Afrika steht alleine da

Corona Noch wütet das Virus hauptsächlich in gut vernetzten reichen Ländern. Doch was wird erst passieren, wenn es ärmere Entwicklungsländer mit voller Wucht trifft?
Afrika steht alleine da
In Johannesburg bereitet man sich auf den Ernstfall vor

Foto: Luca Sola/AFP/Getty Images

Auch wenn es in Afrika weniger Coronavirus-Fälle gibt und die Infektionsrate langsamer steigt als in Großbritannien, haben viele Länder des Kontinents weitaus dramatischere Maßnahmen ergriffen, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. In meinem Geburtsland Sudan wurden bereits nach nur einem Fall und einem registrierten Toten alle Schulen und Universitäten geschlossen. Mehrere andere Länder wie etwa Ägypten haben die größtmöglichen Vorsichtsmaßnahmen ergriffen und ihre Flughäfen geschlossen.

Hier wird nichts geleugnet, hier gibt es keine zwei Meinungen und keine unbegründeten Versprechen, wie schnell man das Virus besiegen werde.

Die harten und schnell getroffenen Maßnahmen rühren weniger von politischer Reife als von bitteren Erfahrungen und einem Bewusstsein her, dass das ohnehin schon überlastete öffentliche Gesundheitssysteme einem Ansturm nicht standhalten könnten. Die Ebola-Epidemie von 2014 ist in den Ländern südlich der Sahara noch immer frisch im Gedächtnis. Es war eine Erfahrung, die zeigte, dass Prävention und Eindämmung die einzige Hoffnung sind, um Tausende von Todesfällen zu verhindern.

Wenn wir uns über das Versagen bei der Eindämmung des Virus in Westeuropa und den USA Sorgen machen, dann wartet in den Entwicklungsländern ein Vielfaches dieses Schreckens. Da die medizinische Infrastruktur hier weitaus schlechter ist und mehrere weitere Risikofaktoren wie Mangelernährung, eine hohe Bevölkerungsdichte, ein viel stärkeres gemeinschaftliches Zusammenleben und ein Mangel an Zugang zu Wasser und Waschmöglichkeiten hinzukommen, könnten die Sterblichkeitsraten alles in den Schatten stellen, was wir bislang im Westen gesehen haben. Da weder Kriegskassen noch Konjunkturpakete existieren und es auch keine Versicherungen gibt, die für die Verluste aufkommen, könnte das Virus wirtschaftlich eine neue Eiszeit einläuten.

Über die Auswirkungen früherer Pandemien wie etwa der Spanischen Grippe aus den Jahren 1918/19 in Afrika existieren nur wenige Daten (eine Ausnahme stellt Südafrika dar, wo aufgrund von Truppenbewegungen sechs Prozent der Bevölkerung umkamen). Wir verfügen allerdings über die Erfahrung wirtschaftlich vergleichbarer südasiatischer Länder. Schätzungen zufolge kamen 30 Prozent aller Todesopfer der Spanischen Grippe aus einem einzigen Land, nämlich aus Indien. Und in Afrika scheinen diejenigen Länder, die die größten Verluste erlitten, diejenigen gewesen zu sein, die den globalen Menschen- und Kapitalströmen am stärksten ausgesetzt waren – diejenigen mit Häfen oder Durchfahrtstraßen für Truppenbewegungen und Arbeitskräfte.

Urlauber haben das Virus eingeschleppt

Die Art und Weise, wie das Coronavirus auf den Kontinent eingeschleppt wurde, hat etwas auf schmerzliche Weise Vorhersagbares. Tourist*innen und reiche Einheimische brachten es von Urlaubs- und Geschäftsreisen aus dem Rest der Welt mit. In Ägypten scheinen die ersten Fälle von Covid-19 mit einem Kreuzfahrtschiff in Verbindung zu stehen, auf dem sich Einheimische, die die Touristen an Bord bedienten, mit der Krankheit ansteckten.

Die Ausbreitung des Virus auf dem Kontinent spiegelt die sich kreuzenden Reise- und Finanzströmen wider, die die afrikanischen Länder am kürzeren Ende der Globalisierung verorten – während auf der einen Seite der Zustrom von Menschen auf den Kontinent gefördert wird, die dort Geschäfte oder Urlaub machen sollen, bleibt der Weg in die Gegenrichtung selbst für die Reicheren mit guten Verbindungen streng reglementiert.

Es ist das wiederkehrende Muster, wie die Pandemie sich bislang ausgebreitet hat. Die Armen, die Unversicherten, die Rechtlosen, die schlecht Informierten und die weniger Mobilen sind eine leichte Beute. Viele westliche Volkswirtschaften, wie auch die USA und Großbritannien, haben diese Bevölkerungsschichten langsam immer weiter an den Rand gedrängt und Leistungen wie Urlaubs- und Krankengeld sowie private Versicherungen immer mehr auf eine immer exklusivere Klasse beschränkt. Einer der Gründe, warum die Regierungen der USA und Großbritanniens so lange gebraucht haben, bis sie kostenlose Tests, medizinische Versorgung und finanzielle Hilfe für diejenigen zur Verfügung stellten, die in der Krise ihre Jobs verloren haben, liegt darin, dass diese Ungleichheiten nun fest im System verankert sind und selbst dann nicht über Nacht rückgängig gemacht werden können, wenn davon Menschenleben abhängen.

Die Weltwirtschaft ist in ähnlicher Weise eingerichtet: auf der einen Seite die Gewinner, die die Profite horten, auf der anderen die Verlierer, die zusammenkratzen, was übrig bleibt. Wenn die reichen Länder noch nicht einmal in der Lage sind, ihre eigene Bevölkerung zu schützen, gibt es wenig Hoffnung, dass sie ihre Hilfe auf diejenigen Länder ausweiten werden, die nur über einen Bruchteil ihrer Ressourcen verfügen.

Viren unterscheiden nicht zwischen Klassen und Nationalitäten

Doch wer glaubt, diese strukturelle Ungleichheit sei nicht unser Problem, der irrt, denn die Sache hat einen Haken. In diesem Fall führt der Fortbestand der Ungleichheit auf nationaler wie internationaler Ebene dazu, dass alle verlieren. Den Gesetzgebern dämmert gerade so langsam, dass sie die Reichen nicht gegen die Armen verbarrikadieren können, ganz egal, wie hoch sie die Mauern der Festung auch ziehen. Um die Ausbreitung des Virus zu begrenzen, muss sichergestellt werden, dass ausnahmslos alle getestet, sich selbst in Quarantäne begeben und behandelt werden können.

Diese Forderung mag in gewisser Weise utopisch sein, sie ist gleichzeitig aber auch äußerst pragmatisch. Wir können nicht die Tugenden des schlanken Staates und der globalen Gesellschaften preisen, ohne zu begreifen, dass Viren nicht zwischen Klassen und Nationalitäten unterscheiden.

So wie die Arbeitswelt und das öffentliche Leben nicht auf ewig abgeriegelt werden können, lassen sich auch Grenzen nicht auf ewig verschließen. Die Länder Afrikas gehen schnell gegen das Coronavirus vor, da sie sich völlig klar darüber sind, dass sie alleine dastehen. Aber ohne ein Wunder oder einen Pandemie-Marshallplan der reicheren Länder wird die Katastrophe alle erfassen, wenn das Virus sich in den ärmeren Ländern explosionsartig vermehrt.

Nesrine Malik ist Kolumnistin des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

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11:49 27.03.2020
Geschrieben von

Nesrine Malik | The Guardian

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