Amazing Grace

Porträt Grace Jones spielt gern mit ihrem Image. Sie war Künstlermuse, überdrehtes Party-Girl, coole Sängerin und androgyne Stil-Ikone. Aber warum ist sie so furchteinflößend?

Drei Flaschen Rotwein, eine Platte Sushi und vier Dutzend Austern warten auf sie, doch von Grace Jones fehlt jede Spur. Man hatte uns vorgewarnt: Jones orientiert sich an der jamaikanischen Zeit. Sie erscheint nicht bei Tageslicht. Wir sind in Graceland, und in Graceland diktiert nur eine die Bedingungen. Aus sechs Uhr abends wird sieben Uhr. Wir warten in einer eiskalten Tiefgarage, die als Ausstellungsfläche genutzt wird. Aus sieben Uhr wird acht Uhr, jedem fällt jetzt irgendeine Geschichte zu Jones ein. Es gab Zeiten, da soll ein Fotograf einen ganzen Tag auf sie gewartet haben – oder waren es zwei? Schließlich ruft sie an und ihr Manager staucht sie am Telefon zusammen: „Komm sofort her, du Schlampe!“ Aus acht Uhr wird neun Uhr.

Ihr Visagist erzählt, wie sie mal im Frühstücksfernsehen auftrat: „Sie sagte zu mir: ‚Du ruinierst mein Image, du weißt, ich bin ein Vampir.‘“ Wie sah sie bei Tageslicht aus? „Ziemlich surreal. Wie aus einer anderen Welt. Sie ist eine Kreatur der Nacht.“

Als Supermodel, Popstar, Bond-Girl, Muse und Gesamtkunstwerk ist Jones einmalig. Fotografen und Künstler lieben es, mit ihr zu arbeiten. Andy Warhols Bild der Diva – roter Lippenstift, Flattop-Frisur, pinkfarbener Hintergrund – ist eines seiner letzten großen Porträts. Keith Haring bemalte ihren Körper, so dass sie wie eine Parodie auf einen Massai-Krieger aussah. Am berühmtesten ist aber wohl Jean-Paul Goudes Foto. Goude inszenierte sie für ein Plattencover praktisch nackt, auf einem Bein stehend, eingeölt, in der einen Hand ein Mikrofon, das nach hinten gestreckte rechte Bein in einem 90-Grad-Winkel nach oben abgeknickt, so dass der Fuß die ausgestreckte linke Hand berührte. Es ist ein Bild, das einen in Erstaunen versetzt – auch wenn die Pose nicht ganz echt war, sondern als Montage zusammengesetzt wurde.

Frau mit vielen Gesichtern

Aktuell arbeitet Chris Levine mit Jones. Auch Levine ist ein Künstler, der sich der Bildhauerei und der Fotografie zugleich bedient. In einer Ecke des Raums steht ein riesiges Foto von Jones mit geschlossenen Augen. Je nachdem, wo im Raum man steht, verändert sich das Bild. Es ist eine 3D-Fotografie, die aus 30 mit Lasern aufgenommenen Bildern besteht. Sie verbindet die Magie eines Hologramms mit der Menschlichkeit eines klassischen Porträts.

Aus neun Uhr wird zehn Uhr. Fototermine mit Jones laufen immer so ab wie an diesem Abend. Aber die Leute sind bereit, auf sie zu warten. 2008 nahm sie nach 19 Jahren ihr erstes Studioalbum auf. Einer aus ihrem Tross erzählt von den vielen Musikern, mit denen sie eine Zusammenarbeit ablehnte – darunter auch Lady Gaga. Gaga kopiere nur, meinte Jones.

Kurz nach zehn Uhr fliegen die Türen auf. Ein Schrankkoffer wird hereingetragen. Noch einer. Und noch einer. Jones hat ihre gesamte Garderobe mitgebracht – und ein paar zusätzliche Teile. „Endlich!“, sagt sie und sieht sich um, als wären wir diejenigen, die sie stundenlang warten ließen.

Jones ist wohl gerade 62 geworden, ihre genaues Alter ist unklar (siehe Hintergundkasten). Sie könnte aber locker für Mitte dreißig durchgehen. Ihre Haut ist weich, glänzend, ihr Körper wirkt muskulös. Sie trägt ein albernes Outfit – riesige Skistiefel, einen närrischen Overall, Socken, deren Farben sich beißen, eine Kapuzenjacke mit Fellbesatz – und sie sieht darin großartig aus. Sie trinkt Rotwein und ich schaue bewundernd ihre Kleider an. Sie ermutigt mich, sie anzuprobieren: „Wir sind doch alle Pfauen. Ich liebe Cross-Dresser.“

Während sich ihr Visagist um ihr Make-Up kümmert, redet Jones ohne Punkt und Komma auf mich ein. Eine Unterhaltung mit ihr ist wie Flipper zu spielen – Ping, Ping, Ping, dann ist das Thema weg. Also flippern wir innerhalb von Sekunden von Schlägereien zu Drogenrazzien zu bretonischen Austern und wieder zurück.

Sie sieht sich im Spiegel an. Ihr Gesicht ist ebenso furchteinflößend wie schön, besonders wenn sie vollständig geschminkt ist. Ich frage, ob sie sich bewusst ein Image aufgebaut habe, das zu ihrem Gesicht passe. „Nein, ich glaube, mein furchteinflößendes Wesen ist das Erbe der autoritären Männer in meiner religiösen Familie. Unterschwellig hat das auf mich abgefärbt. Ich hatte eine Scheiß-Angst vor ihnen.“

Sie wuchs in Jamaika in einer Familie auf, die zur politischen und geistlichen Elite des Landes zählte. Ihre frühe Jugend verbrachte sie in der Obhut ihrer Großeltern, weil ihre Eltern in die USA gezogen waren. Ihr Stiefgroßvater, erzählt sie, sei ein grausamer Mensch gewesen. Er schlug sie aus den nichtigsten Gründen: „Manchmal mussten wir Kinder auf einen Baum klettern und selbst die Rute abschneiden, mit der wir gezüchtigt werden sollten. Wenn du deine eigene Rute von Baum holen musst, dann weißt du, dass du fällig bist.“ Hätte sie sich nicht eine besonders kleine holen können? „Nein, du musstest eine anständige Rute holen, die Blätter abmachen und – fffttt fffft.“ Die Luft pfeift durch ihre Zähne. Wie alt war sie? „Ich schätze, ich war sechs. Ich dachte, so gehe es allen Kindern.“

Mit 12 zog sie zu ihren Eltern in die USA. Sie erwies sich als Sprachtalent und wollte Spanischlehrerin werden, aber dann fand sie das Theater und Rebellion wichtiger als die Schule und Gott. Hätte sie jemals eine ernsthafte Kirchenfrau sein können? „Nein, niemals. Ich habe getan, was ich konnte, um das zu verhindern.“ Und wie. Sie nahm Drogen, zog sich öffentlich aus und geriet in alle möglichen Schwierigkeiten. War ihren Eltern das peinlich? „Na klar.“ Schämten sie sich? „Total.“ Wofür? „Ich zeigte auf der Bühne meine Titten. Ich machte verrücktes Zeug. Ich wurde verhaftet.“ Weshalb wurde sie verhaftet? „Ein Mädchen hatte mir Koks zugesteckt. Die Menge war so winzig, dass der Richter sie als lächerlich abtat. Nicht mal eine Kakerlake hätte davon high werden können.“ Wie alt war sie damals? „Ich weiß nicht. Ich weiß nur, dass es geschah als ich in Jamaica im Studio war. Das Mädchen, dem das Studio gehörte, war in meinen Freund verknallt und wollte mich aus dem Weg räumen.“

In New York hing sie dann mit Warhol und den Leuten von der Factory ab. „Ich war jeden Tag dort, aß mit ihnen, plauderte mit ihnen. Andy wollte über alles Bescheid wissen, was los war. Wir waren einfach eine Gruppe von Leuten, die die Kunst und die Kunstwelt liebten.“

In den frühen Siebzigern waren es Jungs wie David Bowie, Marc Bolan und Iggy Pop, die der Androgynität Glamour verliehen. Doch in den späten Siebzigern lief Jones ihnen den Rang ab. Sie strahlte gleichzeitig Anmut und Bedrohung aus, Weiblichkeit und Maskulinität und natürlich Sex. Helmut Newton betete sie an – aus der Ferne. „Zu meinen Model-Zeiten rief er mich laufend an und wollte, dass ich mit ihm arbeite. Wenn ich dann ans Set kam, sagte er ‚Oh Gott, ich habe ganz vergessen, dass du keine großen Titten hast‘ und schickte mich wieder weg. Schließlich arbeiteten wir aber doch zusammen. Meine Titten waren irgendwann nicht mehr so wichtig, weil er meine Beine liebte.“

Acid schlucken als Experiment

Sie selbst hasste zunächst ihre dünnen Beine. In der Schule wurde sie deswegen aufgezogen. „Schau wie dünn meine Fesseln sind“, sagt sie. „Ich kann sie mit dem Daumen und dem Zeigefinger einer Hand umfassen.“ Ihre Arme, sagt sie, seien ein ganz anderes Kaliber. Ich frage, ob ich ihre Muskeln anfassen darf. „Sicher“. Ich erschrecke – sie ist wirklich ein Muskelpaket. „Ehehehehe! Chchchch! Ahahahaha.“ Sie hat eine großartige Lache. Gerade als ich fürchte, dass sie ersticken könnte, beruhigt sie sich. „Als ich anfing zu modeln, dachten alle, ich sei ein Mann. Wenn ich meinen Arm hob, traten meine Muskeln hervor. Bei den anderen Frauen war da nichts zu sehen.“

Jones war schon immer eine Frau der Extreme: ihr Körper, ihre Lache, die vier Dutzend Austern am Tag, die Drogen. „Einmal habe ich drei Tage lang Acid genommen.“ Irgendwelche schlechten Nebenwirkungen? „Nein, aber ich war unter ärztlicher Aufsicht. Es ging um ein Experiment. Um Bewusstseinserweiterung, aber nicht in einem Party-Kontext. Das ist die richtige Art, Drogen zu nehmen. Wenn du Acid nimmst, um Party zu machen, geht es schief.“

Gegenüber ihren Eltern wollte sie immer offen sein, erzählt sie. „Ich habe nicht versucht, die Dinge für sie zu beschönigen. Ich habe sie mit dem Schlimmsten konfrontiert. Ich mag Menschen nicht, die etwas verstecken. Keiner von uns ist perfekt, wir haben alle etwas zu verbergen und ich zeige meine Schwächen gern.“ Nach und nach lernten ihre Eltern das zu akzeptieren. „Mein Vater war Bischof geworden. Doch ich fand heraus, dass er in seinem Portemonnaie Fotos von mir mit sich herumtrug und damit insgeheim angab.“

In den frühen Achtzigern kletterte Jones mit Songs in die Charts, die eine Mischung aus Disco, Funk, Soul und Reggae waren – und vor allem obszön. Pull Up The Bumper ist wohl der zweideutigste Song aller Zeiten. 1981 gab es den aufsehenerregenden Zwischenfall, bei dem sie den TV-Moderator Russell Harty vor laufender Kamera schlug, weil dieser ihr zu lange den Rücken zugekehrt hatte, um sich mit einem anderen Talkgast zu unterhalten. Spielte sie damals dem Publikum etwas vor? „Absolut nicht. Sah ich aus, als würde ich schauspielern?“ Hat Harty sich jemals für sein Abwenden entschuldigt? „Nein, er wollte nur, dass ich wegen der Quote wieder in seine Show komme.“ Aber sie erklärte ihm, er sei unhöflich. Hat der Vorfall ihrer Karriere genutzt? „Nein, er trug zu meinem berüchtigten Image bei, aber meine Karriere brachte er nicht voran. Alle wandten sich ab. Die Plattenfirma, alle. Es war ein riesiger Knatsch, bis die Presse sich irgendwann auf meine Seite schlug. Dann konnte ich zusehen, wie sie schlagartig umfielen.“

Und worauf ist sie heute am meisten stolz? „Auf meinen Sohn,“ antwortet sie sofort. Paolo gehört zu ihrer Band, er stammt aus ihrer Beziehung mit dem Fotografen Jean-Paul Goude. Chris Levine, mit dem sie zuletzt vor der Kamera zusammengearbeitet hat, erzählte mir vor dem Interview, er sei überrascht gewesen, wie sensibel Jones sei. Er hätte einen drei Meter großen, männermordenden Vamp erwartet. Ist sie wirklich so unersättlich, wie ihr Image es uns glauben machen will? „Ob ich Sex liebe? Absolut.“ War sie denn nur mit Männern zusammen? „Ich liebe Frauen, aber ich hatte nie eine Beziehung mit einer Frau. Dreier machen Spaß. Ich experimentiere gern und als Schauspielerin dachte ich immer, es sei gut, für eine Menge Sachen offen zu sein.“

Sie trinkt ihren Wein durch einen Strohhalm, um ihren Lippenstift nicht zu ruinieren. Glaubt sie, dass sie sich im Lauf der Jahre verändert hat? „Natürlich, ich bin nicht mehr so ungeduldig. Früher habe ich Leute geschlagen, wenn mir nicht gefiel, was sie sagten. Ich ging auf sie los. Bambam – Halt die Klappe! Es war furchtbar.“

Körperlich ist sie aber bemerkenswert unverändert. Sie hat sich nie operieren lassen. „Auf keinen Fall. Ich lasse mich nicht schneiden.“ Ihr Haar wird an den Seiten etwas grau, aber das ist das einzige, was ihr Alter verrät. Ob sie jemals wie eine alte Frau aussehen wird? „Meine Mutter ist 80 und hat noch keine Falte.“

Früher ging das Gerücht um, Jones würde sich ausschließlich von Koks und Austern ernähren. Heute, so sagen ihre Freunde, halte sie sich an Rotwein, Sushi und Austern. Das sei das Geheimnis ihrer endlosen Jugend. Sie lacht, als ich das erwähne, und sagt, ich hätte da etwas falsch verstanden. „Man kombiniert Austern nicht mit Rotwein. Das ist tabu, das macht man nicht. Ich liebe einen guten Weißwein zu Austern. Wie Sie sehen, esse ich heute bisher noch keine Austern. Austern geben mir aber Energie, sie können einen von Depressionen heilen. Und sie sind ein Aphrodisiakum. Essen Sie vier Dutzend, und Sie werden durch die Gegend rennen und nach einem heißen Stück Ausschau halten! Wooooooh! Sie werden den Mond anheulen.“

Ihr Make-Up ist jetzt so gut wie fertig. Sie schaut in den Spiegel und lobt den Visagisten. „Gott. Ich bin furchteinflößend. Ich habe vor mir selbst Angst. Das ist großartig! Wunderschön.“

Zwei Uhr morgens, Grace Jones läuft jetzt auf Hochtouren. Die Lichter werden gedimmt, der Wein fließt, Michael Jackson dröhnt aus den Boxen. Jones groovt, schürzt die Lippen, singt und zieht eine Show ab, während der Fotograf permanent knipst. Sie wechselt von einem Outfit ins nächste und wird einfach nicht müde.

Um drei Uhr beschließe ich, dass für mich heute Schluss ist. Ich schätze, es ist eine Frage der Kondition – manche haben sie, andere nicht. Jones scheint aufrichtig zu bedauern, dass ich ihre Party vorzeitig verlasse. Aber als ich die Tür erreicht habe, wirft sie sich bereits wieder in Pose und tanzt weiter – ich bin nichts mehr als eine ferne Erinnerung. Sie ist wirklich eine Naturgewalt. Und sie hat noch nicht einmal die Austern angerührt.

Grace Jones liebt extravagante Auftritte und ausgefallene Kleidung. Durch ihr betont androgynes Styling und ihr Spiel mit Geschlechterrollen wurde sie Ende der Siebziger zu einem Idol der Schwulenbewegung. Zu ihrem Geburtsdatum gibt es unterschiedliche Angaben. Geboren wurde sie am 19. Mai in Spanishtown auf Jamaika, nur das Geburtsjahr ist nicht ganz klar. Die Angaben variieren zwischen 1948 und 1953. In den Sechzigern brachte Jones Vater, ein Prediger, sie zusammen mit ihrem jüngeren Bruder nach New York. An ihrer Highschool war sie damals die einzige schwarze Frau. Nach dem Abschluss besuchte sie kurze Zeit eine Schauspielschule, wurde als Model entdeckt und arbeitete für Vogue und Elle in Paris. Der Beginn ihrer musikalischen Karriere ist eng mit dem legendären Studio 54 in New York verknüpft, wo sie in den Siebzigern unter dem Einfluss diverser Drogen die Nächte durchfeierte. Jones nahm drei Platten auf, die stark von der Disco-Mode geprägt waren.

Ihr musikalischer Durchbruch kam aber erst, als sie Anfang der Achtziger einen Imagewechsel vollzog und sich mit ihrer Musik an New Wave und Reggae orientierte. Mit ihrem unterkühlt wirkenden Sprechgesang stieg sie zu einer der Stimmen der achtziger Jahre auf. und waren ihre bekanntesten Hits.

Außerdem spielte sie in diversen Filmen mit, etwa neben Roger Moore im James-Bond-Film Im Angesicht des Todes und neben Eddie Murphy in Boomerang. Danach wurde es ruhiger um Jones. Im November 2008 feierte sie mit dem Album Hurricane ein viel beachtetes Comeback und ging auch wieder auf Tournee.





Übersetzung der gekürzten Fassung: Christine Käppeler

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13:25 20.05.2010
Geschrieben von

Simon Hattenstone | The Guardian

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The Guardian

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