Als Misserfolg verspottet

CO2-Ausstoß Das Kyoto-Protokoll war nicht umsonst. Immerhin hat es die globale Erwärmung im öffentlichen Bewusstsein verankert – und nicht nur das
Als Misserfolg verspottet
Auf der Klimakonferenz in Doha müssen die Weichen für ein Kyoto-Nachfolgeprotokoll gestellt werden

Foto: Karim Jaafar/AFP/Getty Images

Bei jüngst zurückliegenden Klimakonferenzen wurde – von Trauernden begleitet und in ein Grabtuch gehüllt – ein Sarg durch die Versammlungsräume getragen. Auf dem Grabtuch stand: Kyoto.

Die Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls liegt inzwischen 15 Jahre zurück. Es war das erste internationale Abkommen, in dem Zielwerte für die Senkungen des weltweiten Treibhausgas-Ausstoßes festgelegt wurden. Nun ist das Ende in Sicht. Ende Dezember läuft die erste Phase des Abkommens aus. Eine handvoll Länder wird sich zwar für eine zweite Periode verpflichten, der internationalen Gemeinschaft ist es allerdings bislang nicht gelungen, sich auf ein Nachfolgeabkommen zu einigen.

Kyoto kam zustande, nachdem über 180 Regierungen fünf Jahre lang hart verhandelt und Wissenschaftler gewarnt hatten, dass die Verbrennung fossiler Brennstoffe in die natürlichen Klimasysteme eingreife. Beschlossen wurde, dass Industrieländer wie die USA oder die EU-Mitgliedsstaaten ihre Emissionen bis 2012 auf Grundlage der Werte von 1990 um durchschnittlich fünf Prozent senken sollten. Die Schwellen- und Entwicklungsländer wurden zu keinen Einsparungen verpflichtet. Sie sollten vielmehr von den reicheren Ländern Geld erhalten, das ihnen dabei behilflich sein sollte, einen CO2-armen Wohlstandspfad einzuschlagen. Weltweit hat der CO2-Ausstoß sich seit 1990 um 50 Prozent erhöht. Dieser Anstieg geht allerdings weitgehend auf ärmere Länder zurück, die das Kyoto-Protokoll nicht unterzeichnet haben – insbesondere China, dessen Emissionsausstoß um 286,6 Prozent von 2,5 Tonnen auf 9,7 Tonnen angestiegen ist.

Scheitern vorhergesagt

Als das Protokoll in Japan unter großem Jubel unterzeichnet wurde, pries man es als Durchbruch, der die Welt auf einen neuen, CO2-armen Weg bringen würde. Von Anfang an wurde jedoch auch prophezeit, dass es scheitern würde.

Die USA unterschrieben das Abkommen zwar, ratifizierten es aber nicht, aufgrund heftigen Widerstands im Kongress wie im Senat. Russland lehnte die Ratifizierung sieben Jahre lang ab, wodurch das Abkommen faktisch für den Müllhaufen der Geschichte bestimmt war, entschied sich 2004 dann aber plötzlichen doch dafür. Kanada erteilte seinen Kyoto-Verpflichtungen vor einem Jahr eine Absage und stieg aus. Die Schwellen- und Entwicklungsländer klagten derweil, das Protokoll gehe nicht weit genug, die versprochene finanzielle Unterstützung zur Emissionsreduzierung sei ausgeblieben.

Spätestens 2009, als die UNO in Kopenhagen eine gigantische Klimakonferenz einberief, wurde Kyoto als Misserfolg verspottet. Die weltweiten Emissionen steigen indes weiter und erreichten im vergangenen Jahr Rekordhöhen. Laut Angaben der Internationalen Energieagentur steuert die Erde, wenn es so weitergeht wie bisher, auf einen Temperaturanstieg von sechs Grad Celsius zu. Die Folge wäre Chaos.

Doch ist das Kyoto-Protokoll wirklich einfach gescheitert? „Das Kyoto-Protokoll mit all seinen Unzulänglichkeiten war ein wichtiger Schritt für die internationale Klimapolitik. Es markierte einen historischen Verhandlungsdurchbruch – von denen es leider nur sehr wenige gab“, sagt Professor Ralf Wüstenhagen von der Universität Sankt Gallen. Obwohl die Emissionen insgesamt nicht gesunken sind, sind die einzelner Länder stark zurückgegangen. Die EU ist auf gutem Weg, ihr Ziel einer Einsparung von acht Prozent zu erreichen. Auch Japan hat seinen CO2-Aussstoß verringert, ist damit durch die Schließung von Atomkraftwerken nach der Fukushima-Katastrophe allerdings ins Stocken geraten. Die USA sind dem Kyoto-Protokoll zwar nicht beigetreten, dennoch sind die Emissionsausstöße dort so gering wie seit 1992 nicht mehr. In jüngsten Jahren haben vor allem Entwicklungsländer – allen voran China – zum Anstieg der Treibhausgase beigetragen.

Erst in zwei Jahren wird die UNO neue Berechnungen darüber anstellen, wie viele Emissionen durch das Abkommen genau eingespart wurden. Doch die Wirkung von Kyoto geht über bloße Zahlen hinaus. „Sicher, Kyoto hat zu Emissionsrückgängen geführt. Aber das war nicht die einzige Leistung“, meint Joan MacNaughton vom Weltenergierat. „Es hat die Frage des Klimawandels im Bewusstsein der Leute verankert und ein System des CO2-Handels eingeführt, das ein sehr wichtiges Model für die Reduzierung von Emissionen darstellt.“

Im Rahmen des Mechanismus für umweltverträgliche Entwicklung (Clean Development Mechanism, CDM) werden Klimaprojekte zur CO2-Senkung in armem Ländern – etwa Windfarmen oder Sonnenkollektoren – für jede eingesparte Tonne CO2 mit Emissionsreduktionsgutschriften belohnt. Die können dann an reiche Länder verkauft werden, denen sie bei der Erfüllung ihrer Kyoto-Verpflichtungen behilflich sein können. Über eine Milliarde solcher Gutschriften sind so zustande gekommen, 216 Milliarden Dollar wurden damit für Länder wie China und Indien erwirtschaftet, die Verbreitung CO2-armer Technologien wurde dadurch gefördert.

Völlig andere Voraussetzungen

Es wäre also voreilig, Kyoto zu Grabe zu tragen. Über dreißig Länder – darunter die der EU, Australien, Norwegen und die Schweiz – haben versprochen, sich zu einer zweiten Kyoto-Periode und neuen Einsparungsbemühungen zu verpflichten.

In Doha wird versucht, ein neues globales und rechtlich bindendes Abkommen auszuhandeln, das 2015 zur Unterzeichnung bereitstehen und 2020 in Kraft treten soll. Die Welt hat sich seit 1997 immens verändert. Die fest verwurzelten Positionen, Industrie- gegen Entwicklungsländer, bei den UNO-Klimagipfeln haben sich überholt.

1997 hatten die USA eine angefochtene Schlüsselstellung inne. Jede Übereinkunft stand oder fiel mit der größten Volkswirtschaft und dem größten Emittenten der Welt. Russland hingegen, Amerikas Rivale aus dem Kalten Krieg, hatte seine Wirtschaft – und seinen Emissionsausstoß – mit dem Sturz des Kommunismus einbrechen sehen. Die EU kämpfte mit der schwierigen Aussicht darauf, ehemalige Sowjetblockstaaten mit deren ineffizienten Ökonomien und hohen Emissionsraten aufzunehmen.

Seither sind viele dieser Positionen neu besetzt. Durch seinen Wirtschaftsboom ist es China gelungen, mehr Menschen aus der Armut zu hieven, als dem Rest der Welt zusammen. Das Land ist aber auch zum größten Treibhausgas-Emittenten der Welt und zur zweitgrößten Wirtschaft aufgestiegen – in wenigen Jahren wird China wohl die Krone von den USA übernehmen. In den Vereinigten Staaten hingegen ist der Emissionsausstoß wegen des Schiefergas-Booms auf die Werte von 1992 gesunken. Dieser Positionswechsel wird sich enorm auf die Gespräche auswirken.

Kyoto ist also keineswegs schon gestorben. Die Gewissheiten, die galten, als es ins Leben gerufen wurde, sind es indes sehr wohl.

Übersetzung: Zilla Hofman
16:26 27.11.2012
Geschrieben von

Fiona Harvey | The Guardian

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