Am Steuer des Airpod

Mobilität Ein Franzose will das Fortbewegungsmittel der Zukunft entwickelt haben - ein Auto, das mit Luftdruck fährt. Guardian-Autor Alex Benady hat eine Testfahrt gemacht

Wie würden Sie reagieren, wenn Ihnen jemand ein Auto zu verkaufen versucht, das mit frischer Luft betrieben wird? Vielleicht würden Sie ihn für jemanden halten, der mit einer Idee hausieren geht, die den Planeten retten könnte. Warscheinlicher aber für einen Schwindler oder Fantasten. Es gibt diesen Mann wirklich. Er heißt Guy Negre, ist Automobilingenieuer, Franzose, ein gut gelaunter Mann in den Sechzigern, der behauptet, er habe ein Auto entwickelt, das mit komprimierter Luft laufe: Sein Airpod erzeugt nur einen Bruchteil des Kohlendioxids herkömmlicher Motoren, bringt es fast auf eine Geschwindigkeit von 50 Stundenkilometer, kann nach einer Aufladezeit von einer Minute über 100 Kilometer weit fahren und ist schon ab knapp 3.000 Euro zu haben.

Zu Beginn unseres Gesprächs weist Negre auf die Nachteile der bereits existierenden Ökomobile hin. „Hybridfahrzeuge verursachen nur geringfügig weniger Schmutz als die meisten Verbrennungsmotoren. Der Wasserstoffantrieb ist teuer und unpraktisch, Brennstoffzellen sind ebenfalls teuer und wurden noch nicht ausreichend getestet - und Elektrofahrzeuge sind von teuren, unzuverläßigen Batterie-Technologien abhängig.“


In Anbetracht so vieler unpraktischer Öko-Autos fragen Sie sich bestimmt, warum ausgerechnet Negres luftbetriebene Variante die Ausnahme von der Regel machen soll. Obwohl seine Autos in etwa den gleichen Co2-Ausstoß aufweisen wie Elektroautos – was ganz davon abhängt, wie der Strom für die Pumpen generiert wird, mit denen die Luft in die Tanks gepresst wird –, sagt Negre, die Luftkraft sei die überlegene Technik. „Verglichen mit Elektroautos kosten die mit Luftkraft betriebenen nur einen Bruchteil des Preises. Sie brauchen keine teuren Batterien, die dann auch noch alle fünf Jahre erneuert werden müssen und – und das ist letztlich entscheidend – sie brauchen nur einen Bruchteil der Zeit, um wiederaufgeladen zu werden.“

Negre, der zuvor Rennwagen für Renault entworfen hatte, hat die vergangenen dreizehn Jahre in seiner Fabrik in der Nähe von Nizza an der Entwicklung der Kompressionstechnik gearbeitet. Er sieht in der Luftkraft eine echte Chance, die Luftqualität in den Städten zu verbessern und den weltweiten Co2-Ausstoß maßgeblich zu reduzieren.

Testfahrt auf drei Rädern

Ich gestehe, dass ich sehr skeptisch war, als ich die Fabrik besuchte. Die bisher produzierten Autos befanden sich bereits am Amsterdamer Flughafen, wo sie vom kommenden Monat an die Elektrofahrzeuge von Air France KLM ersetzen werden. Ich musste daher mit einem frühen Prototyp Vorlieb nehmen, einem dreirädigen Wagen ohne Karosserie, der mit einem Joystick gelenkt wird.

Klar, dass das Ding nicht den Fahrkomfort vorweisen kann, den man von herkömmlichen Autos kennt und in Sachen Glamour-Faktor nicht über einen frisierten Rasenmäher hinauskommt. Aber es funktionierte einwandfrei und erreichte auf dem begrenzten Gelände des Firmenparkplatzes, der gleichzeitig als Teststrecke dient, spielend über 40 Stundenkilometer.

Wenn die Produktion erst einmal richtig angelaufen ist, soll die Palette der luftbetriebenen Fahrzeuge von dreirädrigen Buggies bis zu einer Familienkutsche mit vier Rädern und fünf Türen reichen. Auch wenn die Anzahl der Modelle momentan aus Kostengründen noch gering ist, könnte sie jederzeit auf Vans, Busse, Taxis und Boote erweitert werden, verspricht Negre.

Klimaanlage inklusive

Die Autos werden aus Fiberglas hergestellt, das leichter und dabei um das Zehnfache stärker ist als Stahl, behauptet Negre. Die komprimierte Luft wird unter hohem Druck in erschütterungssicheren, thermoplastischen Tanks gespeichert, die von einem Mantel aus Kohlefaser umgeben sind – dieselben Tanks, die in benzinbetriebenen Bussen Anwendung finden. Die Luft gelangt durch Kolben in den Motor, der dann die Räder antreibt. Anders als konventionelle Verbrennungsmotoren laufen luftbetriebe Motoren bei sehr niedrigen Temperaturen, was dazu führt, dass der Motor schnell mit einer Eisschicht bedeckt ist. Die einzige kostenlose Sonderausstattung wird also die Klimaanlage darstellen.

Jedes Auto verfügt über eine eingebaute Pumpe, die den Tank über Nacht befüllen kann. Negre hat aber auch eine Hochdruckpumpe entwickelt, die die Befüllung in einer Minute erledigt. Diese könnten mit sauberer Hydro-, Wind- oder Solarenergie betrieben werden und das Luftauto auf diese Weise komplett verschmutzungsfrei machen. Und selbst wenn Energie verwendet wird, bei der Co2 entsteht, wäre dies nach Negre immer noch nur ein Zehntel dessen, was ein Auto mit einem Benzinmotor produziert.

Damit eignet sich das Fahrzeug ideal für die Stadt, wo für gewöhnlich nur sehr kurze Strecken zurückgelegt werden. Für längere Wege gibt es eine Version mit batteriegestütztem Hydroantrieb, von der Negre behauptet, sie schaffe 160 Stundenkilometer und fast 1.500 Kilometer Reichweite.

Die Airline KLM nimmt die Idee bereits ernst. Unabhängige Energieexperten sind ebenfalls optimistisch. „Ich habe mir diese Technologie angesehen und denke, dass sie funktionieren kann“, sagt Ulf Bossel, Berater für nachhaltige Energie und Organisator des Europäischen Brennzellen-Forums. „Auf einer Strecke von bis zu 50 Kilometer macht das Ding eine sehr gute Figur. Ich wüsste nicht, warum dies in der nächsten Zukunft keine erfolgreiche Form des städtischen Nahverkehrs werden sollte.“

Millionen-Vertrag mit dem Autoriesen Tata

Die wohl glaubwürdigste Bestätigung der Luftkraft ist ein 30 Millionen-Pfund-Vertrag mit dem indischen Autoriesen Tata, der Negre die Lizenz für die Produktion und den Vertrieb der Fahrzeuge in Asien abkaufte. Negre hat auch schon Verträge für den Bau der Autos in den USA, Lateinamerika und einigen europäischen Ländern geschlossen.

Wenn aber die luftbetriebene Autos ihr Versprechen halten, warum sollte man bei ihnen aufhören? Mit nur wenigen Veränderungen wäre es laut Negre möglich, eine Hybridversion seines neuen Motors zu bauen, der auch in Luftfahrzeugen eingesetzt werden könnte.

Übersetzung: Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

17:40 26.05.2009
Geschrieben von

Alex Benady, The Guardian | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14695
The Guardian

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare