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Porträt Arianna Huffington war erst konservativ, dann links. Jetzt verkaufte die Gründerin der "Huffington Post" ihre Website an AOL. Erneute Kehrwende oder einfach konsequent?

Arianna Huffington hat ziemlich viel Übung darin, widersprüchliche Ideen miteinander zu versöhnen. In ihrer Person vereint sie zum Beispiel zwei völlig entgegengesetzte Denkschulen: die harte, immer auf dem neuesten Stand befindliche Welt der Neuen Medien und die puschelige Versponnenheit des New Age. Als Internet-Pionierin ist sie weltweit bekannt geworden. Sie wurde schnell zum Inbegriff dessen, was die Zukunft von Nachrichtenwebsites sein könnte. Gleichzeitig hegt sie eine tiefe Begeisterung für Therapien, die sie „natürlich“ nennt: Feuerlaufen, Homöopathie, Infrarot-Saunieren – Huffington hat sie im Laufe der Jahre alle ausprobiert.

In ihrem schicken Büro in New York stehen Plüschsessel und ein aufwändig verzierter Schreibtisch. In den Regalen finden sich Bücher über Selbstheilung durch Atmentechniken und Vitaminpräparate neben monumentalen Politiker-Biografien. Auf dem Schreibtisch stehen Flaschen mit Tinkturen vor einem Foto, das Huffington zusammen mit Königin Rania von Jordanien zeigt. Vom Fensterbrett grüßen auch Mitte Februar noch Weihnachtskarten, unter anderem von Joe Biden und Tony Blair.

Kurz gesagt: Alles in diesem Raum zeugt davon, wie sehr die Webseite huffingtonpost.com, auf der man Berichte über ganzheitliche Therapien ebenso findet wie politische Analysen über John McCain oder die ägyptische Revolution, die Persönlichkeit ihrer Gründerin und Chefredakteurin widerspiegelt. Eine Persönlichkeit, deren Wandlungsfähigkeit schon viele in Erstaunen versetzt hat. Huffington war bereits Autorin mehrerer Lebensratgeber und Politik-Expertin, Gegenspielerin von Feministinnen und kämpferische Verfechterin der Sache der Frauen, Unterstützerin des stramm Konservativen Newt Gingrich und Anhängerin von Präsident Obama, Republikanerin und Demokratin.

Vor zweieinhalb Wochen erschien auf der Huffington-Post-Seite zusammen mit einem Bild der immer lächelnden Chefredakteurin eine Erklärung, die man als weiteren Beleg für ihre Flexibilität werten könnte. Das mutige kleine Startup-Unternehmen mit seinem Hang zu progressiver Politik, das heute über 200 Angestellte beschäftigt und 26 Millionen Besucher auf seiner Seite zählt, wurde für 315 Millionen Dollar an das Internet-Unternehmen AOL verkauft. Huffington soll in Zukunft auch Chefredakteurin bereits existierender AOL-Seiten wie Patch und TechCrunch werden. Gleichzeitig will sie weiterhin die "HuffPo" leiten, wie die Fans die Seite nennen.

Ein Überschall-Jet?

Huffington präsentierte den Deal selbstverständlich so, als bedeute er für alle Seiten nur das Beste: "Dieser Augenblick wird für die HuffPost sein, wie von einem schnell fahrenden Zug in einen Überschall-Jet umzusteigen ... 1 + 1 = 11."

Viele Medienbeobachter waren da skeptischer. Die Washington Post begann einen Artikel mit der Frage „Hat Adrianna Huffington ihre progressiven Mitstreiter verraten?“ und bejahte dies anschließend. Zudem wurden Zweifel laut, ob die 9.000 registrierten Blogger, die bisher umsonst für die Huffington Post schreiben, sich auch AOL gegenüber so selbstlos verhalten werden. "Wir erleben nicht das Ende der HuffPo, sondern lediglich das Ende der Rechtfertigung, warum man unentgeltlich für sie schreiben sollte", schrieb Huffington-Post-Autor Douglas Rushkoff in einem Gast-Beitrag für den Guardian.

Kurz nachdem der Deal verkündet worden war, schickte Huffington eine E-Mail an alle, die Inhalte für die Seite produzieren. In dem Schreiben betonte sie, die einzige Veränderung werde darin bestehen, dass fortan "mehr Leute lesen, was Ihr geschrieben habt". Außerdem schrieb Huffington, dass die Seite, die einst als linksliberal galt, jetzt "in der Mitte" angesiedelt sein werde – und dies auch schon immer gewesen sei. "Das stimmt mit dem überein, was ich in den vergangenen Jahren immer wieder gesagt habe – dass die Huffington Post nämlich jenseits von links und rechts ist", sagt sie. "In der Mitte zu stehen, mag bedeuten, dass man Kompromisse eingehen muss, aber das meine ich nicht. Ich meine vielmehr, dass man aufhört, jedes Thema in der amerikanischen Politik als ‚links‘ oder ‚rechts‘ zu betrachten und stattdessen zu erkennen, dass Dinge veränderbar sind." Als journalistisches Unternehmen müsse man der Wahrheit verpflichtet sein. "Und für mich macht genau das die Huffington Post aus – und es wird sie auch weiterhin ausmachen."

Macht sie sich keine Sorgen, sie könnte den Kern ihrer liberalen Leserschaft vergraulen? "Meine Frage an alle Leser lautet: Glaubt irgendjemand, dass unser Engagement bei den Themen, über die wir das vergangene Jahr berichtet haben, nun weniger leidenschaftlich sein wird als zuvor?" Später, als ich sie frage, wie sie sich den typischen HuffPo-Leser vorstellt, verweist sie mich an einen Kollegen. "Gebildet, in einem Haushalt mit hohem Einkommen lebend, ein Early Adopter – das sind ein paar Schlüsselbegriffe, von denen wir gerne sprechen", antwortet sie. Politische Überzeugungen erwähnt sie nicht.

Huffington sieht stets perfekt aus und ist so unermüdlich wie ein Terrier. Heute trägt sie eine kaffeefarbene Seidenbluse, Jeans und Schuhe mit hohen Absätzen. Sie scheint einen Dorian-Gray-Deal mit ihren jungen Assistenten geschlossen zu haben, denn während diese wegen Huffingtons Terminplan gestresst und abgespannt aussehen, ist bei ihr selbst am Ende einer der arbeitsreichsten Wochen ihrer Karriere noch jedes Haar genau da, wo es hingehört – und das, obwohl sie ihrem Terminplan bereits mittags eine halbe Stunde hinterherhinkt.

"Wir rennen niemandem nach"

Ein einziges Mal legt sich während unseres Gesprächs ihre Stirn in Falten. In dem Moment, in dem ich nach den unbezahlten Bloggern frage. "Leute, die bloggen, bloggen wann immer sie wollen. Manche von ihnen bloggen alle zwei Jahre einmal. Sie bloggen, weil sie Gedanken haben, die ihnen wichtig sind und die sie zum Ausdruck bringen wollen", beschreibt Huffington ihre Erfahrungen. "Wir bieten Leuten eine Plattform, die ihre Vorstellungen kundtun wollen. Wenn sie schreiben wollen, gut. Wenn nicht, auch gut. Wir erhalten Millionen von Beiträgen. Es ist nicht so, dass wir den Leuten nachrennen, damit sie kostenlos für uns schreiben."

Die Los Angeles Times hat das Geschäftsmodell der HuffPost vor kurzem verglichen mit "einer Galeere, bei der Sklaven an den Rudern sitzen und Piraten das Kommando führen". Der AOL-Deal werde noch mehr Journalisten in den "sich tragisch erweiternden Niedriglohnsektor unserer zunehmend immer brutaleren Wirtschaft pressen". Die L.A. Times selbst hat in den letzten zehn Jahren wegen der Zeitungskrise 350 ihrer einst knapp 1.000 Mitarbeiter entlassen.

Huffington reagiert auf jede Behauptung, die ihr nicht gefällt, mit dem Versprechen, ihr Assistent werde mir einen Artikel zukommen lassen, der die Richtigkeit ihrer Sicht der Dinge beweise. Tatsächlich schickt mir ihr Assistent etwas später die versprochenen Artikel – sie stammen alle aus der Huffington Post.

Wer ist diese Frau, die jeden Angriff mit einem Verweis auf ihren eigenen kleinen Medienkosmos abblockt? Arianna Stassinopoulos wurde 1950 in Athen geboren und wuchs, zusammen mit ihrer Mutter Elli und ihrer Schwester Agapi in Griechenland auf. Zu ihrer Schwester hat sie bis heute ein enges Verhältnis. Arianna gewann ein Cambridge-Stipendium und traf in England den Mann, den sie als Liebe ihres Lebens beschreibt, als sie mit 21 an einer Quizsendung der BBC teilnahm: den damals 42-jährigen Journalisten Bernard Levin. Er brachte ihr libertaristische Politik nahe, sie überzeugte ihn von der Bedeutung der Spiritualität.

Zehn Jahre später zerbrach die Beziehung, weil Levin keine Kinder haben wollte. Arianna zog nach New York, wo sie neben vielen anderen Mitgliedern der High Society auch den Republikaner und Millionär Michael Huffington kennenlernte. Ihn heiratete sie 1986. Zwei Töchter und elf Jahre später ließen die beiden sich scheiden. Findet er es heute nicht seltsam, dass sein Name unlösbar mit einer linksliberalen oder nun "mittigen" Internetseite in Verbindung gebracht wird, die seine Ex-Frau verantwortet? "Er ist begeistert! Er ist Anteilseigner und hat folglich auch profitiert."

Politische Umkehr

Kurz nach der Scheidung von Michael Huffington, die sie ziemlich reich machte, begann die damals konservative Arianna sich nach links zu orientieren. Sie hat über diese politische Umkehr geschrieben und schilderte sie beinahe als Offenbarung. Die Rechte habe sie "getäuscht", schrieb sie.

"Als ich Republikanerin" – bei diesem Wort zögert sie etwas ­– "war, ging ich davon aus, der Privatsektor würde sich Themen wie Armut oder Ungleichheit annehmen, merkte dann aber, dass das nicht von allein passierte. Ich glaube heute immer noch an die kleinen Einheiten und daran, dass die Dinge am besten auf niedrigster Hierarchie-Ebene geregelt werden. Und ich finde es wichtig, dass man angesichts neuer Informationen seinen Standpunkt wechseln kann." Die "kleinen Einheiten" und die "niedrigste Hierarchie-Ebene" seien auch Schlüssel zum Geschäftsmodell der Huffington Post mit ihren Heerscharen unbezahlter Blogger.

Kann sie sich vorstellen, ihre politischen Ansichten noch einmal zu ändern? "Ich schicke Ihnen, was ich zu dem Thema geschrieben habe", sagt sie. Bei den kalifornischen Gouverneurswahlen 2003 ließ sich Huffington als unabhängige Kandidatin aufstellen, verlor aber gegen Arnold Schwarzenegger. Danach richtete sie ihr Aufmerksamkeit aufs Netz. Am 9. Mai 2005 ging sie mit der Huffington Post online, die vor allem während des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes 2008 zu einem Forum für Amerikas desillusionierte Linke wurde. Die gelegentlich etwas überladene, aber clevere Webseite war nach den Bush-Jahren und dem Aufstieg von Fox News für viele Amerikaner wie Balsam. Huffingtons unbestrittene Leistung ist es, ein Gegengewicht zum rechts orientierten Online-Portal Drudge Report geschaffen zu haben.

Bei der Huffington Post erscheinen zwar neben den Blogs auch eigene redaktionelle Berichte, vornehmlich ist die Seite aber als News Aggregator bekannt, was ihr von Mainstream-Medien den „Wiederkäuer“-Vorwurf einbrachte. Die HuffPo selbst bezeichnet die Arbeitsweise als "Nachrichtenverbreitung". Vergangenes Jahr verkündete Huffington, niemals eine Paywall zu errichten, was Kommentatoren wie den Medienjournalisten Peter Kafka von MediaMemo zu der Bemerkung veranlasste, das könne man ja auch kaum, wenn einem der Großteil der Inhalte nicht gehöre.

Über Huffingtons Führungsstil wird viel getratscht – als Chefin sei sie tough, wenn nicht sogar unerträglich. Eine Redakteurin, die drei Jahre für den exzentrischen Gonzo-Journalisten Hunter S. Thompson arbeitete, hielt es unter Huffington nur vier Monate aus. Ende Oktober verbrachte ich mehrere Stunden mit Huffington und ihrem Stab in einem der 200 Huffington-Post-Busse, die sie gechartert hatte, um New Yorker zu der von Daily-Show-Moderator Jon Stewart ausgerufenen "Demonstration zur Wiederherstellung der Vernunft" in Washington DC zu transportieren. Dabei wirkte sie wie eine Chefin, die von ihren – ihr allerdings sichtlich zugetanen – Mitarbeitern vollen Einsatz verlangt, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Die meisten aus dem Bus arbeiten auch heute noch in den Huffington-Post-Büros in New York.

Auf unserem Weg durch die Büros nach draußen räsoniert Huffington über ihre frühen Tage im Internet. "2004 stellte ich die Webseite 'Arianna On Line' ins Netz", erzählt sie, während wir den Broadway entlanglaufen. Ein früher Vorläufer von AOL? Sie schweigt kurz, um dann in Lachen auszubrechen. "Wunderbar", ruft sie und wirft ihrer hinter uns herhuschenden Assistentin einen Blick zu, der zu sagen scheint: "Aufschreiben, für spätere Verwendung." Ich überlege noch, ob ich etwaige Tantieme für den Witz fordern soll, entscheide mich aber dagegen. Ich würde ja sowieso kein Geld für meinen Beitrag bekommen.

Hadley Freeman schreibt für den Guardian über Gesellschaftsthemen und bloggt auf der Guardian-Meinungsseite Comment is free.

Ein New Yorker Magazin nannte Arianna Huffington einmal ein lebendes Blog: Nicht nur ist ihr Ausstoß von Beiträgen bemerkenswert, sie verkörpert auch die Relevanz des Netzwerkens und des Verlinkens im Internet. Ihren Blackberry benutzt sie, wie ihre Tochter einmal behauptete, sogar während sie die Hinabschauender Hund-Stellung beim Yoga macht. Wie sehr Huffington eine Protagonistin der Neuen Medien ist, zeigte dann ihre Reaktion auf die Beschwerde ihrer Tochter, sie höre ihr nicht zu: Huffington kaufte ihr einfach einen Blackberry, um die Kommunikation zwischen Mutter und Tochter zu verbessern.

Als sie 2005 die Internetzeitung Huffington Post, kurz HuffPo, gründete, kam ihr ihre gute Vernetzung zugute: Aus einer Seite, die Nachrichten und Kommentare von einer Vielzahl von Autoren sammelte und verlinkte, ist längst eine Plattform des lebendigen Austauschs geworden und darüber hinaus eines der wichtigsten und meistgenutzten alternativen Medienprojekte der vergangenen Jahre. Die HuffPo ist Informationsquelle für vor allem unzählige US-Amerikaner. Der Zeitpunkt für die Gründung war gut gewählt: In den USA steckten die Zeitungen in der Krise; die Kommunikation verlagerte sich zunehmend ins Netz, und die Wut auf die Bush-Regierung musste kanalisiert werden. Diverse A-Prominente bloggten von Beginn an ohne Honorar für die Seite. Und weil die Huffington Post im Ruf steht, die Zukunft zu verkörpern, arbeiten längst auch prominente Journalisten für sie. Wie viel Macht sie hat, zeigte sich, als Barack Obama sich während seines Wahlkampf im Skandal um seinen früheren Pastor Jeremiah Wright nicht etwa in einer großen Fernsehtalkshow verteidigte sondern indem er zunächst einmal einen Text für die HuffPo schrieb.

Das Themenspektrum der HuffPo geht heute weit über Politik hinaus. Einen Mangel an Unterhaltung kann man ihr kaum vorwerfen. Eine politische Grundierung ist jedoch geblieben. Und dass Arianna Huffington beim konservativen US-Sender Fox News mit Joseph Goebbels verglichen wurde, spricht einfach für sie. raa

Übersetzung: Zilla Hofman, Holger Hutt

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09:00 25.02.2011
Geschrieben von

Hadley Freeman | The Guardian

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The Guardian

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