Angst vor dem Kontrollverlust

Naher Osten Das Vorgehen der Fatah gegen den Sender al Dschasira weist auf ein verbreitetes Problem arabischer Führer: Sie können sich nicht an die neue Medientransparenz gewöhnen

Ob es nun wahr ist oder nicht: Der Gedanke, der 2004 unter recht mysteriösen Umständen verstorbene Palästinenserführer Jassir Arafat sei vorsätzlich vergiftet worden, hat nichts an Faszination eingebüßt. Es ist eine dieser Geschichten, die einfach nie verschwinden – wie die vom „Mord“ an Prinzessin Diana oder die verschiedenen Theorien über die Ermordung Kennedys.

Es dürfte Wasser auf den Mühlen der Anhänger dieser sich um Arafat rankenden Verschwörungstheorie gewesen sein, als der Generalsekretär des Zentralkomitees der Fatah, Farouk Kaddoumi, behauptete, im Besitz von Protokollen eines Treffens zu sein, bei dem Mahmoud Abbas (Arafats Nachfolger als Präsident) und Sicherheitschef Mohammed Dahlan sich angeblich mit den Israelis und Amerikanern zusammengesetzt hätten, um den bevorstehenden Mord an Arafat zu diskutieren.

Einmal abgesehen von der Frage nach der Glaubwürdigkeit dieser Behauptung, ist die Tatsache, dass Kaddoumi sie in dieser Woche vor laufenden Fernsehkameras machte, von zweifellosem Nachrichtenwert. Was er sagte, ist im Zusammenhang des Gerangels innerhalb der palästinensischen Politik zu sehen. Nicht wenige halten das Statement für einen Versuch Kaddoumis, vor dem Fatah-Kongress im kommenden Monat – dem ersten seit 20 Jahren – Zwietracht zu sähen.

Reaktion der Fatah

Die Reaktion des Fatah-Establishments war völlig vorhersehbar. Statt zu tun, was die Vernunft gebietet, nämlich Kaddoumi aufzufordern, seine Beweise zu präsentieren, wurde dem Fernsehsender al Dschasira – der die Behauptung wie andere auch Sender ausstrahlte – der Betrieb in der West Bank untersagt. Dies ist nicht nur ein Verstoß gegen die Redefreiheit, es wird auch jene Verschwörungstheoretiker bestärken, die glauben, es werde etwas vertuscht.

Was sich hier zeigt, ist zudem Teil eines weiter reichenden arabischen Problems – eines jener politischer Führer, die sich nicht an das neue Zeitalter der Transparenz gewöhnen können, in dem ihr Handeln wie nie zuvor Überprüfung und Hinterfragung ausgesetzt ist. Das al-Dschasira-Verbot in der Westbank ist nur ein Beispiel dafür, wie verschiedene arabische Regierungen gegen diesen Kontrollverlust anzugehen versuchen.

Bestrafter Amateurdichter

Unlängst wurde bekannt, dass ein so gut wie unbekannter Amateurdichter in Ägypten für das Verfassen von Versen, die den Präsidenten Hosni Mubarak „beleidigen“, zu drei Jahren Haft verurteilt worden sei. Eine der anstößigen Zeilen lautete: „Sie haben dafür gesorgt, dass die Menschen sich verwirrt und verloren fühlen.“

Al Dschasira ist auch im Jemen unter Beschuss geraten. Die dortigen Behörden wünschen nicht, dass die Reporter des Senders über die Unruhen im Süden des Landes berichten. Ein Parlamentsmitglied des regierenden Allgemeinen Volkskongresses sagte hierzu: „Dort werden Berichte gezeigt, die von den Feinden des Jemen instrumentalisiert werden. Besonders von den Sezessionisten, die das Bild des Jemen im Ausland verzerren wollen.“

Sondergerichte für die Presse

Das neue, eigens für Prozesse gegen Journalisten eingerichtete Pressegericht des Jemen nahm am vergangenen Wochenende den Betrieb auf – und schon sind 150 Fälle anhängig. Als erstes wird der Fall eines Redakteurs verhandelt werden, der eine Story über Korruption in einem Regierungsministerium veröffentlicht hat. Ein jemenitischer Journalist weist darauf hin, das Pressegericht sei dem Sondergericht der Regierung für den Umgang mit Terrorismusverdächtigen nachempfunden: „Sogar die Anklagen lauten gleich: 'Bedrohung der Sicherheit und Stabilität des Landes'.“

Das palästinensische Informationsministerium argumentierte gestern ähnlich, als es verlauten ließ, Absicht des al-Dschasira-Verbots sei der Schutz der „palästinensischen Interessen“ – das heißt in diesem Falle wohl: derer des Fatah-Establishments.

Medien im Dienst der "Nation"

Zu Zeiten, als es nur Print-Medien und terrestrisches Fernsehen gab, ließ sich die Vorstellung, die Medien sollten für den Dienst an der „Nation“ (definiert durch die jeweiligen Machthaber) angeschirrt werden, noch vergleichsweise einfach aufrechterhalten. Die „Lizensierung“ von Nicht-Regierungszeitungen und eine allgemeine Kultur der Rücksichtnahme hielten Dinge aus dem Inneren eines Landes unter Verschluss, während „unerwünschtes“ Material von außen an den Grenzen aufgehalten werden konnte.

Mit dem Aufkommen der neuen Medien, die keine nationalen Grenzen kennen, geriet dieses Konzept jedoch ins Wanken. Zuerst kam das Satellitenfernsehen – al Dschasira, der beliebteste arabische Fernsehkanal ging 1996 auf Sendung – und dann das Internet. Die alten Einstellungen halten sich jedoch nach wie vor. In Jordanien zum Beispiel ist jeden Tag Hauptnachricht auf den Titelseiten der Zeitungen, was der König am Tag zuvor gemacht hat.

Verzweifelter Versuch

Auch die Arabische Liga bemühte sich, dem Wirken der neuen Medien Einhalt zu gebieten. Die im vergangenen Jahr hauptsächlich auf betreiben Ägyptens und Saudi-Arabiens herausgegebene Satellite Broadcasting Charter wurde weithin als letzter verzweifelter Versuch zur Durchsetzung der Kontrolle über das Medium betrachtet. Erfolg wird ihr aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht beschieden sein.

Früher oder später werden die arabischen Führer erkennen müssen, dass sie nicht länger bestimmen können, was in der Öffentlichkeit gesagt werden kann und was nicht. Ihr Handeln und ihre Entscheidungen werden in zunehmendem Maße ans Licht gebracht werden. Das mundet keinem Politiker in irgendeinem Land der Welt, wie auch in Großbritannien zu beobachten war, wo Gordon Brown sich entschied, die Untersuchung des Irakkrieg unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchzuführen (bevor er dann unter Druck geriet und sich die Sache noch mal überlegte). In einigen Ländern gelingt es den Politikern, sich hieran zu gewöhnen. Doch für die derzeitige Generation arabischer Führer könnte sich der Schock der neuen Medien als zu heftig erweisen.

Übersetzung: Zilla Hofman

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

11:02 18.07.2009
Geschrieben von

Brian Whitaker, The Guardian | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14646
The Guardian

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare