An einem Ort ohne Zeit

Wikileaks Sechs Jahre ohne Sonnenlicht: zu Besuch bei Julian Assange, dessen Botschaftsexil wohl trotz eines nahen Gerichtstermins Bestand haben wird

In den vergangenen Jahren habe ich einen Freund sehr oft besucht. Auf dem Weg zur Botschaft Ecuadors durch die Straßen des Londonder Viertels Knightsbridge beschlich mich jedes Mal das gleiche Gefühl: In der Hans Crescent Street angekommen, wird man sofort in eine postmoderne Version von Saudi-Arabien mitten in der britischen Hauptstadt teleportiert. Goldfarbene Lamborghinis und Limited-Edition-Ferraris mit arabischen Nummernschildern parken vor einem der luxuriösesten Kaufhäuser der Welt, das an seinem Giebel auf Latein wirbt: „Omnia Omnibus Ubique“ – Alle Dinge für alle Menschen, überall.

Nachdem ich an der Gedenkstätte für Prinzessin Diana und Dodi Al-Fayed – dem ältesten Sohn des Milliardärs, der dieses Kaufhaus gegründet hat – vorbeigegangen bin, betrete ich die berühmte Luxus-Lebensmittelabteilung von Harrods, um einen Hummer für meinen Freund zu kaufen, der seit sieben Jahren das Meer nicht mehr gesehen hat. 300.000 Kunden besuchen dieses Kaufhaus an Spitzentagen. Ich frage mich, wie viele von ihnen wissen, dass nur ein paar Meter weiter der wohl berühmteste Dissident der westlichen Welt schon mehr als 2.500 Tage lang keinen Himmel und kein Sonnenlicht mehr gesehen hat? Von einem Sonnenuntergang am Meer ganz zu schweigen.

Ich nehme die Rolltreppe hoch zum Ausgang und lande wieder auf der Straße. Ich sehe Leute mit Einkaufstüten von Luxus-Marken vorbeigehen. Andere sitzen im Gran Caffé Londra und essen Tagliata vom Thunfisch oder frisches schottisches Lachsfilet, zu dem sie einen sizilianischen Rosé mit dem Aroma von Frühlingsblumen und Erdbeeren trinken. Auf der Straße ist viel los, Londons Taxis halten an und fahren ab, ich mache mich auf den Weg zur Botschaft.

Bei meinem letzten Besuch im November 2017 war ich direkt von der kroatischen Küste hierhergeflogen, hatte keinen teuren Rosé dabei, sondern eine schlichte Flasche mit frischem Meerwasser. Ich frage mich, ob die zahlreichen Überwachungskameras in der Gegend hier etwas damit anfangen können. Als ich dann, nach der üblichen peniblen Kontrolle aller Dinge, die ich dabeihatte, darunter auch die Flasche Meerwasser, die ecuadorianische Botschaft betreten hatte, schaltete ich mein Handy aus und ließ es beim Wachpersonal. Sobald man das macht – auch das denke ich jedes Mal wieder –, betritt man eine andere Zeitzone. Das weiße Rauschen beginnt ...

Jemand, der noch nie hier war, kann sich die Szenerie am besten vorstellen, indem er Alfonso Cuaróns Film Gravity ansieht, in dem zwei Astronauten im Weltraum festhängen. Totaler Verlust der Zeitlichkeit. Einmal war ich zwei Stunden lang drinnen bei Julian, aber es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Einmal kam ich heraus und dachte, ich sei nur zwei Stunden dort gewesen. Dabei stellte ich fest, dass es bereits sechs Uhr morgens war. Es gibt keine frische Luft. Nicht das geringste direkte Sonnenlicht. Jeder Atemzug, den man macht, jeder Schritt wird auch in der Botschaft überwacht. Jetzt stelle man sich vor, fünfeinhalb Jahre dadrin zu verbringen.

Freude über ein Asterix-Heft

„Was würdest du als Erstes machen, wenn du die Botschaft verlassen könntest?“, fragte ich bei einem unserer Treffen, bei permanent künstlichem Licht. „Ich würde in den Himmel schauen“, sagte Julian Assange. Ich fragte ihn, was er in all den Jahren vermisst hat, in denen er sich in „willkürlicher Haft“ befand, wie die Vereinten Nationen im Februar 2016 seine Lage nannten. Julian antwortete ruhig: „Nichts.“ – „Nicht einmal den Himmel?“ – „Nein.“

Diese scheinbar widersprüchliche Antwort ist wahrscheinlich die beste Abkürzung in den Kopf eines Mannes, der ohne Zweifel der größte Feind der Geheimdienste auf der ganzen Welt ist. In seiner ersten Rede im April 2017 bezeichnete der neue CIA-Chef Mike Pompeo Julian Assanges Organisation Wikileaks als „nicht staatlichen feindlichen Geheimdienst“.

Wie passt zusammen, dass er sofort zum Himmel schauen würde, sobald er die Botschaft verlässt, aber den Himmel nicht vermisst? Ich bin mir sicher, dass er ihn vermisst, ebenso wie er als Australier das Meer vermisst. Aber Julian hat seine Situation so beschrieben: „Es ist nicht so, dass ich diesen Preis bezahle, weil ich nicht wusste, wie die Welt funktioniert. Ich wusste, dass ich einen Preis bezahlen muss, nicht exakt welchen, aber etwas in der Art. Meine Lage ist schwierig, aber ich glaube, dass man für seine Überzeugung eintreten und bezahlen muss.“ Ich bin sicher, dass er diese Worte heute ganz genau so wiederholen würde.

Drei in der Behandlung Traumatisierter erfahrene Ärzte haben kürzlich 20 Stunden, über drei Tage verteilt, bei Julian Assange verbracht, um seine physische und psychische Gesundheit zu untersuchen. Hernach schrieben sie in einem Offenen Brief im Guardian: Das anhaltende Gefangensein gefährde ihn „physisch wie mental“ und verletze ganz klar sein Menschenrecht auf Gesundheitsversorgung (siehe Text unten).

Ich kann bestätigen, dass Julian Assange all diese Jahre nicht einmal das Menschenrecht auf Gesundheitsversorgung gewährt wurde. Vor zwei Jahren verweigerten die britischen Behörden ihm „Schutz vor Verhaftung“, um im Krankenhaus eine MRT seiner verletzten Schulter machen zu lassen. Die Schulter schmerzt heute noch. In Großbritannien und Deutschland angefragte Ärzte lehnten trotz anfänglichen Interesses ab, ihn in der Botschaft zu untersuchen. Sie fürchteten um ihre Karriere.

„Alle Dinge für alle Menschen, überall“, wie es das Harrods-Motto verspricht, gilt nicht für die Gesundheitsversorgung von Julian Assange. Mit Ausnahme der mutigen Ärzte, die gerade ihren alarmierenden Bericht veröffentlicht haben, zählt nicht einmal der hippokratische Eid, wenn es um den Wikileaks-Gründer geht.

Einmal – es muss im Winter 2015 gewesen sein – flog ich von Paris nach London und brachte ihm das neueste Asterix-und-Obelix-Heft Der Papyrus des Cäsar mit. In dem Band geht es um Zensur und den Kampf um Informationen. Der Comicautor schuf daher einen Charakter, der von Assange inspiriert ist und ihm ähnelt.

Als er das kleine Geschenk entgegennahm, glänzten Julians Augen. Auf die Frage, wie er es finde, zum Comic-Charakter geworden zu sein, antwortete er: „In einem Asterix-Heft zu erscheinen, das ist besser, als den Nobelpreis zu erhalten. Es gibt mehr Nobelpreis-Gewinner als Leute, die in einem Asterix-Heft vorkommen.“

Genau diese charakteristische Antwort und Asterix können uns dabei helfen, Wikileaks besser zu verstehen. In der Comicreihe wird ganz Gallien vom Römischen Reich beherrscht, nur nicht ein kleines Dorf in der heutigen Bretagne, dessen Bewohner ein Zaubertrank unbesiegbar macht. Ganz ähnlich ist Wikileaks eine winzige Organisation, die seit Jahren die schmutzigen Geheimnisse der führenden Mächte der Welt von den USA bis Russland, von Saudi-Arabien bis Syrien, von der EU bis zu Google veröffentlicht.

Was ist der „Zaubertrank“ von Wikileaks? „Kryptografie“, sagt Julian Assange, Datenverschlüsselung. Aber in der Realität läuft es nicht immer wie im Comic.

Sofort nachdem Wikileaks im November 2010 „Cablegate“ veröffentlicht hatte – zu diesem Zeitpunkt der größte Satz an vertraulichen Daten, der je an die Öffentlichkeit gelangte –, wurde im US-Bundesstaat Virginia eine geheime Grand Jury eingesetzt: eine Instanz, die in einem nicht öffentlichen Verfahren prüft, ob die von der Staatsanwaltschaft vorgelegten Beweise für eine Anklage wegen eines Verbrechens reichen. Die US-Behörden leiteten eine Untersuchung ein und bereiteten die Anklage gegen Assange und Wikileaks vor, während Chelsea Manning im Knast landete.

Genau zu diesem Zeitpunkt wählten Angehörige des Tiefen Staates in den USA ein paar Telefonnummern; schnell brachten sie Visa, Mastercard, Amazon und Paypal dazu, Spenden an Wikileaks zu blockieren. Ähnliches geschah in Bezug auf die Freedom of Press Foundation, eine Stiftung, die vor allem als Reaktion auf die Bankenblockade gegen Wikileaks gegründet worden war und die vor Kurzem aufgehört hat, Spenden abzuwickeln. Wenn der CIA-Chef jemanden als „feindliche nicht staatliche Organisation“ behandelt, nachdem Hillary Clinton, Joseph Biden und andere ihn als „Terroristen“ bezeichnet haben und es sogar Stimmen gibt, die fordern, ihn durch eine Drohne zu töten, dann ist offensichtlich, warum Julian Assange nicht einmal das elementare Recht auf Gesundheitsversorgung gewährt wird.

Ein bohrender letzter Blick

Seit meinem letzten Besuch in der ecuadorianischen Botschaft in London im vergangenen November hat sich viel verändert. Oder: Es scheint sich viel geändert zu haben, denn noch immer ist Julians Zukunft ungeklärt. Er hat die ecuadorianische Staatsbürgerschaft erhalten, und seine Anwälte haben vor einem britischen Gericht die Aufhebung des Haftbefehls beantragt, der ihn daran hindert, die Botschaft zu verlassen. Da der sogenannte schwedische Fall keiner mehr ist, weil die Ermittlungen wegen des Vorwurfs einer Sexualstraftat in Schweden eingestellt worden sind, habe der Haftbefehl seinen Zweck verloren, so argumentieren die Anwälte.

Aber selbst wenn das zuständige Gericht am 6. Februar entscheiden sollte, den Haftbefehl aufzuheben, bleibt das eigentliche Problem bestehen: Die britischen Behörden weigern sich, zu beantworten, ob es einen Auslieferungsantrag der USA gibt. Als die Journalistin Stefania Maurizi jüngst beantragte, Dokumente in Zusammenhang mit Assange und dessen Auslieferung freizugeben, gab die britische Staatsanwaltschaft sogar zu, wichtige E-Mails in dieser Angelegenheit vernichtet zu haben.

Am Ende stehen wir wieder ganz am Anfang. Nach all den Jahren, inklusive des schwedischen „Ermittlungsverfahrens“ – es war niemals eine Anklage – und der Dämonisierung von Wikileaks, kommen wir auf den wahren Grund dafür zurück, dass Julian so lange in der ecuadorianischen Botschaft ausharren musste. Der Grund ist ganz einfach: Das Imperium wird diese kleine Gruppe Gallier niemals tolerieren.

Jedes Mal, wenn ich die Botschaft in London verließ und Julians bohrenden letzten Blick spürte, hatte ich die gleichen Gedanken. War es diesmal mein letzter Besuch hier, in dieser postmodernen Gefängniszelle inmitten einer westlichen Metropole? Oder werde ich wiederkommen, frisches Meerwasser oder andere Spuren von Freiheit mitbringen, die er genauso verdient wie wir, die wir in den Himmel schauen und die Sonne genießen können?

Ich weiß nicht, was Julian in der Zwischenzeit mit dieser Flasche mit Meerwasser gemacht hat. Aber ich hoffe, sie bleibt – auch nachdem er wieder frei ist – noch lange dort in der Hans Crescent Street 3, gegenüber von Harrods. Als Erinnerung daran, dass Freiheit eine kostbare Sache ist und dass es Dinge gibt, die es wert sind, sie mit ihrem Verlust zu bezahlen: Denn was bringt die Freiheit, im Meer zu schwimmen, wenn man an rein gar nichts glaubt?

Srećko Horvat ist Philosoph, Autor und Mitbegründer der Bewegung DiEM25

Übersetzung: Carola Torti

06:00 05.02.2018
Geschrieben von

Srećko Horvat | The Guardian

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