Al-Qaidas Platz an der Sonne

Jemen Nicht regierbare Regionen wie Jemen oder Somalia sind für islamische Terroristen attraktiver als Pakistan oder Afghanistan. Für westliche Geheimdienste ein Alptraum

Die Behauptung, der Nigerianer Umar Farouk Abdulmutallabs sei von al-Qaida-Mitgliedern im Jemen ausgebildet und mit dem Anschlag auf ein US-Passagierflugzeug beauftragt worden, lässt für die westlichen Nachrichtendienste einen Alptraum in Erfüllung gehen. Seit den Angriffen vom 11. September 2001 haben die USA und ihre Alliierten bei der Jagd auf Osama bin Laden ihre Aufmerksamkeit auf den Osten Afghanistans sowie die von der Zentralregierung unerreichten Stammesgebiete Pakistans konzentriert.

Seit 2008 wächst die Furcht, al-Qaida könnte den Aktionsradius auf den Maghreb – das heißt nach Algerien – und in einige Länder südlich der Sahara wie Nigeria verlagern, wo der potentielle Selbstmordattentäter des Nordwest-Airlines-Fluges 253 geboren wurde. Aber in Afghanistan wie Pakistan können die Amerikaner auf freundlich gesonnene Regierungen zählen, die sich vom islamistischen Terror ebenso bedroht sehen wie sie selbst. Im Jemen und seinem unglücklichen Zwillingsbruder Somalia auf der anderen Seite des Golfs von Aden stellt sich die Sache völlig anders dar. Beide Länder besitzen keine effektive Zentralregierung, blicken auf eine lange Geschichte kolonialer Interventionen zurück und sind derzeit Schauplatz von Kämpfen zwischen rivalisierenden Gruppen, die einzig der Hass auf den Westen vereint.

Der gleiche Sprengstoff

Es gibt in Somalia wie im Jemen nicht regierbare Regionen, die ideale Rückzugsmöglichkeiten für „nichtstaatliche Akteure“ bieten, wie westliche Geheimdienste die unsichtbare Front der Jihadisten euphemistisch umschreiben. Weite Landstriche im dünn besiedelten Jemen sind für Anti-Terror-Einheiten unerreichbar. „Nur die Stammesgebiete Pakistans machen dem Jemen Konkurrenz im Ranking um das beste Refugium“, schrieb das Wall Street Journal im vergangenen Jahr und zitierte amerikanische Schätzungen, nach denen bis zu 1.500 mit al-Qaida liierte Kämpfer dort residieren.

Der aus gutem Hause stammende nigerianische Rekrut Abdulmutallab hat nun gezeigt, was aus der neuen Hochburg zu erwarten ist und längst absehbar war, wenn man es denn sehen wollte. Bei einem Vorfall, über den in den westlichen Medien nicht viel berichtet wurde, überquerte im Vorjahr ein Selbstmordattentäter die Grenze ins pro-westliche Saudi-Arabien, passierte zwei Sicherheitskontrollen und sprengte sich nur wenige Meter vom saudischen Anti-Terror-Chef Prinz Mohammed bin Nayef in die Luft. Er verwendete den gleichen Sprengstoff wie nun Abdulmutallab – Pentaerythriol. Wie die Passagiere der Nordwest-Airlines hatte Nayef Glück und wurde nicht ernsthaft verletzt.

Ein weiteres bedenkliches Zeichen ging im Oktober von dem im Jemen stationierten al-Qaida-Mitglied Nasir al-Wahayshi („Emir der arabischen Halbinsel“) aus, als dieser seinen Anhängern befahl, alle Mittel zu nutzen, um westliche Ungläubige zu töten. Als bevorzugte Ziele nannte er „Flughäfen in den Ländern, die sich am Kreuzzug gegen die Muslime beteiligen oder deren Flugzeuge“.

Abdulmutallabs Aussage, er sei 2009 in den Jemen gereist und habe dort von al-Qaida Instruktionen erhalten, wird nun von der Regierung in Sanaa untersucht. „Wir haben immer noch keine gesicherten Erkenntnisse darüber, wo er sich aufgehalten und was genau er unternommen hat“, so ein jemenitischer Beamter.

Die saudische Halbinsel

Trotz ihrer Konzentration auf Afghanistan und Pakistan haben die USA und ihre Alliierten die vom Jemen ausgehende Bedrohung nicht ignoriert. Der Chef der US-Terrorismusabwehr John Brennan reiste im September nach Sanaa, und Barack Obama erklärte mit ungewöhnlich deutlichen Worten, die Sicherheit Jemens sei entscheidend für die Sicherheit der USA. Die Amerikaner haben ihre Unterstützung für die Jemeniten und Saudis bei der Bekämpfung von Lagern der Jihadisten und vom Iran unterstützter schiitischer Rebellen intensiviert. Es gibt unbestätigte Berichte, US-Spezialeinheiten würden sich im Land aufhalten.

Aber derartige Aktivitäten ändern nichts an der Tatsache, dass die jemenitischen Sicherheitsprobleme auch dazu führen können, Saudi-Arabien und andere Golfstaaten zu destabilisieren. Der Autor Christopher Boucek warnte 2009 in einem Bericht des Carnegie Endowment for International Peace: „Das Unvermögen der jemenitischen Regierung, ihr Staatsgebiet umfassend zu kontrollieren, wird gewaltbereiten Extremisten Raum geben, sich neu zu formieren und Angriffe gegen in- und ausländische Ziele auszuführen.“

Ein weiterer unangenehmer Punkt besteht darin, dass Abdulmutallab seine Tat mit der westlichen Intervention in Afghanistan rechtfertigte. Seine Worte widerlegen die These, der Krieg trage dazu bei, die westlichen Länder sicherer zu machen. Wenn Premier Gordon Brown das nächste Mal seine Afghanistan-Politik zu erklären versucht, täte er gut daran, sich vorher zu überlegen, welcher mögliche Zusammenhang zwischen diesem Krieg und dem bestehen mag, was den Passagieren des Northwest-Airlines-Fluges 253 über dem Himmel von Detroit beinahe zugestoßen wäre.

Übersetzung: Holger Hutt

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09:00 03.01.2010
Geschrieben von

Simon Tisdall, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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