John Norris, The Guardian
24.05.2009 | 16:00 4

An unseren Handys klebt Blut

Kongo Im Osten Kongos betreiben Banden illegalen Handel mit Mineralien, die für Mobiltelefone, Laptops und Digitalkameras gebraucht werden. Ein Appell für fairen Handel

Der verheerendste Konflikt seit dem Zweiten Weltkrieg hat im Osten des Kongo Millionen von Menschen das Leben gekostet. Eine der wichtigsten Ursachen für die Gewaltspirale ist der im Ost-Kongo betriebene illegale Handel mit Mineralien wie Coltan, das für viele unserer elektronischen Geräte wie Mobiltelefone, Laptos und Digitalkameras unverzichtbar ist. Eine Reihe bewaffneter Truppen kämpfen dort um die Kontrolle der betreffenden Minen, zusätzlich erpressen sie Schutzgeld von Händlern und der regionalen Bevölkerung, was ihnen ermöglicht, immer noch mehr Waffen zu kaufen, mehr Blut zu vergießen und die Gesellschaft weiter zu korrumpieren.

Jüngste Berichte aus Nord- und Süd-Kivu, einem der Zentren der konfliktträchtigen Mineralienproduktion, belegen dies. Vor kurzem begaben sich Reporter der BBC auf den Spuren des Erzes Coltan nach Mwenga in Süd-Kivu, wo sie auf Menschen trafen, die illegal von FDLR-Rebellen („Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas“) „besteuert“ und terrorisiert werden. Bei dieser kriminellen Gruppe handelt es sich um eine Miliz, die 1994 maßgeblich am Genozid in Ruanda beteiligt war.

Mittelalterlicher Abbau

Unterdessen profitiert der Rest der Welt weiterhin von den Endprodukten des Geschäfts mit Coltan. Die internationale Nachfrage nach billigen Elektronik-Produkten hat zu erhöhter Nachfrage nach Mineralien aus Ost-Kongo geführt, die nur deshalb so billig zu haben sind, weil sie unter der Kontrolle besagter Milizen durch die Ausbeutung der örtlichen Bevölkerung unter schockierenden Bedingungen abgebaut werden, die nur mittelalterlich genannt werden können.

Die meisten Elektronik-Gesellschaften in den USA wissen nicht, woher genau die Mineralien in ihren Produkten stammen. Bis heute hat noch keine große Elektronik-Gesellschaft ihre Zuliefererkette bis auf die Ursprungsminen zurückverfolgt. Dies wäre aber die einzige Möglichkeit, um sicherzugehen, dass Sie und ich mit dem Kauf eines neuen Handys keine abscheulichen Menschenrechtsverletzungen fördern.

Die einzige Perspektive für die Misere besteht langfristig in der nachhaltigen Unterstützung für kongolesische Schlüsselinstitutionen, insbesondere der Sicherheitskräfte. Diese Anstrengungen sind aber zum Scheitern verurteilt, solange nichts dagegen unternommen wird, dass den Plünderern durch den Handel mit Gold und Coltan Millionen Dollar zufließen.

Das Enough Project und seine Verbündeten fordern keinen Boykott der kongolesischen Mineralien. Vielmehr fordern wir Elektronik-Hersteller auf, Verantwortung für ihre Zulieferketten zu übernehmen und den Weg der von ihnen verarbeiteten Mineralien bis auf deren Ursprungsminen zurückzuverfolgen und ihre Versorgungsketten von unabhängigen Institutionen überwachen zu lassen. Nur so können die Verbraucher sicher sein, dass sie nicht dazu beitragen, die weltweit schlimmste Gewalt und damit fortlaufende Verstöße von UN-Sicherheitsratsbeschlüssen mit zu finanzieren.

John Norris ist Mitglied des Projektes Enough, welches sich gegen Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen gegen die Menschheit einsetzt.

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (4)

romano 25.05.2009 | 13:29

ob sich dann noch jeder halbjährlich das neuste Modell leisten können wird?

Und: als bestünde das Problem in unterfinanzierten staatlichen Sicherheitsorganen und bösen Privatrebellen wie die der FDLR auf der einen und großen Konzernen, irgendwelchen Zulieferern und scheinbar wirkungsträchtigen Konsumenten auf der anderen Seite. Das ist freilich eine unterkomplexe Sicht der Dinge.
Wer mehr wissen will, dem oder der seien die Texte von William Reno empfohlen. Einen kurzen Text von ihm findet man auch in den Welttrends-Lehrtexten 2005 der Uni Potsdam.

dotdot78oe 26.05.2009 | 00:37

und dann dürfen die leute, die heute schon millionen verdienen das ganze weiter betreiben, denn irgendwie muss das doch weiterlaufen, das geschäft, und die haben ja schliesslich erfahrung damit, die machen das ja schon seit jahren so, und die kennen ja die leute und wissen wie man mit denen....
glaubt ihr echt, dass das so einfach ist, vielleicht können wir wirklich mal die geschwindigkeit drosseln? muss man wirklich ständig das neueste modell haben? und dafür dann ja auch noch die neueste media-markt-werbung? in xxl? und sonstigen werbekram, der ja auch irgendwie hergestellt worden sein will auf elektronischen geräten? ja, auch ich blogge hier auf einem teurem computer - aber mit solch einem hintergrundwissen will ich entweder keinen rechner haben oder meine resource teilen.
ich bin der meinung sie sollten das blut, was an unseren produkten klebt nicht abwischen - wir sollten es sehen riechen fühlen!

chapultepec 26.05.2009 | 01:06

Krisenherd KongoKooperation mit Kriegsverbrechern?
www.swr.de/report/-/id=233454/nid=233454/did=1270414/qhatcy/index.html

»Wir fordern einen Untersuchungsausschuß«
Friedensaktivist von österreichischem Konzern verklagt. Illegaler Abbau von Rohstoffen im Kongo soll vertuscht werden. Ein Gespräch mit Gerald Oberansmayr
www.imi-online.de/2006.php3?id=1415

Mortality in the Democratic Republic of Congo: a nationwide survey
Lancet 2006; 367: 44–51

"...Total death toll from the conflict (1998–2004) was estimated to be 3.9 million..."

"...The Democratic Republic of Congo (DR Congo) is struggling to recover from a devastating 6-year conflict that continues to destabilise Central Africa and cause immense suffering to the country’s civilian population. Known as “Africa’s first world war”1 because of the involvement of at least six nations in the region, the war began in August, 1998, and quickly engulfed the country in a conflict characterised by extreme violence, mass population displacements, widespread rape, and a collapse of public health services. The outcome has been a humanitarian disaster unmatched by any other in recent decades, but one that has drawn little response from the international community..."

web.archive.org/web/*/http://www.globalpolicy.org/security/issues/congo/2006/0107survey.pdf

QUELLE: zmag.de/artikel/zum-volkermord-in-ruanda-von-1994