Angst vor der Pandemie

Mexiko Sogar die Kirchen bleiben leer: Die 20-Millionen-Metropole Mexiko-Stadt erlebt den Ausnahmezustand. Gerüchte über ungezählte Grippetote machen die Runde

Dominga Garcia sitzt auf einer Bank vor den braun gestrichenen Türen der Unsere-liebe-Frau-von-den-Rosen-Kirche und spielt mit ihren Haaren herum. Sie kann kaum verbergen, wie zerbrechlich und verunsichert sie ist. „Wir haben Angst um uns selbst und noch mehr um unsere Kinder,“ sagt sie. „Die Regierung sagt, wir sollen Masken tragen und Menschenansammlungen meiden, aber uns scheint das ein bisschen wenig zu sein. Wir wollen mehr tun, um uns zu schützen, wissen aber nicht was.“

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Die Mutter zweier Kinder, die als Putzfrau 150 Pesos (rund 8,50 Euro) am Tag verdient, ist nicht als einzige hier. Drei Freunde, verängstigt wie sie, sind ebenfalls zu der Kirche in Colonia Roma gekommen, einem grünen Stadtteil im Herzen der großen, geschäftigen Metropole Mexiko-Stadt. Doch sie fanden die Türen des Gotteshauses verschlossen, die Priester waren nirgendwo zu sehen, die Messe wurde abgesagt – wie in allen Kirchen der Stadt. Dominga und ihre Freunde sind dennoch gekommen, in der Hoffnung, dass sie trotzdem die monatlichen Lebensmittelzuteilungen erhalten würden, auf die sie angewiesen sind. Angekommen wurden sie dann von dem Grauen, der Verwirrung und dem Unglauben überwältigt, die die Straßen der Hauptstadt ergriffen haben.

Die zwanzig Millionen Einwohner der Stadt müssen damit zurechtkommen, im Epizentrum einer Epidemie eines bislang unbekannten Schweinegrippen-Stammes zu leben, dem die Weltgesundheitsorganisation WHO pandemisches Potential zuschreibt und der bereits über achtzig ihrer Mitbürger getötet hat.

Wenige Meter von der Kirche entfernt arbeitet eine Familie rasend daran, ihren Straßenstand aufzubauen, an dem sie gegrilltes Ziegenfleisch verkauft. „Die Krankheit könnte überall sein. Wir sehen sie nicht, wissen nicht, wo sie ist.“ Während Brenda Gomez – ein Mädchen im Teenageralter – dies sagt, blickt sie hektisch umher. „Wir wissen nicht, was wir tun können, außer zu warten.“

Als sei die ganze Stadt im Urlaub

Während sie den Gehsteig mit Bleiche schrubbt, stellen ihre Verwandten Kaktussalat und scharfe Saucen auf die mit hellrotem Plastik bedeckten Tische. Viele Gäste erwarten sie allerdings nicht. Immer mehr Menschen befolgen den Aufruf der Regierung, wenn möglich daheim zu bleiben.

Am vergangenen Wochenende hat sich die sonst so umtriebige, chaotische Stadt in einen stillen und ruhigen Ort verwandelt, an dem man mit dem Fahrrad über Hauptstraßen fahren und ganz leicht einen Sitzplatz im Bus finden kann. Dass die Museen geschlossen, Konzerte abgesagt und Fußballspiele hinter verschlossenen Türen ausgetragen wurden, verstärkt das Gefühl, in einer anderen Welt zu sein. „Es ist, als sei die ganze Stadt im Urlaub,“ beschreibt es Manuel Molla, der Universitätsdozent für Geographie ist und sich auf der Terrasse des La Piazza-Cafes einen Kaffee bestellt. Es ist schon spät am Morgen und er ist immer noch der einzige Kunde. Doch er mache sich keine Sorgen, sagt er. Er vertraue darauf, dass die Regierung die Sache in den Griff kriegen wird. Als sein Blick auf die Schlagzeile der vor ihm liegenden Zeitung fällt, die von der Warnung der WHO vor einem weltweiten Notfall berichtet, sagt er dann doch noch: „Nun, das ist schon ziemlich beunruhigend,“ und sein Lächeln wird schmaler.

Weiter die Straße herunter wartet ungefähr ein Dutzend Menschen in einer kleinen Privatklinik geduldig darauf, hinter eine geschlossene Tür zu einem Notarzt gebeten zu werden. Die meisten sind mit leichten Atemwegsbeschwerden gekommen, von denen sie hoffen, dass es sich lediglich um Anzeichen einer ganz alltäglichen Krankheit handelt. Doch im Stillen hegen sie die Angst, sie könnten sich als Träger des gefürchteten Virus erweisen. „Mein Sohn hat seit ein paar Stunden eine laufende Nase,“ erzählt Elvira Juarez. „Ich bin besorgt, aber noch nicht panisch. Noch nicht.“

Weiter die Straße hinauf überquert ein beständiger Strom stiller Menschen mit blauen Atemmasken den Platz vor der Metrostation Insurgentes, der normalerweise Treffpunkt für die Jugend der Hauptstadt ist. An diesem Sonntagmorgen sind jedoch nicht allzu viele hier zu sehen. „Alles Psychologie,“ sagt der zwanzigjährige Edgar, ein Anhänger der Emo-Bewegung, dessen Pony fast sein ganzes Gesicht bedeckt. „Ich glaube, das Ganze ist ein Komplott der Regierung, um Kontrolle über uns auszuüben.“ Damit verleiht er dem weit verbreiteten Gefühl Ausdruck, man könne den Aussagen der Regierung nicht trauen.

Die ersten Maßnahmen gegen die Killergrippe wurden am späten Donnerstagabend verkündet. Die wohl dramatischste davon war die Schließung aller Schulen, Kindertagesstätten und Universitäten bis zum sechsten Mai. Am Wochenende standen Soldaten an den Ecken und gaben Atemmasken aus. Fast alle öffentlichen Versammlungen waren abgesagt worden. So weit Behörden, Fabriken und Unternehmen zu schließen, gingen die Behörden allerdings nicht.

Am Samstagabend verkündete Gesundheitsminister Jose Angel Cordova, es gebe wahrscheinliche 81 Todes- und über 1.300 Verdachtsfälle. Am Sonntag war die Zahl der Todesopfer dann um weitere fünf gestiegen. Die Mehrheit der Todesfälle sind in Mexiko-Stadt und den Vororten der Stadt aufgetreten. Wo die Krankheit aber innerhalb dieses Gebietes auftritt, ist nicht offenbart worden.

Anspannung und Spekulationen

Die Toten und Kranken befinden sich in Quarantäne, die Menschen, bei denen man von einer weniger schweren Erkrankung ausgeht, wurden angewiesen, sich in der eigenen Wohnung zu isolieren und so haben nur wenige Menschen die Gefahr wirklich zu Gesicht bekommen. Da die Quellen des Schreckens nicht zu sehen sind, können die Menschen nur raten, wie nahe das Virus ihnen wohl sein mag und die Informationen, die sie erhalten, in Frage stellen. Gerüchte gehen um, die wirkliche Todesrate sei viel höher und die Medikamente, von denen der Gesundheitsminister sagt, sie stünden bereit, wirkten überhaupt nicht.

„Die Menschen in unserem Wartezimmer sind zutiefst verängstigt“, sagt die Kinderärztin Diana Aguirre, die in einem großen Privatkrankenhaus arbeitet. Sie hat zwei Patienten eine freiwillige Isolation im eigenen Heim verordnet bis ihre Testergebnisse eingetroffen sind. „Man erkennt es an der Anspannung, die den Raum ergreift, sobald jemand hustet.“

Die Spekulationen werden auch dadurch angeheizt, dass so wenig darüber öffentlich gemacht worden ist, wer möglicherweise besonders vom Risiko der Ansteckung betroffen ist. Alles was die Behörden bislang zu sagen bereit waren ist, dass sich unter den Opfern eine unverhältnismäßig hohe Zahl junger Erwachsener befindet und anders als gewöhnlich keine Häufung unter den sehr Jungen oder sehr Alten zu beobachten ist.

Diese auf den ersten Blick wenig einleuchtende Tatsache bereitet den Experten besondere Sorge, weil sie typisch für pandemische Stämme ist. Darüber hinaus bereitet Sorge, dass in der nördlichen Hemisphäre Grippe-Epidemien im Frühling höchst ungewöhnlich sind. „Das letzte Mal ist das 1918 passiert,“ sagt der Medizinhistoriker Mark Honigsbaum, der ein Buch über die Pandemie geschrieben hat, die weltweit fünfzig Millionen Menschen das Leben kostete. „Damals gab es eine erste Welle im Frühjahr, die besonders die Anfälligen erwischte und sich dann zurückzog. Sechs Monate später kehrte sie dann zurück und dieses Mal wurden die jungen Erwachsenen krank und die Sterberate war sehr hoch. Die Frage ist nun, ob wir gerade die erste oder die zweite Welle erleben.“

Honigsbaum zufolge erkranken ungefähr ein Prozent der Bevölkerung an der saisonbedingten Grippe. Von diesen sterben wiederum ungefähr 0,1 Prozent. Eine Pandemie hingegen kann bis zu 25% der Bevölkerung treffen und rund zwei Prozent der Infizierten töten. Das könnte fünf Millionen Kranke und 100.000 Tote in Mexiko-Stadt bedeuten.

Matilde Perez erinnert sich noch an die Erzählungen ihrer Mutter, dass damals die Leute tot auf der Straße umgefallen seien. „Jetzt will sie zurückkommen,“ sagt sie, während sie auf einem Platz umhergeht, auf dem die älteren Generationen sich an den Wochenenden treffen, um den Danzón zu tanzen. Sie sagt, sie habe sich entschlossen, ihre Ängste zu überwinden und am Montag mit der Metro zur Arbeit zu fahren. „Wenn ich mich schon einem Risiko aussetze, warum sollte ich dann nicht auch ein bisschen Spaß haben?“

Übersetzung: Zilla Hofman

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14:55 28.04.2009
Geschrieben von

Jo Tuckman, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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