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Iran Die iranische Protestbewegung boykottiert die Kollaborateure des Systems. Ganz oben auf der Liste: das deutsch-finnische Joint-Venture Nokia Siemens Networks

Das Mobiltelefonunternehmen Nokia ist im Iran von einem immer größer werdenden Boykott betroffen. Menschen, die mit der Protestbewegung gegen die gefälschten Wahlen sympathisieren, wenden sich auf diese Weise gegen eine Reihe von Unternehmen, denen sie die Kollaboration mit dem Regime vorwerfen. Großhändler in der Hauptstadt Teheran berichten, die Nachfrage nach Nokia-Handys sei seit Bekanntwerden des Boykottaufrufes gegen Nokia Siemens Networks (NSN) um die Hälfte zurückgegangen, weil das Unternehmen Überwachungstechnologie für Telekommunikationssysteme an den Iran verkauf hat.

Der Protest breitet sich immer weiter aus: Die Menschen versenden keine Textmitteilungen mehr, um gegen die Komplizenschaft der staatlichen Telefongesellschaft TCI mit dem Regime zu protestieren. Irans Staatsfernsehen sieht sich mit einem drastischen Rückgang der Werbeaufträge konfrontiert, da viele Unternehmen fürchten, sich auf einer schwarzen Liste bei Facebook wiederzufinden. Es gibt auch Berichte darüber, dass die Leute ihr Geld von der iranischen Staatsbank auf Privatbanken transferieren.

Webwasher im Internet

Nokia ist das bekannteste Unternehmen, das nun für seine Zusammenarbeit mit dem iranischen Regime bestraft wird. Als man im Rahmen des Joint Venture mit Siemens (NSN) im vergangenen Jahr das iranische Telefonnetz ausbaute, lieferte man gleichzeitig auch ein Überwachungssystem mit. NSN sagt dazu, die Technologie gehöre in Dutzenden von Ländern zur Standardausstattung. Die Demonstranten hingegen sind der Ansicht, man hätte den Ausbau des Netzes auch durchführen können, ohne die Überwachungstechnologie mitzuliefern. Siemens wird zusätzlich vorgeworfen, dem iranischen Staat ein Internet-Filtersystem namens Webwasher verkauft zu haben.

„Für mehrere Jahre waren Nokia-Handys für die iranischen Verbraucher die erste Wahl, zum Teil weil das Unternehmen als erstes die Infrastruktur für den Mobilfunk aufgebaut hatte. In den vergangenen Wochen hat sich dies aber geändert“, sagt Reza, ein Mobiltelefonverkäufer auf Teherans großem Basar. „Seit sich die Nachricht verbreitet hat, dass NSN Überwachungstechnologie an die Regierung liefert, kaufen die Leute die Produkte anderer Firmen, obwohl sie wissen, dass Nokia-Handys aufgrund der besseren Netzabdeckung im Iran besser funktionieren.“

Nokia verschwindet aus den Auslagen

Einige Läden in Teheran haben Nokia-Handys aus ihren Auslagen genommen. Hashem, ein weiterer Verkäufer sagt: „Ich möchte meine Kunden nicht verlieren und im Augenblick sehen die Leute Nokia-Artikel nicht gerne. Wir hatten sogar Kunden, die ihre Nokia-Handys zurückgeben und sie gegen irgendein anderes Telefon eintauschen wollten. Das ist nicht nur in meinem Laden so. Ich weiß das, da ich auch als Großhändler kleinere Geschäfte auf dem Land fungiere und ich kann wirklich sagen, dass die Nachfrage im Vergleich zu vor einem Monat um die Hälfte eingebrochen ist. Die Sache ist wirklich beispiellos. Die Leute schämen sich, wenn sie ein Nokia-Handy besitzen.“

Die Nachricht über den Boykott erschien auf der ersten Seite reformorientierter iranischer Tageszeitungen wie Etemand-e Melli, die dem reformorientierten Präsidentschaftskandidaten Mehdi Karroubi gehört. Hadi Heidari, ein prominenter iranischer Cartoonist hat eine Zeichnung veröffentlicht, auf der ein Nokia-Handy auf einem Einfahrt-Verboten-Schild zu sehen ist. Eine Sprecherin wollte sich zu den Verkaufszahlen des Unternehmens im Iran nicht äußern.

Man geht davon aus, dass die iranischen Behörden das Überwachungssystem von Nokia zur Verfolgung von Dissidenten eingesetzt haben. Leute, die wieder aus der Haft entlassen wurden, sagten, man habe sie aufgrund ihrer archivierten Textbotschaften und Telefonanrufe in Gewahrsam gehalten. „Ich habe immer gedacht, die Sache mit der Telefonüberwachung sei nur ein Gerücht, mit dem man uns einschüchtern will, damit wir unsere Arbeit nicht mehr anständig machen“, sagte ein iranischer Journalist, der gerade erst entlassen wurde. „Aber der Albtraum wurde Wirklichkeit, als sie meine Anrufe hatten – in meinem Fall (sogar) die Gespräche. Am unglaublichsten ist für mich, dass Nokia dieses System an unsere Regierung verkauft hat. Es wäre entschuldbar, wenn sie es an ein demokratisches Land verkauft hätten, um damit gegen Kindesmissbrauch oder etwas anderes vorzugehen, es aber an die iranische Regierung zu verkaufen, von der man ganz genau weiß, dass sie gegen die Menschenrechte verstößt und Oppositionelle unterdrückt, ist für mich einfach unentschuldbar. Ich würde Nokia gerne sagen, dass ich gefoltert wurde, weil sie diese verdammte Technologie an unsere Regierung verkauft haben.“

NSN verweist auf Gesetzeslage

NSN-Sprecher Ben Roome sagte: „Wie in jedem anderen Land, so muss es auch beim iranischen Telefonnetz die Möglichkeit geben, nach den Vorgaben des Gesetzes Telefongespräche abzuhören. In den vergangenen zwei Jahren ist die Zahl der Leute mit einem Mobilfunkvertrag im Iran von zwölf auf über 53 Millionen gestiegen. Um das Netz im zweiten Halbjahr 2008 zu erweitern, mussten wir die Möglichkeit zur Abhörung von Gesprächen in diesem Netzwerk zur Verfügung stellen.“ Auch das staatliche Fernsehen ist im Fokus der Demonstranten. Sie haben eine Liste mit Waren erstellt, die im Fernsehen beworben werden und rufen zu deren Boykott auf.

„Wir haben nicht viele Möglichkeiten, unseren Protest auszudrücken und fortzusetzen. Sie lassen uns nicht nach draußen. Viele haben sie getötet. Wir sind gezwungen, Textmitteilungen oder E-Mails zu schreiben. Sie haben sogar Leute einbestellt, die nachts „Gott ist groß“ von den Dächern gerufen haben. Wir müssen uns also nach neuen Möglichkeiten umsehen. Ich kann sehen, dass das Fernsehen ernsthafte Probleme mit der Werbung bekommen hat. Das zeigt ihnen wenigstens, wie wütend die Leute sind“, sagt Shahla, eine 26-jährige iranische Studentin.

Der SMS-Boykott hat das staatliche Telefonunternehmen unterdessen anscheinend zu drastischen Preiserhöhungen gezwungen. Der Preis für eine SMS hat sich in den vergangenen Tagen verdoppelt. Die Demonstranten betrachten dies als einen Sieg.


Übersetzung: Holger Hutt

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Ihre Freitag-Redaktion

17:46 15.07.2009
Geschrieben von

Saeed Kamali Dehghan, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 43/2021

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