Antriebsfeder der globalen Ungleichheit

Steuerflucht Fast 10 Prozent des Vermögens weltweit lassen Superreiche in Steueroasen verschwinden. Das ist Diebstahl – und der Rest von uns zahlt den Preis dafür
Antriebsfeder der globalen Ungleichheit
Verlierer sind immer die anderen: wir

Foto: Antony Jones/Getty Images

Hinter geschlossenen Türen hat sich seit den 1980ern in den Offshore-Finanzplätzen weltweit eine mächtige Industrie entwickelt. Verfolgt man die Geldströme, zeichnen sich die großen Einbußen ab, die das für die Wirtschaft anderer Länder bedeutet.

Die Zahlen, die die Steueroasen veröffentlichen, sind oft wenig verständlich, und unser System zur Erfassung von Vermögen und den Gewinnen multinationaler Unternehmen hat viele Schwächen. Aber durch eine genaue Datenanalyse lassen sich Muster erkennen und ein Teil der Geheimhaltung aufbrechen, die die Aktivitäten in den Steueroasen seit Jahrzehnten umgibt.

Nehmen wir zuerst die Steuervermeidung durch große multinationale Konzerne. Eigentlich sollten diese Unternehmensgruppen Gewinne den verschiedenen Tochterfirmen zuordnen, als wären diese unabhängige Einheiten. Sie müssten Waren und Dienstleistungen untereinander nach den herrschenden Marktpreisen handeln. In der Paxis dagegen werden die Intragroup-Transaktionen routinemäßig durch Offshore-Steuerberater manipuliert, um die globalen Profite in Niedrigsteuerländern zu versteuern. Außerdem platzieren zunehmend mehr Multis formal Unternehmensteile an günstige Standorte, um Gewinne aus den Ländern herauszuziehen, in denen sie eigentlich generiert werden.

„Doppelt irisches, niederländisches Sandwich“

Ein Beispiel dafür – vermutlich das spektakulärste – ist die Google-Mutter Alphabet. Im Jahr 2003, weniger als ein Jahr vor seinem ersten Börsengang im August 2004, verlagerte Google USA seine Such- und Werbetechnologie in die „Google Ireland Holdings“, eine in Irland gegründete Tochtergesellschaft, die aber aus Gründen des Irischen Steuersystems ihren Sitz in Bermuda hat.

Seitdem landen alle Gewinne daraus nach einem (steuerfreien) Umweg über die Niederlande auf den Bermudas – durch das berüchtigte Steuerschlupfloch „Doppelt irisches, niederländisches Sandwich“. 2015 gab Alphabet Gewinne in Höhe von 15,5 Milliarden US-Dollar in Bermuda an, wo die Unternehmenssteuer bei moderaten 0 Prozent liegt. Das ist, als hätte jeder Bermuda-Einwohner (von denen fast keiner für Google arbeitet) 260.000 US-Dollar Gewinn für das Unternehmen erwirtschaftet.

Gemeinsam mit meinen Kollegen Thomas Torslov und Ludvig Wier habe ich die von Steueroasen veröffentlichten Daten auf der ganzen Welt kombiniert, um die Kosten der künstlichen Verschiebung von Profiten zu errechnen. Winzige Länder wie die Bermudas erstellen keine Statistiken von Bedeutung. Die eigenen Steuerparadiese der EU – die auch in vielerlei Hinsicht undurchsichtig sind, aber zumindest die statistischen Richtlinien von Eurostat bedienen müssen – dagegen schon.

Unsere Forschung zeigt, dass allein die sechs europäischen Steueroasen (Luxemburg, Irland, die Niederlande, Belgien, Malta und Zypern) jedes Jahr eine Gesamtsumme von 350 Milliarden Euro abschöpfen. Das ist die Summe der zumeist in EU-Ländern generierten Gewinne, die – nachdem sie von einer Armee von Steuerberatern in Luxemburg und den Niederlanden manipuliert wurden – zu Schleudersätzen versteuert werden, normalerweise zwischen 0 und 5 Prozent. Global weisen die Zahlen darauf hin, dass von multinationalen Konzernen jährlich mehr als 600 Milliarden Euro in die Steuerparadiese der Welt verschoben werden.

Einbußen in Höhe von 60 Milliarden Euro

Und wer ist der Verlierer? Hauptsächlich die USA und größere europäische Länder, in denen die meisten Mitarbeiter und Konsumenten der Multis sitzen. Durch Steueroasen entgeht der EU das Äquivalent eines Fünftels der Unternehmenssteuer, die sie derzeit einnimmt. Das bedeutet Einbußen in Höhe von 60 Milliarden Euro pro Jahr.

Jedes Land hat das Recht, sein Steuersystem zu wählen. Aber wenn die Niederlande Modelle extra auf internationale Großkonzerne zuschneidet oder die Schweiz den Reichtum korrupter Eliten in ihren Tresoren versteckt hält, stehlen sie das Einkommen anderer Nationen. Und während wir verlieren, gewinnen sie: durch Gebühren, Einfluss und sogar – das ist die größte Ironie – durch tatsächliche Steuereinnahmen.

Nehmen wir Irland. Vor dreißig Jahren – bei einem Unternehmenssteuersatz von 50 Prozent – lag der Anteil der Unternehmenssteuereinnahmen am nationalen Einkommen unter dem entsprechenden Anteil in den USA oder der Gesamt-EU. Seit der Absenkung der Steuer auf 12,5 Prozent in den 1990ern schnellten Irlands Einnahmen in die Höhe.

Ist der Grund, dass die niedrigen Steuern die heimische Wirtschaft, Beschäftigung und Wachstum angekurbelt haben? Keineswegs: Die zusätzlichen Steuereinnahmen stammen aus fiktiven Gewinnen, die multinationale Konzerne in Dublin oder Cork parken: Gewinne, die durch Arbeitnehmer in anderen Ländern erwirtschaftet wurden. Die irische Regierung erhält so mehr Geld für Straße und Krankenhäuser; andere Länder bekommen weniger. Nichts in der Logik des freien Marktes rechtfertigt diesen Diebstahl.

Es ist klar, warum sich die Praktiken dennoch halten. Angesichts der enormen verschobenen Gewinne, müssen Steueroasen nur einen Steuersatz von wenigen Prozent erheben, um im Vergleich zu ihrer Ökonomie große Summen einzunehmen. Solange sie nicht mit schweren Sanktionen belegt werden, geben die Offshore-Finanzplätze dieses lukrative Geschäft nicht einfach auf. Leider hat bisher keine Regierung besonderen Mut oder Entschlossenheit in dieser Sache gezeigt. Die künstliche Verschiebung von Profiten wächst daher Jahr um Jahr. Internationale US-Unternehmen haben bereits 63 Prozent ihrer ausländischen Gewinne in sechs Steueroasen, wobei die Niederlande die bedeutendste ist. Das sind 20 Prozent mehr als 2006.

Es findet sich immer ein neues Schlupfloch

Wenn ein Steuerparadies gezwungen wird, ein Schlupfloch zu schließen, findet sich immer ein neues. Als Irland bekannt gab, das „Doppelt Irisch“-Modell 2010 auslaufen zu lassen, beeilte sich Apple, ein ähnliches Steuerkonstrukt in Zukunft über Jersey abzuwickeln.

Steueroasen sind eine zentrale Antriebsfeder der globalen Ungleichheit, weil die Hauptprofiteure die Aktionäre der Unternehmen sind, die sie nutzen. Das meiste Beteiligungskapital der Welt gehört sehr reichen Leuten. Die Vermeidung von Unternehmenssteuern bereichert also nur eine kleine Gruppe von Menschen. Und die Steuern, die die Konzerne vermeiden, müssen durch höhere Besteuerung der Haushalte mit niedrigerem Einkommen kompensiert werden. Werden die Steuern nicht erhöht, müssen die öffentlichen Ausgaben beschränkt werden. Die Einnahmen, die den EU-Ländern entgehen, entsprechen etwa der Hälfte der öffentlichen Ausgaben für höhere Bildung. Steuerparadiese sind daher wie der Klimawandel die Ursache eines massiven Vermögenstransfers zwischen den Generationen, der die Alten reicher macht und die Jungen ärmer.

Aber neben der Vermeidung von Unternehmenssteuern fördern Steueroasen auf noch viel direktere Weise Ungleichheit. Sie ermöglichen einigen Superreichen, ihr Vermögen zu verstecken – vor dem Finanzamt, Geschäftspartnern, Ehegatten oder Richtern. Das Äquivalent von 10 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts ist offshore im Besitz von reichen Einzelpersonen, als Bankkonten, Aktien, Wertpapieren, Anlagefondsanteilen, zumeist im Namen von gesichtslosen Briefkastenfirmen, Stiftungen und Treuhandgesellschaften. Bis vor kurzem hatten wir keinen klaren Überblick, wer diesen Reichtum besitzt, aber dank der Leaks der vergangenen Jahre konnten meine Kollegen Annette Alstadsaeter, Niels Johannsen und ich Fortschritte in dieser Sache machen.

Die Auswertung der Daten der Geschäftsbank HSBC und der Panama Papers hat gezeigt, wie wohlhabend die typischen Nutzer von Steueroasen sind. Das Ausmaß, in dem das Offshore-Vermögen in nur wenigen Händen konzentriert ist, ist erschütternd. Rund 50 Prozent davon gehört Haushalten mit einem Nettovermögen von mehr als 50 Millionen Euro, also Leuten, die im Bankenjargon „Ultra High Net Worth Individuals“ heißen. Diese Superreichen repräsentieren rund 0,01 Prozent der Bevölkerung von Industrienationen.

Das hat dramatische Folgen für ein Land wie Russland, wo der Großteil der Spitzenvermögen im Ausland liegt. In Großbritannien, Spanien, Deutschland und Frankreich sind 30 bis 40 Prozent des Vermögens der reichsten 0,01 Prozent der Haushalte im Ausland angelegt.

Die globale Ungleichheit wächst

Auch in den USA führt die Nutzung von Steueroasen zu Ungleichheit, aber der Effekt ist weniger stark als in Europa, weil der Reichtum in den USA ohnehin sehr stark konzentriert ist. Jedenfalls ist klar, dass unser Standard-Statistik-Werkzeugkasten zur Messung von Ungleichheit für die Wirklichkeit des Kapitalismus des 21. Jahrhunderts nicht mehr ausreicht. Dabei verschärft sich das Problem ständig.

Während die globale Ungleichheit wächst, konzentrieren die Offshore-Steuerkanzleien ihre Aktivitäten stärker auf eine kleinere, aber wohlhabendere Klientel. Durch Vermögensverschleierung entgehen Regierungen jährlich rund 155 Milliarden Euro.

Der Schleier der Geheimhaltung über die Praktiken der Steueroasen ist ein Stück weit gelüftet. Aber noch immer fehlt ein Großteil der Daten. Vor allem steckt ein wachsender Teil des Offshore-Vermögens (etwa mehr als 60 Prozent des in der Schweiz verwalteten Geldes) in Briefkastenfirmen, Trusts und Stiftungen, die dazu gemacht sind, die eigentlichen Besitzer des Vermögens zu verschleiern. In solch statistischem Nebel ist es kaum möglich, Steuerhinterziehung ernsthaft zu bekämpfen.

Einige Großbanken wie Credit Suisse und HSBC wurden von den USA mit Strafen belegt. Aber die Strafen werden häufig als Geschäftsunkosten gesehen und sind im Vergleich zu den Gewinnen klein. Die Drohung mit Banklizenz-Entzug wäre ein wirkungsvolleres Abschreckungsmittel.

Es steht viel auf dem Spiel. Die meisten Länder haben bereits Immobilienregister. Wir sollten diese zunächst verbessern, um die wirtschaftlichen Eigentümer zu identifizieren. Wieso lassen wir es zu, dass ein großer Teil von Manhattan und London im Besitz von Briefkastenfirmen ist, hinter denen sich potentiell Kriminelle und Geldwäscher verstecken? Ein weltweites Finanzregister würde der Finanzgeheimhaltung einen fatalen Schlag versetzen. Es würde unschätzbare Informationen über die Vermögensverteilung liefern, die eine Voraussetzung für ernsthafte Debatten über Regierungspolitik sind. Ein solches Register muss meiner Ansicht nach das Hauptziel der Verfechter von Finanztransparenz in den kommenden Jahren sein.

Der französische Wirtschaftswissenschaftler Gabriel Zucman ist Assistant Professor an der University of California in Berkeley

17:16 08.11.2017
Geschrieben von

Gabriel Zucman | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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