Alles kann brennen

Maschinensturm Kritisiert werden die neuen Tech-Unternehmen schon lange. Neuerdings schlägt der Widerstand in Gewalt um

Eines der großen Paradoxe des digitalen Lebens ist, dass wir nie tun, was wir sagen. Zahlreichen Umfragen zufolge vertrauen die Menschen nicht darauf, dass ihre Daten bei den großen Tech-Firmen sicher sind. Aber sie klicken und teilen und posten einfach weiter und stellen Geschwindigkeit und Bequemlichkeit über alles. Für das Silicon Valley war 2017 mit Enthüllungen über Bots, russische Einmischung, Sexismus, Monopolisierung und Steuerflucht ein Horrorjahr. 2018 sieht es angesichts der jüngsten Berichte über den Missbrauch von Facebook-Nutzerdaten bisher nicht besser aus. 2018 könnte aber auch das Jahr der neuen Maschinenstürmer werden, in dem technikkritische Worte in Taten umgesetzt werden.

Die Ludditen im 19. Jahrhundert wurden oft als Mob karikiert, der mit dem Vorschlaghammer auf Maschinen einschlägt,. Für den Umgang mit den neuen Technologien ist das ein schiefes Bild. Eher trifft es der Autor Blake Snow, wenn er von einem „reformierten Luddismus“ spricht: Eine Gesellschaft, die Technologie kritisch betrachtet; die ihre Vorteile sieht, aber auch die Probleme, die sie mit sich bringt. Und noch wichtiger: die davon ausgeht, dass etwas dagegen unternommen werden kann.

Eine Erscheinung des reformierten Luddismus bereitet den Tech-Riesen bereits Kopfzerbrechen. Facebook und Google sind im Grunde gigantische Werbefirmen. Ad-Blocking-Software ist ihre Schwachstelle. Aber allein im vergangenen Jahr haben Millionen von Menschen diese Plug-ins heruntergeladen. Die Nutzung steigt (zumindest auf Desktops) von Jahr zu Jahr um fast 20 Prozent.

Wichtiger noch: Die Gesellschaft scheint insgesamt aufgewacht zu sein. Ihr ist klar geworden, dass ständiges Checken, Wischen und Starren psychologische Folgen hat. Unter meinen Freunden beharren immer mehr auf „No phone“-Zeiten, sie nutzen im Café nicht sofort W-Lan oder verbringen computerfreie Wochenenden. Und dieses Verhalten beschränkt sich nicht mehr nur auf Intellektuelle und Akademiker. Die meisten Eltern sorgen sich wegen zu viel „Bildschirmzeit“ oder streiten mit Kleinkindern darum, wie viel iPad erlaubt ist. Die Alternativen sind „Slow Living“ oder „Slow Tech“. „Wollt ihr eine Slow-Tech-Familie werden?“ schreibt etwa Janell Burley Hoffmann, eine der Vorreiterinnen der Bewegung. „Warte! Tu einfach mal nichts, außer zu warten – in der Schlange, beim Arzt, auf den Bus, beim Abholen nach der Schule.“ Vormals gewöhnliches Verhalten zu einer „Bewegung“ zu erklären, ist eine sehr moderne Herangehensweise.

Mein Bewusstsein gehört mir

„Zurück zu den einfachen Dingen“ ist die Devise. Der Smoothie-und Saftproduzent Innocent bewirbt seine „Unplugged“-Festivals damit, „das Wochenende über abzuschalten ... kein W-Lan, kein 3G, kein Strom aus der Steckdose“. Andere treiben es noch weiter und tun sich in netzfreien Kommunen und Selbstversorger-Gemeinschaften zusammen. Laut Intentional Community Directory gründeten sich in den ersten zehn Monaten 2016 300 Öko-Dörfer, so viele wie nie seit den 1970ern.

Selbst Silicon-Valley-Insider fragen sich inzwischen, welche Monster sie freigesetzt haben. Der frühere Google-„Design-Ethikberater“ Tristan Harris gründete kürzlich die Non-Profit-Organisation Time Well Spent, um gegen die „digitale Aufmerksamkeitskrise“ unseres „fremdbestimmten Bewusstseins“ anzukämpfen. Die meisten Tech-Konferenzen betreiben heute diese Nabelschau: Geht das alles zu weit? Sind wir wirklich die Guten?

Die Reaktion der Tech-Unternehmen beweist, dass sie die Kritik als ernsthafte Bedrohung begreifen: Viele bieten Kontrollmöglichkeiten für Eltern an. Facebook räumte vergangenes Jahr selbst ein, dass es schlecht für die Gesundheit ist, zu viel Zeit auf seiner Webseite zu verbringen.

Der „Reformierte Luddismus“ bedeutet aber nicht das Ende des klassischen Maschinensturms. Auch die ursprünglichen Ludditen hatten im 19. Jahrhundert nichts gegen Maschinen an sich, sondern gegen die Auswirkungen auf ihr Einkommen und ihre Lebensweise. Gilt nicht genau das für die Proteste gegen Uber? In jüngster Zeit gab es sie nicht nur in Paris; in der indischen Stadt Hyderabad gingen Fahrer auf die Straße; Taxi-Fahrer blockierten Straßen in Kroatien, Ungarn und Polen. In Kolumbien kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei, während im südafrikanischen Johannesburg Uber-Fahrzeuge angesteckt und 30 Taxi-Fahrer verhaftet wurden.

Man stelle sich vor, was passiert, wenn selbstfahrende Autos Realität werden. Die Industrie wird viele neue und sehr gut bezahlte Jobs schaffen, insbesondere in den Bereichen Robotik, maschinelles Lernen und Maschinenbau. Für Leute mit der richtigen Qualifikation ist das großartig. Und für die LKW- und Taxifahrer? Einige von ihnen können sich sicher durch Umschulung auf die Seite der Gewinner retten. Aber es ist wohl kaum realistisch, dass Trucker jenseits der 50 zu Web-Entwicklern und Spezialisten für maschinelles Lernen werden. Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass für viele LKW- und Taxifahrer nur noch prekärere, schlecht bezahlte Arbeit bleibt.

Glaubt jemand ernsthaft, dass die Fahrer das einfach über sich ergehen lassen? Dass sie sich damit trösten, dass ihre Urenkel möglicherweise reicher sein werden und weniger gefährdet, in einem Autounfall zu sterben? Und was ist, wenn sich in den USA die von Donald Trump versprochenen Arbeitsplätze wegen der Automatisierung nicht materialisieren – und nicht etwa wegen Steuerflucht und Einwanderung?

Meine Theorie ist: Sobald die Menschen glauben, dass Maschinen eher Unterdrückung bedeuten als Befreiung, wird es kein Halten mehr geben. Zwischen 1978 und 1995 verschickte der sogenannte „Unabomber“ Ted Kaczynski insgesamt 16 Briefbomben, durch die drei Menschen getötet und 23 verletzt wurden. Das einstige Harvard-Mathe-Wunderkind begann mit Mitte 20 als Einsiedler und Selbstversorger zu leben. Seine Motivation war die Überzeugung, dass der technologische Wandel die menschliche Zivilisation zerstören und in eine Zeit der unmenschlichen Tyrannei und Kontrolle münden würde. Lässt man Kaczynskis Rassismus und seine Aufrufe zu gewaltsamer Revolution beiseite, lesen sich seine Schriften zur digitalen Technologie beunruhigend hellsichtig. Er sagte superintelligente, die Gesellschaft beherrschende Maschinen ebenso voraus wie die negativen psychologischen Auswirkungen der Tech-Abhängigkeit und die Aussicht einer obszönen Ungleichheit, wenn eine Elite von Technologie-Cracks die Welt regiert.

Der US-Philosoph John Zerzan gilt als intellektueller Kopf des Anarcho-Primitivismus, dessen Anhänger davon überzeugt sind, dass Technologie die Menschen versklavt. Die Bewegung ist nicht gewalttätig, aber sie hasst die neuen Technologien inbrünstig. Während des Unabomber-Prozesses wurde Zerzan zu einem Vertrauten Kaczynskis. Er unterstützte dessen Ansichten, verurteilte aber seine Taten.

Alles, was wir hassen

Derzeit ist Zerzan als Sprecher auf Veranstaltungen wieder stark gefragt. „Etwas liegt in der Luft“, sagt er. Ob er sich vorstellen kann, dass ein neuer Kaczynski kommen könnte? „Ich glaube, das ist unvermeidlich. Wenn die Lage noch schlimmer wird, lässt sich das anders nicht aufhalten.“

Es gibt Anzeichen dafür, dass der Neo-Luddismus bereits begonnen hat. Im November 2017 wurde in Grenoble das Tech-Lab „La Casemate“ verwüstet und angezündet. Die Angreifer bezeichneten es als „durch seine Verbreitung digitaler Kultur offenkundig schädliche Institution“. Ein Jahr zuvor geschah etwas Ähnliches in Nantes. Abgesehen von einem einzelnen Vorfall in Mexico 2011 war dies der erste, mir bekannte Akt der Gewalt seit dem Unabomber, der explizit auf Technologie als solche zielte. Das in der öko-anarchistischen Zeitschrift Earth First! publizierte Bekennerschreiben der französischen Angreifer erklärte, das Freiheitsversprechen des Internets für Antikapitalisten habe sich angesichts von mehr Überwachung, mehr Kontrolle, mehr Kapitalismus verflüchtigt. „Heute haben wir die Casemate abgebrannt“, heißt es am Ende. „Morgen ist etwas anderes dran. Unsere Leben werden zu kurz sein, ob im Gefängnis oder in Freiheit, denn alles, was wir hassen, kann brennen.“

Niemand will zertrümmerte Maschinen oder Briefbomben. Die Zerstörer scheiterten vor 200 Jahren und werden wieder scheitern. Aber ein bisschen Luddismus im Leben schadet nicht. Es bedeutet nicht, alle Freuden der modernen Technologie über Bord zu werfen. Man ist kein altmodischer Freak, wenn man meint, dass gewisse Offline-Zeiten einem gut tun. Man ist nur keine Maschine.

Jamie Bartlett ist Journalist, Datenanalyst und Autor der Bücher The Dark Net (2015) und Radicals: Outsiders Changing the World (2017)

Übersetzung: Carola Torti

06:00 11.04.2018
Geschrieben von

Jamie Bartlett | The Guardian

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