Amerikas Intimfeind

Manuel Noriega Die Auslieferung des ehemaligen panamaischen Präsidenten an Frankreich erinnert an eine fast vergessene Intervention der USA Ende 1989 in Zentralamerika

Als an einem Tag Anfang Oktober 1989 für Panama-City die Morgendämmerung einsetzt, sammelt sich eine Menschenmenge vor dem Hauptquartier der nationalen Streitkräfte. Innerhalb des von Posten abgeriegelten Geländes bezeugen zersplittertes Mauerwerk, Schutt und Einschusslöcher in den Wänden der weiß getünchten Gebäude einen Putschversuch, zu dem rangniedere Offiziere in der Nacht zuvor ausgeholt haben. Doch ist ihr Unternehmen gescheitert. Die Menschen draußen warten nun auf „den General“. Sie wollen ihn sehen, um ganz sicher zu sein, dass er noch lebt und ihm nichts geschehen ist.

Ein Stück entfernt sitzt eine schluchzende Frau auf dem Bürgersteig der Calle 23, sie wirkt verzweifelt und fassungslos. Das Gerücht macht die Runde, dass ihr Ehemann, ein Offizier, nicht nach Hause gekommen und zu befürchten sei, er könnte unter den 50 Meuterern sein, die beim Coup, den die Amerikaner unterstützt hatten, ums Leben kamen. Als die Menschenmenge größer und von der aufgehenden Sonne geblendet wird, beginnt ein alter Mann Lotto-Scheine feil zu bieten, jemand baut einen Verkaufsstand mit Bananen auf, die ersten Garküchen öffnen. Auf einem Balkon hoch über der Straße hängt eine Frau ihre Unterwäsche zum Trocknen auf die Leine. Die Idylle könnte vollkommener nicht sein.

Die Piranhas sind schuld

Dann, urplötzlich, fliegen die Tore der Comandancia auf und heraus tritt der Mann, auf den sie alle warten. Dort steht er, wie es den Anschein hat, im Großen und Ganzen wohlauf: Für den damaligen US-Präsidenten George Bush senior gleich nach dem Iraker Saddam Hussein die liebste Hass-Figur, Ende 1989 der meist gesuchte Mann Nord- und Zentralamerikas. Panamas Antwort auf Muammar al-Gaddafi: General Manuel Antonio Noriega höchstpersönlich. Die US-Justiz hat ihn des Drogenhandels und anderer verbrecherischer Machenschaften angeklagt. Zu jener Zeit ist Noriega für das Weiße Haus wohl einer der berüchtigsten Diktatoren der Welt.

Der kleine, stämmige Mann im steifen, grünen Kampfanzug und der roten Baseball-Kappe auf dem Kopf quittiert den Jubel der Menge mit einem triumphierenden Lächeln. „Wer hat das getan?“ schreit ihm ein Journalist entgegen und will damit wissen, wer die Angreifer auf die Comandancia gewesen seien. „Die Amerikaner sind dafür verantwortlich. Die Amerikaner, die Piranhas, haben das getan. Sie wollen Panama erledigen“, antwortet Noriega ohne Regung im Gesicht.

Ob er an diesem Morgen schon eine Ahnung davon hat, was bald darauf passieren wird? Schwer vorstellbar, dass sich Noriega Illusionen hingibt. Seine Tage auf der Sonnenseite des Lebens sind gezählt. Gut zwei Monate später, am 20. Dezember 1989, schickt George Bush seine Armee nach Panama. Sie interveniert, um den Job zu vollenden, an dem die Führer des Putsches gescheitert sind. In El Chorrillo, dem Viertel, dessen Häuser und Bungalows die Comandancia umgeben, töten die US-Militärs viele Zivilisten, deren genaue Zahl bis heute umstritten ist, bevor ihnen gelingt, was sie wollen: General Noriega zu fassen, nach Miami zu deportieren, vor Gericht zu stellen und für 40 Jahre in eine Zelle zu verbannen (das Strafmaß wird später auf 17 Jahre reduziert).

Offizielle Gründe für die Invasion finden sich: Wut über die Schikanen gegen US-Angestellte in der Panama-Kanalzone, Sorge um die Sicherheit amerikanischer Staatsbürger, das Versagen diplomatischer Vorstöße und rigider Sanktionen, die Sicherheit des Kanals natürlich, die Tatsache, dass Panama-City zu den führenden Umschlagplätzen für illegale Drogen zählt und als Refugium für Geldwäscher gilt. Außerdem hat es Präsident Bush zu seiner innenpolitischen Priorität erklärt, den von ihm persönlich erklärten „Krieg gegen die Drogen“ zu gewinnen.

Im Mai 2010 lenkt Noriegas Auslieferung an Frankreich, wo er gleichfalls wegen Drogendelikten angeklagt ist, noch einmal die Aufmerksamkeit auf die Frage nach den 1989 stillschweigend übergangenen Gründen, weshalb Panamas Máximo Líder, der von seinen Feinden gern mit dem Namen Cara de Piña (zu deutsch: Ananas-Gesicht) bedacht wurde, für die US-Regierung eine solche Bedrohung darstellte. Warum wurde in Washington zu derart extremen Maßnahmen – wie dem Bruch des Völkerrechts – gegriffen, um ihn zum Schweigen zu bringen.

Der Fall Noriega sollte offenbar auch als Warnung vor direkten und indirekten US-Interventionen in Zentralamerika dienen, unter denen die Region seit Jahrzehnten litt. Ende der achtziger Jahr wurde ein verdeckter Krieg gegen das von Daniel Ortega und den Sandinisten regierte Nicaragua geführt. In El Salvador war die Entscheidung im Bürgerkriegs zwischen einer Armee der Latifundisten und einer Guerilla der Frente Farabundo Marti (FMLN) noch nicht gefallen, auch wenn sich ein Waffenstillstand abzeichnete.

Zwischen Bush und Castro

Manuel Noriega war ein Verbrecher. Doch viele Jahre lang war er ein Verbrecher im Dienste der USA, bevor er seinen Lehrmeistern den Gehorsam verweigerte. Noriega wurde im lateinamerikanischen Trainingszentrum School of the Americas militärisch trainiert und für geheimdienstliche Missionen instruiert. Über viele Jahre hinweg schätzte ihn die CIA als einen ihrer „Aktivposten“, er arbeitete für den US-Geheimdienst wie die US-Anti-Drogen-Behörde, die Drug Enforcement Administration (DEA). Regierungsdokumente, die dem Gericht in Miami bei den Anhörungen vor der eigentlichen Gerichtsverhandlung 1991/92 vorgelegt wurden, bestätigten, dass Noriega mindestens 320.000 Dollar von der US-Regierung für hohe Zuverlässigkeit erhalten hatte.

Vereinfacht ausgedrückt: Noriega wusste zu viel. Wenn man William Buckleys Buch Panama: the Whole Story Glauben schenkt, soll er im Kalten Krieg während der turbulenten Zeiten in Guatemala, El Salvador und Honduras als Horchposten der Amerikaner fungiert haben. Noriega behauptet selbst, er sei in den achtziger Jahren ein Emissär zwischen George Bush, damals Vizepräsident unter Ronald Reagan, und Fidel Castro gewesen. Auch habe er Bush in dessen Amtszeit als CIA-Direktor 1976 und dann noch einmal im Jahr 1983 persönlich getroffen.

Die Geschworenen des Noriega-Prozesses in Miami, die über zehn genau festgelegte Anklagepunkte, bei denen es allein um Drogen ging, zu urteilen hatten, bekamen von alldem nichts zu hören. Auch über Noriegas Kontakte zum CIA-Mann Oliver North, zu Sicherheitsberater John Poindexter, CIA-Chef William Casey und anderen Schlüsselfiguren der Regierungen unter Reagan und Bush senior wurden sie nie in Kenntnis gesetzt. Die Genannten hatten unter anderem mit der Lieferung von Waffen an Nicaraguas Contra-Rebellen zu tun, die mit Drogengeldern des Medellín-Kartells bezahlt wurden – ihr Partner in Panama hieß Manuel Noriega.

Es gibt bis heute viele Erkenntnisse dieser Art. Der General ließ vor seinem Sturz Ende 1989 durchblicken, er habe Beweise dafür, dass ranghohe US-Politiker Drogengeschäfte aus pragmatischen Gründen stillschweigend durchgewunken hätten. Bei der Beweisaufnahme vor Richtern und Geschworenen in Miami wurden diese Aussagen freilich nicht zugelassen. Auch dem Verlangen der panamaischen Regierung, die nach der US-Intervention das Ruder übernahm, den ehemaligen Staatschef für einen Prozess im eigenen Land zu überstellen, wurde nicht stattgegeben.

In Panama hätte Noriega die Möglichkeit gehabt und todsicher genutzt, alles, was er wusste, frei zu erzählen. Für viele der Mächtigen in Washington, von denen die meisten noch leben, war die Aussicht auf solcherart Offenbarungen alles anderes als beglückend.

Wie das Tribunal in Miami bis zur Urteilsverkündung am 10. Juli 1992 ausgehen würde, stand vom ersten Tag an fest. Es war ein Schauprozess, eine Warnung an andere. Ein Racheakt. Jahrzehnte gesetzwidriger Einmischungen der USA in Panama wurden vertuscht. Es ging um eine Demonstration von Macht, wie sie die US-Administration nach dem Ende das Kalten Krieges entfalten konnte und von der die Welt bald mehr erschreckende Kostproben bekommen sollte.

Übersetzung: Christine Käppeler

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21:00 06.05.2010
Geschrieben von

Simon Tisdall | The Guardian

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The Guardian

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