Anwälte der Armen

Lateinamerika Papst Franziskus spricht von einer „Kirche der Armen“. Dabei hat er sich stets gegen deren wahre Fürsprecher gewandt – die Befreiungstheologen
Anwälte der Armen
Foto: Daniel Vides/ AFP/ Getty Images

„Wenn ich den Armen Essen gebe, nennt man mich einen Heiligen. Wenn ich frage, warum sie arm sind, nennt man mich einen Kommunisten.“ Der Ausspruch des brasilianischen Erzbischofs Dom Hélder Pessoa Câmara zeigt einen der großen Risse in der katholischen Kirche. Aber er bringt auch zum Ausdruck, wie inhaltslos die Behauptung des neuen Papstes ist, er stehe auf der Seite der Armen.

Die mutigsten Menschen, die ich kennengelernt habe, waren alle katholische Priester. Als ich in West-Papua und in Brasilien arbeitete, begegnete ich Männern, die immer wieder bereit waren, zum Wohle anderer den eigenen Tod zu riskieren. Als ich zum ersten Mal an die Tür des Klosters von Bacabal im brasilianischen Bundesstaat Maranhão klopfte, glaubte der Priester, ich sei geschickt worden, um ihn zu töten. An jenem Morgen hatte er eine weitere Todesdrohung einer lokalen Rancher-Vereinigung bekommen. Trotzdem öffnete er die Tür.

Schutz vor Folter und Tod

Im Kloster war eine Gruppe von Kleinbauern – einige von ihnen weinten und zitterten. Ihre Körper waren mit blauen Flecken übersät, die man ihnen mit Gewehrkolben beigebracht hatte. An ihren Handgelenken waren Verbrennungen zu sehen. Solche, die entstehen, wenn jemand die Haut mit Seilen scheuert. Diese Kleinbauern gehörten zu den tausenden von Menschen, denen die Priester Schutz zu geben versuchten. Schutz vor expansionistischen Gutsherren, die ihre Häuser niederbrannten, sie von ihrem Land vertrieben, folterten und töteten. Unterstützt von der Polizei, lokalen Politikern und einer korrupten Justiz.

Ich erfuhr die Angst, mit der diese Priester lebten, als ich von der Militärpolizei verprügelt und beinahe erschossen wurde. Doch sie ließen mich gehen. Die Priester blieben, um Menschen zu verteidigen, die um ihr Land kämpften und oftmals um Leben und Tod. Die Verteibung bedeutete für viele Unterernährung, Krankheit und die Gefahr, in Slums oder Goldminen ermordet zu werden.

Die Priester gehörten einer Bewegung an, die sich in ganz Lateinamerika ausgebreitet hatte. Sie beriefen sich auf das 1971 erschienene Buch „Eine Theologie der Befreiung“ von Gustavo Gutiérrez. Die Befreiungstheologen stellten sich nicht nur zwischen die Armen und die Mörder, sie mobilisierten ihre Gemeinden auch zum Widerstand gegen die Enteignungen. Sie wollten, dass die Unterdrückten ihre Rechte kennen und verteidigten. Ihren Kampf verstanden sie als Teil einer langen Geschichte des Widerstands, der mit dem Auszug der Israeliten aus Ägypten beginnt.

Inquisition gegen Befreiungstheologen

Als ich mich ihnen 1989 anschloss, waren gerade sieben brasilianische Priester ermordet worden. In Südamerika waren viele andere Geistliche inhaftiert, gefoltert und getötet worden. Óscar Romero, der Erzbischof von San Salvador, war erschossen worden. Aber Diktatoren, Landherren, Polizisten und Killer waren nicht die einzigen Feinde der Befreiungstheologen. Nach sieben Jahren kehrte ich nach Bacabal zurück und begegnete wieder dem Priester, der mir bei meinem ersten Besuch die Tür geöffnet hatte. Er konnte nicht mit mir reden. Er war während der „großen Säuberung“ innerhalb der Kirche zum Schweigen gebracht worden. Die Löwen Gottes wurden von Eseln angeführt. Die Kleinbauern hatten ihren Schutz verloren.

Der Kampf gegen die Befreiungstheologen begann 1984 mit der Veröffentlichung eines Dokuments durch die Kongregation für die Glaubenslehre (früher als „Inquisition“ bekannt). Verfasser war ihr Präfekt namens Joseph Ratzinger. Die Schrift dreht sich um die „Gefahren der Abweichung“, die von der Befreiungstheologie ausgehe.

Ratzinger leugnet darin aber nicht die von den Befreiungstheologen kritisierte Realität. In dem Dokument ist die Rede von der „Anhäufung der Reichtümer durch eine Besitzeroligarchie (…), Militärdiktaturen, die die elementaren Menschenrechte missachten, die Korruption bestimmter Machthaber, die zügellosen Praktiken des ausländischen Kapitals in Lateinamerika.“ Aber Ratzinger besteht darauf, dass „Heil und Heilung von Gott allein“ zu erwarten seien. „Gott, nicht der Mensch, hat die Macht, die Not anzuwenden“, schreibt er.

Sein einziger ernst gemeinter Vorschlag war, die Priester sollten die Diktatoren und die Auftragskiller dazu bringen, ihre Nächsten zu lieben und sich in Selbstkontrolle zu üben: „Soziale Veränderungen, die wirklich im Dienst des Menschen stehen, wird man nur erreichen, indem man an die Ethik der Person und an die beständige innere Umkehr appelliert.“ Ganz bestimmt bekamen es die Generäle und ihre Todesschwadronen bei solchen Worten mit der Angst zu tun.

Bis heute keine Entschuldigung

Ratzinger hätte zu seiner Verteidigung allenfalls sagen können, dass er in der Abgeschiedenheit des Vatikans kaum eine Vorstellung davon hatte, was sein Schreiben bewirken konnte. Als in Rom der Prozess gegen den Priester Leonardo Boff, einer der führenden Befreiungstheologen, stattfand, lud der Erzbischof von São Paolo Ratzinger ein, damit er sich mit eigenen Augen ein Bild von der Situation der Armen in Brasilien mache. Ratzinger lehnte die Einladung ab. Mehr noch: Einen Großteil der Diözese des Erzbischofs wies er andere Bischöfen zu. Ratzinger war vorsätzlich unwissend. Doch auch der neue Papst hat sich für all diese Vorgänge noch nicht entschuldigt.

Franziskus wusste, wie Armut und Unterdrückung aussahen: Er feierte mehrmals im Jahr Messen in dem Slum „Villa 21-24“ in Buenos Aires. Doch als Führer der argentinischen Jesuiten verunglimpfte er die Befreiungstheologie und forderte die Fürsprecher der Armen dazu auf, sich aus den Slums zurückziehen und ihre politischen Aktivitäten aufzugeben.

Nun behauptet er, er wünsche sich „eine Kirche für die Armen“. Heißt das, dass er den Armen Brot geben will? Oder geht es ihm auch um die Ursachen der Armut? Die Diktaturen Lateinamerikas führten Kriege gegen die Armen. Vielerorts setzte sich die Unterdrückung auch nach dem Zusammenbruch der Diktaturen fort. Die verschiedenen Fraktionen der katholischen Kirche standen sich feindlich gegenüber. Was diejenigen, die die Befreiungstheologie unterdrückten, auch immer zu ihrer Verteidigung zu sagen haben: De facto waren sie Verbündete von Tyrannen, Landräubern, Sklavenhaltern und Todesschwadronen. Seiner demonstrativen Bescheidenheit zum Trotz – Papst Franziskus stand auf der falschen Seite.

Übersetzung: Zilla Hofman



12:53 21.03.2013
Geschrieben von

George Monbiot | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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