Gary Younge
05.12.2011 | 17:55

An der kurzen Leine

England Riots Die britische Regierung verurteilte die Londoner Unruhen im Sommer umgehend als unpolitische Plünderungen. Eine Studie des Guardian kommt nun zu ganz anderen Ergebnissen

 Anfang August gingen in ganz Großbritannien Tausende von Jugendlichen in einem Anfall kollektiver Pathologie auf die Straße, schlugen Schaufensterscheiben ein, plünderten und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Der Auslöser bleibt ein Rätsel. Doch was immer er auch gewesen sein mag: Mit Politik, Armut, Entfremdung oder Verzweiflung hatte das nichts zu tun. Damit würde man lediglich das schlechte Benehmen der Krawallmacher entschuldigen und ihnen mildernde Umstände zubilligen, auf die sie kein Anrecht haben. Denn die Unruhen waren nicht das Werk enttäuschter Teenager, sondern einer „verwilderten“, „ungebildeten“ „Unterschicht“, der es mithilfe der neuesten Technologie irgendwie gelang, die Polizei eine gute Woche lang zum besten zu halten. Verdorben und unverantwortlich orientierten sie sich an Werten, die dem politischen Establishment Großbritanniens völlig fremd sind.

Jenseits einer wachsenden Gang-Kultur und dem Verlust des persönlichen Verantwortungsgefühls gab es keinerlei Erklärungen für ihr Verhalten. Wenn das Problem etwas mit der politischen und wirtschaftlichen Situation der Gesellschaft zu tun gehabt hätte, hätte man womöglich dort nach einem Lösungsansatz suchen müssen. Da es sich für die Regierung aber allein um das Werk von Kriminellen handelte, konnte allein deren Bestrafung Abhilfe schaffen.

Lange gab es nur eine Version

Vier Monate später tritt die Absurdität dieser offiziellen Reaktion schmerzhaft zutage. Es hat eine Weile gedauert. In Anbetracht der Spontanität und dem fehlenden Zusammenhang der Ausschreitungen konnte es nie nur einen einzigen überzeugenden Grund geben. Und selbst wenn es ihn gegeben hätte, hätten nur wenige der beteiligten Jugendlichen diesen Missstand artikulieren können. Der Weg von den Rändern in die Mitte der Gesellschaft birgt viele Risiken und nur wenige gelangen ans Ziel, ohne ihre Stimme verfälscht zu sehen.

Die Version der Regierung mag lächerlich erscheinen. Da es aber lange keine andere gab, haben viele sie geglaubt. Die Eindrücke von unmotiviertem Chaos und die Bilder brennender Autos, verzweifelter Ladenbesitzer und vermummter Jugendlicher stützten die Behauptung, es handele sich um nichts weiter als um den Amoklauf junger Hooligans. „Eine Revolte“, sagte Martin Luther King einmal, „ist die Sprache derer, die nicht gehört werden“. Dank einer Untersuchung, die der Guardian in Zusammenarbeit mit der London School of Economics durchführte, hatten wir die Gelegenheit, sie zu hören.

Wir wussten bereits, dass die Regierung bezüglich der Ursachen Unrecht hatte. „Der ganzen Gewalt liegt im Wesentlichen das Problem der Straßengangs zugrunde“, behauptete David Cameron unmittelbar nach den Ereignissen. Die Untersuchungen der Regierung selbst kamen jedoch später zu dem Ergebnis, dass nur 13% der an den Unruhen Beteiligten Gangmitglieder waren und selbst diese zumeist nicht als geschlossene Gruppe vorgingen. Paradoxerweise drängten die Unruhen die Gangaktivitäten sogar zeitweise zurück, da die rivalisierenden Banden ihre Differenzen zurückstellten, um sich ungestört den Plünderungen widmen zu können. Armut war eindeutig ein Faktor. Die Zahlen des Justizministeriums zeigen, dass zwei Drittel (64 Prozent) aus den ärmsten Gegenden stammten und 42 Prozent auf kostenlose Schulmahlzeiten angewiesen waren. „Es gibt nichts Gefährlicheres als einen Mann, der nichts zu verlieren hat“, schrieb James Baldwin. „Es braucht nicht zehn von ihnen, einer genügt bereits.“ Mit einer Jugendarbeitslosigkeit von 21, 9 Prozent produziert Großbritannien Tausende von ihnen.

Reiche revoltieren nicht

Da es aber weder Forderungen, noch organisiertes Auftreten oder Slogans gab, hatten selbst diejenigen Schwierigkeiten, den politischen Hintergrund genauer zu benennen, die einen solchen durchaus für angezeigt hielten. Durch die Befragungen konnten zwei falsche Eindrücke korrigiert werden. Erstens: Die Krawallmacher waren politisch weit bewusster als viele Linke, und da muss ich mich einschließen, zunächst dachten. Damit soll ihr Handeln in keiner Weiser romantisch verklärt werden. Plündern ist ein opportunistischer Akt und viele der Beteiligten räumten ihren Opportunismus offen ein. Auf die Frage, wie sie von den Unruhen erfahren haben, antwortete einer, er habe auf seinem Blackberry die Nachricht erhalten, auf der Straße gebe es was umsonst. Sicherlich gehört der Diebstahl von Turnschuhen und das Abfackeln von Polizeiautos nicht zu den erhabensten Mitteln des politischen Diskurses, aber das trifft auf Unruhen ganz allgemein zu. Sie sind das gröbste Mittel, das von denjenigen in Anspruch genommen wird, die nur wenig andere Möglichkeiten haben. Aufstände sind per Definition chaotisch. Reiche revoltieren nicht. Sie haben andere Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen. Revolten sind den unteren Schichten vorbehalten.

Das heißt indes nicht, dass diese Jugendlichen kein politisches Bewusstsein haben. Viele, selbst außerhalb Londons, wussten von den tödlichen Polizeischüssen auf Mark Duggan und 75 Prozent nannten diese als einen entscheidenden Grund für die Unruhen. Sie gaben auch weit häufiger als der Durchschnitt Armut, Ungleichheit, die Politik der Regierung und das Verhalten der Polizei als Gründe für die Aufstände an.

Zweitens zeigt der Bericht, dass die Hauptkritik der Randalierer sich nicht auf das richtete, was wir gedacht hätten. Diejenigen, die politische Gründe anführten, dachten, die Unzufriedenheit erwachse in erster Linie aus wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit. Von der UNO bis hin zu Nick Clegg sagten alle soziale Unruhen voraus, sollten in Zeiten wirtschaftlicher Rezession massive Sparmaßnahmen durchgesetzt werden. Und vor dem Hintergrund des jüngst ruchbar gewordenen Verhaltens der politischen Klasse im Zusammenhang mit Abhör- und Spesenskandal und einem Finanzsektor, in dem man gewaltige Boni einstreichen kann, obwohl man auf der ganzen Linie versagt hat, waren die hochtrabenden Erklärungen der Regierung gewiss auch nur schwer erträglich.

Er hätte auch von den Bankern sprechen können

Cameron charakterisierte den moralischen Bankrott, der die Unruhen ermöglicht habe, wie folgt: „Es handelt sich um einen vollständigen Mangel an Verantwortungsbewusstsein; um Leute, denen man das Gefühl zubilligte, die Welt schulde ihnen etwas, ihre Rechte wögen schwerer als ihre Pflichten und ihre Taten würden folgenlos bleiben.“ Er hätte ebenso gut von Bankern sprechen können.

Wirtschaftliche Fragen spielten eine Rolle. Der am häufigsten genannte Grund für die Ausschreitungen war Armut (86 Prozent), gefolgt von Arbeitslosigkeit (79Prozent) und Ungleichheit (70 Prozent). Aber nur wenige haben gedacht, dass sich das Feuer ebenso sehr am Arm des Gesetzes wie an der unsichtbaren Hand des Marktes entzündet hat. Nahezu drei Viertel der Interviewten gaben an, im vergangenen Jahr mindestens einmal von der Polizei angehalten und durchsucht worden zu sein; 85 Prozent nannten die Arbeit der Polizei als einen wichtigen oder gar sehr wichtigen Grund für die Unruhen. Nur sieben Prozent glaubten, die Polizei leiste in ihrem Viertel gute Arbeit.

Ein rein britisches Phänomen?

In den Interviews kommt die gegenseitige Verachtung von Randalierern und Polizisten zum Ausdruck. Geschichten kleiner Gängelungen, von Missbrauch und Erniedrigungen waren Normalität. Einer erzählte von einem Plünderer, der einen Fernseher klaute, nur um diesen auf die Polizei werfen zu können. „Es herrschte das Gefühl, als sei man jahrelang an der Leine herumgeführt worden …. und nun hätten wir diese Leine abgestreift … und entsprechend reagierten wir dann ...“, sagt einer der Interviewten.

„Und worin bestand die Leine; wer führte euch an der Leine?“, fragt der Interviewer.

„Die Polizei“.

In einem Jahr, das mit den Aufständen in Tunesien begann und mit den Räumungen der Occupy-Camps zuende geht, die sich gegen gegen die wachsende Ungleichheit auf dem Globus richten, muss man schon sehr naiv sein, um die Ereignisse vom August als zufälligen und isolierten Ausbruch sozialen Ungehorsams und rein britisches Phänomen zu interpretieren. Es wäre, als würde man behaupten, die beiden schwarzen Athleten, die bei der Olympiade 1968 in Mexiko auf dem Siegertreppchen ihre Fäuste erhoben, hätten nichts mit den Pariser Studenten, dem Massaker von My Lai oder der Verabschiedung des Civil Rights Acts in den USA zu tun gehabt. Die britischen Jugendlichen haben eher den Mittelfinger gezeigt als die Fäuste geballt. Aber der Bericht macht deutlich, dass es sich bei beidem um die gleiche Art von Protest handelt.

Alles über das Guardian-Projet Reading the Riots.

Lesen Sie dazu am Donnerstag auch in der Print-Ausgabe des Freitag Zehn Monate für zehn Sekunden von Amelia Gentleman. Sie hat die Geschichte der 19-jährigen Danielle Corns recherchiert, die vor zwei Wochen zu zehn Monaten Haft verurteilt wurde, weil sie zwei linke Turnschuhe aus einem bereits vollständig geplünderten Laden mit auf die Straße nahm, um sie dort auf dem Bürgersteig abzustellen.

Übersetzung: Holger Hutt