Alle Macht für Apple?

iPad Erst die Musikindustrie, jetzt die Verlage? Der Computerschrauber aus Kalifornien macht sich die Medienbranchen Untertan. Wird er zu mächtig? Eine Debatte

Observer-Kolumnist und Technik-Experte John Naughton meint JA. Er ist der Ansicht, Apple befinde sich auf dem Weg hin zu einer weltweiten Marktbeherrschung

Bislang hat Apple ein großartiges Talent dafür bewiesen, bereits existierende Geschäftsbereiche aufzubrechen. Mit seiner iPod/iTunes-Kombination von Hard- und Software, revolutionierte es das Geschäft mit Online-Musik und verschaffte sich dadurch eine Vormachtstellung in Sachen Vertriebswege. Als das Unternehmen 2005 dann auch noch Filme über seinen iTunes-Store vertrieb, gab es seine Absicht zu erkennen, auch diese Branche zu erobern.

2005 definierte es mit dem iPhone dann den Mobilfunkmarkt neu: Dieses ist im Grunde ein vernetzter Computer im Handformat, mit dem man nebenbei auch noch telefonieren kann. Ein Jahr später wurde durch die Einführung des App-Stores dann der wahre Zweck des iPhone deutlich: Dieser setzte vom ersten Tag seines Bestehens an neue Standards für den Handel mit Software-Produkten. Winzige Programme können jetzt in großen Mengen zu einem relativ geringen Preis den Besitzer wechseln. Appel streicht bei jeder Transaktion 30 Prozent ein und prüft und genehmigt jede einzelne Applikation, bevor sie im Store erscheint.

Auf diesem Weg ist das Unternehmen quasi unbemerkt von einem kleinen Hersteller cooler Computer mit einem winzigen Marktanteil zu einem weltweiten Giganten geworden. Mit einer Marktkapitalisierung von 140 Milliarden Pfund Sterling ist Apple heute größer als Google (118 Milliarden Pfund) und macht gegenüber Microsoft (170 Milliarden Pfund) schnell Boden gut. Das ist, als hätte BMW Mercedes überholt und machte sich daran, Ford gefährlich zu werden.

Am vergangenen Sonnabend erfolgte nun der nächste Schritt auf Apples scheinbar unaufhaltsamem Weg zur Erringung der Weltherrschaft: Das iPad – ein überdimensioniertes iPhone – wurde an die ersten Kunden in den USA ausgeliefert. Auf dem leistungsstarken, DIN-A4-Blatt großen Gerät mit Breitband-Empfang läuft jede Software, die Apple zulässt. Es hat einen großartigen, hochauflösenden Bildschirm und verspricht „vertiefte“ Lese- und Seherfahrungen.

Mit der Einführung des iTune-Stores 2003 rettete Apple die Musikindustrie vor den Konsequenzen ihrer eigenen Dummheit und ihrer Ahnungslosigkeit in Sachen Internet. Die Rettung hatte jedoch ihren Preis: Die Plattenfirmen verloren de facto die Kontrolle über den Vertrieb. Heute, sieben Jahre später, befindet sich ein weiterer Industriezweig in großen Schwierigkeiten – Zeitungen und Magazine – und wieder einmal scheint Apple die Rettung zu versprechen. Viele in der Zeitungsbranche sehen im iPad eine Möglichkeit, mit der Bereitstellung hochwertiger Online-Inhalte Geld zu verdienen. Aber einmal mehr, wird die Erlösung ihren Preis haben: Apple wird den Vertriebsweg kontrollieren und sich von jeder Transaktion eine Scheibe abschneiden.

Wo also liegt das Problem? iPhone und iPad sind im Prinzip nichts anderes als Zugangsmöglichkeiten zum Internet. Bislang erhielten wir diesen Zugang über Personal Computer mit einer offenen Struktur: Der Nutzer übt vollständige Kontrolle darüber aus, was auf seinem Rechner läuft und kann mit ihm machen, was er oder sie gerne möchte. Und hierin unterscheiden sich iPhone und iPad nun radikal vom PC, denn sie werden von Apple streng kontrolliert. Nichts läuft auf ihnen, wenn Apple nicht ausdrücklich seinen Segen erteilt hat. Sollten Sie versuchen, unautorisiertes Material zu installieren, könnten Sie schnell feststellen, dass Ihr Rechner aus der Ferne „gebrickt“, d.h. in einen wertlosen Ziegelstein verwandelt wurde.

Wir wissen bereits, dass iPhone-Besitzer ihre Geräte ununterbrochen zum Surfen im Internet benutzen und daher weniger auf ihren PC zurückgreifen. Das iPad dürfte diesen Trend noch einmal extrem forcieren. Es ist also durchaus vorstellbar, dass wir einer Zeit entgegensehen, in der ein nicht unerheblicher Teil der Internet-Nutzer über einen Zugang ins Internet gelangt, der von einem einzigen, mächtigen Unternehmen kontrolliert wird und in der ein Großteil der journalistischen Angebote, für die online bezahlt wird, ebenfalls von diesem Unternehmen kontrolliert wird.

Wenn Ihr Bild von Apple also immer noch dem eines kleinen, frechen Außenseiters entspricht, sollten Sie ihre Meinung noch einmal überdenken. Was hatte Lord Acton noch mal über die Macht gesagt ....

Übersetzung: Holger Hutt


Deyan Sudjic, Direktor des Design Museum London meint NEIN. Er glaubt, dass Apple zu den Guten zählt, solange Macht und Intelligenz dort eine starke Verbindung eingehen.

Auf jeden Verschwörungstheoretiker, der Steve Jobs als geheimniskrämerischen, paranoiden, stalinistischen Monopolisten entlarven will, kommen tausend Blogger, die Sie mit den technischen Schwächen seiner Produkte zu Tode langweilen wollen. Vielleicht haben beide Seiten Recht. Doch für mich ist Apple allemal gut genug. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass Jobs meine E-Mails liest, ganz anders als bei Google.

Nennen Sie mich doch einen naiven Trottel, aber ich habe gern einen Kompass auf meinem Handy und freue mich darüber, dass ich mit ihm Fotos machen und sie auf der ganzen Welt herumschicken kann. Ich mag es, dass auf eben diesem Handy wie von magischer Hand mein Adressbuch und mein Tageskalender erscheinen, wenn ich in meinem Büro bin. Kann sich irgendjemand daran erinnern, wie qualvoll man all diese Daten in den Neunzigern in einen Personal Digital Assisant (PDA) eingeben musste? Ich nicht, denn ich habe mich für diese Dinger nie interessiert.

Die Firmenadresse des Unternehmens im Silicon Valley lautet „1 Infinite Loop“ – dahinter verbergen sich vanillefarbene Bürogebäude in einem typischen nordkalifornischen Gewerbegebiet, die von unendlichen Wiesen und Parkplätzen umgeben sind. Ich könnte es Ihnen allerdings nachsehen, wenn Sie sich von One Infinite Loop ein perfektes Spiegelbild der schlummernden, kalten Niedertracht des postindustriellen Kapitalismus erwarten würden. Ein Ort, von dem aus Dr. Evil hinter den Sprinkleranlagen und den Sicherheitszäunen den Leichtgläubigen diktiert, welches überteuerte, leistungsschwache Gerät sie unbedingt besitzen müssen.

Die Realität sieht anders aus. One Infinite Loop hat eher etwas von einem Naturschutzgebiet, in dem die letzten überlebenden schlanken Amerikaner zu ihrem eigenen Schutz zusammengepfercht wurden. Die Kantine bietet Gerichte aus einem Dutzend unterschiedlicher Länder aus aller Welt an, Pommes frittes und Transfette haben hier nichts verloren. Das Atelier seines bekanntesten Angestellten Jonathan Ive, dem berühmtesten Industriedesigner des Planeten, ist mit hellem Holz, massiven Tischen, klassischen Bürostühlen aus England und exquisiten Werkzeugständern ausgestattet, die alle sehr sorgfältig im Raum platziert wurden.

Dies ist nicht die Höhle des Dr. Evil. Es ist ein Ort an dem in den vergangenen zwölf Jahren außerordentliche Dinge geschehen sind – Dank der anonymen Software-Designer, Ingenieure und Marktlenker, die Apple mindestens ebenso wie Jobs und Ive zu dem gemacht haben, was das Unternehmen heute ist.

Jobs hat schnell genug erkannt, dass wir in einer Welt, in der das Objekt tot ist und durch Bildschirme, Tastaturen und Software entthront wurde, immer von den Dingen, derer wir uns in der digitalen Welt alltäglich bedienen, verzaubert und verführt werden wollen. Das bedeutet jedoch nicht, dass er uns in schielende, habgierige Zombies verwandelt hätte, die bereit sind, endlose Stunden ihres Lebens dafür zu Opfern, um einen iPad kaufen zu können.

Apple ist nicht perfekt: Das Unternehmen scheint noch immer nichts von Reparaturen zu halten und es nervt, dass es nicht möglich ist, Anschlussgeräte einer älteren Generation mit den neuen Produkten zusammen zu verwenden. Aber warum sollten wir den Erfolg des Unternehmens nicht einfach feiern, solange er anhält – und solange Apple die Technik liebenswert, wenn nicht sogar zu einem Genuss macht?

Apple ist eine Firma, die sowohl Intelligenz als auch Macht hat – was eine wesentlich verlockendere Kombination ist, als die vielen mächtigen und dummen Firmen (man denke nur an die selbstmörderische Selbstzufriedenheit der Autoindustrie in Detroit und in den USA im Allgemeinen oder an mächtige Firmen wie Ryanair, die ihre Kunden mit absoluter Verachtung behandeln). Noch mehr Schaden richten nur mächtige, gierige Firmen an, da denke man nur an die verheerenden Anmaßungen eines Fred Goodwin bei der Royal Bank of Scotland.

Verglichen mit diesem Haufen ist Apple ein wahrer Engel.

Übersetzung: Christine Käppeler

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17:10 06.04.2010
Geschrieben von

John Naughton/Deyan Sudjic | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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