Als es heller wurde

Porträt John Grant trieb mit Drogen, Alkohol und Sexpartys seine Selbstzerstörung voran. Bis er in Reykjavík zur Ruhe kam
Ruaridh Nicoll | Ausgabe 38/2015

Vor vier Jahren flog John Grant nach Reykjavík zu einem Musikfestival. Als er kurz nach seiner Ankunft in einen Laden trat, sprach ein Einheimischer ihn an. „Er hieß Denni. ‚Hey, Mann‘, sagte er, ‚ich finde dein Zeug toll. Wenn du Lust hast, ein bisschen was vom Land zu sehen ...‘ Dann fuhr er mich drei Stunden lang in der Gegend herum.“

Grant hatte zwei Jahrzehnte voller Sex, Drogen und Alkohol hinter sich. „Und nun sah ich diese außerirdische Landschaft. Ein kaltes und baumloses Hawaii. Das Licht, die Luft, die Sprache.“ Sprache ist ihm wichtig. Er spricht Deutsch, Russisch, Spanisch und ein paar Brocken Französisch. „Genug, um mich verständlich zu machen. Im Schwedischen machte ich auch große Fortschritte, aber dann wurde meine Zeit dort sehr dunkel, weil ich erfuhr, dass ich HIV habe.“ Inzwischen spricht Grant auch Isländisch, denn er verliebte sich in dieses Land, wo die Leute jeden so leben lassen, wie er oder sie will. „Dennis Einladung damals war keine Anmache, er ist Hetero – die Menschen hier sind einfach so.“

Bevor ich John Grant traf, hätte ich ihn als grimmigen, vollbärtigen Amerikaner beschrieben, der aus Beziehungskatastrophen gewitzte Elektropopsongs macht. Doch er schreibt auch wunderschön arrangierte und getextete Liebeslieder. Und überhaupt hätte mein Bild von ihm nicht einmal oberflächlich gestimmt.

Ohne Kirche

Wir sitzen im Mokka, einem holzvertäfelt-gemütlichen Café im Zentrum von Reykjavík. Sehr bärtig ist Grant tatsächlich, und gut sieht er aus mit seinen 47 Jahren. Der weltweite Erfolg kam spät für ihn. Ein Gefühl des Nichtdazugehörens, gepaart mit romantischer Naivität, warf ihn in die Spirale aus Kokainsucht und Alkoholismus, die ihn vielleicht umgebracht hätte, wäre er schon früher zu einem Star geworden. Auch davon singt er auf seinem neuen Album Grey Tickles, Black Pressure. Seine Schwierigkeiten, im Leben zurechtzukommen, führt er auf die Homophobie zurück, mit der er als Schwuler in Michigan und später in Colorado aufwuchs. „Sobald ich in der Schule mal lachte oder auch nur lächelte, starrten mich die anderen an, mit diesem furchtbaren Hass und Ekel im Blick. Ich musste alles ständig unter Kontrolle halten – meine Stimme, meinen Gesichtsausdruck, meine Haare, meine Kleidung; auch wo ich entlangging und wo ich mich hinsetzte. Es war unerträglich beklemmend.“

Zu der Zeit schwappte New Wave auch nach Denver hinüber und hätte einen Ausweg bieten können. Grant hörte The Cure, Siouxsie and the Banshees, die Cocteau Twins, Dead Can Dance, Alien Sex Fiend, Bauhaus und New Order. „Manche aus meiner Klasse kamen mit Make-up und Haarspray zur Schule. Aber die hatten kein Problem mit ihrer Sexualität.“ Und während die Eltern seines Schulfreundes Greg die New-Romantic-Maskerade ihres Sohnes sogar cool fanden, konnte Grant von seinen Eltern – und von ihrer Kirchengemeinde – kein Verständnis erwarten. „Wenn du zu Hause keinen Halt hast und draußen auch nicht, dann kannst du nirgendwo du selbst sein.“

1988 ging er zum Studieren nach Deutschland. Doch auch diese Flucht brachte keine Linderung: „Meine Angststörung brach nun voll aus, ich traute mich gar nicht mehr aus dem Haus.“

Wieder zurück in Colorado gründete er dann eine Band, The Czars – von Musikkritikern bewundert, aber vom Publikum weitgehend ignoriert. Und weil den anderen aus der Band Grants Benehmen unerträglich wurde, lösten die Czars sich wieder auf. Er begann zu jobben, eher glücklos. „Bei einem Plattenladen flog ich raus, weil ich eine Kollegin als Fotze bezeichnet hatte. Das Schrecklichste war aber, als Flugbegleiter zu arbeiten. Ich dachte, mit meinen Sprachkenntnissen wird das großartig, und dann kriegte ich bloß Flüge von Newark in New Jersey nach Fort Lauderdale, Florida.“

Eigentlich wollte der Singer-Songwriter John Grant der materiellen Welt enfliehen, keine Preise mehr für die Zusammenarbeit mit bekannten Künstlern annehmen. Bis er im Frühling 2014 seine Nominierung in der Kategorie „Bester internationaler Solokünstler“ bei den Brit-Awards erhielt. Es ist eine späte Anerkennung des Mannes, der die Abgründe und Ängste seines Lebens in seine Songs überträgt, in gefühlvolle Balladen und Elektropop.

Geboren wurde John Grant 1968 in Buchanan, Michigan, seine Jugend verbrachte er in Parker, Colorado – in einem konservativen, homophoben Umfeld. Er ging zum Studium der Sprach- und Kulturwissenschaften nach Mainz. Als seine Mutter an Lungenkrebs erkrankte, kehrte er zurück in die USA und gründete dort die Folkband The Czars, die aber wenig Erfolg hatte. Grant zog nach New York, wo er zwei Jahre Russian Medical Interpreting an der New York University studierte und als Krankenhausdolmetscher arbeitete. Er spricht neben Englisch, Russisch und Deutsch auch Spanisch, Französisch und Isländisch. 2008 lud ihn die Band Midlake in ihr Studio nach Texas ein, wo er sein Debütalbum Queen of Denmark produzieren konnte. Als die Platte im Jahr 2010 herauskam, erhielt sie sehr gute Kritiken. Sinéad O’Connor coverte den Titelsong und lieferte auch den Background für die zweite Platte Pale Green Ghosts (2012), die Grant mit dem Elektropionier Biggi Veira in der isländischen Hauptstadt Reykjavík aufgenommen hat.

Das neue Album Grey Tickles, Black Pressure erscheint Anfang Oktober. Ende November tritt Grant auch in Deutschland auf. Mehr unter johngrantmusic.com

2004 trat er den Anonymen Alkoholikern bei, um vom Suff wegzukommen. Doch danach wurde er zum Sex- und Kokssüchtigen und infizierte sich mit Syphilis und HIV. „Irgendwann bist du so weit, dass du nichts als Zerstörung anrichtest. Das ist die Phase, in der du deine Schwester, die immer deine engste Vertraute war, nur noch anrufst, wenn du Geld brauchst.“

Wir gehen jetzt etwas essen, und auf dem Weg überqueren wir ein Stück Straße, das in Regenbogenfarben geschmückt ist. Grant sagt, es habe ihn verblüfft, wie die Isländer Gay Pride feiern – und wie ganze Familien zusammen die Straße bemalten. Im Restaurant küsst die Kellnerin ihm das bärtige Gesicht und erzählt ihm auf Isländisch von ihrem Urlaub. Er lächelt selig.

2010 brachte die texanische Band Midlake ihn zurück zur Musik. Sie produzierten sein erstes Soloalbum, Queen of Denmark, das zum Mundpropaganda-Hit wurde. Die Zeitschrift Mojo ernannte es zur Platte des Jahres. Dass Freunde den Glauben an ihn nicht verlieren, ist eine Konstante in Grants Leben. Doch wo er bleiben sollte, wusste er immer noch nicht. „In den USA bedrängen sie dich dauernd: Warum hast du das gemacht? Was ist los mit dir? Und ich liebe zwar Großbritannien, aber als Gesellschaft ist es auch absurd. Selbst wenn ich so reich wäre wie Elton John, würde ich da nicht leben wollen. Da hast du die Oberschicht und die Unterschicht, und keine von beiden akzeptiert dich. Wenn ich in Manchester, Liverpool oder London durch die Stadt gehe: all die Scheiß-Pitbulls, die Klassengesellschaft, die Wut – wie eine Zeitbombe, die jederzeit hochgehen kann.“ Stockholm wäre eine Möglichkeit gewesen, doch dort ereilte ihn die schlimmste Nachricht. „Ein guter Freund ging mit mir zu dem Arzttermin, und er weinte, als ich es nicht konnte.“ In seiner typischen Freimütigkeit gab er seine HIV-Diagnose dann 2012 beim Meltdown-Festival in London auf der Bühne bekannt.

Während Grant sich jetzt fragt, ob er heute schon all seine Medikamente genommen hat, sehe ich, wie die Kellnerin im Restaurant einige Neuankömmlinge umarmt. Darauf angesprochen, tut er erschrocken und ruft aus: „Das waren keine echten Umarmungen! Meine war echt, das konnte ich fühlen!“ Als wir wieder draußen sind, erklärt er mir die Aussprache der Straßennamen und stellt Bezüge her zwischen dem isländischen Lispellaut und dem glottalen Charakter des Dänischen. Dann erzählt er einen Witz über den Akzent der Stockholmer, ehe er sich in Gedanken über den Singsang des Russischen ergeht. Meinen Eindruck, sein neues Album sei eher optimistisch, versucht er sogleich zu kontern. „Grey tickles – graues Kitzeln – ist eine wörtliche Übersetzung des isländischen Begriffs für die Midlife-Crisis. Und black pressure – schwarzer Druck – ist der türkische Ausdruck für Albträume.“ Zum Titelstück der Platte gibt es eine kurzes Video, das einen blutüberströmten Grant zeigt.

Ohne Stockholm

Das Album ist ein Meisterwerk, stellenweise experimentell, stellenweise sehr mitreißend. Seine vorige Platte, Pale Green Ghosts, hatte er in Island aufgenommen, und sie hatte ihm eine Nominierung bei den Brit-Awards eingebracht. Diesmal hat er zwar die Songs in Island geschrieben, die Aufnahmen aber mit dem Produzenten John Congleton in Texas gemacht.

Die Liedtexte sind wirklich großartig, auch in ihrer Schonungslosigkeit. Grey Tickles, Black Pressure handelt davon, dass Grant es leid ist, sich wegen seiner HIV-Infektion selbst leidzutun: „There are children who have cancer / And so all bets are off / ’cause I can’t compete with that.“ Und in einem Song über Abhängigkeit witzelt er über das Stockholm-Syndrom: „Stockholm is a city that I adore / But the syndrome of that name is one that I abhor.“

Je länger wir uns unterhalten, desto häufiger erwähnt er seinen Freund, einen isländischen Grafiker, dessen Namen er aber nicht öffentlich bekannt geben möchte, sodass er hier X heißen soll. Grant tut sich schwer mit dauerhaften Beziehungen. In jungen Jahren reagierte er auf jede Bekundung von Zuneigung mit Kälte, Brutalität und Schuldgefühlen. Später verliebte er sich in einen Mann namens TC, den er auf Queen of Denmark als seinen „Einen und Einzigen“ pries und auf Pale Green Ghosts mit dem Entlaubungsgift Agent Orange verglich. Die Beziehung mit TC hielt nur sechs Monate. Seine Liebe zu X dagegen schon zwei Jahre. Also liege ich doch nicht ganz falsch, wenn ich sein neues Album für optimistisch halte?

Er gibt zu: „Auch für mich fühlt es sich wie eine sehr positive Platte an. Sie hat ihre Dunkelheiten, aber sie ist heller als alle meine bisherigen.“ Vor kurzem ist er mit X zusammengezogen, die Wohnung wirkt noch recht unfertig. Ein Zimmer dient als Studio, auf einem großen L-förmigen Sofa im Wohnzimmer frönt Grant seiner DVD-Sammlung. Die Filme türmen sich rings um das Möbelstück, von Das Omen über The Purple Rose of Cairo bis zum Leben des Brian. Und ähnlich besessen ist er beim Bücherkauf. Einen Teil der Regale füllt eine Bibliothek zum Thema Sprache und Übersetzung, die er jahrelang durch die Welt geschleppt hat. Auf der anderen Seite reihen sich Romane aneinander – einige, wie Günter Grass’ Blechtrommel, sind sehr zerlesen. „Wenn du ausnüchterst, fangen die Räder wieder an sich zu drehen“, sagt Grant. Er wollte für seine neue Platte eigentlich einen Song über Oskar Matzerath schreiben, das Kind, das beschließt, nicht mehr zu wachsen. Island ist für Grant die Rettung. „Mein ganzes Leben habe ich im Kämpf-oder-flieh-Modus verbracht, zwischen Angststörung und Adrenalinerschöpfung. Aber hier fühle ich mich sicher. Und dieses Gefühl der Sicherheit bringt einen vorsichtigen Optimismus hervor.“

Am Abend gehen wir ins Húrra, einen Club, in dem X ein Konzert gibt. Auch die Brüder von X sind da. Grant gesellt sich zu ihnen, unverkennbar mögen sie ihn und er sie. Er erzählt, wie sie alle Kurzurlaub in Benidorm machten und dass er sich dort das volle Strandprogramm gegeben habe. Auch mit seinen eigenen drei Geschwistern habe er wieder engeren Kontakt. Als sie sich vergangenes Jahr zu Weihnachten trafen, brachte er X mit.

Seine Mutter starb vor 20 Jahren. Und was ist mit seinem Vater? „Wir haben lang nicht geredet. Ich glaube, er hat sich verändert. Er ist sich nicht mehr so sicher in seinem Urteil über Homosexualität – das ist ein Fortschritt. Auf jeden Fall liebt er mich und ist stolz auf mich. Aber wir haben nicht viel gemeinsam. Die Frage nach Akzeptanz stellt sich ja in beide Richtungen. Eltern sind nur Menschen, natürlich müssen sie dich lieben, aber sie sind bloß Menschen.“

Der nächste große Schritt für ihn ist, von den Medikamenten gegen die Angst loszukommen. Die Therapie zur Virenhemmung muss er natürlich weitermachen. „Seit ich aus Deutschland zurückkehrte, also seit 20 Jahren, nehme ich Paroxetin, und ich will es nicht mehr. Aber die Nebenwirkungen, wenn man es absetzt, sind furchtbar. Du fühlst dich dann, als würde dir jemand Blitze an den Kopf schleudern. Grauenhaft.“ Das Konzert an diesem Abend ist sehr voll geworden. Wir reden noch eine Weile. Dann zieht Grant seine Fahrradhandschuhe über, umarmt noch ein paar Leute und radelt nach Hause.

Ruaridh Nicoll ist Redakteur beim Observer

Übersetzung: Michael Ebmeyer

06:00 14.10.2015
Geschrieben von

Ruaridh Nicoll | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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