrief, um klarzustellen, dass er Adorno gelesen und bestens verstanden habe.

Nach den jüngsten Wahlen war viel von einem „Erdrutsch“ die Rede. Das dürfte ein wenig übertrieben sein. Die Niederlande haben sich nicht in ein Paradies für Rechtsextreme verwandelt. Von insgesamt 75 Sitzen in der Ersten Kammer hat Baudets Partei nunmehr 13. Das ist ein Anstieg, aber keine feindliche Übernahme. Neu ist, dass viele Wähler, die Wilders immer für zu unhöflich oder unzivilisiert hielten, nun das Gefühl haben: Da ist jemand, für den können wir stimmen, ohne uns selbst ungehobelt vorzukommen.

Baudet will die Leute glauben machen, ihm gehe es um Hochkultur, indem er seinem kometenhaften Aufstieg einen intellektuellen Anstrich verpasst. Doch mit allem, was modern ist, kann er nichts anfangen. Er sagt, er sei an Philosophie interessiert, zitiert aber nur Philosophen, deren Ideen sich anbieten, ein rückwärtsgewandtes Weltbild zu konstruieren. Er nutzt sein elitäres Wissen, um niederträchtige Instinkte zu maskieren. Wenn wir glauben, was Europa verbinde, seien Jahrhunderte der Kultur und Zivilisation, dann sehen wir bei Baudet jemanden, der versucht, dieses Erbe zu nutzen, um Europa zu spalten.

Joost de Vries ist ein niederländischer Schriftsteller

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 30.04.2019
Geschrieben von

Joost de Vries | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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