Abenteuer Mensch

Gastbeitrag Der Philosoph Edgar Morin äußert sich anlässlich seines 100. Geburtstags zur Krise der Gegenwart
Abenteuer Mensch
Uhr aus Hiroshima, die bei der Atombomben-Explosion stehen blieb – wir bedrohen unsere eigene Existenz in vielfältiger Weise

Foto: Brian Brake/Science Photo Library

Bevor wir die Krise betrachten, die wir seit 2020 erleben, und dann über ihre Folgen spekulieren, wollen wir versuchen, sie in die außergewöhnliche Phase des menschlichen Abenteuers einzuordnen, die vor 75 Jahren begann und ihrerseits von unvorhergesehenen und außerordentlichen Zwischenfällen geprägt war. Es ist eine Zeit, in der die menschliche Macht in nie da gewesener Weise zunimmt – Gleiches gilt für die menschliche Ohnmacht.

Die Bombe auf Hiroshima kündet 1945 von der Möglichkeit der Auslöschung nahezu der gesamten Menschheit; eine Möglichkeit, die in der Folgezeit durch die nukleare Aufrüstung, insbesondere in den miteinander verfeindeten Staaten, zunimmt. Diese Entfesselung der Macht verurteilt uns zur Ohnmacht. Im Jahr 1972 warnt der Bericht des Club of Rome vor dem Prozess der Zerstörung des Planeten, sowohl in seiner Biosphäre als auch in der Soziosphäre. In den folgenden 50 Jahren verschlechtert sich die Situation kontinuierlich. Das Bewusstsein für diese Bedrohung entsteht sehr langsam und bleibt unzureichend, während die Verwüstungen der Atmosphäre, der Flüsse, der Ozeane, der von der industrialisierten Landwirtschaft unfruchtbar gemachten Erde, der Nahrung, der verschmutzten Städte und des menschlichen Lebens fortschreiten.

Um 1980 entsteht in Kalifornien die Bewegung des Transhumanismus, die unter den Tech- und Wirtschafts-Eliten immer mehr Anhänger findet. Dem Transhumanismus schwebt eine mit Unsterblichkeit ausgestattete Metamenschheit vor sowie eine durch künstliche Intelligenz harmonisch geregelte Metagesellschaft. Beflügelt von den neuen wissenschaftlich-technologischen Fähigkeiten, die eine Verlängerung des menschlichen Lebens und einen Menschen mit erweiterten Fähigkeiten möglich erscheinen lassen, greift der Transhumanismus den abendländischen Mythos von der uneingeschränkten Beherrschung der Außenwelt auf und entwickelt ihn weiter. Gleiches gilt für die Utopie einer durch den unternehmerischen Einsatz künstlicher Intelligenz harmonisch gestalteten Gesellschaft, indem alle Störungen – also Freiheiten – beseitigt werden. Er verheißt eine Verwandlung der Menschheit sowohl individuell als auch gesellschaftlich in eine Post-Menschheit oder Übermenschheit.

In den Jahren 1989 und 1990 dringt der Kapitalismus in die Sowjetunion und ins kommunistische China vor, und zur gleichen Zeit breiten sich die Medien der Direktkommunikation weltweit aus. Diese Globalisierung schafft eine Schicksalsgemeinschaft der Menschen aller Kontinente angesichts der gemeinsamen Bedrohungen (nuklearer, ökologischer und ökonomischer Art). Diese Schicksalsgemeinschaft lässt eine Verwandlung der Menschheit möglich erscheinen, die nicht transhumanistisch, sondern panhumanistisch wäre. Diese Vorstellung strebte nicht den erweiterten Menschen, sondern einen verbesserten Menschen an, Bewohner eines „Heimatlandes Erde“, das alle Nationen umschlösse, ohne sie zu unterdrücken. Die Voraussetzung wäre, dass ein neues humanistisches politisches Denken auftaucht.

Zur gleichen Zeit vollzieht sich in Großbritannien und den USA eine neoliberale Revolution, die nicht nur die Marktwirtschaft als Lösung aller sozialen Probleme propagiert, sondern auch die Privatisierung und Kommerzialisierung öffentlicher Dienstleistungen predigt, einschließlich der Krankenhäuser, und den Staat auf die Rolle des Nachtwächters reduziert. Diese Revolution breitet sich schließlich weltweit aus, und die entfesselte Macht des Geldes setzt sich überall durch. Sie verschärft die Krise der Demokratien sowie eine Krise des politischen Denkens, das von allen Inhalten entleert ist und sich von der Wirtschaft instrumentalisieren lässt, die selbst dem Neoliberalismus unterworfen ist.

Wir erleben heute also eine gewaltige wissenschaftlich-technologisch-ökonomisch-politische Dynamik, bestimmt von unkontrollierten Entwicklungen in den Wissenschaften und Technologien unter dem zügellosen Drang der ökonomischen Kräfte und des nicht minder zügellosen Machtwillens der Staaten.

Alles Autonome ist abhängig

Diese Dynamik trägt zu einer enormen politischen und sozialen Regression bei, in der fast überall auf dem Planeten sogenannte „populistische“ Staatschefs, sprich: Demagogen, und neoautoritäre Regime mit parlamentarischer Fassade auftauchen, während sich die Mittel der Einhegung und Überwachung durch Gesichtserkennung, Kontrolle der Telekommunikation, Satelliten oder Spionagedrohnen vervielfachen – in China ist dies bereits der Fall. Die „Bigbrotherisierung“ ist im Gange.

In diese gefährliche Phase des Umbruchs, hier und da begleitet von Revolten auf der ganzen Welt, die alle unterdrückt werden – einige mit extremer Grausamkeit –, platzt die Covid-19-Krise hinein, die fast augenblicklich den ganzen Planeten erfasst und multidimensional wird und aus der wir noch nicht herausgekommen sind.

Das ist der Moment, in dem sich die Schwäche einer Wissenschaft offenbart, die man für allmächtig hielt. Bereits der AIDS-Schock 1983 hatte den Glauben an eine allmächtige Wissenschaft erschüttert, die sämtliche Bakterien und Viren auslöschen würde. Und doch blieb die Gewissheit, dass sich der mikroskopische Feind beherrschen ließe. Nun also ein Virus, dessen konstitutive Moleküle man zwar analysieren kann, dessen Ursprung aber immer noch unbekannt ist (…). Entscheidend ist die Erkenntnis, dass Viren und Bakterien niemals eliminiert werden können, egal wie groß und raffiniert die wissenschaftlichen Siege auch sein mögen – allein schon deshalb, weil ein Teil der bakteriellen Welt lebenswichtig ist, insbesondere für unseren Darm; allein deshalb, weil sie in der Lage sind, sich selbst zu modifizieren und Resistenzen gegen Antibiotika und antivirale Mittel zu entwickeln, was zugleich den transhumanistischen Traum von der Unsterblichkeit trifft. So zeigt sich die Schwäche einer sonst so mächtigen Wissenschaft.

Zugleich offenbart der multidimensionale und globale Charakter der Krise die Schwäche einer Denkweise, (…) die nicht in der Lage ist, das Wissen zu integrieren, das in den Disziplinen verstreut und zerstückelt ist. Es zeigt sich zudem die Unzulänglichkeit eines Denkens, das so mächtig in der Berechnung und Algorithmisierung vorhandener Daten ist, aber blind für das, was den eigentlichen Charakter der menschlichen Geschichte ausmacht: Unerwartetes und permanente Unsicherheiten, die sich in Krisenzeiten und besonders in Zeiten von Riesenkrisen wie der unseren noch verschärfen.

Wir erleben 2021 also eine neue Etappe in dieser außerordentlichen Phase des menschlichen Abenteuers, in der das Paradox der Allmacht und Ohnmacht des Menschen kulminiert. Die Schwäche entsteht nicht nur aus der menschlichen Zerbrechlichkeit (das Unglück, der Tod, das Unerwartete), sondern auch aus den zerstörerischen Folgen der wissenschaftlich-technologisch-ökonomischen Allmacht, angetrieben von der immer größeren Maßlosigkeit des Willens zur Macht und des Willens zum Profit.

Dieses menschliche Denken, das fähig ist, die großartigsten Maschinen zu erschaffen, ist unfähig, die kleinste Libelle zu erschaffen. Diese Intelligenz, die fähig ist, Raketen und Raumstationen ins All zu befördern und eine künstliche Intelligenz zu erschaffen, die alles berechnen kann, vermag es nicht, die Komplexität der Conditio humana, des menschlichen Werdens, zu erfassen. Diese Intelligenz, die in der Lage ist, die Realität in kleine Teile zu zerlegen und diese logisch und rational zu verarbeiten, ist nicht in der Lage, die Puzzleteile zusammenzufügen und mit einer Realität umzugehen, die einer komplexen Rationalität bedarf, die Ambivalenzen, die Komplementarität von Gegensätzen und die Grenzen der Logik des ausgeschlossenen Dritten zu erfassen vermag. Wann begreifen wir, dass alles Teilbare unteilbar ist?

Wann begreifen wir, dass alles Autonome abhängig von seiner Umgebung ist? Angefangen bei der Autonomie aller Lebewesen, die ihre Energie erneuern müssen, indem sie sich ernähren, um zu leben, und Informationen erfassen, um zu handeln, bis hin zu meiner Autonomie jetzt gerade am Computer, der von Strom und WiFi abhängig ist? Wir müssen also verstehen, dass alles, was uns technologisch und materiell emanzipiert, uns gleichzeitig unterwerfen kann – vom ersten Werkzeug, das zugleich Waffe war, über die industrielle Maschine bis hin zur künstlichen Intelligenz. Vergessen wir nicht, dass die große Krise, die wir durchleben, auch eine Krise des Wissens ist (…), eine Krise der begrenzten, allein auf Berechnungen basierenden Rationalität, eine Krise des Denkens.

Die Zukunft: Wir wissen, dass alle Futurologie sinnlos ist und dass die Zukunft des Menschen einmal mehr reich an Unerwartetem und an Ungewissheiten sein wird. Aber wir können in Betracht ziehen, wie sich Prozesse, die in Gang sind, höchstwahrscheinlich weiterentwickeln.

Treffen wir die einzig mögliche Vorhersage: Was sein wird, folgt der Dialektik zwischen allen Mächten und Ohnmächten des Menschen und dem unauflösbaren Konflikt zwischen Eros, Polemos und Thanatos.(…) Alle Krisen drohen, Gewalt, Wahn und Verblendung zu steigern, anstatt Bewusstsein und rettende Impulse zu fördern.

Das Szenario eines Atomkrieges hängt weiter wie ein Damoklesschwert über der Zukunft der Menschen und könnte sogar die positive Wirkung eines memento mori haben. Die Zerstörung unserer irdischen Biosphäre wird sich verschlimmern und zahllose Naturkatastrophen, Überschwemmungen, Verödung und Klimaveränderungen zeitigen, die schon jetzt Migrationsbewegungen und Konflikte nach sich ziehen, insbesondere um den Besitz des Wassers und die Verteilung von Energieressourcen und Nahrung.

Der Prozess der politischen Regression und des Neototalitarismus kann sich problemlos fortsetzen, abgesehen von einzelnen Ausbrüchen und Reaktionen, wie sie sich in einigen Ländern abzeichnen (in Chile und, sehr bescheiden, den USA).

Die Verwandlung des erweiterten Menschen in einen Übermenschen schließlich kann sich bei denen vollziehen, die über politische und ökonomische Macht verfügen, und sie kann eine Spaltung zwischen Übermenschen und Menschen schaffen. Letztere werden unter Umständen zu einem Leben in Apartheid oder Sterilisierung verurteilt sein. Die Verwandlung des verbesserten Menschen wiederum ist eine Möglichkeit, die keine Utopie bleiben müsste, wenn die Menschheit einen anderen Weg einschlüge, den ich jüngst in meinem so betitelten Buch skizziert habe (Changeons de voie, Denoël 2020).

Diese vier Prozesse, die alle möglich sind, wären zugleich ambivalent, parallel, konkurrierend, antagonistisch und brächten enorme Ungewissheiten mit sich, was ihre Interaktionen und Wechselwirkungen betrifft. Lassen wir zuletzt nicht die Hypothese außen vor, dass ein Prophet oder Visionär oder Erleuchteter auftritt, der eine neue planetarische Religion verkündet und das menschliche Abenteuer verändert.

Um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die zwar verbunden sind, aber nicht linear, zu überblicken, muss die Intelligenz sich für die Anerkennung und den Umgang mit dem Komplexen rüsten, wir brauchen ein passendes Wissen und Denken, eine umfassende Bewusstwerdung, bewusste und verantwortungsvolle Entscheidungen, eine stets bewegliche Strategie.

Ich für meinen Teil werde meine letzten Energien der Beobachtung, der Arbeit und dem Nachdenken über unsere Gegenwart und unsere Zukunft widmen, dabei stets der Partei zugehörig, die die Grenzen aller Parteien überschreitet, der Partei des Eros.

Edgar Morin zählt zu den bedeutendsten französischen Soziologen und Philosophen. Er wurde am 8. Juli 1921 als Edgar Nahoum in Paris geboren. Während der Besetzung Frankreichs schloss er sich der Résistance an und wählte „Morin“ als Deckname. Er war Forschungsdirektor am Centre national de la recherche scientifique (CNRS) in Paris und veröffentlichte über 100 Schriften, von denen nur wenige auf Deutsch erschienen, zuletzt Der Weg. Für die Zukunft der Menschheit (Krämer 2012)

Übersetzung: Leander F. Badura

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06:00 18.07.2021
Geschrieben von

Edgar Morin | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

Ausgabe 30/2021

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