Afghanistan ist zu einem Gefängnis für Frauen geworden

Meinung In ihrer Jugend verkleidete sich Zahra Joya als Junge, um in Afghanistan zur Schule gehen zu können. Später studierte sie und wurde Journalistin. Wie blickt sie heute auf das Land, in dem die Taliban Frauen aus der Öffentlichkeit verbannen?
Die Rechte von Frauen werden seit der Machtergreifung der Taliban in Afghanistan immer weiter eingeschränkt. Trotzdem trauen sie sich zu protestieren
Die Rechte von Frauen werden seit der Machtergreifung der Taliban in Afghanistan immer weiter eingeschränkt. Trotzdem trauen sie sich zu protestieren

Foto: Stringer/Getty Images

In den letzten 15 Monaten hat sich das Leben der Frauen und Mädchen in Afghanistan bis zur Unkenntlichkeit verändert. Wer mit Schüler:innen von weiterführenden Schulen, ihren Eltern und Bildungsaktivist:innen spricht, wird erfahren, wie verheerend die Auswirkungen der Schulschließungen durch die Taliban sind. Die Düsternis, die auf diese Maßnahme folgt, ist kaum zu ermessen.

Die Mädchen sind von ihren Klassenkamerad:innen und sozialen Kontakten abgeschnitten und haben nun mit den psychischen Folgen zu kämpfen. Viele leiden unter schweren Depressionen. Seit der Schließung der weiterführenden Schulen hat die Zahl der Kinderehen drastisch zugenommen. Die Selbstmordrate unter Frauen und Mädchen ist seit der Rückkehr der Taliban an die Macht stetig gestiegen. Frauen, die diese Woche in Kabul gegen die Schließung von Universitäten durch die Taliban protestierten, wurden geschlagen und ausgepeitscht.

Die glückliche Generation

Wie für die meisten afghanischen Mädchen war mein Leben vom ersten Tag an ein Kampf. Als Kind durfte ich während der ersten Herrschaft der Taliban in den 1990er Jahren nicht zur Schule gehen. Die Taliban nahmen mir das Grundrecht auf Bildung, nur weil ich als Mädchen geboren wurde. Ich aber umging das Verbot und täuschte sie, indem ich mich als Junge verkleidete.

Ich gehörte vielleicht zu der glücklichen Generation, die in den Jahren nach der US-Invasion im Jahr 2001 viele Möglichkeiten hatte. An einem kalten, regnerischen Tag im Frühjahr 2011 fuhr ich nach Kabul, um ein Studium zu beginnen – als erstes Mädchen aus unserem kleinen Dorf im Bezirk Waras in der Provinz Bamyan.

Das Studium an der Universität war für afghanische Mädchen noch nie einfach. Mädchen sind unter der patriarchalen Herrschaft mit wirtschaftlicher Armut, unsicheren Wohnverhältnissen, sexueller Belästigung auf der Straße und Dutzenden von anderen Problemen konfrontiert. Aber dafür haben wir eine Begeisterung für das Lernen und die Bildung, die keine Grenzen kennt – sie ist unbeschreiblich. Trotz vieler Einwände meiner Verwandten konnte ich nicht beschreiben, wie glücklich ich war, die Universität zu besuchen – ich sah eine Zukunft voller Hoffnung. Ich schloss mein Studium ohne Einschränkungen ab und arbeitete als Journalistin.

Lassen sich die Taliban noch austricksen?

Jetzt, zwei Jahrzehnte später, hat sich die Geschichte wiederholt. Ich weiß nicht, ob ein mutiges Mädchen die Taliban heute noch austricksen könnte, indem es Jungenkleidung trägt, um zur Schule zu gehen. Aber wir wissen, dass neben geheimem Schulen und Bibliotheken auch Mädchen gibt, die – wie einige Mädchen in den 1990er Jahren – geheimen Unterricht abhalten, um ihre schulische Ausbildung fortzusetzen. Die Tapferkeit dieser Mädchen ist beeindruckend.

Dies ist jedoch keine Lösung. Weder ich noch irgendjemand, der nicht unter den Auswirkungen dieser düsteren Periode in der Geschichte unseres Landes leidet, kann den Alptraum erklären, den Frauen und Mädchen heutzutage in Afghanistan erleben. Zalmay Khalilzad, der ehemalige US-Sonderbeauftragten für Friedensangelegenheiten in Afghanistan, hat zwar behauptet, die Taliban hätten sich geändert. Doch die Liste der Verbote, mit denen die Extremisten das Leben der afghanischen Frauen einschränken, wird von Tag zu Tag länger.

Die erste Peitsche auf dem Körper unserer Gesellschaft war das Verbot der Sekundarschule für Mädchen. Dann kam das Reiseverbot, das Frauen nicht erlaubt, ohne Begleitung auf die Straße zu gehen, die Schließung von Parks und öffentlichen Bädern für Frauen. Nach einer Zeit zunehmender Einschränkungen wurden Universitäten für Frauen geschlossen, und es wurde uns untersagt, für NGOs zu arbeiten. Jetzt sind die afghanischen Frauen zu Hause gefangen.

Frauen in Afghanistan sind nicht mehr frei

Seit mehr als einem Jahr müssen die afghanischen Frauen jeden Morgen mit der bitteren Erkenntnis aufwachen, dass sie nicht mehr frei sind; wir leben unter der Herrschaft eines geschlechtsspezifischen Apartheidregimes. Eine Studentin der rechts- und politikwissenschaftlichen Fakultät in Kabul sagte mir, sie wünsche sich jeden Tag, dass die bittere Realität unter der Taliban-Herrschaft ein Alptraum wäre, aus dem sie erwachen könnte. Afghanistan ist zu einem Gefängnis geworden, in dem alle nach Freiheit schreien.

Die Entscheidung der Taliban, die Präsenz von Frauen und Mädchen in der Gesellschaft einzuschränken, führt nicht nur zu Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, sondern richtet auch wirtschaftlichen Schaden an. Das Verbot für Frauen, mit ausländischen NGOs zusammenzuarbeiten, hat bei den Frauen, die die Ernährerinnen ihrer Familien sind, Angst ausgelöst. Eine Frau berichtete den lokalen Medien, sie sei gezwungen gewesen, auf der Straße zu betteln, um Geld zu verdienen. Selbst dies ist nun verboten, und die Taliban gaben kürzlich bekannt, dass sie mehr als 2.000 bettelnde Frauen von den Straßen Kabuls eingesammelt hat.

Die komplexe Situation, mit der wir konfrontiert sind, hat den Spielraum für wirksamen und entschlossenen Widerstand stark eingeschränkt. Wenn Menschenrechtsaktivist:innen, insbesondere Frauen, keinen gezielten Plan haben, um diese Unterdrückung zu bekämpfen, wird diese erschreckende neue Welt für Frauen dort zur Normalität werden, und die Möglichkeit, sie zu bekämpfen, wird verloren gehen. Fotos, das Rufen von Slogans, die Teilnahme an Konferenzen werden nicht ausreichen. Die Koordinierung zwischen Frauen und Menschenrechtsinstitutionen sowie eine Neubewertung unserer Ziele und Methoden sind unerlässlich, wenn wir Erfolg haben wollen. So wie die Taliban die Frauen Schritt für Schritt aus dem öffentlichen Raum entfernen, müssen die Frauen hier Schritt für Schritt ihre Forderungen durchsetzen.

Zahra Joya ist eine afghanische Journalistin, die in London lebt. Sie ist Chefredakteurin und Gründerin von Rukhshana Media, einer Nachrichtenagentur, die über das Leben von Frauen und Mädchen in Afghanistan berichtet

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Übersetzung: Alina Saha
Geschrieben von

Zahra Joya | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

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