Afghanen auf die Piste!

Ökotourismus In Zentral-Afghanistan soll trotz Krieg ein profitables Skigebiet entstehen. Deshalb werden nun zehn Kandidaten zu den ersten Skilehrern des Landes ausgebildet

Im Klassenzimmer hängt ein Poster mit den Eigenschaften, über die ein guter Skilehrer verfügen muss: Optimistisch, eloquent, zuverlässig, geduldig, aktiv, gut gelaunt, pünktlich und extrovertiert. Die zehn jungen Männer, die im Klassenzimmer um einen Tisch sitzen, wollen Afghanistans erste Skilehrer werden. Sie lernen, wie man Lawinen vermeidet und wie wichtig es ist, immer genügend Wasser und Nahrung dabeizuhaben, wenn man zu den schneebedeckten Gipfeln der Berge hoch über Bamiyan aufbricht. Alle verfügen in höchstem Maße über die genannten Kernkompetenzen. Man kann sich kaum eine bessere Gruppe vorstellen als die jungen Männer, die hier in erstklassigem Englisch durcheinander reden. Einzig fehlt ihnen allen eine entscheidende Kompetenz: Keiner von ihnen kann Ski fahren.

Zuvor haben sie auf den Hängen des überwältigenden Koh-e-Baba-Gebirges erste Erfahrungen mit dem schnell schmelzenden Frühlingsschnee gemacht. Ihre Ausrüstung trug ein Esel durch das saftig grüne Tal und den Berg hinauf. Zusammen besitzen sie nur sechs Paar gebrauchte Skier, zwei davon sind von einem amerikanischen Pärchen geliehen. Die Skiberater Chad Dear und Laurie Ashley sind überzeugt davon, dass sich Zentral-Afghanistan bestens für Skiexkursionen abseits großer Pisten eignet. Die wenigen Telemark- und Abfahrtsskier werden durch „Bazar-Skier“ ergänzt – potentiell todbringende Holzlatten, die ein paar begeisterte örtliche Schreiner zusammengeschustert haben. Die Bindungen bestehen aus ein paar Lederriemen, die Unterseite ist mit Metall umwickelt, das Gesamtresultat ist erschreckend. Und den Rat ihres Lehrers, möglichst viele Kleider übereinander zu tragen, hatten die zehn Begeisterten großzügig ignoriert und so stürzten sie sich in Jeans und falschen Designer-Tops auf die Piste. Bald schon zitterten sie.

Das sind die äußerst bescheidenen Anfänge, die aus Bamiyan, einer verarmten, aber atemberaubend schönen Provinz, ein profitables Skigebiet machen sollen. Der Plan, hier in Bamiyan den „Ökotourismus“ zu fördern, hat einflussreiche Unterstützer, darunter die islamische NGO Aga Khan Development Network und die neuseeländische Regierung, die Truppen in der Provinz stationiert hat. Chad Dear kam als Entwicklungshelfer aus Montana nach Afghanistan. Er glaubt, dass es in Bamiyan in ein paar Jahren professionelle Skiverleihe, einen Anfängerhügel mit einem Schlepplift und vielleicht gar die Möglichkeit zum Heli-Skiing geben kann. Für den Anfang hofft man in Bamiyan darauf, dass das Skigebiet von Afghanen und in Kabul arbeitenden Ausländern angekurbelt wird – dann soll die Region bereit für den Rest der Welt sein. „Wir hoffen, dass man uns in Europa und den USA in fünf Jahren auf dem Schirm hat“, meint Dear. Er und Ashley ergründen im Moment mehrere Tage pro Woche Bamiyans Gipfel als Pioniere auf Skiern. Leicht ist man versucht, über den Plan, ein Kriegs- in ein Skigebiet zu verwandeln, zynische Witze zu reißen. Trotzdem steckt die Begeisterung von Dear, Ashley und den Möchtegern-Skilehrern an.

Abfahrt ohne Sessellift

Bamiyan hat durchaus Potential: Sessellifte und Restaurants, wie man sie von europäischen und amerikanischen Riesen-Skigebieten kennt, gibt es in Bamiyan nicht. Wer hier die Spitze der Piste erreichen will, muss selbst den Berg erklimmen. Im Prinzip fährt man hier wie in den fünfziger Jahren Ski: Den Großteil des Tages nimmt der strapaziöse Aufstieg in Anspruch, zu mehr als ein, zwei Talfahrten am Tag kommt man kaum. Aber das sei es wert, meint Dear: „Das Gelände hier ist in vielerlei Hinsicht fantastisch und wir haben bislang nur die acht Täler, die dem Zentrum von Bamiyan am nächsten sind, erkundet. Es gibt tausende von Möglichkeiten für Anfänger und Experten.“ Dear glaubt, dass sich viele Touristen dazu entschließen werden, gleich mehrere Tage oberhalb der Schneefallgrenze zu verbringen. Sie werden mit den Skiern ein riesiges Gebiet durchqueren und nachts in den Schutzhütten übernachten, die nur im Sommer von den Bauern genutzt werden. Statt Bier und Glühwein trinkt man in Bamiyans Après-Ski-Szene auf dem Dach eines Bauernhauses Chai und vielleicht werden ein wenig Reis, Fladenbrot und fettiges Fleisch serviert.

Unter den schneebedeckten Gipfeln pflügen Bauern, die in Lehmhäusern leben, ihre Felder mit Ochsenkarren. Das Gefühl, auf einer Zeitreise zu sein, wird nur durch vereinzelte Satellitenschüsseln gestört, die ein Zeichen dafür sind, dass die Dinge sich hier langsam normalisieren. Auch das soll das Skigebiet Bamiyan mit sich bringen: Dringend benötigte Gelder, die das Überleben der Bauen in den hochgelegenen, isolierten Tälern dieser armen und vernachlässigten Region sichern könnten. Dass die Taliban die berühmten Buddha-Statuen 2001 sprengten, ist nur ein Teil der Geschichte; sie sind auch für Massaker an der Bevölkerung verantwortlich, die vor allem der ethnischen Gruppe der Hazara angehört.

Heute gilt Bamiyan in einem Land, in dem sich der Aufstand wie ein Virus ausbreitet, als sichere Enklave und das Tal ist Afghanistans bedeutsamste (genauer gesagt, einzige) Touristenattraktion. Besucher kommen nicht nur des Weltkulturerbes wegen, zu dem einst auch die Buddhas zählten, sondern auch aufgrund der Seen und der spektakulären natürlichen Staudämme von Band-e-Amir. Die jungen Männer, die eine Karriere als Skilehrer anstreben, leben zum Teil heute schon davon, dass sie im Sommer den Touristen die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zeigen.

Doch trotz Bamiyans beachtlicher Reize hält sich der Sommertourismus in Grenzen: Im vergangenen Jahr besuchten 1.560 afghanische und 756 ausländische Touristen die Region. Immerhin brachte selbst diese geringe Anzahl von Touristen den drei Hotels, deren Zahlen der Tourismusbehörde vorliegen, 250.000 Dollar ein.

Amir Foladi, Leiter von Bamiyans Ökotourismus-Programm, will Wachstum: Er hofft, dass die Zahl der Hotelbetten von aktuell 116 in den nächsten fünf Jahren auf 1.000 steigt und dass neue Jobs entstehen. Er erwartet, dass schon bald 10.000 Ausländer und 100.000 Afghanen jährlich die Region besuchen werden und fünf Millionen Dollar ins Tal bringen – exklusive Einkommen aus Taxi- und Restaurant-Betrieb sowie dem Kunsthandwerk. Für Bamiyan ist das viel Geld. Ließen sich Foladis Pläne verwirklichen, dann wäre der Tourismus nach der Landwirtschaft und dem Bergbau die drittgrößte Einnahmequelle. „Jetzt geht es darum, den Hotelbesitzern beim Ausbau zu helfen, damit die Einheimischen von den Touristen profitieren“, meint Foladi.

Dabei bekommt Bamiyan durchaus Rückenwind: Es gibt mehrere Pläne, die Wege ins Tal zu verbessern. Momentan gibt es von Kabul aus zwei Möglichkeiten: die langsame, aber sichere Reise über den Shibar-Pass, zwar nur 200 Kilometer, aber dennoch zermürbende acht Stunden lang oder die schnellere, aber möglicherweise todbringende vierstündige Fahrt durch Taliban-Gebiet im Süden. Die Route über den Shibar-Pass wird gerade von Hunderten von Arbeitskräften eingeebnet und verbreitert. Wenn die Straße erst einmal fertig asphaltiert ist, dann sollte die gesamte Reise weniger als vier Stunden dauern – für Wochenendgäste aus Kabul, die ein paar Tage Ski fahren möchten, eine weit attraktivere Aussicht. Auch die afghanischen Fluglinien werden umworben, in die Region zu fliegen. Noch gibt es zwar nur eine dreckige Start- und Landebahn, doch ein neuer Flughafen außerhalb der Stadt ist geplant.

Auferstehung des Ski-Sports

Und doch bleibt die Frage, ob Bamiyan jenseits der Sommersaison jemals eine Chance haben wird. Ken Adams, der allererste Ski-Tourist der Region, ist davon überzeugt. Adams arbeitete früher in der Ski-Industrie in den französischen Alpen, heute ist er Projektmanager bei einer NGO in Kabul. Im Frühjahr fuhr er sieben Tage lang Ski in Bamiyan. 30 Dollar kostete sein Hotelzimmer pro Nacht. Er erlebte ein paar heikle Zwischenfälle mit Lawinen, doch er glaubt, dass Bamiyan der richtige Ort für jeden ist, der beim Skifahren eine Herausforderung sucht. „Alle anderen können sich allein am Schnee bis Mai oder Anfang Juni erfreuen“, meint er.

Dear und Ashley glauben fest daran, dass sich die afghanische Bevölkerung fürs Skifahren begeistern lässt – lieben sie doch bereits Schlittenfahren und andere Wintersportarten. Fünf verschneiten Monaten kann ein neuer Winterzeitvertreib sicherlich nicht schaden, meint Foladi. Ski fahren ist in Afghanistan nicht neu. In den Sechzigern und Siebzigern kam der Sport schon einmal mit den Touristen ins Land. In jenen Tagen stürmten die Diplomaten aus Kabul an den Wochenenden die Pisten in einem Skigebiet nahe der Hauptstadt. Dort gab es einen einfachen Schlepplift und Restaurants, Teehäuser und sogar eine Fläche zum Sonnenbaden. Mehrere Skiclubs, darunter einer des Erziehungsministeriums und einer der Universität Kabul, traten hier gegeneinander bei Skirennen an. Dann kam 1979 die Invasion der Sowjets und der nationale Widerstand erhob sich. Schon bald war die Gegend mit Landminen übersät und wurde unbrauchbar.

Mohammad Yousuf Kargar machte als junger Mann die erste Bekanntschaft mit dem Skisport in Gestalt eines deutschen Siemensarbeiters, der sich in Kabul einen Hang hinabstürzte. Kargar, der heute die afghanische Fußballnationalmannschaft trainiert, hat am Skifahren festgehalten und es auch seinen Kindern beigebracht. Die Pisten in Bamiyan hat auch er in diesem Winter das erste Mal ausprobiert. Er glaubt jedoch, dass Bamiyan nach wie vor zu weit von Kabul entfernt ist, um das Zentrum einer Auferstehung des Sports zu sein. Er fährt mit seiner Familie lieber zum Salang, einem Gebirgspass nördlich von Kabul. „Die Regierung muss sich dazu durchringen, die alten Pisten vor Kabul zu sanieren“, meint er. „Bis dahin fahre ich mit meiner Familie nach Salang, weil ich nicht möchte, dass dieser Sport in Afghanistan ausstirbt.“ Obwohl Bamiyan von der Gewalt im Moment so wenig berührt wird, dass man beinahe meint, in einem anderen Land zu sein, erscheint Dears Hoffnung, dass die Provinz in fünf Jahren für ausländische Touristen bereit sein könnte, angesichts der Stärke, die der Aufstand der Taliban gewinnt, eher sehr optimistisch.

Während ich mich bei einem Versuch auf Holzskiern auf den Hängen des Koh-e-Baba blamierte, wurde Kandahar von der schweren Explosion einer Autobombe erschüttert. Aus Unwissenheit über den weiteren furchtbaren Tag in Afghanistans zweitgrößter Stadt fühlte ich mich beim Après-Ski-Imbiss unbeschwert. Später an diesem Tag erschütterte die Explosion einer noch größeren Bombe ein Gebäude mit ausländischen Firmen. Ken Adams fragt sich, ob es wohl möglich wäre nach Kabul zu fliegen und dann direkt einen Anschlussflug nach Bamiyan zu bekommen. Damit wäre die Provinz vom Rest des Landes für die ausländischen Touristen isoliert. Doch Dear ist der Ansicht, dass Bamiyan nur auf Zeit unter einer Glocke bleiben kann. „Man muss hoffen, dass sich die Dinge in Afghanistan zum Besseren verändern. Wenn das Land untergeht, dann zieht es Bamiyan mit.“

Jon Boone schreibt regelmäßig für den Guardian über Afghanistan

Übersetzung: Christine Käppeler

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14:40 05.06.2010
Geschrieben von

Jon Boone | The Guardian

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