Alles Frauen!1!11

Finnland Mit der 34-jährigen Sanna Marin haben die FinnInnen die jüngste Ministerpräsidentin der Welt gewählt. Jetzt muss sie sich in unübersichtlichen Zeiten beweisen
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Bildungsministerin Li Andersson, Finanzministerin Katri Kulmuni, Premierministerin Sanna Marin und Innenministerin Maria Ohisalo

Foto: Jussi Nukari/Lehtikuva/AFP via Getty Images

Natürlich war auf Sanna Marins Twitter-Account die Hölle los. Nach dem Rücktritt von Ministerpräsident Antti Rinne haben die finnischen Sozialdemokraten die 34-jährige am Sonntag zur neuen Ministerpräsidentin bestimmt. Aus der ganzen Welt kamen Gratulationen. Das überrascht nicht, denn Marin bricht Rekorde. Die frühere Verkehrsministerin, die bereits zweimal ins Parlament gewählt wurde, ist die jüngste amtierende Regierungschefin der Welt – und die jüngste Ministerpräsidentin, die Finnland je hatte. Das Foto von Marin und vier weiteren Mitgliedern der Führungsriege der Regierungspartei – alles Frauen – verbreitete sich schnell viral. Offensichtlich genießen die Finnen jede Minute der internationalen Aufmerksamkeit. Aber während die Welt Marins Jugend feiert, fühlen sich viele Leute in Finnland durch ihren Hintergrund bestärkt.

Für eine Regierungschefin sind die sozioökonomischen Verhältnisse, aus denen sie kommt, ungewöhnlich. Einmal hat sie gesagt, eine ihrer größten Inspirationen sei die Rockband Rage Against the Machine. „Ich bin in einem Wohlfahrtsstaat groß geworden und ich bin dankbar dafür, wie die Gesellschaft mich in schwierigen Zeiten meines Lebens unterstützt hat“, wiederholte sie vor ihrer Wahl am Sonntag. Marin stammt aus einem Zuhause mit wenig Geld und ist die erste in der Familie mit einem Universitätsabschluss. Zudem können sich Regenbogenfamilien gestärkt fühlen, da Marin in einer Familie mit zwei Müttern aufgewachsen ist. Einige Finninnen posteten Beiträge, in denen sie erklärten, wie wichtig es für sie sei, ihren Kindern zeigen zu können, dass „unsere Ministerpräsidentin“ in genau so einer Familie aufgewachsen ist wie die Kinder selbst.

Marin wirkt wie die perfekte Wahl für jede Partei, die ihr Image modernisieren möchte – was vielen auch als Risiko erscheinen könnte. Nicht so in Finnland. Trotz ihrer jungen Jahre wurde Marin gewählt, um Ruhe in die Lage zu bringen – als eine Ministerpräsidentin, die entschlossen ist, das Vertrauen der Parteimitglieder untereinander wieder aufzubauen. Zudem hat sie versprochen, sich an das Regierungsprogramm zu halten. Das bedeutet Vorhersagbarkeit. Und sie hat kein großes Interesse daran, sich bei den Gewerkschaften einzumischen, etwas, das ein Problem für ihren Vorgänger darstellte.

Der Millenial-Test

Aber ihr Alter spielt auch eine Rolle dabei, die bestehende Koalitionsregierung zu einigen. Die meisten der Parteiführer sind in den 1980er Jahren geborene Millennials. Das macht die Kommunikation einfach. Diese nie dagewesene Einheitlichkeit sehen allerdings nicht alle positiv. Kritische Stimmen fragen, ob die fünf Parteien in Sachen Agenda, Alter und Image nicht zu ähnlich geworden sind. Natürlich waren solche „Ähnlichkeiten“ nie ein Problem, als die Mehrheit der politischen Führer Männer waren.

Während Marins Hintergrund inspirierend sein mag, spielt ihr Alter ganz sicher auch eine Rolle, sowohl für die Sozialdemokraten als auch für die Finnische Zentrumspartei. Sie verlieren in Meinungsumfragen an Unterstützung und ihre Wähler sind tendenziell eher 70 als 30 Jahre alt. Beide haben Stimmen an die nationalistische Finnenpartei verloren, die derzeit gemeinsam mit einer anderen Oppositionspartei, der rechtskonservativen „Nationalen Koalition“ in den Meinungsumfragen vorn liegt. Einige Sozialdemokraten sorgen sich, dass eine junge Frau an der Spitze viele ihrer verbliebenen, aber nicht so fortschrittlich denkenden Anhänger und Anhängerinnen mittleren Alters verschrecken könnte.

Das jedenfalls scheint die Finnenpartei zu erwarten. Als Marin gewählt wurde, twitterte der Parteiführer der Finnenpartei Jussi Halla-aho Glückwünsche – fügte ihnen aber eine Tüte Popcorn hinzu, um sarkastisch seine Freude über das Unglück zu demonstrieren, das die Entscheidung seiner Ansicht nach auslösen wird. Der Vorsitzende der parlamentarischen Gruppe der Finnenpartei Ville Tavio formulierte seine Sicht der Dinge auf Facebook: Es sei der Höhepunkt einer „modernen feministischen, männerfeindliche Bewegung“.

Die Sorge aber ist, dass die Kluft zwischen den links-fortschrittlichen und konservativ-nationalistischen Blöcken sich vertieft, eine Polarisierung, die auf der ganzen Welt zu beobachten ist. Noch ist die Frage unbeantwortet, ob die rekordträchtige Regierung Marin in der Lage ist, Vertrauen zwischen den Generationen aufzubauen und gleichzeitig ihre Partei zusammenzuhalten – oder die neue Ministerpräsidentin nur den anhaltenden Kulturkampf zwischen den beiden Blöcken verschärft.

Tulikukka de Fresnes ist politische Korrespondentin des finnischen öffentlich-rechtlichen Rundfunksenders Yle

Übersetzung: Carola Torti
15:06 11.12.2019
Geschrieben von

Tulikukka de Fresnes | The Guardian

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