Acht Freunde müsst ihr sein

Pazifik Die kleinsten Inselstaaten stehen vereint gegen große ausländische Fangflotten, um eine Überfischung zu verhindern
Acht Freunde müsst ihr sein
In Kiribati stiegen die Einnahmen durch Thunfischfang seit 2011 von 25 auf 160 Millionen Dollar

Foto: Jeffrey Rotman/Alamy

Es war der wohl bemerkenswerteste Erfolg ausnahmslos kleiner Pazifik-Inselstaaten in den vergangenen 50 Jahren. Gemeint sind Kiribati, die Marshall-Inseln, Tuvalu, Nauru, Mikronesien, Palau sowie die mittelgroßen Entitäten Papua-Neuguinea und die Solomon-Inseln. 1982 suchten sie den Zusammenschluss, weil in ihren Gewässern die begehrte Thunfischsorte „Echter Bonito“ gefangen wurde. Um zu verhindern, dass sie leer ausgingen, kam es zum Nauru-Abkommen (PNA). Über die Jahre hinweg gelang es damit, die USA, Japan und Taiwan, später Festlandchina und die EU in Schach zu halten. „Von Anfang an handelte es sich um eine David-gegen-Goliath-Situation“, sagt Jonathan Pryke, Direktor des Pazifikinsel-Programms des Lowy Instituts in Sydney. Vier Jahrzehnte später verfügen die PNA-Staaten über ein revolutionäres System, das ihnen jährlich eine halbe Milliarde Dollar einbringt. Außerdem wird eine Überfischung durch internationale Fangflotten verhindert, sodass sich die Fischbestände vor den Küsten erholen können.

Fangtage werden versteigert

Laut PNA-Generaldirektor Ludwig Kumoru war es der Schlüssel zum Erfolg, ein System über Bord zu werfen, bei dem sich die PNA-Nationen gegenseitig unterboten, die Fischereirechte in ihren Gewässern an ausländische Flotten zu verkaufen. Stattdessen wurde das sogenannte Vessel-Day-Schema eingeführt. Dabei wird zunächst kalkuliert, welche Fangmenge bei Thunfisch nachhaltig ist. Dann wird diese Menge in Fischfang-Tage eingeteilt, für die Fischerei-Unternehmen bieten können. „Wir setzten den Mindestpreis für einen Tag von anfangs 2.500 auf 8.000 Dollar hoch, doch blieb die Nachfrage so groß, dass wir 12.000 bis 14.000 Dollar erzielten“, so Kumoru. Heute seien alle Fischbestände weitgehend gesund, erklärt Transform Aqorau, Rechtsanwalt auf den Solomon-Inseln und 2010 erster PNA-Generaldirektor. „Wenn das derzeitige Niveau der Ausbeutung beibehalten wird, werden die Ressourcen auch in der Zukunft gesund bleiben“, hofft John Hampton, der als einer der wichtigsten Fischerei-Experten in der Region gilt.

Sean Dorney, langjähriger Pazifik-Korrespondent des australischen Senders ABC, erinnert sich noch gut an die Gründung der Allianz 1982. Als Gäste der Inselnation Nauru trafen sich die Fischereiminister aus 16 Staaten der Forum Fishery Agency, die den Fischfang im Pazifik überwacht und auch Australien und Neuseeland als Mitglieder führt. Sean Dorney flog aus Port Moresby nach Nauru, weil er das Gefühl hatte, etwas Wichtiges stehe bevor. „Es lag spürbare Frustration in der Luft“, erinnert er sich. „Vom Fang aus der Region landete nichts in den acht Staaten. Die gesamte Ausbeute wurde von Tiefkühltrawlern nach Japan oder Thailand verschifft, während die Länder, aus deren Gewässern der Fang stammte, keinen Cent sahen. Als die acht Staaten das Naura-Abkommen unterschrieben, hatten sie keine klare Vorstellung davon, was realistischerweise zu erwarten war. Sie wussten nur, es war ein historischer Moment“, so Dorney. Was die PNA-Gruppe zustande brachte, wurde zu einem überzeugenden Beispiel für Kooperation. Beim heutigen politischen Klima wäre es schwieriger, eine solche Assoziation auch nur in Erwägung zu ziehen. Einfach, weil Regionalismus derzeit wenig angesagt ist.

Mitte der 1990er-Jahre erreichte die massive Expansion internationaler Thunfischflotten ihren Höhepunkt, während die acht Staaten nurmehr einen Bruchteil der mit dem Fischfang erzielten Gewinne erhielten. „Es gab keine Obergrenze für den Fang und keinen fairen Wettbewerb. Was Staaten wie Kiribati und Nauru an Gebühren einnahmen, lag deutlich unter fünf Prozent des Fangwertes“, sagt Michael Lodge, seit 1989 Rechtsberater der Forum Fishery Agency. Erst 2011 kam die PNA in die Gewinnzone. Das Vessel-Day-Modell wurde reformiert und ermöglichte es, Fangtage zu verkaufen, die in allen acht Ländern gültig waren, sie den Flotten in Rechnung zu stellen und die Einnahmen an die Länder weiterzugeben. Das System erlaubte Flexibilität, wenn ein Staat zu einem bestimmten Zeitpunkt keinen Fisch zu bieten hatte. So konnte Mikronesien im Westpazifik in einem El-Niño-Jahr seine Tage zum Beispiel an Kiribati im Zentralpazifik verkaufen, wo sich die Fische konzentrierten. Kiribati veräußerte sie an Fischereiunternehmen weiter, sodass jeder Staat auf stabile jährliche Einnahmen kam. Dadurch habe sich der Wert der einzelnen Tage enorm erhöht, erklärte Aqorau. „Heute bekommen wir 25 Prozent des Verkaufspreises für Thunfisch, vor zehn Jahren waren es nur drei Prozent.“

Kiribati besitzt die größte Wirtschaftszone der Region, aber eine der kleinsten Ökonomien mit nur 113.000 Einwohnern. Im Vergleich zu 2011 hat sich das Fischereieinkommen der Insel von 25 Millionen Dollar auf heute 160 Millionen oder 1.400 Dollar/Kopf erhöht. Das ermöglichte Sozialausgaben und Infrastrukturmaßnahmen wie ein Höherlegen der häufig überfluteten und übervölkerten Hauptstadt South Tarawa. „Was wir da tun konnten, hat das Leben der Menschen enorm verbessert“, findet der frühere Präsident Teburoro Tito.

In Papua-Neuguinea, dem größten Staat der Pazifikinseln, fließen die auf 80 Millionen Dollar im Jahr gestiegenen Einnahmen aus den Fischereirechten in die eigene Küstenfischerei und Fischfarm-Kooperativen. PNA-Generaldirektor Kumoru, der selbst aus Papua-Neuguinea stammt, ist zufrieden: „Das hat viel für die Menschen in den Küstenorten bewirkt.“

Christopher Pala ist freier Autor und Fotograf, er arbeitet unter anderem für den Guardian, Yahoo News UK und PACNEWS

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 25.08.2021
Geschrieben von

Christopher Pala | The Guardian

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