Ahoi, MS Sound

Wiederverwertung Die MS Stubnitz schippert derzeit über die Themse. Wie schafft es ein altes Heringsfangschiff der DDR nach London? Als schwimmendes Kulturprojekt während Olympia
Ahoi, MS Sound
Beats an Bord: Wenn die MS Stubnitz in den Hafen eingelaufen ist, geht die Party los

Foto: phalque/MS Stubnitz

Während der Olympischen Spiele wird es eng auf der Themse. Um Terroristen abzuwehren, hat die britische Marine hier ihr größtes Schiff stationiert. Gleichzeitig liegt im Londoner Hafen ein harmloses altes Herings-Fangschiff aus der DDR, nicht zur Verteidigung, sondern zum Vergnügen. Die MS Stubnitz ist ein Projekt für zeitgenössische Musik und Performancekunst. Nachdem das 80 Meter lange Motorschiff vom Hamburger Elbfestival pünktlich zum Bloc Festival nach London gekommen war, soll das Schiff als „Kulturbotschafterin“ des Landes Mecklenburg-Vorpommern auch während der Olympischen Spiele als künstlerische Plattform dienen.

An Bord des Schiffes zu gehen, ist, als ginge man in ein altes Industriegebiet: grün verfärbtes Metall, große beeindruckende Rohre und rostig abgeschlagene Farbe, Skalen und Hebel, Schrauben so groß wie eine Faust, Seile so dick wie ein Arm und Schriftzüge wie „Rundfunkzentrale“, die in abgenutzte Metallplatten eingraviert sind. Seit dem Zusammenbruch der DDR dient das Schiff als herumziehender Ort für Musik, Konzerte, Partys – und ohne Urs „Blo“ Blaser, den charismatischen Schweizer Soundkünstler, der es vor der Schrotthalde gerettet hat, wäre es überhaupt nicht hier. Schließlich finden wir Blos Quartier (die Stubnitz hat mehr als 100 Räume und ungefähr genauso viele Gänge). An der Tür steht noch immer „Kapitän“.

Schrott zum Liebhaben

Blo und seine zusammengewürfelte Crew bereiten uns einen warmen Empfang mit Bier und Keksen – es ist heiß, und kaum ein Lüftchen zieht durch die offenen Fenster. Das kleine Büro ist mit beigefarbenem Linoleum aus den Siebzigern ausgelegt und mit Postern von Konzerten aus der Vergangenheit gepflastert. Auf der Stubnitz fanden in den vergangenen zwei Jahrzehnten 4.000 Veranstaltungen in 20 verschiedenen europäischen Häfen statt. Hier spielten schon Rammstein und Grandmaster Flash.

Mit seinen schwarzen Jeans, einem schwarzen Hemd mit Schulterklappen und der Zigarette zwischen den Fingern hat Blo das amüsierte Gebaren von jemandem, der nicht ganz begreifen kann, wie er hierher geraten ist. Früher machte er Industrial-Music in Kunstkollektiven in verschiedenen europäischen Metropolen. „Aber wir wurden es leid, immer weiterzuziehen, immer wieder alles abzureißen und dann wieder aufzubauen.“ Die Lösung kam, als die Fischereiflotte der DDR aufgelöst wurde. „Die Stubnitz als Kulturprojekt ist ein Kind der deutschen Wiedervereinigung. Damals gab es 250 seetüchtige Schiffe, und 40 davon hatten ihre Größe; aber die Stubnitz war das älteste – und das hässlichste“, erzählt Blo liebevoll. „Ich war sehr naiv. Ich wusste nichts über Schiffe. Ich wusste nur, dass ich weiterhin neue Regionen entdecken und neue Partnerschaften in der ganzen Welt eingehen wollte, aber mit weniger Arbeit.“

Er lächelt – am Ende war es nicht wirklich weniger Arbeit. Zu Beginn, 1991, lebte er sechs Monate allein an Bord und versuchte mit Hilfe von Freunden die 250.000 D-Mark Schrottpreis zusammenzubekommen. Die erste Kulturexpedition der Stubnitz nach St. Petersburg trieb das Projekt in den finanziellen Ruin: „Ökonomisch eine komplette Katastrophe. Es war uns einfach nicht klar, wie hoch die laufenden Kosten waren, dass es so teuer sein würde, eine volle Besatzung anzustellen. Aber ich war zu dumm, um zu gehen“, sagt er und lacht. Lange Zeit waren danach weder das Geld noch die Papiere da, um die Fahrt wieder aufzunehmen. Das ging so bis 1998. Seit diesem Wendepunkt floriert das Schiff, indem es andockt, wo es kann, und genug Gigs und Geld findet, um die Maschinen in Gang zu halten. Die Besatzung besteht aus einer Mischung von ausgebildeten, bezahlten Seeleuten und Freiwilligen, die Blos Kulturprojekt unterstützen. „Ein Schiff in Gang zu halten und Kulturarbeit sind vom Ansatz her extrem gegensätzlich“, sagt Blo, „aber man lernt sehr viel voneinander.“

Tänzer statt Heringe

Sie funktionierten das Schiff um. Mit Kissen ummantelte Metallröhren wurden zu Barbänken, Lautsprecher stapeln sich unter den Bullaugen. Im früheren Leben der Stubnitz, draußen auf der Ostsee oder im Südpazifik, war der große Schiffsrumpf, der heute die Tanzfläche bildet, voll mit Fischen und Eis. Kühlrohre an Wänden und Decke hielten die Heringe kalt. Heute sind sie wichtig für die Tontechnik. „Metallakustik ist großartig, wenn man den Hall verhindern kann, und genau das passiert hier wegen der Rohre – es entsteht ein unglaublicher Klang, der sich nicht digital reproduzieren lässt“, erklärt Blo.

Während des Elbjazz-Festivals glühten grüne Lichter um die Tanzfläche herum, und die Moog-Synthezisergeräusche des deutschen elektronischen Trios „The Von Duesz“ wirbelten um die Hebel wie beunruhigende Unterwassergeräusche, begleitet von Klicken und Radargeräuschen.

Besucher spüren während eines Konzerts das Trommeln der Bässe in ihren Beinen, die von den Schiffsbewegungen wackelig werden. Und Blo steuert mit Kopfhörern auf den Ohren das Tonpult mit akribischer Aufmerksamkeit, mehr Dirigent als Kapitän.

Die 1960 gebaute Maschinerie und Navigationsausrüstung des Schiffes sind einzigartig: Es gibt keine Maschinenanlage, die genauso groß und noch in Gang ist. „Es kam schon vor, dass Gäste die Tanzfläche verließen und anfingen, Knöpfe zu drücken – sie denken, das hier sei ein Museum“, sagt Blo. „Dabei ist es ein funktionierendes Schiff! 20 Jahre lang hatten wir kein Geld, dabei müsste man normalerweise in ein Schiff dieser Größe alle zwei Jahre eine halbe Million Euro hineinstecken, nur um es in Ordnung zu bringen. Aber die Stubnitz wurde gebaut, um zu halten.“

Übersetzung: Carola Torti

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09:13 29.07.2012
Geschrieben von

Dan Hancox | The Guardian

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The Guardian

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