Peter Hallaward
14.01.2010 | 18:05 9

Alptraum ohne Ende

Haiti Wenn es die internationale Staatengemeinschaft mit der Katastrophenhilfe nach dem Erdbeben ernst nimmt, muss sie aufhören, das zerstörte Land auszunutzen

Jede größere Stadt der Welt hätte von einem Erdbeben der Größenordnung, wie es in Haitis Hauptstadt wütete, große Schäden davongetragen. Aber Port-au-Prince sieht nach der Katastrophe wie ein Kriegsgebiet aus. Ein Großteil der Zerstörungen, wie sie durch das wohl verheerendste Erdbeben, das es je auf Haiti gab, entstanden sind, geht auf Menschen zurück. Sie sind das Resultat einer langen und abscheulichen Folge von Ereignissen.

Verarmung und Entmachtung

Hunderte starben im Juni 1770, als in Port-au-Prince die Erde bebte, während es am 7. Mai 1842 aus dem gleichen Anlass allein in Cap-Haïtien im Norden der Insel rund 10.000 Tote gab. Haiti wird in regelmäßigen Abständen von Orkanen heimgesucht, zuletzt in den Jahren 2004 und 2008. Im September 2008 überfluteten die Stürme die Stadt Gonaïves und rissen einen großen Teil der schwachen Infrastruktur hinweg. Über tausend Menschen kamen ums Leben – Tausende wurden obdachlos. Das volle Ausmaß der Zerstörung, die das aktuelle Beben verursachte, wird wohl erst in einigen Wochen ersichtlich sein. Und Aufbauarbeiten dürften erst in Jahren Früchte tragen, die längerfristigen Schäden sind kaum zu kalkulieren.

Ganz offensichtlich ist hingegen schon jetzt, das Ausmaß der Tragödie ist das Resultat einer langen Geschichte der vorsätzlich herbeigeführten Verelendung und Entmachtung. Haiti wird routinemäßig als ärmstes Land der westlichen Hemisphäre bezeichnet. Diese Armut ist das Erbe eines der brutalsten Systeme kolonialer Ausbeutung, die es je gab. Jahrzehnte der systematischen postkolonialen Unterdrückung haben alles noch schlimmer gemacht.
Die noble „internationale Gemeinschaft“, die es jetzt so eilig hat Haiti „humanitäre Hilfe“ zu schicken, ist für die Dimension des Leidens, das sie nun verringern möchte, größtenteils selbst verantwortlich. Seit die USA das Land 1915 eroberten und besetzten, wurde jeder ernsthafte politische Versuch der Haitianer, sich „von tiefstem Elend zu würdevoller Armut zu erheben“ – um es mit den Worten von Ex-Präsident Jean-Bertrand Aristide zu sagen –, von der US-Regierung und ihren Verbündeten mit Gewalt unterbunden.

Aristides Regierung (der 75 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme gaben) war jüngstes Opfer eines solchen Einschreitens. 2004 wurde sie von einem Putsch mit Unterstützung internationaler Gelder gestürzt, dabei kamen mehrere tausend Menschen ums Leben. Ein Großteil der Bevölkerung hegt seither gegen die USA Ressentiments. Später schickte die UNO eine große, äußerst kostspielige Einheit, um das Lands zu stabilisieren und zu befrieden.

Von Kuba lernen

In Haiti leben heute nach den zuverlässigsten Studien, die verfügbar sind, etwa 75 Prozent der Bevölkerung von „weniger als zwei Dollar am Tag – etwa 56 Prozent, das sind 4,5 Millionen Menschen, von weniger als einem Dollar. Jahrzehnte neoliberaler „Anpassung“ und neoimperialistischer Interventionen haben die Regierung um jegliche Grundlage gebracht, in ihr Volk zu investieren oder die Wirtschaft in Ordnung zu bringen. Ein Handelsembargo und Finanzabkommen stellen sicher, dass Armut und Ohnmacht das Leben auf Haiti auf absehbare Zeit bestimmen werden.

Diese Armut und Machtlosigkeit sind für das Ausmaß des aktuellen Grauens in Port-au-Prince verantwortlich. Seit den späten siebziger Jahren haben stets neoliberale Angriffe auf Haitis agrarisch ausgerichtete Wirtschaft Zehntausende von kleinen Bauern zur Umsiedlung in überfüllte städtische Slums gezwungen. Zwar gibt es keine zuverlässigen Zahlen, doch dem Augenschein nach leben Hunderttausende in Port-au-Prince in minderwertigen Behausungen. Diese Hütten sind oft gefährlich nahe an den Rand von abgeholzten Schluchten gebaut.

Brian Concannon, Direktor des Instituts für Gerechtigkeit und Demokratie in Haiti, betont: „Die Menschen ziehen dorthin, weil sie oder ihre Eltern durch Wirtschafts- und Entwicklungshilfe vorsätzlich aus den ländliche Gebieten vertrieben wurden. Diese Hilfe war bewusst so angelegt, dass in den Städten eine große Zahl an Arbeitskräften, die dem nicht mehr entrinnen können, zur Verfügung steht. Sie sind per Definition diejenigen, die es sich nicht leisten können, erdbebensichere Häuser zu bauen.“ Die grundlegende Infrastruktur – fließendes Wasser, Elektrizität, Straßen – ist in Port-au-Prince schon lange unzureichend, oft ist sie nicht mal ansatzweise vorhanden. Die Möglichkeiten der Regierung, den Opfern Katastrophenhilfe zur Verfügung zu stellen, gehen gegen null.

De Facto hat die internationale Gemeinschaft Haiti seit dem Putsch von 2004 regiert. Die gleichen Länder, die nun ganz schnell Katastrophenhilfe leisten wollen, haben in den vergangenen fünf Jahren fortwährend gegen eine Ausweitung des UN-Mandats über die unmittelbaren militärischen Ziele hinaus gestimmt. Alle Vorschläge, einen Teil der „Investitionen“ in Armutsbekämpfung oder in die landwirtschaftliche Entwicklung zu stecken, wurden abgelehnt. Damit geht man mit dem üblichen Muster, was die Verteilung internationaler „Unterstützung“ betrifft, konform.

Dieselben Orkane, die auf Haiti 2008 so viele Menschenleben forderten, trafen Kuba mit der gleichen Härte, doch dort wurden nur vier Menschen getötet. Kuba ist den schlimmsten Auswirkungen der neoliberalen „Reform“ entkommen. Seine Regierung hat Gelder auf die Seite gelegt, um das Volk gegen Katastrophen verteidigen zu können. Wenn wir es ernst damit meinen, dass wir Haiti durch die jüngste Krise helfen wollen, dann sollten wir diesen Vergleich im Auge behalten.

Übersetzung: Christine Käppeler

Kommentare (9)

zhude 15.01.2010 | 11:13

Der Vergleich mit Cuba ist mehr als aufschlussreich. Nach 50 Jahren Blockade durch USA und ihre Wadenbeißer, schreibt die CIA in ihrem World Fact Book:

Cuba Haiti
Kindersterblichkeit
bei Geburt 5,82/1000 59,69/1000

Lebenserwartung Jahre 77,45 60,78

Alfabetisierung 99,8% 52,9%

Erziehungsausgaben
in % des GDP 9,1% 1,4%

wie ist das möglich?

wingthom 16.01.2010 | 00:01

Ich vermute jedem ist inzwischen klar, dass es mit einer Nothilfe hier nicht getan ist. Wir können wenig gegen Erdbeben tun und gegen tropische Stürme, aber wir sollten in der Lage sein, eine Mindestinfrastruktur aufzubauen, damit im akuten Notfall überhaupt geholfen werden kann.

Ob es sinnvoll ist, diese durch Erdbeben und tropische Stürme massiv bedrohte Insel sehr dicht zu bevölkern - weit über die natürlichen Ressourcen hinaus - ist eine sehr politische Frage. Aus den Vorgängen in New Orleans haben wir ja gelernt, dass eine Umsiedlung größerer Bevölkerungsteile in Regionen, in denen kein Chaos herrscht, für beide Seiten von Vorteil sein kann. Die zerstörte Region kann sich auf den Wiederaufbau (in besserer Form als historisch gewachsen) konzentrieren und die Flüchtlinge können ein einigermaßen normales Leben führen.

Jetzt muss allerdings erst einmal konkret geholfen werden und ich habe den Eindruck (durch Medien vermittelt), dass der Wille dazu wirklich vorhanden ist. Die logistischen Probleme sind jedoch so groß, dass noch sehr viel unnötiges Leid zum nicht vermeidbaren dazu kommt.

E H 16.01.2010 | 14:42

Das ist keine Agitation, sondern traurige Realität. Das zur Kenntnis zu nehmen, ist wohl nicht zu viel verlangt.

Ich bin sehr dankbar für diesen Artikel, denn in den sonstigen deutschen Medien dominiert die (schön bequeme) Erzählung, dass Haiti von seinen korrupten Diktatoren und Herrschercliquen zugrundegerichtet worden sei. Warum diese "bösen" Regierungschefs an der Macht waren und auch woher die schreiende Armut in Haiti eigentlich kommt, interessiert dabei nicht.

Danke, Freitag!

megacephalus 17.01.2010 | 13:15

again, with apologies, in English:

In a positive note, the man most responsible for the over-population [according to SPIEGEL single mothers with 5 kids z.B.] and the rampant spread of AIDS/SIDA, the Roman Catholic Archbishop, was killed in the collapse of his church. The unceasing efforts of the Catholic church in Haiti, and other poor countries, to outlaw contraception and prevent the free distribution of condoms, which the poor can not afford to buy, has lead to both these crises.

wingthom 18.01.2010 | 00:51

I see your points but I am not totally on your side. The Catholic approach is: contraception is allowed if you can't feed your children, if you can't take care for their future. AIDS isn't a problem in a pure Catholic world, if only married people have sex with each other.

So you can't blame the Catholic approach for the spread of AIDS and over population.

You can blame this approach for being purely a Theory as people in the real world (even in the richest and most educated regions) don't live this way.

I think Haiti reminds us that we need to take care for the real people who want to make the best out of the situation they live in. But the discussion (within the Catholic churches) is ongoing - there are a lot of pragmatic people who accept realities and still want to help. They follow Jesus who didn't say: "Just follow MY rules and everything is ok". He did take care for the real people.

But there are a lot of other people too who want to get out of a world that doesn't follow their strict rules.