Als ob Katzen bellten

Sport Plötzlich gilt der Ur-Oligarch des englischen Fußballs, Roman Abramowitsch, als Volkstribun. Über die Macht der Fans
Als ob Katzen bellten
Der Eigentümer des FC Chelsea: Roman Abramowitsch

Foto: Clive Mason/Getty Images

Als die Sonne hinter dem Stamford-Bridge-Stadion in London-Chelsea versank, geschah etwas Seltsames. Vögel flogen rückwärts, Katzen bellten – und Roman Abramowitsch mutierte zum Beschützer des Volkssports. Welche Drogen hatte man uns verabreicht, um uns in eine Welt zu versetzen, in der Fußballfans den Ur-Oligarchen des englischen Fußballs zum Weißen Ritter erklären, zum Tribun der Tribünen, Hohepriester des Spiels und was es sonst noch gibt?

Tatsächlich stieß Abramowitsch einen chaotischen Rückzug an, als er Chelseas Vorstand anwies, aus der gerade erst angekündigten europäischen Super League wieder auszusteigen. Die Frage reizt, wie diese Entscheidung zustande kam. Bevor zu viel Lob verteilt wird: Derselbe Roman Abramowitsch – wirklich derselbe? – hatte seinen Club nur drei Tage zuvor das Gegenteil tun lassen. Jedenfalls warf hier ein sonst meist unbeeindruckter Mann einen Blick auf das zusammenbrechende Gebäude um ihn herum und dachte: „Okay, das war’s.“

Die Meldung aus Chelsea wurde von ähnlichem Rumoren bei Manchester City begleitet, das dem Super-League-Vorhaben als letzter englischer Club beigetreten war und sich dann anscheinend ebenfalls erschreckte. Aus Spanien hörte man bereits ähnliche Gerüchte aus zwei der involvierten Clubs. Am Ende des Tages hatten sich alle englischen Vereine zurückgezogen. Und spät an diesem Sonntag kam eine Mitteilung, nach der die Super League wirklich auf dem Rückzug ist, zumindest in der zunächst geplanten Form.

Kurzfristig wird es Jubel geben. Und das zu Recht: Wir haben einen Blick in die Dunkelheit erhascht. Zugleich war es, als ginge plötzlich das Licht an. Erschrocken sieht man sich um und bemerkt, wo man eigentlich sitzt. Und das sollten die wahren Eigner des Fußballs – die Fans, die ihr Leben so eng mit diesen Clubs verbinden – sowie die Regulatoren und Dachverbände aus dieser Sache lernen.

Man darf sich nicht täuschen lassen: Der Rückzug der Super League ist keiner für immer. Es gibt die Theorie, das merkwürdig plump angekündigte Vorhaben sei von Anfang kein echter, durchdachter Vorschlag gewesen, sondern sollte nur etwas schockieren. Was für eine Europa-Super-League wäre das denn: 15 Clubs, drei aus London? Welche Art von Clubbesitzer lässt so etwas einfach auf die Welt los, auf Mitarbeiter, auf ergebene Fans? Welcher normale Mensch erwartet bei einem solchen Vorhaben faszinierte Begeisterung? Wahrscheinlicher ist, dass es sich um eine Pose handelte, bei der die Oberklasse ihre Muskeln zeigte. Manche Beteiligten wollten das vielleicht wirklich. Aber dafür gibt es zu viele Ungereimtheiten.

Welches Motiv hätte Abu Dhabi, dessen Herrscher den Club Manchester City besitzen, bei so etwas mitzumachen? Braucht das Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen Geld? Ja, die UEFA war ein Gegner. Aber wenn der Besitz eines Fußballclubs vor allem eine Übung in Soft Power ist, dann liegt so ein Putsch mit hohem Vergiftungspotenzial doch eher fern. Auch Abramowitsch hat viel weniger Motivation, so etwas durchzuziehen, als – sagen wir – der FC Barcelona, der ob seiner Schulden erschauern muss, ob seiner Gier, ob seines Zustands.

Wenn sich aus der Episode etwas lernen lässt, dann geht es um das Gefühl der Ermächtigung, der gemeinsamen Stärke in dem Aufschrei gegen die Super League. Dieses Gefühl wird noch gebraucht, denn das Ganze steht weiter im Raum, und sei es nur als Drohung. Darüber hinaus ist der Feind deines Feindes nicht immer dein Freund. In einem haben die Spitzenclubs ja recht: Auch die undurchsichtigen Fußballverbände sind sehr auf ihren Vorteil bedacht. Eine Reform ist notwendig. Besser, sie kommt von unten statt wieder in dieser Form.

Die Wut, die Einigkeit und verbindende Kraft der Tage nach der Ankündigung der Superliga weist auch auf etwas jenseits des Stadions: auf die Entfremdung, die viele schon vor der Pandemie spürten. Fußball ist in diesen Dingen eine Wetterfahne. Die Verschwörer kontrollieren noch immer das Feld. Aber indem sich die European Super League nun zurückzieht und neu sortiert, scheint sich das Kräfteverhältnis in der Schlacht zu drehen – wenn nicht der ganze Krieg.

Barney Ronay ist Sportchef des Guardian

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 05.05.2021
Geschrieben von

Barney Ronay | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 19/2021

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