Alptraum ohne Ende

Haiti Wenn es die internationale Staatengemeinschaft mit der Katastrophenhilfe nach dem Erdbeben ernst nimmt, muss sie aufhören, das zerstörte Land auszunutzen

Jede größere Stadt der Welt hätte von einem Erdbeben der Größenordnung, wie es in Haitis Hauptstadt wütete, große Schäden davongetragen. Aber Port-au-Prince sieht nach der Katastrophe wie ein Kriegsgebiet aus. Ein Großteil der Zerstörungen, wie sie durch das wohl verheerendste Erdbeben, das es je auf Haiti gab, entstanden sind, geht auf Menschen zurück. Sie sind das Resultat einer langen und abscheulichen Folge von Ereignissen.

Verarmung und Entmachtung

Hunderte starben im Juni 1770, als in Port-au-Prince die Erde bebte, während es am 7. Mai 1842 aus dem gleichen Anlass allein in Cap-Haïtien im Norden der Insel rund 10.000 Tote gab. Haiti wird in regelmäßigen Abständen von Orkanen heimgesucht, zuletzt in den Jahren 2004 und 2008. Im September 2008 überfluteten die Stürme die Stadt Gonaïves und rissen einen großen Teil der schwachen Infrastruktur hinweg. Über tausend Menschen kamen ums Leben – Tausende wurden obdachlos. Das volle Ausmaß der Zerstörung, die das aktuelle Beben verursachte, wird wohl erst in einigen Wochen ersichtlich sein. Und Aufbauarbeiten dürften erst in Jahren Früchte tragen, die längerfristigen Schäden sind kaum zu kalkulieren.

Ganz offensichtlich ist hingegen schon jetzt, das Ausmaß der Tragödie ist das Resultat einer langen Geschichte der vorsätzlich herbeigeführten Verelendung und Entmachtung. Haiti wird routinemäßig als ärmstes Land der westlichen Hemisphäre bezeichnet. Diese Armut ist das Erbe eines der brutalsten Systeme kolonialer Ausbeutung, die es je gab. Jahrzehnte der systematischen postkolonialen Unterdrückung haben alles noch schlimmer gemacht.
Die noble „internationale Gemeinschaft“, die es jetzt so eilig hat Haiti „humanitäre Hilfe“ zu schicken, ist für die Dimension des Leidens, das sie nun verringern möchte, größtenteils selbst verantwortlich. Seit die USA das Land 1915 eroberten und besetzten, wurde jeder ernsthafte politische Versuch der Haitianer, sich „von tiefstem Elend zu würdevoller Armut zu erheben“ – um es mit den Worten von Ex-Präsident Jean-Bertrand Aristide zu sagen –, von der US-Regierung und ihren Verbündeten mit Gewalt unterbunden.

Aristides Regierung (der 75 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme gaben) war jüngstes Opfer eines solchen Einschreitens. 2004 wurde sie von einem Putsch mit Unterstützung internationaler Gelder gestürzt, dabei kamen mehrere tausend Menschen ums Leben. Ein Großteil der Bevölkerung hegt seither gegen die USA Ressentiments. Später schickte die UNO eine große, äußerst kostspielige Einheit, um das Lands zu stabilisieren und zu befrieden.

Von Kuba lernen

In Haiti leben heute nach den zuverlässigsten Studien, die verfügbar sind, etwa 75 Prozent der Bevölkerung von „weniger als zwei Dollar am Tag – etwa 56 Prozent, das sind 4,5 Millionen Menschen, von weniger als einem Dollar. Jahrzehnte neoliberaler „Anpassung“ und neoimperialistischer Interventionen haben die Regierung um jegliche Grundlage gebracht, in ihr Volk zu investieren oder die Wirtschaft in Ordnung zu bringen. Ein Handelsembargo und Finanzabkommen stellen sicher, dass Armut und Ohnmacht das Leben auf Haiti auf absehbare Zeit bestimmen werden.

Diese Armut und Machtlosigkeit sind für das Ausmaß des aktuellen Grauens in Port-au-Prince verantwortlich. Seit den späten siebziger Jahren haben stets neoliberale Angriffe auf Haitis agrarisch ausgerichtete Wirtschaft Zehntausende von kleinen Bauern zur Umsiedlung in überfüllte städtische Slums gezwungen. Zwar gibt es keine zuverlässigen Zahlen, doch dem Augenschein nach leben Hunderttausende in Port-au-Prince in minderwertigen Behausungen. Diese Hütten sind oft gefährlich nahe an den Rand von abgeholzten Schluchten gebaut.

Brian Concannon, Direktor des Instituts für Gerechtigkeit und Demokratie in Haiti, betont: „Die Menschen ziehen dorthin, weil sie oder ihre Eltern durch Wirtschafts- und Entwicklungshilfe vorsätzlich aus den ländliche Gebieten vertrieben wurden. Diese Hilfe war bewusst so angelegt, dass in den Städten eine große Zahl an Arbeitskräften, die dem nicht mehr entrinnen können, zur Verfügung steht. Sie sind per Definition diejenigen, die es sich nicht leisten können, erdbebensichere Häuser zu bauen.“ Die grundlegende Infrastruktur – fließendes Wasser, Elektrizität, Straßen – ist in Port-au-Prince schon lange unzureichend, oft ist sie nicht mal ansatzweise vorhanden. Die Möglichkeiten der Regierung, den Opfern Katastrophenhilfe zur Verfügung zu stellen, gehen gegen null.

De Facto hat die internationale Gemeinschaft Haiti seit dem Putsch von 2004 regiert. Die gleichen Länder, die nun ganz schnell Katastrophenhilfe leisten wollen, haben in den vergangenen fünf Jahren fortwährend gegen eine Ausweitung des UN-Mandats über die unmittelbaren militärischen Ziele hinaus gestimmt. Alle Vorschläge, einen Teil der „Investitionen“ in Armutsbekämpfung oder in die landwirtschaftliche Entwicklung zu stecken, wurden abgelehnt. Damit geht man mit dem üblichen Muster, was die Verteilung internationaler „Unterstützung“ betrifft, konform.

Dieselben Orkane, die auf Haiti 2008 so viele Menschenleben forderten, trafen Kuba mit der gleichen Härte, doch dort wurden nur vier Menschen getötet. Kuba ist den schlimmsten Auswirkungen der neoliberalen „Reform“ entkommen. Seine Regierung hat Gelder auf die Seite gelegt, um das Volk gegen Katastrophen verteidigen zu können. Wenn wir es ernst damit meinen, dass wir Haiti durch die jüngste Krise helfen wollen, dann sollten wir diesen Vergleich im Auge behalten.

18:05 14.01.2010
Geschrieben von

Peter Hallaward | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 4319
The Guardian

Kommentare 9