Als gäb's kein Morgen

Bombenstimmung Der Musik- und Subkulturforscher Jon Savage über die Kompilation "Atomic Platters", auf der lauter Songs unter dem Eindruck der Bombe versammelt sind

Am 11. Oktober 1962 gelangte Love me do, die erste Single der Beatles für EMI, in die UK-Charts. Vier Tage später begann die Kuba-Krise, als ein US-amerikanisches Aufklärungsflugzeug sowjetische Raketenabschussbasen auf Kuba entdeckte. In den folgenden Tagen bewegte sich die Welt am Rande eines Atomkrieges, war „Minuten“ von der „Katastrophe“ entfernt, wie ein sowjetischer General es später formulierte.

Der außerordentliche Siegeszug der Beatles, der von diesem Tag an seinen Lauf nahm, wurde auf die verschiedensten Faktoren zurückgeführt, nicht zuletzt auf die Qualität ihrer Musik. War aber unter all dieser positiv-explosiven Energie nicht auch irgendwo im Hintergrund eine Reaktion auf die Kubakrise zu spüren? Natürlich betraf diese alle Menschen, egal welcher Altergruppe, aber viele der Jüngeren dachten: „Wenn wir morgen alle in die Luft fliegen, mache ich einfach, was ich will. Alles, was zählt, ist JETZT.“ Wenn man jung war, kam einem das Jahr 1963 in Großbritannien vor wie ein riesiger Schritt aus den Ruinen des Viktorianismus in eine moderne Massengesellschaft. Anstatt in der Vergangenheit zu existieren, war es nun Zeit für ein Leben im Augenblick.

Die Welt war seit dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki ihrer atomaren Zerstörung nie mehr so nahe gewesen wie während der Kubakrise. Die Angst vor der Bombe bestimmte die Jahre des Kalten Krieges, mal war sie stärker, mal schwächer, aber im Hinterkopf der Menschen war sie immer präsent, wie heute der Klimawandel oder der dschihadistische Terrorismus.

Lücke zwischen den Generationen

Das Verhältnis zwischen der Atombombe und der Popkultur der Nachkriegszeit ist ebenso innig wie komplex. Es reicht zu der Erfindung des Teenagers als dem neuen Rollenmodell für die Jugend zurück, die auf den Winter 1944 datiert: Dieses konsum- und erlebnishungrige Individuum entsprach perfekt der neuen Psychologie einer Welt, die jeden Augenblick in die Luft fliegen konnte. Im Vakuum des Jahres 1945 war die Jugend Amerikas ein Zeichen der Hoffnung und das Ideal des Teenagers konnte sich etablierten. Die Pop-Kultur wurde also auf einer Art Existenzialismus des Massenmarktes gegründet: Für den Augenblick zu leben, ohne an ein Morgen zu denken, das vielleicht ohnehin nicht existierte. Dieses Gefühl half alle Pop-Explosionen zu befeuern, die auf Elvis Presley in den 1950ern folgten.

Der nachhaltige Eindruck der Bombe auf Teenager wurde von Jeff Nutall in Bomb Culture thematisiert – seiner Untersuchung der Jugendkultur des Jahres 1968: „Weder Lehrer, Richter, Politiker noch Professoren, ja nicht einmal mehr liebevolle Eltern konnten den Jugendlichen Orientierung bieten: Ihre Mitgliedschaft in der Wasserstoffbombengesellschaft diskreditierte von vorneherein alles, was sie über Fragen des Richtig oder Falsch zu sagen hatten.“ Seiner Meinung nach tat sich hier der so genannte „generation gap“ – die Lücke zwischen den Generationen – auf und wurde fortan immer größer: „Die Menschen, die zur Zeit der Bombenabwürfe ihre Pubertät bereits hinter sich hatten, konnten sich ein Leben ohne Zukunft nicht vorstellen. Die Leute, die zu der Zeit noch nicht in der Pubertät waren, konnten sich hingegen kein Leben mit einer Zukunft vorstellen.“

Wie machte sich dies unmittelbar nach dem Krieg in der Popkultur bemerkbar? Ein neues Boxset versucht eine Antwort auf diese Frage zu geben. Mit fünf CDs, einer DVD und einem aufwendigen, 300 Seiten umfassenden Booklet, ist Atomic Platters weniger eine Compilation als vielmehr eine digitale Ausstellung. Sie umfasst den Zeitraum von 1945 bis 1969 und konzentriert sich auf „cold war music from the golden age of homeland security“. Mit der Eskalation des Kalten Krieges rückte die Möglichkeit der nuklearen Vernichtung immer näher. In den USA wurden die Menschen in Rundfunksendungen der Regierung darüber informiert, was im Falle eines Bombenabwurfs zu tun sei. Mehrere von ihnen sind hier versammelt, die von solchen Koryphäen wie Boris Karloff, Pat Boone, Mitzi Gaynor, Bob Hope und – bizarrer Weise – Groucho Marx moderiert wurden.

Göttliches Recht der USA

Die mit der größten Abschreckungswirkung stammt aus dem Jahr 1953 und trägt den Titel The Real Thing. Sie sollte im Falle eines Atomangriffs gesendet werden. Die süßliche Stimme des anonymen Sprechers plätschert unbekümmert vor sich hin, bis zu den Worten: „Die normale Rundfunkausstrahlung wird für unbestimmte Zeit unterbrochen werden.“ Erst dann kommt einem die ganze Verrücktheit der Zeit zu Bewusstsein. Die USA hatten den Zweiten Weltkrieg gewonnen und sich sogleich daran gemacht, die Vorbereitungen für den nächsten zu treffen. Eine kurze friedliche Phase war in ein bedrückendes Hin und Her zwischen hässlicher Paranoia und säbelrasselndem Triumphalismus übergegangen.

Während in den rund 100 Liedern auf Atomic Platters die ganze Palette an Gefühlen vertreten ist, enthalten doch alle die Erkenntnis, dass sich etwas fundamental verändert hat. Manche nehmen Atomkraft als sexuelle Metapher, wie die aus Indianapolis stammende Band Five Star mit dem Jazz-Giganten Wes Montgomery in Atom Bomb Babyvon 1957 oder Radioactive Mama (1969) von Sheldon Allman, einem Sänger und Schauspieler, der Rollen in Batman und The Fugitive hatte. Wenn sie der Meinung sind, diese Lieder seien geschmacklos, so verblassen sie in dieser Hinsicht doch neben solchen, die den Atomwaffenbesitz als göttliches Recht der USA feiern (wie Atomic Power von den Buchanan Brothers) oder den Herrgott selbst in den Kalten Krieg schicken (wie in They Looked Good Outside the Iron Curtain vom Country-Veteranen Jim Eanes). Dieses Denken herrscht in den USA auch heute noch vor.

Regelrechter Protest kommt selten vor, aber Sam Hintons Old Man Atom von 1950 packt das Problem beim Schopfe: „We must choose between/The Brotherhood of man or smithereens.“ Folk-Archivar und Zoologe Hinton musste den Preis bezahlen: Trotz der Popularität des Songs wurde es nach Protesten von rechts aus dem Handel genommen und der Sänger wurde als unamerikanischer Kommunist gebrandmarkt. Ko-Autor Vern Partlow, der auf die schwarze Liste gesetzt wurde, erinnert sich daran wie „es im ganzen Land im Radio gespielt wurde und dann plötzlich verschwand“.

Atomare Bedrohung

Manche Lieder internalisierten die Bombe. Fujiyama Mamavon Wanda Jackson (die dem weiblichen Pendant zu Elvis Presley wohl am nächsten kam, mit dem sie ausging) versieht ihren Orgasmus mit der Sprengkraft von 1.000 Sonnen, während Skip Stanleys verrücktes Satellite Baby Rockabilly und außerirdische Jauchzer mit futuristischen Lyrics verbindet: „Geiger counter daddy loves your atomic energy.“

Zehn Jahre nach Abwurf der Bombe passierte eindeutig etwas mit den Kids. Sie kamen in einer Zeit häufiger Bombentests und zunehmenden Wettrüstens in die Pubertät (ja, man ließ die Dinger regelmäßig in der Atmosphäre hochgehen). Während Atomic Platters sich hauptsächlich auf die fünfziger und frühen sechziger konzentrierten, ist es einfach, den Einfluss der atomaren Bedrohung in den darauffolgenden Jahrzehnten nachzuweisen: Bob Dylans A Hard Rain’s A-Gonna Fallwurde im Juni 1962 aufgenommen, gefolgt von What Have They Done to the Rain von den Searchers und Donovans The War Drags On und Tim Roses Morning Dew. Dann gab es da noch das starke I Come and Stand at Every Door von den Byrds über ein siebenjähriges Hiroshima-Opfer.

Nur noch 23.000 Sprengköpfe


Seven and Seven Is Search and DestroyFinal Solution

In seinen Anfängen ging der Punk sogar soweit, sich eine Welt nach der Bombe vorzustellen und Jonny Rotten sang auf I Wanna Be Me: „Gimme World War III we can live again“. 1979 brachten Gang of Four in I Found That Essence Rare die Bombe mit dem Beginn des Konsumismus in Verbindung, während Blondie sich schwarze Müllsäcke überzog und Atomic sang.

Gerade als Tauwetter anzubrechen schien, marschierte die Rote Armee Ende 1979 in Afghanistan ein und die nukleare Paranoia kam mit einem Schlag zurück und führte zu erneuten Protesten: Nenas 99 Luftballons, Franky Goes to Hollywoods Two Tribes und Prince, der mit 1999 das Scheiß-drauf, lass-uns-Party-machen-Motto wieder hervorholte: „I don’t wanna die, I’d rather dance my life away.“ Suedes Stay Together greift den Schrecken der Zeit auf.

Nach dem offiziellen „Ende der Geschichte“ und dem Siegeszug des Kapitalismus in den Jahren nach 1989 verschwand das Problem der Bedrohung durch Atomwaffen aus dem öffentlichen Bewusstsein. Dabei sind die Waffen nicht verschwunden, sondern haben ganz im Gegenteil weitere Verbreitung gefunden und die Wahrscheinlichkeit, dass sie zum Einsatz kommen, ist heute noch immer genau so groß wie auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. Von dieser Angst erzählt ein Film, der bald in die Kinos kommt: Auch wenn Countdown to Zero aus amerikanischer Perspektive erzählt wird, so ist die Dokumentation doch ein starkes Plädoyer für die Verschrottung der schätzungsweise 23.000 Nuklearsprengköpfe, die weltweit existieren. Angesichts steigender internationaler Spannungen im Nahen Osten und Nord Korea treten die Nuklearwaffen wieder auf die Agenda.

Einstige Zensur

Sicherlich könnte auch Radioheads vor kurzem veröffentlichtes Four Minute Warning von der Thematik her auf Atomic Platters enthalten sein. Dass das Thema auch heute noch aktuell ist, erinnert daran, dass die Psychologie der atomaren Bedrohung Teil des alltäglichen Konsumismus geworden ist und jene zwei schrecklichen Tage des Jahres 1945 die Welt noch immer nicht zur Ruhe kommen lassen.

Selbst aus der Perspektive des neuen Jahrtausends hören sich die einst der Zensur anheim gefallenen Zeilen Sam Hintons richtig an: „“The people of the world must decide their fate/We got to stick together or disintegrate/World peace and the atomic golden age or a push-button war/Mass co-operation or mass annihilation/Civilian international control of the atom – one world or none.“

Atomic Platters. Cold War Music from the Golden Age of Homeland Security ist soeben bei Bear Family erschienen.

Übersetzung: Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

16:45 03.11.2010
Geschrieben von

John Savage | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14639
The Guardian

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare