In geheimer Mission

Afghanistan Mittlerweile gibt es ein Frauenministerium, weibliche Polizisten und immer mehr Mädchen, die in die Schule gehen. Doch in den Köpfen hat sich wenig verändert
In geheimer Mission
Das Rollenspiel ist nur eine Übung, denn bis jetzt ist es afghanischen Polizistinnen nicht gestattet, eine Uniform und Waffen zu tragen

Foto: Aref Karimi / AFP / Getty Images

Gulaila Sherzad ist eine ungewöhnliche Frau mit einem ungewöhnlichen Job.

Sie leitet in Gereshk, der größten Stadt des Bezirks Nahr-e Saraj in der Provinz Helmand, die zu den gefährlichsten Afghanistans zählt, ein Frauenzentrum, das sie selbst gegründet hat. Das Zentrum ist teils Zufluchtsort, teils Begegnungsstätte und für die Frauen, die hierher kommen, ist Gulaila Lehrerin und Beraterin. Den Taliban hingegen ist sie ein Dorn im Auge: Sie haben angekündigt, sie zu töten, sollten sie sie in die Hände bekommen.

Wenn die 52jährige sich Sorgen macht, dann zeigt sie es nicht. Stattdessen unterhält sie ihre Besucher mit Geschichten über die Frauen, ihre Probleme und wie sie versucht, diese zu lösen. Sie ist in jeder Hinsicht ein Symbol dafür, was sich in den zurückliegenden zehn Jahren verändert hat und wie weit man gekommen ist in einem Land, in dem Frauen weitgehend als Bürger zweiter Klasse gelten.

Die Behandlung der Frauen durch die Taliban war eines der Hauptargumente, mit dem der Verbleib der britischen Truppen nach der Invasion im Jahr 2001 gerechtfertigt wurde. Seither arbeitet eine Vielzahl ausländischer und einheimischer Hilfsorganisationen daran, die Situation der Afghaninnen zu verbessern. Vor allem im Bildungsbereich sind Fortschritte erzielt worden, in Helmand gibt es eindrückliche Beispiele dafür, wie Frauen versuchen, sich in verschiedenen Positionen zu etablieren. Auch bei den afghanischen Sicherheitskräften.

Geheimes Doppelleben

Heute gibt es in der Provinz 27 Polizistinnen. Die meisten von ihnen werden zwar nur zur Leibesvisitation eingesetzt, eine Handvoll aber hat es zur Kriminalbeamtin gebracht. Außerdem fordern sie Waffen tragen zu dürfen und ein Anrecht darauf, den Führerschein zu machen.

Die meisten wagen es nicht, ihren Familien zu erzählen, was sie machen – nicht so Korporal Bibi Gull. Die 28jährige hat sich 2009 trotz Todesdrohungen der Uniformierten Afghanischen Polizei (AUP) angeschlossen.

"Es gab hier viele Taliban und einige Mitglieder meiner Familie waren dagegen“, sagt sie. „Einige meiner Verwandten wollten, dass man mich tötet, aber ich habe einen von ihnen verhaftet und er kam ins Gefängnis. Anfangs hatte ich Angst, jetzt aber nicht mehr. Ich erzähle jedem, was ich mache. Ich möchte den Frauen in Afghanistan helfen.“

Eine andere Frau, die Gefreitin bei der AUP ist, sagt, nur ihr Ehemann wisse, wo sie arbeite. Vor den Taliban hat sie an der Universität von Kabul Jura studiert. Nun trägt sie bei der Arbeit wie jede Polizistin eine Burka und fürchtet, dass jemand sie im Dienst erkennen könne. Trotz der Gefahren macht sie weiter.

„Ich würde gerne eine Uniform tragen. Das ist im Moment aber unmöglich. Mein Mann hat mir erlaubt, zur Polizei zu gehen. Allen anderen sage ich, ich würde hier an einer Schule arbeiten.“

Frauen sollen nicht arbeiten

„Mein Bruder weiß nicht, was ich mache. Das wichtigste ist aber, dass mein Schwager es nicht herausfindet. Er wäre sehr wütend. Alle Männer der Familie sagen, ich sollte lieber zuhause Kinder hüten. Sie finden, ich sollte noch nicht einmal Lehrerin sein. Wenn sie es herausfinden würden, würden sie mich schlagen.“

In der Provinzhauptstadt Lashkar Gah gib es einen Frauenradiosender namens Muska. Gegründet wurde er von Roma Muhammadi, einer unternehmerischen 22jährigen. Muska – der Name bedeutet auf Paschtunisch „Lächeln“ – hat acht Mitarbeiterinnen. Muhammadi, die nach dem Rückzug der Taliban erstmals eine Schule besucht hat, möchte aus Muska einen Sender für das ganze Land machen.

"Anfangs war es sehr schwierig,“ erzählt sie. „Die Männer reagierten sehr böse. Das änderte sich aber, als ihnen klar wurde, dass wir kein Anti-Männer-Programm machen oder Frauen gegen Männer ausspielen. Ich möchte mehr Hörer und Mitarbeiter. Zunächst konzentrieren wir uns auf Helmand, ich wünsche mir aber ein Radio für ganz Afghanistan.“

Am anderen Ende des Spektrums, im Frauenzentrum in Gereshk, sieht Sherzad, welchen Schwierigkeiten Frauen täglich ausgesetzt sind.

Letzte Zuflucht Frauenzentrum

„Vorgestern kam ein Mädchen hierher“, erzählt sie. „Sie war aus ihrer Familie geflohen, weil die sie verheiraten wollte. Sie wollten sie zur Heirat zwingen, weil ihr Bruder ein Mitglied einer anderen Familie getötet hatte, die dann als Wiedergtumachung Geld oder ein Mädchen verlangte. Als das Mädchen sagte, sie wolle nicht heiraten, wurde sie geschlagen und misshandelt. Sie ist 14.“

Sherzad sagt, das Mädchen sei zu ihr gekommen, weil sie nirgendwo anders hätte hingehen können: „Ich wollte nicht, dass sie wieder angegriffen wird und ich wollte nicht, dass die Polizei in dieser Phase da rein geholt wird. Ich möchte mich mit ihrer Familie treffen und versuchen, eine Lösung zu finden. Wenn mir das nicht gelingt, werde ich zur Polizei oder zum Bezirksgouverneur gehen. Ich werde mich an die Behörden wenden, damit alle wissen, was los ist. Die meisten Frauen kommen zu mir, bevor sie zur Polizei gehen. Ich kriege sechs bis sieben Fälle pro Woche.“

Es zeugt von Sherzads Stand, dass sie als Vermittlerin respektiert wird, obwohl sie als Frau keine Handhabe hat, ihre Beschlüsse umzusetzen. Ihr Status als Stammesälteste gefällt den Taliban überhaupt nicht:

„Vor einiger Zeit hatte eine Familie in einer ländlichen Gegend mit einer anderen Familie Streit um ein Stück Land. Ich brachte sie dazu ein Dokument zu unterzeichnen und das Problem war gelöst. Vier Stunden später rief mich der Kommandeur der Aufständischen an. Er sagte, die von mir getroffene Entscheidung sei im Hinblick auf die Scharia einwandfrei, ich sei richtig mit dem Fall umgegangen. Und dann sagte er: „Wenn ich dich fange, bring ich dich um.“

Einmal hat der Ehemann einer Frau, der sie geholfen hatte, vor ihrem Haus eine Bombe gelegt. Das war „erschreckend, aber zum Glück wurde niemand verletzt“, sagt sie.

Sehr langsam nur bewegt sich etwas

Sherzad glaubt nicht, dass die Taliban wieder an die Macht kommen, über die Situation der Frauen macht sie sich aber keine Illusionen.

„Frauen sind in Afghanistan Bürger zweiter Klasse. Auf dem Basar wird es ganz langsam besser, man kann dort Frauen sehen. Und die Mädchen gehen zur Schule. Auf dem Land ist es aber noch wie vor zwanzig Jahren. Die Frauen arbeiten bei der Ernte und sammeln Feuerholz.“

Eine offizielle Stelle, wo Frauen Schutz suchen könnten, gibt es in Helmand nicht. Man fürchtet, eine solche Einrichtung könne ins Visier der Taliban geraten, wodurch die Frauen noch größerer Gefahr ausgesetzt wären.

Da es also keinen Möglichkeit gibt, Frauen ausreichend zu schützen, müssen sie zu ihrer eigenen Sicherheit im Gefängnis untergebracht werden. Es gilt immer noch als Straftat, wenn Frauen von ihrer Familie weglaufen, ein Mann, der seine Frau umgebracht hat, kann hingegen schon einen Tag später wieder auf freien Fuß kommen, wenn er 200.000 Afghanis (ungefähr 3.700 Euro) bezahlt.

Sherzad leitet in ihrem Zentrum Workshops und klärt über das Thema Menschenrechte auf. Aber sie ist auf Almosen angewiesen, braucht Spender, die ihre Arbeit unterstützen.

Diese wird aber auch dann schwierig bleiben, wenn die Taliban weiterhin marginalisiert sind. Wie viele Provinzen im Süden des Landes ist Helmand paschtunisch, die Frauen hier waren nie gleichberechtigt und es wird Generationen dauern, dies zu ändern.

Das Rollenverstädndnis ist tief verwurzelt

Ein Offizieller warnt, es wäre falsch, anzunehmen, dass die Schwierigkeiten, denen Frauen in Afghanistan ausgesetzt seien, alle auf die Taliban zurückzuführen seien. Viel zu viele Männer müssten noch verstehen, dass es kein naturgegebenes Recht darstelle, „eine Frau zu schlagen und zu vergewaltigen.“ Die Probleme seien so tief verwurzelt, dass es äußerst schwierig sei, sie anzugehen.

Die Regierung in Kabul hat einige Bemühungen unternommen, etwas an dieser Kultur zu ändern. Sie hat ein Frauenministerium gegründet, in der Verfassung der Landes ist das Recht der Frauen auf Gleichheit, Arbeit und Bildung verankert. Im Jahr 2001 gingen gerade mal fünftausend Mädchen zur Schule – im vergangenen Jahr waren es schon 2,7 Millionen.

Im afghanischen Parlament sitzen 69 Frauen, sie stellen damit über ein Viertel (27,7%) der Abgeordneten. 2009 wurde das Gesetz zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen verabschiedet.

Vorschriften von oben nach unten funktionieren in Afghanistans patriarchaler Stammesgesellschaft jedoch nicht besonders gut. Maßgeblich bleibt, was auf lokaler Ebene gesagt und getan wird. Die neuen Gesetze werden nicht einheitlich angewandt, ihre Einhaltung nicht streng überwacht.

Das verwundert nicht weiter, wenn man bedenkt, welche Ansichten Karzais Justizminister Habibullah Ghalib so hegt. In einer Konferenz zum Thema Frauenrechte beschrieb der Frauenunterkünfte als Brutstätten der Unmoral und Prostitution. Eine Woche später musste er sich entschuldigen.

Die Unabhängige Menschenrechtskommission in Afghanisten berichtete im vergangenen Monat über einen Anstieg der Gewalt gegenüber Frauen, für den sie die prekäre Sicherheitslage in einigen Provinzen verantwortlich machte. In den zurückliegenden drei Monaten habe es „58 Fälle von Gewalttaten mit mörderischer Absicht oder mörderischer Folge gegeben, die meisten davon Ehrenmorde oder Morde nach einer Vergewaltigung.“

Es scheint, die Frauen haben am meisten zu verlieren, wenn die Isaf-Truppen der Nato erst einmal das Land verlassen haben.

Übersetzung: Zilla Hofman
11:25 02.10.2012
Geschrieben von

Nick Hopkins | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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