An den unbekannten Ort

Affenexperimente Ein neuer britischer Report zeigt den schmalen Grat zwischen sinnvoller Forschung – und sinnloser Quälerei. Eine Einschätzung des medizinischen Nutzens ist oft spekulativ

mackie.50kanonen.de/webmail/mailAttach/2010-11-08_Final_primaten-eu_DT_in-Kraft.pdfEiner großen Untersuchung zufolge haben rund zehn Prozent aller Forschungsexperimente, die innerhalb einer Dekade an Affen in Großbritannien vorgenommen wurden, keinen wissenschaftlichen oder medizinischen Nutzen erbracht. Der Leiter der Studie, Sir Patrick Bateson, erklärte Ende vergangenen Monats, die Rechtfertigung für einige der zwischen 1996 und 2006 durchgeführten Versuche sei „unzulänglich oder nicht ausreichend“ gewesen. Künftig sollten solche Experimente an nichtmenschlichen Primaten nicht mehr erlaubt sein.

Bateson ist Verhaltensforscher in Cambridge und Präsident der Zoologischen Gesellschaft von London. In seinem „Review of Research using non-human Primates“ fasst er die Notwendigkeit, Qualität sowie der langfristigen Auswirkungen der sensibelsten aller Tierversuche zusammen – jenen an nicht-menschlichen Primaten, zu denen alle Affen der Neuen und Alten Welt gehören. Allein im vergangenen Jahr haben britische Wissenschaftler an 2.600 solcher Tiere Experimente durchgeführt. Mehr als 2.000 der Tiere wurden von Pharmakonzernen und Biotechnologie-Unternehmen für Medikamententests verwendet. Die übrigen 600 nutzte man an Universitäten und staatlichen Einrichtungen, um Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson oder auch Infektionskrankheiten wie beispielsweise HIV/Aids zu erforschen.

Derzeitiges Prozedere "nicht in Ordnung"

Die Arbeit mit Primaten sei dabei zwar nicht bedingungslos zu befürworten, meint Bateson. Dasselbe gelte aber auch für ein vollständiges Verbot von Affenexperimenten. „Es bedarf einer Differenzierung auf Grundlage stichhaltiger Beweise.“ Wissenschaftliche Forschung an Affen solle es weiterhin geben, diese müsse aber rigorosen Sicherheitsbestimmungen unterworfen werden, da das derzeitige Prozedere nicht in Ordnung sei. In gut zehn Prozent der untersuchten Fälle sei es unwahrscheinlich, dass sie einen Nutzen hatten, der angebliche Erkenntnisgewinn war nicht nachvollziehbar. „Meiner Ansicht nach sollte die Arbeit mit nichtmenschlichen Primaten nicht weiter gefördert werden, wenn kein plausibler Nachweis ihres potenziellen medizinischen und gesellschaftlichen Nutzens erbracht ist.“

Ein in dem Bericht zitiertes Beispiel für derartige Forschung waren Tiere, die für reproduktionsbiologische Experimente im Rahmen der wissenschaftlichen Ausbildung verwendet worden waren. An diesen Tieren seien Versuche wiederholt worden, die bereits zehn Jahre zuvor durchgeführt worden waren. Mit wissenschaftlichem oder medizinischem Nutzen sei das kaum zu rechtfertigen.

Forschen fürs Gedächtnis

Mark Walport, der Direktor des Wellcome Trust – einer gemeinnützigen Stiftung zur Förderung der Wissenschaft, die auch Batesons Review mitfinanziert hat – , wies aber auf die grundsätzliche Schwierigkeit hin, die Nützlichkeit von Forschungsprojekten im Voraus zu garantieren. „Man begibt sich auf Entdeckungsreise und versucht, Orte zu finden, die bis dahin noch unbekannt waren. Es ist dabei – wie bei jeder anderen Art von Erkundung – unvermeidlich, dass einige Leute sie für nutzlos halten.“ Als Beispiel nannte er die Erforschung der wissenschaftlichen Grundlagen des Gedächtnisses und den Versuch zu verstehen, wie Gehirnzellen arbeiten, um Erinnerungen zu speichern. „Einige Experimente führen wir an Menschen durch und einige an Mäusen. Es gibt aber einige Fragen, die nur durch Versuche an nichtmenschlichen Primaten beantwortet werden können“, sagt Walport.

„Es stimmt: Man kann nicht sagen, dass diese Experimente unmittelbar die menschliche Gesundheit verbessern. Nichtsdestotrotz ist offensichtlich, dass ein Verständnis des Gedächtnisses für die menschliche Gesundheit von Bedeutung sein wird.“ Der Vorsitzende des britischen Medical Research Council, Jon Savill, weist darauf hin, dass oft ein weiter Weg zwischen einer wissenschaftlichen Entdeckung und ihrer praktischen Umsetzung in Form von Verbesserungen für den Patienten liegt. „Dass für gut 90 Prozent der Untersuchungen ein potenzieller Nutzen nachgewiesen werden konnte, stellt den bestehenden Begutachtungskriterien ein ermutigendes Zeugnis aus, denn das ist meiner Ansicht nach ein äußerst großer Anteil.“

Batesons Untersuchung, die mit dem Medical Research Council, dem Biotechnology and Biological Sciences Research Council sowie dem Wellcome Trust von den wichtigsten Drittmittelgebern für Forschungsprojekte an Tieren in Großbritannien in Auftrag gegeben wurde, untersuchte 67 wissenschaftliche Projekte, die zwischen 1996 und 2006 durchgeführt wurden und für die 3.000 Affen benutzt wurden.

Die wissenschaftliche Qualität der Forschung, die Kosten für das Wohlbefinden der verwendeten Tiere sowie der wahrscheinliche Nutzen für die Medizin und das Allgemeinwohl wurden von jedem Mitglied des Untersuchungsteams unabhängig beurteilt. Die Einschätzung des medizinischen Nutzens ist Bateson zufolge aufgrund der beträchtlichen Zeitspanne, die zwischen einer Entdeckung und ihrer Anwendung zu Therapiezwecken liegt, oft spekulativ. Die Stiftungen wiesen darauf hin, man habe seit 2004 die „Verfahren zur Beurteilung aller Förderanträge gestärkt, bei denen es um die Verwendung von Primaten, Katzen, Hunden und Pferden“ gehe. Bateson bestätigte, dass die Forschungsgemeinschaften und Drittmittelgeber früher nicht so rigoros vorgegangen seien wie heute. „Es ist besser geworden. Wir haben mit unserer Überprüfung 1996 begonnen.“

Überbewertete Versuche

Maggy Jennings von der Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals (RSPCA) ist der Ansicht, die Bedeutung von Versuchen mit nichtmenschlichen Primaten sei lange überbewertet worden, ohne dass der behauptete Nutzen belegt werden konnte. Das RSPCA habe aus ethischen Gründen und Gründen des Tierschutzes immer schon große Bedenken gegenüber Versuchen an nichtmenschlichen Primaten gehabt. „Dies ist der aktuellste Bericht derzeit, der die Bedeutung strikter Vorschriften und Bestimmungen für Tierversuche unterstreicht. Er macht aber umso nachdenklicher, als dass die Regierung überlegt, die gegenwärtigen Gesetze sogar noch zu lockern.“

Für die Geschäftsführerin der British Union for the Abolition of Vivisection, Michelle Thew, gibt der Bateson-Report einen „abschreckenden Einblick in die britische Primatenforschung“ und ist gleichzeitig „ein schockierendes Eingeständnis des Versagens: Der Bericht zeigt, dass die Vorschriften, die zum Schutz von Primaten in der Forschung erlassen wurden, nicht greifen.“ Es sei immer noch viel zu leicht, Primaten heillosen Experimenten zu unterziehen, die für den Menschen nur einen geringen oder gar keinen Nutzen haben. „Jetzt ist klar, dass die einzige Maßnahme, die Primaten vollständigen Schutz gewährleisten würde, darin besteht, sie nicht mehr zu Forschungszwecken zu verwenden. Es wird Zeit, dass Wissenschaftler und Drittmittelgeber sich der öffentlichen Meinung unterordnen.“

Alok Jha ist Wissenschafts- und Umweltkorrespondent des Guardian


Die Welt ist nicht nett: Primaten in deutschen Labors


In Deutschland ist die Forschung an Primaten streng reglementiert, an Menschenaffen wie Schimpansen dürfen überhaupt keine Experimente vorgenommen werden. Dennoch steigt die Zahl der für die Forschung verwendeten echten Affen seit Jahren stetig. 2009 wurden allein an 1.889 Altweltaffen, die dem Menschen am nächsten verwandten Primaten, Experimente vorgenommen.


Dass die Debatte um den Sinn solcher Versuche auch in der Bundesrepublik längst nicht abgeschlossen ist, hat zuletzt der Streit um Affenexperimente an der Uni Bremen gezeigt. Der Neurobiologe Andreas Kreiter setzt dort seit 1997 seine Forschung an Makaken fort, die er in Frankfurt begonnen hatte. Die Versuche wirken brutal: Die Tiere bekommen einen Metallbolzen implantiert, mit dem sie sich an einem Stuhl befestigen lassen, und einen dauerhaften Zugang zum (schmerzunempfindlichen) Gehirn gelegt, in das sich so jederzeit Elektroden schieben lassen.


Die eigentliche Qual für die Tiere könnte sein, dass sie oft tagelang nichts zu trinken bekommen eine Motivationshilfe für Versuche, in deren Verlauf sie stundenlang am besagten Stuhl festgeschraubt werden und keinen klinischen Ziele dienen, sondern allein der Grundlagenforschung. Es geht sehr grob darum, die Funktion des Gehirns zu verstehen. Schon vor der Berufung in die Hansestadt gab es Proteste von Tierschützern, Kreiters Familie wurde bedroht, explizit sein Sohn, der doch wunderbar in den Primatenstuhl passe.


Es gibt auch wissenschaftliche Kritik: Die Vergleichbarkeit von menschlichem und Makakenhirn ist unklar, die Menge an Erkenntnissen aus Kreiters Versuchen spärlich. Auf der Homepage seiner AG stößt man derzeit auf eine Baustelle. zint

Übersetzung: Holger Hutt

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13:00 08.08.2011
Geschrieben von

Alok Jha | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

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