An jeder Note die Krallen geschärft

Musik Ronnie Spector ist tot – ihr Vermächtnis ist schon heute in sämtlichen Genres der Popmusik zu hören
Ronnie Spector in New York City, September 1984
Ronnie Spector in New York City, September 1984

Foto: MediaPunch/IMAGO

Ronnie Spector, die vergangene Woche mit 78 Jahren starb, ist nicht nur Teil der Geschichte des Rock ’n’ Roll, sie ist die Klammer, die alles zusammenhält. Als Leadsängerin der Ronettes war sie kaum aus dem Teenageralter heraus, als sie die Influencer ihrer Zeit beeinflusste. Die Beatles umwarben sie. Jimi Hendrix trat mit ihr auf. Die Rolling Stones waren ihre Vorband. David Bowie bewunderte sie. Sie genoss Anerkennung aus allen Musikrichtungen, einschließlich die der New Yorker Punks: Patti Smith; Lou Reed; Joey Ramone war ein Fan. Madonna sagte: „Ich möchte so aussehen, wie Ronnie Spector klingt.“

Veronica „Ronnie“ Bennett und die anderen Ronettes, ihre Schwester Estelle und ihre Cousine Nedra Talley, revolutionierten das Konzept der sittsamen, proto-jungfräulichen Girlgroups: Mit getuschten Wimpern und Eyeliner, in Stöckelschuhen und engen Röcken waren sie die Bad Girls, der glorreiche Walk of Shame des Pop der 1960er.

Ronnies Geist ließ sich nicht homogenisieren oder wegretuschieren. Selbst in den silbernen Landschaften der berühmtesten Ronettes-Songs (Be My Baby; Baby, I Love You; Walking in the Rain) war ihre Stimme rau, leidenschaftlich, unverwechselbar – eine streunende Katze, die an jeder Note ihre Krallen schärfte.

Ihr gutes Recht

Diese Qualität – Provokation, Rebellion, Outlaw-Geist – sickerte zu einer ganzen Reihe von Gruppen und Künstlerinnen durch, von den Runaways, Chrissie Hynde, TLC, den Bangles, den Go-Gos, Destiny’s Child, den B-52s, Neneh Cherry und Poly Styrene bis hin zu den Pussycat Dolls, Hole, Beyoncé und Solange. Rihanna, Dua Lipa, Cardi B und Megan Thee Stallion. Billie Eilish, in ihren dunkleren, witzigeren Momenten, ist eine Nachfahrin von Ronnie. Adele hat einen direkten, emotionalen Stil. Ronnie war anders. Manchmal sagte ihre Stimme „ja“, aber ihre Augen sagten „vielleicht“ und ihre Haltung sagte „nee!“.

Dann war da ihre Tatkraft. Ronnie verbrachte 15 Jahre damit, das Geld der Ronettes zurückzugewinnen, und sagte: „Es ging darum, mich zurückzugewinnen. Ich habe diese Songs im Studio geboren.“ Womit wir zu ihrem ersten Ehemann, dem „Wall of Sound“-Produzenten Phil Spector kommen. Er war unbestreitbar ein Talent, aber auch ein kontrollsüchtiger Missbrauchstäter. Warum Ronnie seinen Nachnamen behielt? Nun, warum nicht? Es war ihr Recht, das zu benutzen, was ihr internationaler Künstlername war. Es ist ein starkes Statement, den Nachnamen eines Missbrauchers abzulegen. Aber auch, ihn zu benutzen und so zu zeigen, dass man keine Angst vor ihm hat (siehe auch Tina Turner). Wichtig war, dass Ronnie entkam. Es überrascht nicht, dass sie sich für den Feminismus und die #metoo-Bewegung einsetzte. Sie unterstützte auch Taylor Swift, als diese sich mit ihrem alten Plattenfirmenchef Scooter Braun anlegte, weil er ihr Material verwendet hatte.

Wurde Ronnie zur falschen Zeit geboren? Wenn sie es geschafft hat, all das zu erreichen, was sie damals in den schlechten alten (über-chauvinistischen) Tagen erreicht hat, was könnte sie dann heute als 20-Jährige vollbringen? Oder vielleicht gehörte sie genau dorthin, wo sie war: als Wegbereiterin für die Chrissies und die Pattis, die Beyoncés und die Amys, die Taylors und die Billies und alle temperamentvollen Löwenherzen, die noch kommen. Das ist die Sache mit Originalen wie Ronnie Spector: Sie werden nie alt, also sterben sie auch nie.

Barbara Ellen ist Kolumnistin des Observer

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Geschrieben von

Barbara Ellen | The Guardian

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