Amazon und der World Wide Zorn

Cyberaktivisten Nachdem Bücher schwuler und lesbischer Autoren am Wochenende aus den Amazon-Suchen verschwanden, witterten Cyberaktivisten Zensur und traten in Aktion

Als Autorin, deren Bücher auch bei Amazon zum Verkauf stehen, bin ich es gewöhnt, dass in den Verkaufs-Rankings Bewegung herrscht. So hielt ich es denn zunächst auch für eine vorübergehende Störung, als ich vor ein paar Tagen feststellte, dass das Ranking für die US-Ausgabe meines Buches Girl with a One Track Mind verschwunden war. Als sich am Sonntag allerdings immer noch nichts daran geändert hatte, beschloss ich, der Sache nachzugehen. In der Hoffnung, etwas über eventuelle Probleme bei Amazon zu erfahren, gab ich den Begriff „Amazon“ in die Twittersuche ein.

Ich war nicht die Einzige, die mehr über diese Angelegenheit wissen wollte. Kaum hatte ich meine Suche gestartet, erschienen zwischen Gerüchten über Zensur und die Tilgung bestimmter Bücher aus den Rankings Dutzende von Tweeds, die alle mit „#amazonfail“ getaggt waren. Weitere Nachforschungen brachten schließlich ans Licht: Bei Büchern mit erotischem Inhalt oder solchen , die als „lesbische“ oder „schwule“ Literatur erachtet wurden, waren die Rankingwerte entfernt worden. Zudem waren sie anhand der allgemeinen Suche auf der Amazon-Startseite nicht mehr aufzufinden. Sollte Amazon tatsächlich bestimmte Bücher zensieren?

Ein Autor, den das gleiche Schicksal ereilt hat wie mich, berichtet, Amazon habe bereits vor einigen Tagen bekannt gegeben, es sei nun „Unternehmenspolitik“, Produkte mit Inhalten für „Erwachsene“ von einigen Suchen und Bestsellerlisten auszuschließen. Sein Buch enthält aber gar keine „für Erwachsene bestimmte“ Inhalte. Es scheint, als seien Bücher von schwulen oder lesbischen Autoren oder Autorinnen als „Erwachsenen“-Literatur eingestuft und aktiv aus Suchlisten entfernt worden, und würden darüber hinaus – ebenso wie Bücher mit erotischem Inhalt – nicht mehr gerankt.

Finanzielle Einbußen für Autoren

Schriftsteller sind darauf angewiesen, dass ihre Bücher zu finden sind. Ist ein Buch nicht in den Buchhandlungen erhältlich, durchstöbern viele Bücherkäufer das Internet. Amazon ist da oft der erste Anlaufpunkt. Wenn nicht mehr die Möglichkeit besteht, ein Buch über die Suche auf der Startseite des Online-Händlers zu finden, kann sich dies erheblich auf dessen Verkäufe auswirken. Die Autoren haben dann möglicherweise noch lange unter den Konsequenzen zu leiden. Im Kern geht es bei der Sache allerdings um etwas anderes, nämlich um Zensur und um augenscheinlich unverblümte Homophobie. Zu Recht herrscht Entrüstung.

Kaum eine Stunde nachdem der Amazonfail-Tag aufgetaucht war, wurde er bei der Twittersuche vier Mal pro Sekunde erwähnt – tausende Menschen äußerten sich also dazu, etwas Positives hatte aber niemand von ihnen zu sagen. Unter anderem wurden „Googlebomben“ in Erwägung gezogen, überhaupt war allgemein von Cyberaktivismus die Rede: Listen betroffener Bücher wurden erstellt, Boykott-Aufrufe wurden laut. Amazon hat offenbar begonnen, sich das eigene Grab zu schaufeln.

Im Netz werden derweil eigenständige Nachforschungen betrieben: der Guardian etwa hat sich mit den eventuellen Gemeinsamkeiten bei der Kategorisierung der entsprechenden Bücher befasst. Andere gehen weiter und behaupten, bei Amazon würden die Metadaten zu den Kategorien gefiltert, was enormen Auswirkungen auf die gegenwärtigen aber auch zukünftigen Buchverkäufe über die Seite hätte. Das Unternehmen selbst hat sich am Morgen für seinen "peinlichen und ungeschickten Fehler" entschuldigt, der dazu geführt hat, dass über 57.000 Bücher aus den Online-Charts verschwunden sind. Es bleibt zu bezweifeln, dass das Unternehmen unbeschadet aus der Sache herauskommen wird. Die Lehre ist einfach: Wem an seinem Ruf gelegen ist, der sollte es sich nicht mit dem Netz verderben.

Der digitale Freitag

Die Welt aus neuen Blickwinkeln erfahren

Übersetzung: Zilla Hofman
Geschrieben von

Zoe Margolis, The Guardian | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 5805
The Guardian

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden