Als das Geld virtuell wurde

Währungssystem 1971 wurde die Goldbindung des Dollars aufgegeben. Das wirkt bis heute nach: auf Finanzmärkte, Geopolitik und Kryptowährungen

Es gibt nicht viele Ereignisse in der Wirtschaftsgeschichte, die echte Wendepunkte waren. Der 15. August 1971 markierte ohne Zweifel einen solchen. Richard Nixon kündigte damals im Fernsehen an, dass die USA die von ausländischen Regierungen gehaltenen Dollars nicht mehr gegen Gold eintauschen würden. Nixons Entscheidung hatte tiefgreifende Folgen. Sie war das Eingeständnis, dass die USA zu schwach waren, um das globale Währungssystem weiterhin so zu stützen, wie sie es im Vierteljahrhundert davor getan hatten. Die Tage ihrer überbordenden Dominanz waren vorbei. Die Schockwellen der Entscheidung wirkten noch über Jahrzehnte nach. Die Schaffung des Euro, die Aushöhlung der US-amerikanischen Industrie, die Entstehung von Kryptowährungen und die Fähigkeit von Zentralbanken, scheinbar unbegrenzte Mengen an Geld zu drucken: Sie alle lassen sich auf jenen Tag im August 1971 zurückführen.

Tatsächlich hatte Nixon kaum eine Wahl, denn das 1944 in Bretton Woods geschaffene System der internationalen Wirtschaftslenkung – die Kopplung von Währungen wie dem britischen Pfund, dem Franc und der D-Mark zu einem festen Wechselkurs an den Dollar – war nahe am Zusammenbruch. Um die Stabilität des Systems zu gewährleisten, war der Dollar an Gold gebunden, zu einem Kurs von 35 Dollar je Unze. Jedes Land, das durch Handelsbilanzüberschüsse mit den USA einen Dollarvorrat anhäufte, konnte diesen in Gold umtauschen.

Daran waren ausländische Regierungen 1971 zunehmend interessiert, da das Vertrauen in den Dollar durch die steigende Inflation und die Zahlungsbilanzdefizite der USA schwand. Die Goldreserven im Tresor von Fort Knox schmolzen dahin. Nixon beendete das Bretton-Woods-System, nachdem ein französisches Marineschiff vor Manhattan eingetroffen war – mit dem Befehl von Präsident Georges Pompidou, das von der Federal Reserve gehaltene Gold nach Hause zu bringen.

Nixons Entscheidung, das „Goldfenster“ zu schließen, war ebenso bedeutsam wie die Entscheidung Großbritanniens, die Goldbindung des Pfunds 40 Jahre vorher, im August 1931, aufzuheben. Nun zeigte Nixon, dass auch der Nachfolger des britischen Goldstandards am Ende war.

Der Ölpreis vervierfacht sich

Milton Friedman und andere monetaristische Ökonomen waren begeistert. Sie nahmen an, dass das Ende fester Wechselkurse zu größerer Stabilität und geringerer Inflation führen würde, da der Wert der Währungen von den Finanzmärkten bestimmt werden würde, die die Regierungen zu Ehrlichkeit und Sparsamkeit zwingen würden. Das stellte sich bald als Tagtraum heraus. Ohne den Dollar als Dreh- und Angelpunkt des internationalen Systems verstärkte sich der Inflationsdruck, der sich in den späten 1960er Jahren aufgebaut hatte. Da Öl in Dollar gehandelt wird, hatte die Abwertung des Dollars zur Folge, dass die Einnahmen der Förderländer sanken. Die Folge: Sie hoben ihre Preise an. Der Ölpreis stieg bald auf das Vierfache.

Die USA und andere westliche Länder traf der Preisschock hart. Die Profite der Unternehmen sanken, was viele Firmen dazu veranlasste, ihre Produktionsstätten in Niedriglohnländer zu verlagern. Als die USA Ende der 1970er Jahre begannen, drakonische Maßnahmen zur Eindämmung der Inflation zu ergreifen, bereiteten Deng Xiaopings Reformen bereits den Weg Chinas zu einer industriellen Supermacht. Fünfzig Jahre nach dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems ist China eine größere Bedrohung für die USA, als es die Sowjetunion je war. Im Jahr 2019 schlug der damalige Gouverneur der Bank of England, Mark Carney, vor, eine globale digitale Währung – gestützt von mehreren Zentralbanken – als Ersatz für den Dollar einzuführen. Carney sah seinen Vorschlag als Stabilisierungshilfe für die Finanzmärkte

Sollte Carneys Plan jemals in die Tat umgesetzt werden, wäre dies der letzte Schritt auf dem Weg von einem System, in dem Währungen durch etwas Materielles – Gold – gedeckt waren, zu einem System, in dem sie virtuell sind. Viele fühlen sich dabei unwohl. Weshalb? Zunächst einmal führte Nixons Entscheidung dazu, dass der Devisenhandel stark anwuchs, geprägt von einem wilden, unberechenbaren Auf und Ab. Natürlich versuchen Regierungen, sich durch Währungsmanipulationen und protektionistische Handelspolitik Wettbewerbsvorteile zu sichern. Man könnte auch die Politik der quantitativen Lockerungen dazuzählen. Hier kommen die Kryptowährungen ins Spiel: Bevor sie zum Spekulationsobjekt für Finanzinvestoren wurden, waren sie als Absicherung gegen die lockere Geldpolitik der Zentralbanken gedacht.

Nixon konnte 1971 nicht wissen, dass seine Entscheidung zu einer Welt volatiler Finanzmärkte, geopolitischer Spannungen und aufgeblähter Vermögenspreise führen würde, die durch Niedrigzinsen und eine Geldschwemme gestützt werden, und in der das Vertrauen in die Zentralbanken immer mehr bröckelt. Es überrascht nicht, wenn viele Regierungen an ihren noch verbleibenden Goldbeständen festhalten.

Larry Elliott ist Guardian-Wirtschaftsredakteur

Übersetzung: Pepe Egger

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06:00 17.10.2021
Geschrieben von

Larry Elliott | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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