Angst vor Vergeltung

Mossul Wer die umkämpfte Stadt verlassen will, braucht vor allem Geld für die Schlepper
Angst vor Vergeltung
Die UNO rechnet mit hunderttausenden Geflüchteten in den nächsten Wochen. Diese Familie hat es geschafft

Foto: Bulent Kilic/AFP/Getty Images

Die Schlacht um Mossul wird nicht allein in Mossul ausgefochten. Der „Islamische Staat“ (IS/Daesh) kann sich auch außerhalb der umkämpften Großstadt wehren, er kann zu Entlastungsangriffen auf die Kurdenstadt Kirkuk ausholen wie das am Wochenende geschieht. Das Kommando der Peschmerga nimmt die Aktion so ernst, das immerhin 1.500 Mann von der Mossul-Front abgezogen und nach Kirkuk verlegt werden. Kirkuk-Gouverneur Nadschmeddin Karim räumt ein: „Schläferzellen des Daesh haben mehrere Quartiere in der Stadt attackiert, Peschmerga- und Anti-Terror-Einheiten haben die Lage jedoch wieder im Griff.“

Was nicht ganz einleuchtet, wenn die Gefechte weiter andauern. So dringt am Morgen des 22. Oktober ein Daesh-Trupp in die Rohbauten eines Kraftwerks ein, das von einer iranischen Firma in der Nähe von Dibis errichtet wird, einer Stadt 40 Kilometer nordwestlich von Kirkuk. „Sie kamen gegen sechs Uhr früh, töteten zwölf unserer Ingenieure, dazu vier iranische Techniker“, so Abdullah Nureddin al-Salehi, Bürgermeister von Dibis, sichtlich erschüttert.

IS-Kämpfer widerlegen durch die Gefechte in Kirkuk die Behauptungen von Regierungsseite, man habe die Lage überall unter Kontrolle. Warum setzt dann ein Daesh-Kommando bei Kirkuk ein Schwefelwerk in Brand, so dass giftiger Rauch über das Schlachtfeld weht? Die US-Streitkräfte verteilen 24.000 Gasmasken in der Sorge, der IS könnte Chemiewaffen einsetzen.

Rauch der Reifen

Dennoch erscheint es fraglich, ob in Kirkuk eine „zweite Front“ entsteht. Vom Kalkül her könnte es den IS-Kommandeuren darum gehen, die Sicherheit von Ölanlagen zu bedrohen und Spannungen zwischen einer enorm heterogenen Bevölkerung aus Schiiten, Sunniten und Kurden zu schüren. Es grassiert die Sorge, dass im Nordirak bei einem Sieg über den IS Konflikte um den Zugriff auf Ölfelder und Förderanlagen ausbrechen. Auch in Mossul ist eine derartige Zuspitzung nicht auszuschließen, wo Einnahmen aus der Ölwirtschaft dem Daesh bisher die Kriegskasse füllten.

In der Stadt selbst verschanzen sich die Bewohner in ihren Vierteln und machen sich auf zermürbende Straßenkämpfe gefasst. Die US-Luftwaffe hat sieben Tage lang sieben Millionen Flyer abgeworfen, auf denen die Bevölkerung dazu aufgefordert wird, zu Hause zu bleiben. Man liest Instruktionen, wie Schutz gegen umherfliegende Granat- und Betonsplitter möglich ist. Und wie man Kinder beruhigt, während Bomben fallen. Von Flucht wird ausdrücklich abgeraten.

Sich aus Mossul zu entfernen, sei nahezu undenkbar, meint Abu Mohammed. „Rings um meinen Wohnbezirk wurden Gräben ausgehoben, eigentlich überall im Ostteil.“ Wer zu fliehen versuche, der müsse wissen, dass die Schleuser die Preise ins Astronomische getrieben hätten. Außerdem solle der Daesh angeblich jeden exekutieren, der sich absetzen wolle. „So bleiben alle, wo sie sind. Wir wissen nicht, was wir stattdessen tun sollten. Der Daesh ist zumeist auf Motorrädern unterwegs und hat nur leichte Waffen dabei. Heute, kurz nach Mitternacht, fielen Bomben auf mehrere Viertel.“ Abu Mohammed ist nicht der richtige Name des schätzungsweise 35-jährigen Irakers, der Schiit ist und die gut zwei Jahre unter dem „Islamischen Staat“ unbehelligt leben konnte, indem er sich als Sunnit ausgab.

Die Luftschläge würden Wohnbezirken gelten, in denen sich IS-Kämpfer verschanzt hätten, sagt er noch. „Der Daesh quartiert sich oft in Wohnungen ein und mischt sich unter die Leute. So haben sie eine improvisierte Sprengfalle in einem Schuppen untergebracht, der direkt neben dem Haus meines Cousins steht. Ich habe ihn angefleht, mit der Familie zu mir zu kommen, da er todsicher ins Schussfeld gerät. Aber er weigert sich und betet. ‚Ich respektiere, was immer das Schicksal für uns bereithält‘, bekam ich zu hören.“

Fatalismus ist nichts Seltenes. Die Mehrheit in Mossul wartet ab und hofft, dass der Daesh so schnell wie möglich verschwindet, damit man nicht zwischen den Fronten sein Leben verliert oder zum Opfer von Luftangriffen wird. Abu Mohammed meint, man sei abgestumpft, es gab zuletzt zu viel schreckliche Dinge. „Vor drei Monaten habe ich selbst erlebt, wie ein Mann durch Daesh-Leute von einem Gebäude in der Nähe des Gouverneurssitzes geworfen wurde. Danach konnte ich eine Woche lang kaum noch schlafen.“

Der 22-jährige Abu Sabra berichtet, die IS-Verteidiger würden im Zentrum von Mossul Berge von Reifen verbrennen, damit die US-Luftwaffe Stellungen nicht lokalisieren könne. Entlang einiger Magistralen stünden Schiffscontainer. Er wisse nicht, wozu. Noch seien Lebensmittel billig, nicht knapp. „Meine Familie hat leider zu wenig Geld, um sich mit Vorräten einzudecken. In meinem Viertel gibt es welche, die offen ihre Mobiltelefone benutzen, obwohl das verboten ist. Andere haben Waffen versteckt und wollen sich der irakischen Armee anschließen, sobald die in der Stadt auftaucht.“

Khalaf al-Hadidi war einst Mitglied des Mossuler Stadtrates und lebt derzeit im kurdischen Erbil. Er und andere täten, was sie könnten, um die angreifende Militärkoalition darüber in Kenntnis zu setzen, wo sich die am dichtesten besiedelten Gebiete befänden, die nicht bombardiert werden sollten. Wofür es keine Garantien gäbe. „Ich habe große Angst, dass schiitische Milizen nach dem Einmarsch in die Stadt Rache nehmen, weil sie sagen, ihr seid Sunniten, also habt ihr mit den Sunniten vom Daesh paktiert.“ Alle geflohenen Mitglieder des einstigen Stadtrates hätten daher an die Regierung in Bagdad appelliert, schiitische Milizen von einer Rückeroberung Mossuls auszuschließen. „Wir wollen nicht in eine Zeit zurückgeworfen sein, in der sich Schiiten und Sunniten blutige Kämpfe lieferten und Zivilisten getötet wurden. Haben schiitische Milizen freie Hand, sind wir ihnen ausgeliefert. Die Menschen in Mossul halten die kurdischen Peschmerga für besser als die Schiiten, weil ihnen religiöser Hass fremd ist.“

Nie wieder Flüchtling

Der aus der Stadt geflohene Ingenieur Fawas Ali macht sich ebenfalls Sorgen darüber, dass plötzlich schiitische Fanatiker das Sagen haben. „Meine Familie hat mich angerufen, um mir zu sagen: ‚Wir wollten noch einmal anrufen, weil unsere Mobiltelefone vielleicht bald nicht mehr funktionieren. Wir wollten Bescheid geben, dass es ringsherum noch ruhig ist. Alle bleiben in ihren Wohnungen, aus Angst vor den Bomben.‘“ Es häufen sich Anschuldigungen, wonach der IS Zivilisten als menschliche Schutzschilde gegen Luftschläge missbrauche, womit auch zu rechnen sei, sollten Bodentruppen vorrücken.

Abu Firas, früher Lehrer an einer Schule in Tal Afar, westlich von Mossul, ist vor sieben Monaten mit seiner Familie in die Türkei geflohen und wartet nun darauf, nach Hause zurückzukehren. „Drei meiner Brüder sind noch in Mossul. An eine Flucht war bisher nicht zu denken, da ihnen das Geld für einen Schlepper fehlt, der sie in die Türkei bringt. Davon abgesehen ist es riskant. Wenn die ISler jemanden erwischen, erschießen sie ihn auf der Stelle. Ich habe einem Schlepper über 2.000 Dollar bezahlt, damit er mich und meine Familie durchlotst.“ Abu Firas ist davon überzeugt, dass die Schlacht dauern wird und der IS nicht so leicht aufgibt. Er wolle auf jeden Fall in sein Haus zurückfinden, sollte es das noch geben. „Auch wenn Schiiten die Stadt einnehmen, es kümmert mich nicht weiter. Lieber sterbe ich zu Hause, als weiter zum Flüchtling degradiert zu sein. „Ein zweites Mal mache ich das nicht durch ...“

Julian Borger ist Guardian-Reporter, Kareem Shaheen Leiter des Guardian-Büros in Beirut

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 23.11.2016
Geschrieben von

Julian Borger, Kareem Shaheen | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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